Predigt im Vespergottesdienst zur Eröffnung der Synode der EKD, der Vollkonferenz der UEK und der Generalsynode der VELKD (Lukas 10,38-42)
Pfr. Dr. Ishmael Noko, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes
Es gilt das gesprochene Wort.
(Lukas 10,38-42)
Maria und Marta
Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.
Und sie hatte eine Schwester, die hiess Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füssen und hörte seiner Rede zu.
Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!
Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.
Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Im Haus der beiden Schwestern Marta und Maria ist Jesus ein Ehrengast. Der Text aus dem Lukasevangelium zeigt uns, dass die beiden Schwestern zwar zwei Individuen sind, sie gleichzeitig aber zwei Eigenschaften verkörpern, die miteinander verbunden sind. Lukas erzählt von Marta, die von Jesus als „viel Sorge und Mühe“ habend beschrieben wird. Was bereitet Marta so viel Sorge und Mühe? War sie an so vielen Aktivitäten ihrer Familie und Gemeinde beteiligt? War sie vielleicht für die Verwaltung der Gemeinde verantwortlich und hatte deshalb einen vollen Zeitplan? War sie vielleicht eine der wenigen weiblichen Leiterinnen der Synagoge? Was auch immer es war, es scheint, dass sie dafür bekannt war, an vielen Aktivitäten, die weit über ihre häuslichen Pflichten hinausgingen, beteiligt zu sein.
Sie hatte sich den Ruf erarbeitet, eine gute Gastgeberin zu sein. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde diese biblische Geschichte von Marta oft als Beispiel für und als Quelle der Inspiration für Frauengruppen und die diakonische Arbeit der Kirche verwendet. In einigen europäischen Ländern und in Nordamerika - und später auch in anderen Ländern - wurden so genannte „Marta-Bewegungen“ gegründet. Ziel dieser Bewegungen war es, das Ansehen von Hausfrauen in der Gesellschaft zu verbessern. Sie setzten sich ein für einen besseren Status und für die Anerkennung der Frauen, die auf eigenen Wunsch zu Hause blieben oder aber keine andere Wahl hatten. Diese „Marta-Bewegungen“ trugen entscheidend zu der Verbesserung des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens von Frauen bei. In einigen Ländern, wie zum Beispiel Finnland, führten sie zu einer qualitativen Verbesserung der Sozialfürsorge, da Frauen besondere Rechte erhielten. Und sie legten den Grundstein für eine stärkere Beteiligung von Frauen im öffentlichen Leben, die bis heute gepflegt wird.
Auf der anderen Seite haben wir ihre Schwester Maria, die von Lukas beschrieben wird als jemand, der „sich dem Herrn zu Füßen [setzte] und […] seiner Rede [zuhörte]“. Es war damals akademische Praxis, dass StudentInnen oder JüngerInnen zu Füßen des Lehrers (Rabbis) saßen, um ihre Studien zu betreiben. Bibelforscher sagen, dass an Rabbinerschulen nur Männer die Tora studieren durften und keine Frauen. Auch wenn das Treffen von Maria und Jesus in einem Haus und nicht in einer Rabbinerschule stattfindet, deutet die Sprache eher ein Rabbi - Jünger Verhältnis an. Warum sollte Lukas dem Treffen aber einen solchen Rahmen geben? Die Wahrheit ist, wir wissen es nicht genau. Es könnte sein, dass es zu Jesu Lebzeiten eine Diskussion darüber gab, ob Frauen in Rabbinerschulen unterrichtet werden durften. Wenn dem so war, beschreibt Lukas Jesus als jemanden, der von der Norm abweicht und schafft somit die Grundlage für Paulus’ spätere Aussage, dass „in Christus Jesus nicht Jude noch Grieche, ... nicht Mann noch Frau [ist]“.
Was auch immer die Gründe waren, dass Lukas dem Treffen diesen Rahmen gab, in der Geschichte geht es darum, dass Jesus Maria aufruft, ihm nachzufolgen. Ihre Antwort auf diese Berufung ist hingebungsvolle Nachfolge. Auch in den Kapiteln 11 und 12 des Johannesevangeliums wird die Geschichte von Marta und Maria erzählt. In Kapitel 11, 25-27 sagt Jesus zu Marta, dass er ihren Bruder Lazarus auferstehen lassen wird. Er sagt zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt … Glaubst du das?“ Marta antwortet darauf: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“ Der Evangelist Johannes zeigt, dass Marta in Jesus den Messias, den Sohn Gottes, erkennt. Die Gabe, zu erkennen wer Jesus war, wird Marta geschenkt, wie sie auch Petrus, dem ältesten der Jünger, geschenkt wurde. In Kapitel 16, 13-19 des Matthäusevangeliums fragt Jesus seine Jünger, was die Leute sagen, dass er sei. Petrus, der älteste Jünger, antwortet „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Marta und Petrus werden von den Evangelisten als diejenigen beschrieben, die Gott in die Geheimnisse um Jesus’ Identität eingeweiht hat. Deshalb bekennen Marta, Maria, Petrus und alle anderen Gläubigen zusammen den apostolischen Glauben.
Marta und Maria verkörpern zwei sehr wichtige Aspekte der Jüngerschaft, die Beziehung von Zuhören und Tun, Glaube und Arbeit. Diese gehören zueinander. Sie sind miteinander verbunden. Meine lieben Schwestern und Brüder, wir leben in einer Welt, in der es viele wettbewerbsfähige Angebote und Anlässe gibt. Es wird viel geredet und viele Versprechen gegeben; eine Sache nach der anderen wird angepriesen; unzählige E-Mail-Nachrichten werden versandt und erhalten; mit anderen Worten: wir hören und sehen so viel, dass wir nicht mehr zuhören können; es ist schwierig, die Stimme Gottes in all diesem Durcheinander noch zu hören. Vieles wird ohne die nötige spirituelle Urteilskraft erledigt. Diakonische Arbeit, die von Marta verkörpert wird, ist die Umsetzung unseres Glaubens an Gott in Werke der Liebe; die Umsetzung unserer Sorge umeinander und um Gottes Schöpfung. Es ist möglich, eine liebende und sorgende Gemeinschaft zu sein, wenn wir uns die Zeit nehmen, zu verstehen, was Gott tun möchte. Kein Pilot oder keine Pilotin kann ein Flugzeug ohne die Hilfe von GPS oder die Hilfe vom Tower von Frankfurt nach Johannesburg fliegen.
In der lutherischen und evangelischen Tradition wird die Synode bevollmächtigt, Entscheidungen zu treffen. Ihre Entscheidungen sind bindend. Die Synode kann die Kirche nicht ohne die Hilfe Gottes und ohne zu wissen, was Christus für seine Kirche will, leiten. Diese konstituierende Synode kann von der Geschichte von Maria, die zuhört, etwas lernen. Genau wie Ihre Vorgänger, werden Sie als Synode viele Herausforderungen meistern müssen. Einige dieser Herausforderungen betreffen innerkirchliche Fragen, andere die ökumenischen Beziehungen oder soziale Probleme, die durch den sich verändernden europäischen Kontext entstehen oder die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise, durch die die Zukunft von jungen Menschen und älteren Generationen gefährdet ist.
Ja, meine lieben Schwestern und Brüder, Sie sind eine Synode und kein Parlament. Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen dieser Synode und dem Bundestag in Berlin oder einem Parlament irgendwo auf der Welt. Sie werden nicht nach Parteizugehörigkeit gewählt und somit gibt es keine Oppositionspartei. Sie können verschiedener Meinung sein, die Dinge in unterschiedlicher Weise betrachten und es kann Diskussionen geben, aber kein Mitglied dieser Synode kann als Opposition bezeichnet werden. Eine Synoden-Sitzung ist ein Moment des Erkennens, wenn wir zusammen mit Maria zu Füßen Jesu Christi sitzen, zuhören und seinen Willen erfahren, um dann mit Marta aktiv zu werden und Werke der Liebe, die die Frucht unseres Glaubens sind, zu verrichten. Wir sind nicht die Herren der Kirche, sondern dienen der Kirche Jesu Christi. Die Kirche gründet nicht auf unserer Weisheit und unseren intellektuellen Kapazitäten. Sie gründet auf Gottes Wort. Ja, Gottes Wort ist die Quelle unseres Glaubens und die Grundlage unserer Werke der Liebe und des Mitgefühls.
Dies erinnert uns an Martin Luthers Predigt „Von den Guten Werken“, in der mich eine Sache fasziniert. Obwohl Gott alles alleine machen könnte, entscheidet er sich, nicht alleine zu handeln. Gott will, dass wir uns beteiligen und ehrt uns damit. Was würde es für unser Handeln bedeuten, wenn wir demütig sagen würden „Gott, wenn es das ist, was du willst und wenn du willst, dass ich mich daran beteilige, bin ich bereit dies zu tun.“ Was will Gott, dass wir es tun? Was will Gott, dass ich es tue? Immer wenn wir Christen und Christinnen handeln - und wir sollten handeln -, stellt sich die Frage: Was will Gott, dass ich es tue? Um die Antwort zu erfahren, müssen wir Gott zuhören.
Eine weitere Einsicht, zu der ich beim Lesen von Luthers Texten gekommen bin ist, dass der Glaube Meister unseres Handelns ist. Unser Glaube sollte bestimmen, was wir tun. Unser Glaube sollte unser Handeln leiten, wie Christus unsere Kirche leitet. Das ist die Quelle der inneren treibenden Kraft, die Quelle des Enthusiasmus und der Ruhe, der Mühelosigkeit, der Menschlichkeit, der Spontaneität und der Selbstlosigkeit. Oft ist unser Handeln angestrengt, gestresst, verbissen, selbstgerecht, einseitig, defensiv, arrogant und verachtend. Der Samariter kam zufällig vorbei, handelte spontan und setzte dann seine Reise fort. Der Glaube, der aus dem Zuhören resultiert, bestimmt unser Handeln.
Das Zuhören als erste Lektion dieses Textes wurde im Kontext des Lutherischen Weltbundes beispielsweise wirksam in der neuesten Vereinbarung von LutheranerInnen und KatholikInnen. Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre ist das Ergebnis, dass LutheranerInnen und KatholikInnen Gott und einander zugehört haben. Durch dieses Zuhören haben wir einander entdeckt, haben wir entdeckt, dass wir auf verschiedene Weise über dieselben Dinge sprechen. Aus dieser Erfahrung lernten wir, dass Zuhören ein Geschenk ist, ein Geschenk, für das die Kirche, die der Leib Christi ist, unaufhörlich beten muss. Es ist ein Geschenk, das alle Länder dieser Erde brauchen. Wir können nicht friedlich nebeneinander bestehen, wenn wir nicht lernen und anerkennen, dass wir einander zuhören müssen.
Ich bete, dass Gott Sie in Ihrer Verantwortung als Mitglied der Synode leite und stärke. Ihre Entscheidungen betreffen nicht nur die Christinnen und Christen in Ihrem Land. Die Entscheidungen, die Sie hier treffen, sind für das Wohl der Kirche Jesu Christ weltweit. Ihre Synode ist eine Synode innerhalb der und für die weltweite Kirche.
Mögen Sie weiterhin auf Gottes Wort hören, damit sein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Amen.