Predigt von OKR´in Katrin Hatzinger zur Eröffnung der Europa Woche in der Stadtkirche Wittenberg

Predigttext: „Die Ermahnung zum brüderlichen Leben miteinander“ (Römer 15,1-7)

1. Wir aber, die wir stark sind, sollen die Schwächen derer tragen, die nicht stark sind, und nicht Gefallen an uns selber haben.

2. Ein jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung.

3. Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen, sondern wie geschrieben steht (Psalm 69,10): »Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.«

4. Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.

5. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht,

6. damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

7. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.

 

 

Liebe Gemeinde,

 „Verändern wir die Welt, oder verändert die Welt uns?“ So fragt uns in leuchtendem Grün das Plakat zur Weltausstellung der Reformation hier in Wittenberg. Haben Sie das Plakat gesehen? Ob es der Werbeagentur nun ästhetisch besonders gelungen ist, das überlasse ich lieber Ihrem Urteil. Die Frage ist jedoch durchaus berechtigt: Mit was für einem inneren Gefühl leben wir? Werden wir von der Welt und den äußeren Umständen geprägt, oder prägen und gestalten wir die Welt nach unseren Vorstellungen?

Ja, es gibt Momente, in denen haben wir das Gefühl, dass wir die Welt täglich verändern, zum Guten natürlich, zu einer friedlicheren, toleranteren, ja besseren Welt.

Es gibt aber auch Momente, in denen sich das Gefühl breit macht, dass trotz all unseres Einsatzes, unseres Tuns und Handelns die Entwicklungen in eine falsche Richtung laufen und über uns hinweg gehen.

Glauben wir noch an den großen Wandel, so einen richtigen tiefgreifenden „Change“, um es mit den Worten des ehemaligen US-Präsidenten Obama zu sagen? Sind nicht derzeit viele politische Entwicklungen in dieser Welt derzeit für uns genau der Beweis des Gegenteils? Stillstand oder sogar Rückschritte allenthalben.

Der Geist der Erneuerung, mit dem vor nicht allzu langer Zeit die Mauern um dieses und viele andere europäische Länder niedergerissen wurden, scheint verflogen. Menschen in vielen EU-Mitgliedsländern ziehen sich in die vermeintliche Geborgenheit des Nationalstaats zurück, grenzen sich ab. Populisten und Nationalisten sind erfolgreich wie nie.

Immer wieder liest man, dass jetzt die letzte Chance für die Europäische Union gekommen sei. Der Krisenmodus ist schon beinahe zum Normalzustand geworden. Streit und Uneinigkeit prägen das Bild der EU statt Solidarität und Geschlossenheit. Auch viele Menschen in Europa sind mut- und hoffnungslos geworden. Sie haben das Gefühl, kaum etwas ausrichten zu können gegen die globale Ungerechtigkeit, die Ausbeutung von Mensch und Natur, Kriege und Terrorismus, Polarisierung und Ausgrenzung. Einige Bürgerinnen und Bürger fühlen sich zudem in ihrer Lebenssituation nicht hinreichend wahrgenommen, abgehängt, haben Angst um ihre Zukunft und die ihrer Kinder. „Was sollen wir denn tun? Wir können doch eh nichts verändern.“, diese Resignation hört man nicht nur hier in Deutschland, sondern überall in Europa. „Verändern wir die Welt, oder verändert die Welt uns?“

Wir feiern in diesem Jahr ein Ereignis, das die Welt verändert hat. Ein Ereignis, das hier in Wittenberg seinen Ausgang nahm – mit einer zunächst unscheinbar wirkenden, aber schließlich weltweit wirksamen Aktion. Dem Anschlag von 95 Thesen.

Martin Luther hatte eine innere Hoffnung, dass die Kirche und die Gesellschaft anders werden könnten. Ja, er behielt diese Hoffnung, die nicht aus seinem Tun, sondern aus dem Vertrauen in das größere Wirken Gottes entsprang, auch, nachdem der Papst ihm den Bann androhte und der Kaiser mit der Reichsacht sein Leben aufs Spiel setzte. Es war ein beeindruckender innerer Mut, den Luther aus dem Glauben und seiner Beziehung zu Gott erfahren hat, der ihn furchtlos vor den mächtigsten Männern seiner Zeit auftreten ließ.

Anders als zu Luthers Zeiten muss heute niemand mehr vor einer päpstlichen Bannbulle zittern. Die Trennung von Religion und politischer Macht, die Luther vehement gefordert hat, ist Realität in Europa und darauf können wir stolz sein. Luther hat gesagt, die Aufgabe der Kirchen sei es, „sine vi, sed verbo“, d.h. ohne politische Gewalt, sondern durch das Wort zu wirken.

Was aber können wir als Kirchen dafür tun, die Menschen neu zu motivieren, Europa und die Welt zu verändern?

Als Kirchen haben wir keine politische Macht, sondern zunächst einmal nur das Wort. Die Überzeugung, dass unser Glück in einem geeinten Europa liegt, in einer solidarischen Gemeinschaft, die Freiheiten garantiert und Grenzen abbaut, diese Überzeugung kann auch die Kirche niemandem aufzwingen, sie kann nur dafür werben und sich auch dem Streit darüber stellen. Aber eins ist klar, die Frage nach unserer gemeinsamen Zukunft in Europa ist nicht nur Sache der Politik, sie kann auch uns als Kirchen nicht gleichgültig lassen. Letzlich geht es darum, welches Europa wir wollen.

Im März dieses Jahres haben wir der Unterzeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren gedacht. Die Verträge sind die Gründungsdokumente der EU und markieren den Beginn des friedlichen Zusammenwachsens Europas nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs. Doch nach 60 Jahren des Zusammenwachsens, der Überwindung von Grenzen und Spaltungen in Europa tun sich neue Gräben auf und vertraute Gewissheiten brechen plötzlich weg.

Es gibt durchaus Vieles zu kritisieren an dem unvollendeten europäischen Gemeinwesen und doch zeigt sich gerade in Zeiten, in denen man sich nicht mehr uneingeschränkt auf große Partner verlassen kann, dass wir Europäerinnen und Europäer enger zusammenrücken und mehr Verantwortung übernehmen müssen.

Deshalb haben beide Kirchen in Deutschland anlässlich des Jahrestages der Römischen Verträge im März eine Erklärung abgegeben. Unter dem Leitspruch: „Wir haben weiter Hoffnung für Europa!“ ermutigen sie dazu, trotz aller Wiederstände und Zwistigkeiten an einer gemeinsamen Zukunft in einem geeinten Europa zu arbeiten. Die Hoffnung, sie ist es, die wir als in Christinnen und Christen in die Welt bringen können – und mit unserem ganzen Leben ausstrahlen sollen.

In der Erklärung fordern die Vorsitzenden der Kirchen Landesbischof Bedford-Strohm auf evangelischer und Kardinal Marx auf katholischer Seite, dass Europa sich angesichts der vielen Herausforderungen nicht auseinanderdividieren lassen dürfe und sie betonen, dass die Kirchen zur Überwindung innereuropäischer Gräben beitragen wollen.

...denn  wir können etwas tun! Die große Mehrheit der Europäer gehört einer Religionsgemeinschaft an. Die meisten von ihnen sind Christinnen und Christen. Unsere Stimme wird gehört. Denken Sie nur an die vielen engagierten Christen in der Politik, hier in Wittenberg, in Sachsen-Anhalt, aber auch in Brüssel und Europa. Sie alle wollen etwas zum Besseren verändern. Denn es entspricht dem europäischen und dem christlichen Geist, sich selbstbewusst zu öffnen und Grenzen zu überschreiten. Es ist insofern in der christlichen Religion angelegt, Triebfeder und Motivator für Engagement in der europäischen Zivilgesellschaft zu sein. So setzen sich die Kirchen gemeinsam mit ökumenischen Partnern in Brüssel u.a. für ein soziales Europa, den Vorrang des Zivilen vor dem Militärischen in der Gemeinsamen Sicherheits-und Verteidigungspolitik und für legale und sichere Wege für Schutzsuchende in die EU ein, und fordern ein solidarisches Vorgehen der EU-Staaten bei der Aufnahme von Flüchtlingen.

Manchmal aber stoßen wir in unserem Engagement auf Widerstände, geht es nicht genauso, wie wir es uns vielleicht wünschen. Dafür braucht es dann „Geduld und Trost“, wie der Apostel Paulus in unserem Predigttext an die Gemeinde in Rom schreibt. Der „Trost der Schrift“, das ist das Evangelium von Jesus Christus, das selbst im leeren Grab nicht das Ende des Lebens, sondern den Anfang von etwas Neuem, viel Größeren sieht. Diese unerschütterliche Hoffnung war es auch, die Luther durchs Leben trug und bekennen ließ: „Und selbst wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

 „Verändern wir die Welt, oder verändert die Welt uns?“

Als Christinnen und Christen wird unser Blick auf die Welt durch die biblische Hoffnung verändert - und deshalb verändern wir die Welt. Als Kirche tun wir das auf vielerlei Weise. Der Apostel Paulus mahnt dabei nicht nur die Gemeinde in Rom, sondern auch uns als Leser des Briefes bis heute immer zu prüfen, ob wir dies tatsächlich im Sinne Christi tun:

Ein jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung.

Wir wollen und wir sollen als Christinnen und Christen die Welt mitgestalten, ökumenisch und gemeinsam mit anderen Kirchen und wenn möglich auch mit anderen Religionsgemeinschaften. Die Kirchen in Europa, sie können dabei ein Beispiel dafür geben, wie unterschiedliche Riten und Traditionen in versöhnter Verschiedenheit miteinander harmonieren können. Trotz der Unterschiede gemeinsam zu handeln, war ein herausfordernder und oft schmerzhafter Lernprozess in der Reformation. Melanchthon, der Vermittler, der Luther in seinem Temperament selbst gegenüber seinen Mitstreitern oftmals bremsen musste, er könnte ein Lied davon singen, wie wenig selbstverständlich die Einheit in versöhnter Verschiedenheit ist. Der Erfolg der Reformation, er hing letztendlich von dem gemeinsamen Wirken vieler mutiger Menschen ab. Lukas Cranach hat dies anschaulich hier in der Stadtkirche auf dem Reformationsaltar zur Darstellung gebracht. So, wie hier  auf dem Altarbild hier in der Stadtkirche, finden Sie auch an den Säulen der Schlosskirche zahlreiche weitere wichtige Mitstreiter der ersten Stunde wie Johannes Bugenhagen oder Justus Jonas versammelt. Als Juristin freue ich mich natürlich besonders über den wertvollen Beitrag den damals schon ein Anwalt wie Justus Jonas für die Wirkmächtigtkeit der Reformation geleistet hat.

Noch in den letzten beiden Jahrhunderten wurde die Reformation vor allem als ein Fest der deutschen Nation gefeiert, 1917 vielfach ganz bewusst im Sinne der nationalen Stärkung der Kriegsmoral gegen unsere europäischen Nachbarländer. Dabei war die Reformation von Anfang an eine Bewegung, die Vorläufer an verschiedenen Orten in Europa besaß - und von Wittenberg aus wiederum auf ganz Europa ausstrahlte. Verbreitet wurde sie von einer Vielzahl mutiger Männern wie beispielsweise Thomas Cranmer in England, Johannes Calvin in Frankreich, Ulrich Zwingli in der Schweiz, Primoz Trubar in Slowenien oder Mikael Agricola in Finnland. Aber es gab natürlich auch engagierte Frauen wie Argula von Grumbach in Bayern oder Jacqueline de Rohan in Frankreich. Der europäische Stationenweg in Form des Reformations-Trucks, der an 67 Orten der Reformation in 19 europäischen Ländern Station gemacht hat, hat veranschaulicht, wie weit und vielfältig die Reformation in Europa und darüber hinaus gewirkt hat.

Es ist daher ein wichtiges und ein richtiges Zeichen, dass der Reformationssommer in Wittenberg mit einer Europawoche beginnt. Dies ist in diesen Tagen auch ein politisches Signal, dass wir die Reformation als ein Fest des Miteinanders in Europa feiern, als ein Fest der Solidarität in schwierigen Zeiten.

Paulus schreibt:

7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.

Die irdische Kirche ist noch nicht die paradiesische Idealgemeinschaft, das weiß auch der Apostel. Deswegen muss er ermahnen. So, wie wir uns auch als Christinnen und Christen und als Kirchen in Europa untereinander ermahnen müssen, wenn wir dem Geist der Abgrenzung und eigenen Erhebung über die anderen verfallen. Als Kirche sollen wir ein Zeichen sein – und Zeichen setzen. So wie die Partnerschaften zwischen Gemeinden in Ost und West einst die Trennung des Eisernen Vorhangs zu überwinden halfen, so sollten auch wir heute neue Formen des Dialogs und der Gemeinschaft suchen, wo Spaltungen drohen. Wir sollten uns zurückhalten, den Stab über Andersdenkende zu brechen, uns nicht moralisch über andere erheben, sondern Streit und Widerspruch aushalten und Unterschiede ernst nehmen. In einer Zeit, in der ein Rückzug auf´s Nationale vielfach zur Sicherung der eigenen Identität wieder en vogue ist, setzten europäische Laien zudem mit der Planung eines europäischen Kirchentages im Sinne einer European Christian Convention gerade ein deutliches Zeichen der Verbundenheit über Konfessionen und Nationalitäten hinweg. Denn „hier ist weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier“, heißt es in Paulus Brief an die Galater (Gal 3,28).

Noch einmal zum Predigttext:

Wir aber, die wir stark sind, sollen die Schwächen derer tragen, die nicht stark sind,

und nicht Gefallen an uns selber haben.

Das, woran Paulus hier seine Brüder und Schwestern zum Umgang miteinander in der Gemeinde in Rom erinnert, das muss auch unser Maßstab sein im Umgang mit unseren Nächsten. Es muss aber nicht nur der Maßstab für das Miteinander in Europa sein. Europa ist kein Selbstzweck, es darf sich selbst nicht genug sein. Sondern es muss selbst diejenigen tragen, die nicht stark genug sind, wie der Apostel Paulus es formuliert.

Das Tragen der Schwäche der Anderen, es endet für uns Christinnen und Christen eben nicht an der Grenze unseres Landes, nicht an der Grenze von Europa. Daran hat uns in besonderer Weise die Predigt des südafrikanischen Erzbischofs im großen Festgottesdienst hier auf den Elbwiesen am Sonntag erinnert. An diese Verantwortung erinnern uns aber auch eindrücklich die Boote am Schwanenteich hier in Wittenberg, die Studenten zusammen mit Geflüchteten geflochten haben. Die Erinnerung, sie will zum Handeln führen. Wenn wir in diesem Geist Reformation feiern, dann bleibt das Fest kein bloßes Erinnern, sondern ein wichtiger Anstoß zum tatkräftigen Einsatz für eine gerechtere und friedlichere Welt. Lassen Sie uns in dieser Verantwortung Europa und die Welt mutig verändern. Amen.