„Der Bischof hätte ein Zeichen setzen können“ – Gedenken an Friedrich von Praun

Der Kirchenjurist starb nach dem Verfahren vor einem NS-Gericht vor 75 Jahren

Porträtbild des Juristen Friedrich von Praun (1988-1944), Opfer der NS-justiz

Der Jurist Friedrich von Praun (1888–1944)  wurde im August 1943 von zwei jungen Nationalsozialistinnen denunziert, weil er – unter dem Eindruck eines Bombenangriffes auf Nürnberg – geäußert hatte, nun könne nicht mehr Göring helfen, sondern nur noch Gott.

Nürnberg (epd). Am 4. April vor 75 Jahren stand der Ansbacher Kirchenjurist Friedrich von Praun in Nürnberg vor Gericht. Nun könne nicht mehr Göring helfen, sondern nur noch Gott, soll er unter dem Eindruck eines Bombenangriffes auf Nürnberg gesagt haben. Das brachte ihm die Anklage der Heimtücke ein. Der Direktor der Ansbacher Landeskirchenstelle musste sich vor Gericht vom Richter anschreien lassen und fiel wohl in völlige Verzweiflung nach dem Beschluss, dass sein Prozess vor dem Volksgerichtshof in Berlin wegen Wehrkraftzersetzung fortgeführt werden sollte. Das glich einem Todesurteil. Zwei Wochen später war von Praun tot. Vermutlich hat er sich in seiner Zelle das Leben genommen. Kirchenrat Björn Mensing von der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau hat den Fall recherchiert. Er ist einer der Redner bei der Gedenkveranstaltung für von Praun im Saal 600 in Nürnberg.

Ist denn jeder Prozess an den Sondergerichten und dem Volksgerichtshof der Willkür-Justiz der Nazis in wildes Geschrei ausgeartet?

Björn Mensing: Die gesamte Justiz war im Dritten Reich gleichgeschaltet. Es wurde nicht mehr nach Recht und Gesetz verhandelt. Aber man versuchte mit der Form der Verhandlung meist noch den Schein zu wahren. Wüste Beschimpfungen waren typisch für den Präsidenten des Volksgerichtshofs Roland Freisler. Wie sich Richter Rudolf Oeschey vom Sondergericht beim Landgericht Nürnberg-Fürth gegen von Praun verhielt, hat ein Pfarrer, der den Prozess beobachtete, 1947 eindrucksvoll geschildert. Der Richter habe den Verteidiger angeschrien, als der versuchte, Entlastendes vorzubringen. Seine Worte gegen ihn und von Praun waren erniedrigend und gehässig. 

Hat sich die Kirche für den Leiter ihrer Landeskirchenstelle eingesetzt?

Mensing: Die Kirchenleitung hat Anteil genommen an dem Verfahren gegen von Praun, das ja bereits 1943 einsetzte. Aber Landesbischof Meiser hätte ein starkes Zeichen setzen können, wenn er von Praun in den sechs Monaten seiner Haft besucht hätte. Das tat er aber nicht, obwohl von Praun selbst sich immer kategorisch hinter Meiser gestellt hatte. Als der Prozess an den Volksgerichtshof verlegt wurde, hat die Landeskirche nicht interveniert – jedenfalls ist dazu nichts überliefert.

Ist Friedrich von Praun der Einzige in der evangelischen Landeskirche gewesen, der sich traute, gegen das Naziregime den Mund aufzumachen?

Mensing: Er ist jedenfalls der einzige aus der Pfarrer- und Beamtenschaft der Kirche, der wegen seiner kritischen Äußerungen sein Leben verlor. Zwei evangelische Pfarrer haben die KZ-Haft überlebt, Karl Steinbauer und Wolfgang Niederstraßer. Es gab aber noch einen Angestellten der bayerischen Landeskirche, der kaum im Blick ist. Martin Gauger arbeitete für den Lutherrat in Berlin. Er wurde aus dem Kirchendienst entlassen, als er erst versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, und dann geflohen war, um dem Kriegsdienst zu entgehen. Er wurde verhaftet, ins KZ verschleppt und dort, schwer erkrankt, als „unnützer Esser“ zur Vergasung selektiert. Auch die Münchnerin Elisabeth Braun, die rassisch Verfolgte bei sich aufgenommen hatte, wurde wegen ihrer eigenen jüdischen Herkunft von den Nazis ermordet.

Interview: Jutta Olschewski (epd)


Die öffentliche Gedenkveranstaltung für Friedrich von Praun findet am 4. April 2019 in Nürnberg in der Informations- und Dokumentationsstätte „Memorium Nürnberger Prozesse“, Saal 600 statt. Außerdem findet an Karfreitag (19. April 2019) ein Gedenkgottesdienst zum 75. Todestag von Friedrich von Praun in der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau statt.