Präsentation des Filmes „Pfarrer“ - Grußwort von Frau OKR'in Katrin Hatzinger

Die Filmvorführung fand am 26.6.2017 in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts statt.

Sehr geehrten Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Botschafter Lüdeking, lieber Herr Prälat Dutzmann,

liebe Gäste,

vor wenigen Wochen habe ich zur Eröffnung der Europa-Woche in Wittenberg in der Stadtkirche predigen dürfen. Eine besondere Ehre für eine Juristin. Dabei trägt das Treiben in der Lutherstadt Wittenberg durchaus paradoxe Züge. Während die Stadt mit Reformationstouristen aus aller Welt gefüllt ist und die Weltausstellung Reformation die Pforten geöffnet hat, gehen die Feierlichkeiten an vielen Wittenbergern recht emotionslos vorbei. Wittenberg als Ursprungsort der Reformation liegt nämlich in einer der entkirchlichsten Gegenden Europas.

Vor diesem Hintergrund ist es eine bemerkenswerte Initiative, in einem Filmprojekt genau an eben diesem Ort nach der Zukunft der evangelischen Kirche zu fragen.

Denn, dass es keine jungen Menschen mehr gäbe, die sich für den Glauben begeistern, stimmt so nicht. Und auch, dass niemand mehr für die Kirchen arbeiten wolle, stimmt nicht. Im Gegenteil, die Zahl derjenigen, die in Deutschland Theologie studieren mit dem Wunsch Pfarrer zu werden, ist seit 2013 um 20% gestiegen. Alleine 2400 Studierende haben ihr Interesse für den Pfarrberuf bei den Landeskirchen in Deutschland derzeit gemeldet.[1]

Taufen, beerdigen oder eine Gemeinde zu leiten, lernt man jedoch nicht im Studium. Wer Pfarrer werden will – muss, ähnlich wie Lehrer oder Juristen – also erst die zweite Ausbildungsphase, das Vikariat absolvieren – und damit nach dem Studium ins kalte Wasser der Praxis tauchen. Mit Mitte zwanzig zum ersten Mal im Talar den Segen zu spenden oder Sterbende zu begleiten, ist für Viele eine besondere Herausforderung, wie der Film anschaulich zeigt. Zu dieser knapp zweieinhalbjährigen Ausbildungszeit in einer Gemeinde gehören ca. 12 gemeinsame Wochen im Predigerseminar, in denen die jungen Pfarrerinnen und Pfarrer sich selbst und die Praxis reflektieren und weitergebildet werden.

Der Film ist im Predigerseminar in Wittenberg gedreht.[2] Vier Landeskirchen von Sachsen bis in die Uckermark bilden hier ihren theologischen Nachwuchs aus. Es sind die vier Landeskirchen im Osten Deutschlands, in denen die historischen Hauptorte der Reformation liegen und die heute den geringsten Anteil an Kirchenmitgliedern in Deutschland aufweisen.

Dabei treffen im Predigerseminar die Erfahrungen unterschiedlichster kirchlicher Realitäten aufeinander: lebendige Frömmigkeit aus dem Erzgebirge, multikultureller Pluralismus aus Berlin oder ländliche Idylle der Uckermark. Hier begegnen sich Traditionen von lutherischer Hochliturgie, über rockige Jesus Freaks bis hin zu reformiert geprägter spiritueller Nüchternheit. Im Wittenberger Predigerseminar spiegelt sich also viel von der Vielfalt evangelischer Kirche in Deutschland wieder.

Vor allem aber treffen hier 25 individuelle Charaktere aufeinander, die der Wunsch eint, für die Kirche und die Verkündigung des Evangeliums in unserer Zeit arbeiten zu wollen. Dabei sind die Erwartungen an den Pfarrberuf heute vielleicht höher denn je. Denn – so hat es die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU V) der EKD gerade wieder empirisch belegt - die Glaubwürdigkeit der Kirche hängt wesentlich an der Begegnung mit und der Ansprache durch  einen Pfarrer oder einer Pfarrerin.

Aber wie gehen die jungen Menschen, die sich für den Pfarrberuf entscheiden, mit diesen hohen Erwartungen um? Wie bringen sie die Verantwortung, die Kirche zu repräsentieren, mit ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zusammen? Wie schaffen sie es, ständig in der Öffentlichkeit zu stehen und zugleich einen privaten Raum für Partner und Familie zu schützen? Was passiert, wenn sie selbst im Glauben zweifeln?

Es sind spannende Fragen, denen sich der Film „Pfarrer“ widmet.

Er wirft jedoch auch Gesprächsbedarf auf. In der Ankündigung des Films für das Leipziger Dokumentarfilmfestival war angesichts der Auswahl der fünf Protagonisten davon die Rede, das Predigerseminar mute fast wie eine „Therapiegruppe“ an. Ob der Film also einen authentischen Blick auf das Wittenberger Predigerseminar und seine jungen Theologinnen und Theologen wirft, überlasse ich Ihrem Urteil. Wir freuen uns, dass wir neben den beiden Regisseuren auch einen Absolventen des Predigerseminars in der Diskussionsrunde heute unter uns haben, Valentin Wendebourg. Er arbeitet derzeit im Rahmen seines Sondervikariats bei uns im EKD-Büro und kann den Film durch seine persönlichen Eindrücke aus Wittenberg ergänzen bzw. kommentieren.

Abschließend gilt mein herzlicher Dank Frau Dr. Franz und ihrem Team von der Landesvertretung Sachsen-Anhalts und dem Goethe Institut für die gute Kooperation und jetzt freue mich jetzt auf den Film und die Diskussion mit Ihnen im Anschluss.

 

[1] www.kirche-im-aufbruch.ekd.de/aktuell_presse/news_2017_03_06_11_evangelische_kirche_sucht_pfarrer.html

[2] Getragen wird es von der Union evangelischer Kirchen und der EKD.