Taufe und Kirchenaustritt.

Vorwort

Die Kirche steht vor der Frage, wie sie mit einer großen Zahl von Menschen umgehen will, die zwar durch die Taufe einst die Kirchenmitgliedschaft erwarben, aber aus unterschiedlichen Gründen eines Tages ihren Austritt erklärt haben.

Sowohl die theologische Klärung als auch die Lösung der praktischen Fragen für das Gemeindeleben sind dringend geboten, denn die Taufe verquickt den geistlichen eng mit dem rechtlichen Aspekt der Kirchenmitgliedschaft. In der Taufe ist neben der ohnehin unverfügbaren Zusage der Gotteskindschaft die bleibende Zugehörigkeit der Getauften zu Jesus Christus, zur weltweiten Gemeinschaft seiner Jüngerinnen und Jünger und damit auch zur konkreten örtlichen Gemeinde begründet. Theologisch kann es darum trotz eines Kirchenaustritts im Falle von Getauften keine Beziehungslosigkeit geben, die achselzuckend hinzunehmen wäre.

Der von der Kammer für Theologie in ihrer vergangenen Tätigkeitsperiode begonnene und in der jetzigen abgeschlossene Text schließt eine Lücke in der Reflexion dieser Fragen. Er richtet sein besonderes Augenmerk auf das evangelische Verständnis vom "character indelebilis", den die Taufe den Getauften verleiht (vgl. Teil III.). Sowohl der konkrete Bruch, der mit dem Kirchenaustritt verbunden ist, als auch das Bleibende und Unverlierbare werden in den vorliegenden Erwägungen als Ansatzpunkte für eine nachgehende Seelsorge und für das missionarische Zeugnis der Kirche miteinander in eine spannungsvolle Beziehung gesetzt.

Die Einrichtung von "Wiedereintrittsstellen" in den Landeskirchen ist eine der Antworten auf die Herausforderung durch die Kirchenaustrittswellen der jüngsten Zeit. Die Arbeit dieser Einrichtungen sei beispielhaft genannt für einen neuen Zweig kirchlicher Missionstätigkeit. Eine seelsorgerlich-missionarische Praxis, die getauften Ausgetretenen nachgeht, gehört zu den unaufgebbaren Diensten der Kirche. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wendet sich mit dieser Ausarbeitung an kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbesondere im Pfarramt, in der Hoffnung, damit die Sensibilität für diese besondere Beziehungsproblematik zu vertiefen und die Gemeinden zu einem Zugehen auf Ausgetretene zu ermutigen. Er ist davon überzeugt, daß die Anregungen der Kammer für Theologie den Verantwortlichen in den Kirchengemeinden grundlegende theologisch-ekklesiologische Perspektiven für das kirchliche Handeln vor Ort eröffnen.

Der Rat hat den von der Kammer für Theologie ausgearbeiteten Text dankbar entgegengenommen und seinen Grundaussagen zugestimmt.


Hannover, im Februar 2000

Präses Manfred Kock
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

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