Predigt im Gedenk- und Friedensgottesdienst „80 Jahre Deutscher Überfall auf Polen und Beginn des Zweiten Weltkrieges“

Präses Annette Kurschus, stellvertretende Vorsitzende des Rates der EKD, und Bischof Jerzy Samiec, Präsident des Polnischen Ökumenischen Rates

Es gilt das gesprochene Wort

 

Predigt Teil 1
Präses Dr. h.c. Annette Kurschus

 

„Nicht das Vergessen! Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“, schreibt der aus Polen- Litauen stammende jüdische Gelehrte Baal Schem Tov.
 

Ungeheuerlich, was er der Erinnerung zutraut, liebe Brüder und Schwestern! Sich erinnern: Darin liegt eine Kraft, die auf geheimnisvolle Weise verwandeln und befreien kann.

 

Lässt sich diese Kraft erfahren? Am eigenen Leib? In der eigenen Seele? So werden wir fragen dürfen. Ja, so werden wir fragen müssen an einem Tag wie diesem.

 

In der kommenden Nacht jährt sich zum achtzigsten Mal der Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen. Als polnische Freischärler getarnt überfällt eine Truppe deutscher Offiziere den Radiosender Gleiwitz. Ein erster Schachzug der Propaganda. Die „Schleswig-Holstein“ liegt in Danzig vor Anker – auf Besuch, wie es heißt – und eröffnet das Feuer. Ein Angriff ohne jede Vorwarnung. Und Wielun fällt im Hagel deutscher Bomben, während alles schläft. „Jetzt wird zurückgeschossen!“: Eine erste infame Lüge, die eigene Schuld ins Gegenteil verkehrt. Sechs Jahre später sind 60 Millionen Menschen tot.

 

II.

„Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung.“

 

Sich erinnern ist keine leichte Übung. Es rührt an die empfindlichen Wunden in den Herzen derer, die diese Geschichte hautnah miterlebt haben. Es reißt an den notdürftig verheilten Narben, die immer wieder urplötzlich zu schmerzen anfangen. Angesichts von Schuld und Scham, die ein Leben lang nicht verjähren; angesichts des Schweigens, das noch die Nachgeborenen lähmt.

Nein, sich erinnern ist keine leichte Übung. Eine Zumutung bisweilen, die ganz und gar nicht nach Erlösung schmeckt. Sich erinnern zwingt dazu, hinzuschauen und nachzufühlen. Sich erinnern ruft zur Verantwortung und fordert zur Stellungnahme heraus.

 

Immer lauter werden die Stimmen, die sich dem verweigern und nach einem Schlussstrich rufen. Zu einem „Fliegenschiss der Geschichte“ wird das Unfassbare weggelogen. Dumpfer Nationalstolz feiert neue Urstände. Ein gefährlicher Hohn ist das auf die acht Jahrzehnte sorgsamer Politik und hartnäckiger Diplomatie, die Kirche und Gesellschaft zwischen Deutschland und Polen inmitten eines zusammenwachsenden Europa Schritt für Schritt befestigt haben.

 

Die Erinnerung an diesen Abgrund unserer gemeinsamen Geschichte hat ungeheure Kraft. Offenbar tut sie, wie ein Phantomschmerz, auch und gerade denen weh, die sie verneinen, auf empörende Weise bagatellisieren und ins Gestern amputieren.

 

III.

Nein, sich erinnern ist keine leichte Übung. Eine Zumutung bisweilen, die am Ende jedoch heilsam wirken kann.

 

Davon haben wir eben, als die Zeitzeugen erzählten, eine Ahnung gewonnen. Deutsche und Polen haben aus ihren persönlichen Lebens- und Familiengeschichten erzählt. Seite an Seite, in ihrer je eigenen Sprache. Von Krieg und Verlust, von Demütigung und Vertreibung. Offen und ehrlich haben sie erzählt. Nichts geschönt, nichts verbrämt. Mit Respekt und gegenseitiger Anteilnahme.

 

Dass dies heute, 80 Jahre nach den Ereignissen des 1. September 1939, möglich ist; dass dies hier möglich ist, in der Trinitatiskirche Warschau, damals von deutschen Fliegerbomben zerstört; dass wir uns gemeinsam erinnern und gemeinsam erzählen: Das erfüllt mich mit dankbarer Ehrfurcht. Es lässt mich staunen über die Kraft der Erinnerung. Sie kann tatsächlich auf geheimnisvolle Weise verwandeln. Kein Stacheldraht hält sie im Zaum. Keine Mauer versperrt ihr den Weg. Keine Grenze schüchtert sie ein. Im Gegenteil. Wo man sie hindern will, sucht sie neue Wege, Brücken und Schlupfwinkel. Wo man sie einsperrt, nagt sie sich frei. Wo man sie klein hält, wächst sie über sich hinaus. Und über diejenigen, die sie verharmlosen oder verweigern oder leugnen, erst recht.

 

Davon zeugen neben den schmerzlichen und schlimmen auch die hoffnungsvollen und glücklichen Geschichten. Die von behutsamer Annäherung erzählen, von ersten Begegnungen, von wachsender Verständigung zwischen Deutschen und Polen. Über Jahrzehnte wurden solche Geschichten erlebt, aufgeschrieben, weitererzählt. Von Versöhnungspionieren und Brückenbauerinnen auf beiden Seiten. Auch von unseren Kirchen. Die Geschichten sind noch längst nicht fertig, weil Erinnern nur einen Anfang hat.

 

IV.

„Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung.“  Baal Schem Tov hat sich das nicht ausgedacht. Er hat es den Schriften Israels abgelauscht.

 

Sich erinnern: In der Geschichte Gottes mit seinem Volk heißt das nie, auf ein ewig Gestriges ausgerichtet zu sein oder eine abgeschlossene Vergangenheit zu beschwören. Wer sich an das Frühere erinnert, tut das immer um der Gegenwart willen. Und zugunsten der Zukunft.

 

Ich erinnere mich an das, was gestern war, um heute wach zu leben und aufmerksam zu handeln – und um morgen verantwortliche neue Schritte zu wagen.

 

Jesus führt seine Jünger damals und uns heute immer wieder in den Erinnerungsraum des Volkes Israel hinein. Richtet und aus auf das Wort Gottes, das wahrhaftiger ist als unser menschliches Reden; auf Gottes Kraft, die größer ist als unser Vermögen; auf Gottes Vergebung, die weiter reicht als unser Versagen; auf Gottes Verheißung, die über die Abgründe unserer Geschichte hinausweist.

 

Denn das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. (Johannes 14,24)

 

Gottes Wort ist von schöpferischer Kraft. Es erlöst. Es vergibt. Es versöhnt. Es ist unverfügbar. Es wirkt, wo und wie und wann es will. Es bleibt heilsames Geheimnis.

 

Wir besitzen es nicht, aber wir gewinnen Anteil daran, werden mit hineingenommen, indem wir uns und einander immer wieder daran erinnern.

 

Denn der Tröster, der Heilige Geist, sagt Jesus, den mein Vater senden wird, wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.   (V. 26)

 

Womöglich hat die Erinnerung von daher ihre wundersam verwandelnde Kraft. Gott selbst ist darin am Werk. Gott selbst hilft uns zu Vergebung und Versöhnung. Gott selbst erlöst uns von Scham und Schuld, vom Schmerz der Wunden und Narben, von Sprachlosigkeit und Lähmung. So wird mitten unter uns seine Verheißung wahr:

 

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. (V. 27)

 

Geben wir also der Erinnerung Raum, liebe Brüder und Schwestern. Auf dass wir unser Heute besser verstehen lernen und Mut gewinnen, unser Morgen gemeinsam zu gestalten. Gott will uns und braucht uns für sein Friedensprojekt. In Deutschland und Polen, für Europa und die eine Welt.

 

Amen.

 

Predigt Teil 2
Bischof Jerzy Samiec

Präsident des Polnischen Ökumenischen Rates, Leitender Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, polnischer Co-Vorsitzender des deutsch-polnischen Kontaktausschusses

Verantwortung für die Zukunft

Schwestern und Brüder in Christus!

Es wäre besser, wenn es keinen Grund gäbe, den heutigen Gottesdienst zu veranstalten. Die Erinnerung an den 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs erinnert uns an den unermesslichen und unsäglichen Schmerz, den Menschen aus verschiedenen Nationen erfahren haben. Menschen, die ein ruhiges und friedliches Leben führten und ihre Träume verwirklichen wollten. Sie wollten lieben, arbeiten, eine Familie gründen, Kinder großziehen, reisen, spielen, die Schönheit der Welt bewundern, einfach leben. Stattdessen hat man sie aus ihren Häusern vertrieben, eingesperrt, ermordet, gezwungen, Uniformen zu tragen und zu kämpfen. Anstelle von Liebe kam Hass, anstelle von Freude Schmerz und Verzweiflung. Anstelle von Frieden Angst um die Zukunft. Es ist gar nicht möglich, die Grenzenlosigkeit dieses sinnlosen Leidens zu beschreiben.

Der Krieg veränderte das Gesicht Europas und der Welt für immer. Es geht nicht nur um das Machtgleichgewicht oder den neuen Verlauf der Grenzen. Es geht vor allem darum, dass wieder einmal die Grenzen dessen, was ein Mensch einem anderen antun kann, überschritten worden sind. Grenzen, die nie hätten überschritten werden dürfen. Die Gräueltaten des Krieges konnten nicht zuletzt auch dadurch entstehen, dass die Normen der Humanität allmählich verschoben wurden. Nichts fällt plötzlich vom Himmel. Im Ersten Weltkrieg war bereits der Einsatz von Kampfgasen möglich, die Hunderttausende Soldaten vergifteten, Menschen wurden in Lager gesperrt. Und in den 1930er Jahren ging man dann einige Schritte weiter. 

Möglich wurde dies jedoch auch, weil die Entscheidungsträger eine falsche Lehre von der Überlegenheit eines Menschen gegenüber einem anderen verbreiteten. Bessere und schlechtere Menschen. Die Herrenrasse auf der einen Seite und die Untermenschen auf der anderen, die weniger Rechte hatten, wenn überhaupt.

Man verbreitete die Lüge unter den Menschen, dass die Bedürfnisse der Nation über die Bedürfnisse des Einzelnen gestellt werden müssten. Ausgehend von einer solchen Sichtweise war es möglich, die volle staatliche Kontrolle über den Bürger auszuüben.

Leider haben die Kirchen nicht die Kraft gefunden, die Wahrheit von Gottes Liebe zu bezeugen und in Erinnerung zu rufen: dass Gottes Liebe allen Menschen gilt – ob sie gläubig oder ungläubig sind; dass Gott sie gleich an Würde geschaffen hat; dass Christus für jeden Menschen am Kreuz gestorben ist, gleich welche Hautfarbe er hat und welcher Nation er angehört, und dass nicht etwa die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation die Menschenwürde des Einzelnen ausmacht, sondern die Tatsache, dass er ein Geschöpf Gottes ist. Leider waren die Kirchen bereit, Kanonen und die Ideologien von Faschismus und Nationalsozialismus eigennützig zu segnen. Diejenigen, die protestierten, mussten einen hohen Preis dafür bezahlen, dass sie sich auf die Seite der Wahrheit stellten. Der Widerstand dieser Wenigen entlässt die Kirchen nicht aus ihrer Blamage und Verantwortung, die, statt auf die Stimme des Erlösers zu hören, sich dazu entschlossen haben, das Evangelium zu verraten und dem Schrei der Anführer zu folgen, die das sagten, was die Menge hören wollte, und zynisch die niedersten Instinkte ausnutzten.

Heute lesen wir die Worte Jesu: Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch! Nicht einen Frieden, den ihr hier auf der Welt erwartet. Wir wissen, dass der Messias von einem viel wichtigeren Frieden spricht, einem Frieden, den er in die Herzen seiner Jünger einfließen ließ. Einem Frieden, der  nabhängig von äußeren Situationen und Umständen ist, in denen wir uns befinden. Ein Friede, den nur Gott, der Heilige Geist, gibt. Ein Friede, der untrennbar mit der Liebe Gottes und dem Opfer Jesu am Kreuz verbunden ist. Ein Friede, der aus der Tatsache entsteht, dass wir die Verheißung des ewigen Lebens im Reich Gottes empfangen haben.

Mit dem Frieden Christi in unseren Herzen sind wir der verantwortungsvollen Gestaltung der Welt, in der wir leben, verpflichtet. Die schmerzhafte Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg veranlasst uns, über die Zukunft nachzudenken und Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in der wir leben.

Und doch wissen wir, dass es uns heutzutage nicht an neuen – oder vielleicht doch alten – Problemen mangelt. Sie kommen alle auf das Gleiche hinaus: auf den Stolz eines Menschen, der glaubt, dass er selbst Gott für sich und andere sein kann.

Die Aufgaben, mit denen unsere Gesellschaften konfrontiert sind, wurden mehrfach genannt und eingeordnet. Die Frage ist, ob wir in der Lage sind, sie zu erfüllen?

Es genügt, die Situation der Flüchtlinge oder Einwanderer zu erwähnen. Wir wissen, dass das Problem durch den Klimawandel wachsen wird. Hunger und Krieg werden die Menschen zwingen, nach neuen Lebensräumen zu suchen. Natürlich können das reiche Europa und die Vereinigten Staaten sagen: „Das ist nicht unser Problem – wir haben niemanden eingeladen.” Aber dürfen wir Christen in aller Ruhe beten, wenn wir wissen, dass Millionen Kinder Gottes verhungern? 

Denn Klimaschutz ist nicht nur ein Kampf um saubere Luft und die Erhaltung der Trinkwasserressourcen, sondern auch ein Kampf um wirtschaftlichen Einfluss, um Dominanz in der Region und weltweit.

Die Spannungen, die dabei entstehen, wecken alte Dämonen. Wie leicht ist es, Menschen zu manipulieren, wenn man in ihnen Ängste schürt und erzählt, dass Fremde gefährlich seien. Leider gibt es auch auf beiden Seiten der Oder wieder Parolen, die andere ausschließen. Anstatt Brücken des Verständnisses zu bauen, werden alte und neue Fronten des Kampfes geschaffen.

Wenn wir uns heute an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erinnern, sollten wir Christen von unserer Verantwortung für unsere Gegenwart und Zukunft sprechen. Wir verfügen über mindestens drei Instrumente, um dies zu erreichen. Das erste besteht darin, sich in sozialen Fragen auf allen Ebenen – von den Kommunen bis zu den Parlamenten – zu engagieren. Das zweite besteht darin, über die Gefahren zu sprechen und die Entscheidungsträger unter Druck zu setzen, damit sie ihre Eigeninteressen zurückstellen. Wir müssen sie auch an ihre Verantwortung für ihre Worte erinnern, denn Worte sind äußerst kraftvoll und können sehr viel Schmerz und Unheil verursachen. Schließlich brach der Zweite Weltkrieg durch die „großen Worte“ von Führern aus, die sich nach dem Vertrag von Versailles „von den Knien erheben“ wollten und den Menschen einfache Antworten auf schwierige Fragen boten.

Das dritte Instrument ist das Gebet. Wenn ich die Entwicklung der Situation in unseren Gesellschaften beobachte, komme ich zunehmend zu dem Schluss, dass wir die Schwelle, von der aus es schwierig sein wird zurückzukehren, bereits überschritten haben. Wir können darum bitten, dass derjenige, der uns seinen Frieden schenkt, in unsere Welt eingreift, denn ohne seine Hilfe werden wir nicht zurechtkommen. Lasst uns wachsam und verantwortlich für das Geschick dieser Welt sein.

Amen.

Cover des Gottesdienstheftes

Predigt, Laudatio und Grußworte im Gedenk- und Friedensgottesdienst in Warschau

Dreifaltigkeitskirche am 31 August 2019