Abschlussgottesdienst Kenia-Reise mit Bundesminister Dirk Niebel

Liebe Gemeinde,

„Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!“
Diesen Satz kennen wir. Er strotzt vor Selbstbewusstsein.
Wer äußert so etwas?

Es ist der Starke, der Gesunde. Es ist derjenige, der in seinem Leben voller Kraft steht, der schon den einen oder anderen Erfolg vorweisen kann und ihn ausschließlich sich selbst zuweist.

Es ist der Zyniker, der den Namen Gottes in einer Weise verwendet, die deutlich macht, was der Sprecher denkt: Gott existiert nicht! Ich allein bin der Schöpfer meiner Taten. Ich allein bin verantwortlich für meinen Erfolg.

Meine Hilfe bin ich – kein anderer und Gott schon gar nicht! Wie sangen doch gleich Karat: „Uns hilft kein Gott diese Welt zu erhalten.“

„Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!“ - wer solche Sätze sagt, glaubt nur an eines: an die eigene Stärke. Doch dies ist ein Irrglaube. Mir persönlich ist dies in den letzten Tagen, besonders bei unserem Besuch im Slum von Nairobi noch einmal besonders eindrücklich geworden.

Wer meint, das eigene Leben komplett in der Hand zu haben; wer meint, sich allein in alle Höhen des Erfolgs zu bringen und – sollte es einmal abwärts gehen - am eigenen Schopf aus allen Tiefen herausziehen zu können, der reduziert die Spielräume seines Lebens erheblich. Mehr noch, er verachtet gleichzeitig alle diejenigen, die andere Lebensvoraussetzungen haben. Die auf andere Kräfte und Menschen hoffen.

Wer nur mit sich und seiner eigenen Kraft rechnet, bleibt auf sich reduziert. Zugespitzt könnte man formulieren: Menschen, die nur mit sich rechnen, verharren im Gefängnis der Autonomie ihres eigenen Handelns.

Jesus Christus hat solchen Geisteshaltungen ein für alle Mal eine Absage erteilt. Sie haben keinen Platz im christlichen Reden und Handeln. In Erzählungen, Gleichnissen und Bildern weist Christus uns immer wieder auf unseren Nächsten. Er hat uns Menschen seinen Beistand versprochen. Er sieht uns in der Freiheit, Hilfe von außen zu erbitten und zuzulassen, und er sieht uns in der Freiheit und in der Verantwortung uns denen zuzuwenden, die es nötig haben.

Von Anfang an ist es Gott selbst, der uns darauf hinweist, dass der Glaubende in ein Beziehungsdreieck des Lebens gestellt ist. Gelingendes Leben kann sich demnach nur entwickeln, wenn ein Mensch eine lebendige Beziehung zu sich selbst, zu seinem Nächsten und zu Gott entfaltet. Dieses trilaterale Miteinander, dieser Trialog des Lebens, ist die Grundlage für ein erfolgreich gestaltetes Miteinander.

Gott, der selbst nicht bei sich geblieben ist, sondern durch seinen Sohn Jesus Christus die Welt mit dem Himmel versöhnte, lässt auch uns nicht bei uns bleiben, sondern schickt uns in die Nachbarschaft wie auch in die Weite seiner Welt, um zu sehen und zu erkennen, damit wir selbst gesehen und erkannt werden.

Aus diesem Grund sind die katholische wie die evangelische Kirche diakonisch in unzähligen Gemeinden, aber auch in der Entwicklungshilfe in der ganzen Welt unterwegs. Auch der Ferne wird uns in seiner Not zum Nächsten. Das ist christliche Grundüberzeugung: Nächstenliebe kennt keine Grenzen, keine Staatsräson. Die christliche Räson gebietet es, sich an den zu halten, den Gott meinen Nächsten nennt.

Wir wollen der Einladung und dem Auftrag Jesu folgen, der gesagt hat: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Gottesdienst ereignet sich eben auch in der Zuwendung zu einem anderen Menschen. Das, was wir den Gefangenen, den Armen, den Entrechteten tun, sieht Gott als eine direkte Begegnung mit ihm selbst.

Auch, wenn die staatliche Entwicklungshilfe sich nicht auf dieses christliche Grundprogramm des Handelns beruft, so ist uns doch bewusst, dass das Ziel unseres Handelns ein gemeinsames ist: Wir wollen, dass Menschen Hilfe erfahren, auch weil wir uns in Deutschland als solche sehen, die abgeben können, weil wir im Überfluss haben.

Als kirchliche Entwicklungshilfeorganisationen haben wir in vielen Jahren mit den Menschen in Kenia und anderenorts vieles gelernt. Unsere entwicklungspolitischen Ansätze haben sich verändert. Anfänglich war die Maxime, die Menschen materiell zu unterstützen. Bald aber wurde deutlich, dass solche reinen Gaben nicht wirklich weiter helfen; weder dem, der sie empfängt, weil er aus dem Gefängnis des bloßen Empfangens nicht befreit wird, noch demjenigen, der gibt, weil er auf die Rolle des materiellen Gebers festgelegt wird. Wir alle wissen: Fruchtbare Beziehungen sehen anders aus.

Es war deshalb gut, dass in einem weiteren Schritt die Hilfe zur Selbsthilfe in den Mittelpunkt gestellt wurde - und dennoch war auch dieser Ansatz zu kurz gedacht. Nun setzen die Verantwortlichen in Staat und Kirchen auf eine Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe, die auf Kooperation und Beteiligung basiert. Unsere Besuche und die damit einhergehenden Gespräche mit den Menschen in Kenia haben gezeigt, dass dies der richtige Weg ist.

Der Ansatz der „people owned processes“ geht davon aus, dass die Kräfte und Gaben, die Gott den Menschen beispielsweise in Kenia geschenkt hat, im Dialog erweckt werden können. Und wie das funktioniert, hat uns beeindruckt.

Wir haben Frauen gesehen, die an AIDS/HIV erkrankt und dem Tod schon sehr nah gewesen waren - und die nun für sich und ihre Familie sorgen können, weil sie im Gespräch mit Entwicklungshelfern selbst erkannt haben, was in ihnen steckt. Überhaupt die Kraft der Frauen: Denken wir an Helen, ihre Energie, ihre deutliche Sprache, ihren Willen mit Wasserverkauf und Honigherstellung ein größeres Haus zu bauen. Keiner von uns hat daran gezweifelt, dass sie es schaffen wird.

Und lassen wir den Stolz des Ehepaars noch einmal auf uns wirken, das eine kleine Baumschule besitzt, und sich von den Einnahmen daraus schon ein Haus bauen konnte. Die Eltern schicken ihre Kinder zur Schule! Dort lernen diese Englisch und verbessern ihre Berufs- und Lebenschancen.

Wir, die wir meinen, der Welt den Weg weisen zu können, sind auch Lernende, das erkannten wir in den vergangenen Tagen in jedem Gespräch. Auch wir entwickeln uns, indem wir die Menschen besuchen. Wir sehen, riechen, schmecken, hören, dass das Leben noch viel mehr ist als das, was wir in unseren Breiten kennen und als erfolgreiches Leben ansehen. Gott schickt uns auch in die Welt, damit wir durch die, auf die er uns weist, auch etwas für uns erfahren. „God is good“, sagte diejenige, die für den Versöhnungsprozess in Naivasha arbeitete und doch täglich erleben muss, wie schwer Versöhnungshandeln zu initiieren ist. „God is good“

Und so fahren auch wir bereichert wieder nach Deutschland zurück, weil wir unser Leben, unsere eigenen Sorgen angesichts des Gesehenen in das rechte Maß setzen. Die Begegnungen in Kenia haben uns auch ein Stück weit befreit von dem, durch das wir uns in Deutschland täglich binden lassen. Und wir fahren zurück in dem Wissen, dass jedes Gespräch, das hier geführt wurde, nicht bei sich bleibt. Vielmehr ist unsere Hoffnung, dass wir das erleben dürfen, was für uns Christen in der Osternacht immer wieder so beeindruckend zu erleben ist: Die an der großen entflammten Osterkerze entzündeten kleinen Kerzen, erhellen schnell weitergereicht in kürzester Zeit eine Kirche, die sich bis dahin im Dunkeln befunden hatte.

Mögen wir selbst wie auch diejenigen, die in den Slums und in den Hütten dieser Welt leben, mögen wir allesamt die Erfahrung machen, dass das Licht der Hoffnung zu uns kommt und uns hilft, dass hier wie dort Gaben freigelegt und zur Stärke gebracht werden, die Gott in uns gelegt hat.

Gott hilft uns, damit wir Helfende werden und uns allen geholfen werde.

Amen.