Landwirtschaft und Ernährung

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Neuorientierung für eine nachhaltige Landwirtschaft

Ein Diskussionsbeitrag zur Lage der Landwirtschaft -- Gemeinsame Texte 18

Vorwort

Wort des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz haben in den vergangenen Jahrzehnten die Entwicklung der Landwirtschaft in Deutschland, in der Europäischen Union und in den Entwicklungsländern mit verschiedenen Stellungnahmen begleitet(1). Der Situation der landwirtschaftlichen Familien, die von dem tiefgreifenden Strukturwandel unmittelbar betroffen sind, haben sie ihre besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Eine Aktualisierung und Weiterentwicklung dieser Stellungnahmen ist notwendig, weil sich die Voraussetzungen für die in der Landwirtschaft Tätigen grundlegend geändert haben: nicht zuletzt durch die Einbindung der regionalen Agrarwirtschaft in das weltweite Handelssystem – insbesondere seit der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 1995 – sowie durch die Folgen ihrer weitgehenden Integration in den europäischen Binnenmarkt.

So lastet auf vielen bäuerlichen Familienbetrieben der Entscheidungsdruck, sich durch stetiges Wachstum den hohen ökonomischen Anforderungen anzupassen, sich auf neue Richtlinien umzustellen oder, was immer häufiger geschieht, ganz aufzugeben. Neue Aufgaben und Möglichkeiten zeichnen sich zudem durch die Erweiterung der Europäischen Union in den kommenden Jahren ab. Um den vielfältigen Herausforderungen gerecht zu werden, stehen wir vor einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, die nur gemeinsam von den in der Landwirtschaft Tätigen und den Verbrauchern, aber auch von der Futtermittelindustrie, Agrarchemie und Agrarforschung sowie den Verbänden und politisch Verantwortlichen bewältigt werden kann.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz haben eine Arbeitsgruppe damit beauftragt, einen Diskussionsbeitrag auszuarbeiten, um so an der kirchlichen und öffentlichen Willensbildung mitzuwirken. Es soll ein Beitrag zur Diskussion sein in der schwierigen Aufgabe, eine Verständigung zwischen den unterschiedlichen Perspektiven und Interessen zu erreichen. Die europäische Agrarpolitik steht vor schwerwiegenden Entscheidungen, die zu einer Zwischenbilanz ihrer bisherigen Verfahren nötigt. Gleichzeitig stehen im Weltmaßstab im Rahmen der Welthandelsorganisation neue grundsätzliche Vertragsverhandlungen bevor.

In ihrem „Gemeinsamen Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland: Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ haben die beiden Kirchen 1997 das Prinzip der Nachhaltigkeit als ethische Leitperspektive für eine zukünftige Landwirtschaft herausgestellt(2) . Die Verantwortung für die Schöpfung ist im christlichen Denken zentrales Motiv. Sie ist darin begründet, dass der Mensch Geschöpf unter Mitgeschöpfen ist und in eine Schicksalsgemeinschaft mit allen Geschöpfen eingebunden ist. Der Schöpfungsauftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, sie zu kultivieren und sie zu einem für alle bewohnbaren Lebensraum zu gestalten, muss in jeder Generation neu verstanden und konkretisiert werden. Globale und regionale Verantwortung stehen heute in komplementärer Beziehung zueinander und verbieten einfache Lösungen und verklärende Visionen.

Nachhaltige Landbewirtschaftung heißt konkret: Die natürlichen Ressourcen und ihre Funktionsfähigkeit sollen dauerhaft für heutige und nachfolgende Generationen erhalten werden. Das bedeutet insbesondere, dass die Bodenfruchtbarkeit und die biologische Vielfalt erhalten bzw. verbessert, bereits eingetretene Schädigungen aufgearbeitet und nach Möglichkeit rückgängig gemacht werden müssen. Hier werden Zielkonflikte offensichtlich, die von allen Seiten die Bereitschaft zu Kompromissen sowie zur echten Auseinandersetzung mit den Erfordernissen der Nachhaltigkeit und ihre Anwendung verlangen. Diese ist auf Vernetzungen und Synergien zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Notwendigkeiten sowie auf globale und intergenerative Gerechtigkeit angelegt. So macht eine wirksame Bekämpfung der Armut für die 800 Millionen hungernden Menschen auf der Erde eine tiefgreifende Reform der globalen – wie ebenso auch unserer nationalen – Agrarpolitik unumgänglich.

Besondere Aufmerksamkeit widmet der vorliegende Diskussionsbeitrag dem Schutz der Tiere und ihrer artgerechten und flächengebundenen Haltung. Die Kirchen haben bereits in früheren Stellungnahmen(3)  Kriterien entwickelt, in welchem Maße bestimmte Haltungsbedingungen geeignet sind, den Eigenwert der Tiere zu achten sowie zur Vermeidung von Schmerzen, Leiden und Schäden beizutragen.
Auch wird darauf aufmerksam gemacht, dass der Anteil von Nahrungsmitteln am Budget eines privaten Haushalts in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen ist. Einerseits steigen die Erwartungen an die Qualität der Lebensmittel mit Recht und werden zunehmend differenzierter, andererseits entscheidet sich ein Großteil der Verbraucher beim Einkauf und im Ernährungsverhalten für die Lebensmittel, die durch maximale Nutzung von Technik und Rationalisierung einen relativ geringen Preis haben. Damit wird den Bemühungen um eine Ökologisierung der Landbewirtschaftung häufig entgegengewirkt. Aufgrund dieser Entwicklung sind viele in der Landwirtschaft Tätige verunsichert. Die Förderung einer neuen Kultur und Ethik der Ernährung ist daher ein Grundanliegen dieser Schrift.

Den Kirchen kommt die besondere Verantwortung zu, daran mitzuwirken, die offensichtliche Distanz zwischen den Verbrauchern und den Erzeugern von Lebensmitteln sowie die Verunsicherung, die in den vergangenen Jahren auf beiden Seiten entstanden ist, zu überwinden. Die Kirchen suchen das Gespräch mit der Landbevölkerung, indem sie ihre geistlichen und seelsorgerlichen Aufgaben wahrnehmen und zugleich zur Förderung der notwendigen Dialogkultur beitragen. In diese sollen die in der Landwirtschaft und im Tier- und Naturschutz Tätigen, die Verbraucher, die Organisationen der Entwicklungshilfe sowie die in Politik und Wissenschaft Tätigen einbezogen werden. Wir sind dankbar für das große Engagement unserer kirchlichen Dienste auf dem Lande für Menschen, die den Kirchen traditionell eng verbunden sind.

Die Kirchen erinnern daran, dass das Leben auf dem Land in besonderer Weise von der Erkenntnis geprägt ist, angewiesen zu sein auf die Gaben der Schöpfung. Dies wird uns in Zeiten einschneidender Naturkatastrophen, die ganze Ernten vernichten können, besonders bewusst. Im Gottesdienst empfangen Christen Gottes Gabe und antworten mit Gebet, Bekenntnis und Dank. Aus dieser Dankbarkeit heraus werden Christen zum Dienst an der Welt befreit und beauftragt. Wir hoffen, dass diese Schrift einen fruchtbaren Beitrag dazu leistet, gegenseitiges Verständnis in der Diskussion zu wecken, Entscheidungshilfen zu geben und die uns allen aufgegebene Achtung gegenüber der Schöpfung zu verwirklichen.

Bonn / Hannover, im März 2003

Karl Kardinal Lehmann
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Präses Manfred Kock
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland


Fussnoten:

(1) So z. B. die Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland „Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Wachsen und Weichen, Ökologie und Ökonomie, Hunger und Überfluss“ (Gütersloh 1984, 7. Auflage 1987), das Wort der deutschen Bischöfe „Zur Lage der Landwirtschaft“ (Bonn 1989), Erklärung der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der deutschen Bischöfe „Handeln für die Zukunft der Schöpfung“ (Bonn 1998) oder die Studie der Kammer für Entwicklung und Umwelt der Evangelischen Kirche in Deutschland „Ernährungssicherung und Nachhaltige Entwicklung“ (Hannover 2000).
 
(2) S. Gemeinsames Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz, Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit, Hannover / Bonn 1997, Textziffer 122 – 125.

(3) S. Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf. Ein Diskussionsbeitrag des Wissenschaftlichen Beirats des Beauftragten für Umweltfragen des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Hannover 19912; Die Verantwortung des Menschen für das Tier, Deutsche Bischofskonferenz, Bonn 1993.

Zusammenfassung

Die Landwirtschaft in Deutschland, Europa und weltweit befindet sich in einem tiefen Umbruch: Große Erfolge in der Produktivitätssteigerung auf der einen Seite stehen ungleicher Verteilung, Preisdumping, zahlreichen Betriebsaufgaben sowie ökologischen Problemen gegenüber. Die seit 1992 eingeleiteten Reformen der europäischen Agrarpolitik mit einem komplexen System von Ausgleichszahlungen konnten Fehlentwicklungen nicht verhindern. Die gegenwärtige Situation ist für die soziale Lage der landwirtschaftlichen Familien, für die Volkswirtschaft und für die ökologische Situation von Boden-, Gewässer- und Tierschutz mit hohen Belastungen verbunden. Die große Zahl der Betriebsaufgaben ist Zeugnis einer existenziellen Not. Die in der Öffentlichkeit heftig diskutierten Krankheiten bzw. Skandale – BSE-Krise, Maul- und Klauenseuche – sind keine Einzelphänomene, sondern sind teilweise Ausdruck von Strukturproblemen der Landwirtschaft in der Zerreißprobe zwischen ökonomischen und ökologischen Erfordernissen.

Zugleich ist die weltweite Krise der Landwirtschaft ein Kernproblem globaler Gerechtigkeit: Während auf den Weltmärkten ein Überschuss an Nahrungsmitteln herrscht, die Preise immer weiter fallen und subventionierte Überschussprodukte aus den USA und der EU die Eigenproduktion von Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern zurückdrängen, ist es nicht gelungen, das Problem der Welternährung zu bewältigen. Der rapide Verlust an fruchtbarem Boden und der bedrohliche Rückgang der Verfügbarkeit von Wasser, das zu 70 % in der Landwirtschaft verbraucht wird, ist schon heute eine der primären Armutsursachen. Wirksame Armutsbekämpfung für die 800 Millionen hungernden Menschen ist nicht möglich ohne eine tiefgreifende Reform der globalen Agrarpolitik.

Die anhaltende Krise der Landwirtschaft ist nicht nur ein sektorales Problem, sondern Ausdruck einer umfassenden Krise im Verhältnis zur Natur und in der Gestaltung von Globalisierungsprozessen. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die durch neue Orientierungen und Kooperationen zwischen unterschiedlichen Politikfeldern und Berufsgruppen sowie eine verhaltensrelevante Bewusstseinsveränderung der Verbraucherinnen und Verbraucher bewältigt werden kann. Soll die Landwirtschaft ihrer besonderen Verantwortung für die Schöpfung und die nachhaltige Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen gerecht werden, braucht sie eine breite gesellschaftliche Unterstützung und Begleitung für neue Wege in die Zukunft. Daran mitzuwirken ist auch für die Kirchen eine substanzielle Aufgabe.

Der hier vorgelegte Text will dazu beitragen, ethische Orientierungen auf der Grundlage des Leitbilds der Nachhaltigkeit zu bieten und einen offenen Dialog über notwendige Reformen, tragende Werte und künftige Chancen der Landwirtschaft anzustoßen.

Verantwortung für die Schöpfung durch nachhaltiges Wirtschaften

Ethische Leitperspektive für eine zukunftsfähige Landwirtschaft ist das Prinzip der Nachhaltigkeit, dem sich die Kirchen aus christlicher Schöpfungsverantwortung verpflichtet haben (vgl. „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“, Hannover / Bonn 1997). Dem Leitbild der Nachhaltigkeit entspricht auf der ordnungspolitischen Ebene eine an ökologischen und sozialen Kriterien orientierte Marktwirtschaft, die die Dynamik des Marktes mit sozialer Fairness und wirksamen Mitteln zum Schutz der Umwelt verbindet. Es ist Wegweiser für eine Integration ökologischer, ökonomischer und sozialer Belange. Eine nachhaltige Landwirtschaft ist darauf ausgerichtet, die Natur in ihrer ganzen Vielfalt als Nahrungsquelle und Lebensraum zu nutzen und zu bewahren. Sie schützt Wasser, Boden und Luft im ursprünglichen Wortsinn als „Lebens-Mittel“ und achtet Tiere und Pflanzen als Geschöpfe Gottes.

Politische Reformen auf der Ebene der Europäischen Union

Für den Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft hat die Reform der europäischen Rahmenbedingungen zentrale Bedeutung. Diese sollte folgenden Zielen verpflichtet sein:

    * Erhaltung und Förderung selbständiger, möglichst wettbewerbsfähiger und gleichwertig an der gesellschaftlichen Wohlfahrtsentwicklung beteiligter Landwirtschaftsbetriebe;

    * schonende Nutzung von Boden und Wasser zur langfristigen Bewahrung ihrer lebenswichtigen Funktionen;

    * verantwortlicher Umgang mit den Tieren durch eine ihrer Art und ihren Bedürfnissen entsprechende Ernährung, Pflege und Unterbringung;

    * Aufrechterhaltung einer an die ländlichen Räume angepassten Siedlungsstruktur sowie Schaffung und Erhaltung eines vielfältig gegliederten Landschaftsbildes;

    * internationale Gerechtigkeit und Solidarität mit den Armen und Hungernden durch Schutz der Eigenproduktion von Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern.

Die Zielkonflikte zwischen diesen unterschiedlichen Aspekten fordern von allen Seiten die Bereitschaft zu Kompromissen sowie zur Auseinandersetzung mit dem neuen Denken der Nachhaltigkeit, das auf Vernetzungen und Synergien zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Erfordernissen sowie auf globale und intergenerationelle Gerechtigkeit angelegt ist.

Notwendig sind verbindliche und europäisch sowie global abgestimmte Rahmenbedingungen für Anbauverfahren, Bewirtschaftungsformen und Tierhaltung. Die anstehenden politischen Reformen in der EU-Agrarpolitik sollten dazu genutzt werden, die notwendigen Umschichtungen der EU-Mittel aus dem Bereich der produktionsbezogenen Stützung in direkte Einkommenshilfen mit volkswirtschaftlichen, sozialen und ökologisch sinnvollen Leistungen zu verknüpfen. Die Reduktion der Dumping-Exporte aus der europäischen und nordamerikanischen Überproduktion auf die Märkte der Entwicklungsländer ist ein vorrangiges Ziel globaler Solidarität. Viele der aktuellen Vorschläge der EU-Kommission zur Halbzeitbilanz der Agenda 2000 bieten gute Ansatzpunkte und Chancen für notwendige Reformen, die nicht verpasst werden sollten. Dabei sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass politische Reformen hinsichtlich der ökologischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen finanzielle Folgen haben, die nicht allen Beteiligten Besitzstandswahrung ermöglichen werden.

Neue Perspektiven für eine multifunktionale Landwirtschaft

Angesichts der tiefen Umbrüche und des hohen Wettbewerbsdrucks in der Landwirtschaft wird sich die zukünftige Landwirtschaft in Deutschland entweder auf wenige besonders ertragreiche landwirtschaftliche Anbauflächen zurückziehen oder als multifunktionale Landwirtschaft neue Perspektiven gewinnen. Dem Ansatz der Nachhaltigkeit entspricht eine individuell an die jeweiligen Standorte und Möglichkeiten angepasste Kombination unterschiedlicher Einkommenssegmente: Neben der Erzeugung von Nahrungsmitteln, die auf besonders ertragreichen landwirtschaftlichen Anbauflächen weiterhin im Vordergrund stehen wird, werden z. B. Anbau und Verarbeitung nachwachsender Rohstoffe, Energiegewinnung aus Biomasse, Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen, Naturschutz und Landschaftspflegeleistungen, Direktvermarktung von Lebensmitteln oder Angebote von Ferien auf Bauernhöfen zu den Tätigkeitsfeldern der Landwirtschaft gehören.

Die Öffnung der Landwirtschaft für diese vielfältigen Aufgaben erfordert seitens der Gesellschaft, dass sie ein breites Spektrum landwirtschaftlicher Leistungen, das schon heute weit über den unmittelbar wirtschaftlich anerkannten Bereich der Vermarktung von Nahrungsmitteln hinausgeht, finanziell honoriert. Erst auf diesem Hintergrund können die Kriterien der Wettbewerbsfähigkeit für landwirtschaftliche Betriebe angemessen bestimmt werden. Die gesellschaftliche Verständigung über den großen externen Nutzen der Landwirtschaft – z. B. im Bereich der Kulturlandschaft oder der Sozialstruktur ländlicher Räume – schafft eine ethische Basis für die Förderung einer multifunktional auf diesen Gemeinwohlnutzen ausgerichteten Landwirtschaft. Für den schwierigen Weg zu einer solchen Neuorientierung, der nur mühsam durch innovative und wettbewerbsfähige Produkte, Vermarktungswege und Dienstleistungen erschlossen werden kann, sind die in der Landwirtschaft tätigen Menschen auf solidarische Unterstützung angewiesen.

Die Vielfalt der spezifischen Landschaften und Sozialstrukturen in Deutschland und anderen Ländern bedarf regionalspezifischer Landnutzungsformen, die sich behutsam und multifunktional an die jeweiligen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Standortgegebenheiten anpassen. Zur kreativen Vielfalt unterschiedlicher Landnutzung trägt die subsidiäre Stärkung lokaler und regionaler Wirtschaftskreisläufe wesentlich bei. In einigen Regionen haben sich kirchliche Bildungseinrichtungen und Verbände intensiv am Aufbau regionaler Vermarktungsstrukturen beteiligt, weil sie darin gute Chancen für eine nachhaltige Landwirtschaft und ein neues Identitätsbewusstsein der ländlichen Räume sehen. Wir begrüßen die Vorschläge der Halbzeitbilanz der Agenda 2000, die Regionalisierung durch geographische Markenzeichen, Regionalvermarktung und Herkunftsbezeichnungen fördern wollen.

Verbraucherverantwortung durch eine neue Kultur bewusster Ernährung

Nachhaltigkeit fordert nicht nur politische und institutionelle Reformen, sondern ebenso neue Wege in der praktischen Lebensgestaltung jedes einzelnen. Bezieht man das Nachhaltigkeitsprinzip auf die Ernährung, so bedeutet dies:

    * mehr Transparenz in der Produktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungskette der Nahrungsmittel;

    * klare Kennzeichnung der Produkte, gezielte Information und qualitätsbewusster Einkauf;

    * Wertschätzung der Nahrungsmittel durch eine Kultur aufmerksamer Zubereitung und bewusster Ernährung.

Zahlreiche Zivilisationskrankheiten stehen in direktem Zusammenhang mit den Essgewohnheiten in unserer Gesellschaft. Die Kosten der ernährungsbedingten Krankheiten in Deutschland werden auf 65 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt; bei Lebensmitteln wird oft an der falschen Stelle gespart. Die Nachfrage nach qualitativ vielseitiger und mehr pflanzlicher Nahrung könnte eine Synergie zwischen Gesundheitsvorsorge und nachhaltiger Landwirtschaft bewirken.

Begleitung der Menschen in der Landwirtschaft – ein kirchlicher Auftrag

Zur Neuorientierung für eine nachhaltige Landwirtschaft können die Kirchen wesentlich beitragen durch das Angebot von Dialogforen zwischen Landwirten, Verbrauchern, Futtermittelherstellern, Lebensmittelverarbeitern und Lebensmittelhändlern, Tier- und Naturschützern, Vertretern der Politik sowie Agrar- und Ernährungswissenschaftlern. Dieser Dialog kann u. a. in den vielfältigen Angeboten der Landvolkshochschulen, der Landvolk- und Landjugendbewegungen sowie der Stadt-Land-Partnerschaften verwirklicht werden. In der Seelsorge und der praktischen Hilfe für die landwirtschaftlich tätigen Menschen engagieren sich die Kirchen durch ihre Dienste auf dem Lande, Betriebshilfsdienste, landwirtschaftliche Familienberatungen und Dorfhelferinnen. All diese Initiativen sollen an die neuen Herausforderungen bei der Veränderung der Landwirtschaft angepasst, weitergeführt und verstärkt werden.

Die Kirchen engagieren sich weltweit durch ihre Entwicklungsdienste und Hilfswerke für die Ernährungssicherheit und landwirtschaftliche Ausbildung der Ärmsten. Gezielte armutsorientierte ländliche Entwicklungsprojekte ihrer Partner in Afrika, Asien oder Lateinamerika versuchen das Recht auf Nahrung exemplarisch umzusetzen und konsequent die Kriterien der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Auch politisch setzen sich Kirchen dafür ein. Dabei hoffen sie, dass solche Ansätze als Signale der Solidarität und der Neuorientierung wahrgenommen und von der Regierungspolitik in den jeweiligen Ländern auf breiter Basis fortgesetzt werden. Wir bitten alle Kirchenmitglieder, die Arbeit der Hilfswerke durch Spenden zu unterstützen.

In christlichen Festen, insbesondere im Erntedankfest, kommen Achtung und Dank im Umgang mit den Gütern der Schöpfung zum Ausdruck. Gerade weil Nahrungsmittel heute für viele im Überfluss vorhanden sind, bedarf es der bewussten Einübung einer solchen Haltung. Der Bewusstseinswandel im Umgang mit Tieren und Nahrungsmitteln schafft eine notwendige Basis für nachhaltige Landwirtschaft und ist ein Zeugnis für gelebten Schöpfungsglauben.

 

Essen wir die Welt? - Ernährung der Zukunft

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Lesetipp aus der Ökumene

Die Arbeitsgemeinschaft der Katohlischen Umweltbeauftragten weist auf zwei Publikationen aus der Ökumene hin. Sie bieten weitere Informationen und Anregungungen für die Diskussion: In der Sachverständigengruppe »Weltwirtschaft und Sozialethik« der Deutschen Bischofskonferenz erschien die Studie »Den Hunger bekämpfen. Unsere gemeinsame Verantwortung für das Menschenrecht auf Nahrung« -
Quelle: http://www.dbk-shop.de/de/DBK/Publikation-der-Wissenschaftlichen-Arbeitsgruppe/Den-Hunger-bekaempfen-1519.html

Der Zentralrat der deutschen Katholiken gibt eine Erklärung "Eckpunkte für eine nachhaltige Landwirtschaft" heraus
Quelle: http://www.zdk.de/veroeffentlichungen/erklaerungen/detail/Eckpunkte-fuer-eine-nachhaltige-europaeische-Landwirtschaft-201W/ 

München, im Juli 2012


Das Jahresthema 2012 von Bildung für Nachhaltige Entwicklung war Ernährung


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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 29. November 2018 23:53