Gemeinsam evangelisch!

Erfahrungen, theologische Orientierungen und Perspektiven für die Arbeit mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft, Hrsg. EKD , 2014, ISBN 978-3-87843-033-9

Anhang 4: Reformationsdekade - das Themenjahr 2016:

Die Reformation und die Eine Welt

In den offiziellen Texten wird der thematische Schwerpunkt des Jahres 2016 wie folgt beschrieben:

„Von Wittenberg ging die Reformation in die Welt. Über 400 Millionen Protestanten weltweit verbinden ihre geistig-religiöse Existenz mit dem reformatorischen Geschehen. Am Vorabend des Reformationsjubiläums werden die globalen Prägekräfte im Mittelpunkt stehen.“

Während der ersten Themenjahre der Luther- bzw. Reformationsdekade wird deutlich, dass die Anliegen der Reformation - ungeachtet der besonderen Bedeutung Martin Luthers - nicht nur von Wittenberg ausgingen. Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa hat deutlich gemacht, wie viele größere und kleinere Stätten und Städte der Reformation es in Europa gab und gibt.

Sie wurden zu Ausgangspunkten für globale Entwicklungen, die mit den Stichworten Mission, Einwanderung und Inkulturation hier nur grob umrissen werden können. Menschen aus Europa wanderten aus und lebten ihren Glauben in ihrer neuen Heimat. Aus kleinen Einwandererkirchen wuchsen in den unterschiedlichen Ländern unabhängige Kirchen, die sich den reformatorischen Kirchen in Europa mehr oder weniger verbunden fühlen. Missionarische Aktivitäten brachten in mehreren Wellen den christlichen Glauben nach evangelischem Verständnis auf alle Kontinente. Dieser wuchs dort in unterschiedlichen kulturellen, (multi-)konfessionellen und religiösen Kontexten weiter. Auch Kirchen z. B. in Afrika oder Asien, die sich dem Lutherischen Weltbund oder der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen zugehörig fühlen, entwickelten für sich eigene Prägungen des lutherischen oder reformierten Christseins, die stark durch den jeweiligen Kontext geprägt wurden. Darüber hinaus bildeten sich immer wieder neue Glaubensrichtungen und Kirchen, die sich zwar im weitesten Sinn als protestantisch begreifen, aber nicht mehr die ursprünglichen Bindungen an ein lutherisches oder reformiertes Bekenntnis erkennen lassen. In den letzten Jahrzehnten nehmen weltweit christliche Bewegungen zu, die als charismatisch, evangelikal oder pfingstlerisch zu charakterisieren sind.

Den evangelischen Christen und Kirchen in Deutschland begegnen die weltweiten Erben der Reformation auf unterschiedliche Weise. In ihren Partnerkirchen in Übersee lernen sie Menschen kennen, deren Vorfahren von Missionaren aus Deutschland und Europa bekehrt wurden. Oft erleben sie dabei Überraschungen: Trotz aller problematischen Zusammenhänge der Mission (z. B. mit Gewalt und Kolonialismus) überwiegen für die meisten Christen in Übersee deren positive Wirkungen. Gleichzeitig präsentieren sich die Kirchen in Afrika und Asien als unabhängige und selbstbewusste Institutionen, die theologisch und sozialethisch ihren Standpunkt auch gegen die Auffassung der Geschwister aus den Kirchen Europas und Nordamerikas vertreten. Viele Erfahrungen, die in solchen Übersee-Partnerschaften gemacht werden können, sind aber auch innerhalb Deutschlands möglich.

Denn mehr und mehr nehmen Christen und Kirchen in Deutschland auch die Christen und Gemeinden anderer Sprache und Herkunft wahr. Ihre Frömmigkeit, ihre Art Gottesdienst zu feiern und Gemeinde zu sein wird von einheimischen Christen oft als fremd empfunden. Selten werden sie als gleichberechtigte Erben der Reformation erkannt und anerkannt. Neben dem Empfinden des „Andersseins“ - andere Sprache, andere Kultur, andere Frömmigkeit - kommen Fragen auf, die nicht immer einfach zu beantworten sind. Versteht sich die Gemeinde anderer Sprache und Herkunft als lutherisch oder reformiert? Und warum erscheint sie uns dann „anders“ oder gar „fremd“? Oder kommt sie aus einer „United Church“ - und was ist das im Unterschied zu den unierten Kirchen in Deutschland? Ist überhaupt eine konfessionelle Prägung erkennbar, wie sie uns vertraut ist? Und wenn nein, was bedeutet dies für die Möglichkeit der Begegnung, des gemeinsamen Gottesdienstfeierns? Wie stark wollen und können sich die einheimischen Christen und Kirchen auf den jeweiligen kulturellen Hintergrund einlassen? Steckt in der Begegnung mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft ein Potential, das Gemeinden in Deutschland die Anliegen der Reformation neu erschließen kann?

Das Jahr 2016 innerhalb der Reformationsdekade ist eine gute Gelegenheit, diesen Fragen nachzugehen.

Daher wird hier der Vorschlag gemacht, einen besonderen Schwerpunkt der inhaltlichen Gestaltung des Jahres 2016 innerhalb der Reformationsdekade auf die Frage zu legen, wie sich die Thematik „Die Reformation und die Eine Welt“ in Deutschland selbst in der Begegnung, im Zusammenleben und in der (wachsenden?) Gemeinschaft von unterschiedlichen Christen spiegelt, die auf je eigene Weise ihre Existenz der Reformation verdanken.

Erste Ideen dazu:

  • Rund um den Reformationstag 2016 Begegnungen und wo möglich gemeinsame Gottesdienste von einheimischen Gemeinden mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft initiieren;
  • Die EKD bittet Gliedkirchen um Mitwirkung, gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, Motto entwickeln mit dazugehörigen Materialien und Handreichungen;
  • Vertreter von Gemeinden anderer Sprache und Herkunft zu offiziellen EKD-Anlässen einladen, sichtbar machen, sprechen lassen;
  • Kongress oder Symposium mit der Frage, wie sich die Anliegen der Reformation in unterschiedlichen Kontexten entwickelt haben.


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