Credo – Seelsorge als gelebter Glaube

Einführungsvortrag zur Herbstagung der Landessynode der Evangelischen Kirche in Baden am 22.10.2012 in Bad Herrenalb

Erster Referatsteil: Prof. Dr. Kerstin Lammer

A. Einleitung

 

Sehr geehrte Frau Synodenpräsidentin Fleckenstein,

sehr geehrter Herr Landesbischof Fischer,

sehr geehrte Herren und Damen,


die Evangelische Kirche in Baden entwickelt eine Seelsorgegesamtkonzeption. Sie widmet der Seelsorge den Schwerpunkt ihrer Landessynodentagung – ich freue mich darüber sehr und bin Ihrer Einladung an uns beide, daran mitzuwirken, sehr gern gefolgt. Denn die Sorge um die Seele ist die ureigenste und die vornehmste Aufgabe der christlichen Kirchen, von alters her bis heute.

Schon die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte haben die cura animarum, die Sorge um die Seele, als Kernziel kirchlichen Handelns gesehen. Die Alte Kirche unterschied zwischen der allgemeinen und der speziellen Seelsorge. Die allgemeine Seelsorge (cura animarum generalis) meint die Gesamtheit des kirchlichen Auftrags: Alles kirchliche Handeln zielt auf Rettung und Heilung der Seele. In der speziellen Seelsorge (cura animarum specialis) wird der kirchliche Auftrag an individuellen Menschen und ihrem individuellen Befinden ausgerichtet, d.h. der allgemeine Auftrag wird spezifisch konkretisiert als situations- und personbezogener seelischer Beistand.
Auch in der Neuzeit hat Seelsorge eine zentrale Bedeutung im kirchlichen Handeln und im Kirchenbild der Menschen. In Deutschland erkennt man das am Sprachgebrauch: Seit dem ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert werden die Begriffe „Pfarrer“ und „Seelsorger“ als gleichbedeutend verwendet.
Und in der Gegenwart unterstreichen die Befunde kirchensoziologischer Untersuchungen, dass Seelsorge (wie man das neudeutsch nennt) zum „Markenkern“ der Evangelischen Kirche gehört. Alle Kirchenmitgliederbefragungen zeigen übereinstimmend: Was die Kirchenglieder von ihrer evangelischen Kirche erwarten, ist vor allem Seelsorge in den Wechselfällen des Lebens, in Übergangs- und Krisensituationen und in besonderen Lebenslagen. Die Menschen wollen eine Kirche, die für sie da ist, wenn sie sie brauchen, genauer: die Leute wollen eine Kirche, die seelsorglich für sie da ist, wenn sie das brauchen.

„Ich war krank, und ihr habt mich besucht.“ „Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt 25,36), so lauten biblische Vorbilder der Seelsorge, und wir können ergänzen:
Ich war verzweifelt, und ihr habt mich getröstet. Ich wusste nicht mehr weiter, und ihr habt mich beraten. Ich bin krank, ich bin alt, ich werde sterben. Mir stirbt mein liebster Mensch. Ich wurde verlassen. Ich habe Probleme in meiner Partnerschaft oder in der Erziehung meiner Kinder. Ich hatte einen Unfall. Ich bin umgezogen und bin hier allein. Ich habe etwas Falsches getan und schäme mich. Ich bin einsam, ich habe Angst, ich habe Sorgen, ich bin enttäuscht vom Leben. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich muss eine Entscheidung treffen. Ich brauche Gemeinschaft, ich will einen Rat.
Und Ihr sollt mir beistehen, mich besuchen, begleiten, mir zuhören, mich aushalten, euch um mich sorgen, Zeugen für mein Ergehen sein. Mein Elend ansehen, mich bei meiner rechten Hand halten. Mich reden, weinen und schreien lassen, mit mir schweigen. Hoffnung für mich haben, meinen Fragen mit mir nachgehen, mir Klärungshilfe geben. Mir Trostworte sagen, mit mir beten, mich segnen.“

Appelle an die Seelsorge lauten: Hilf mir, mein Leiden zu tragen. Hilf mir, Sinn zu finden. Hilf mir, das Richtige zu tun. Hilf mir, Lebensfragen zu klären. Hilf mir, weiterzuleben. Meine Seele dürstet.

Dann und dort, wo Menschen Fragen haben, die sie unbedingt angehen, antwortet die Seelsorge. Um Gottes Willen leistet sie seelischen Beistand. Sie geht den Sinnfragen nach, die in besonderen Lebenssituationen aufbrechen. Sie kann dabei behilflich sein, ein erschüttertes Selbst- und Wirklichkeitsverständnis neu zu strukturieren. Sie ist gelebte, gefragte Theologie. Sie bewährt Theologie am Leben.
Dadurch beantwortet sie die Relevanz- und Plausibilitätsfragen, die Menschen an Theologie und Kirche stellen. Dadurch entwickelt sie zugleich auch die theologische und pastorale Identität der Seelsorgenden.

Wir möchten Ihnen heute Morgen als Auftakt für Ihre Überlegungen zur Seelsorgekonzeption der Landeskirche eine kleine Theologie der Seelsorge anbieten, angelehnt an die drei Artikel des Glaubensbekenntnisses.

Ich glaube an Gott, den Vater, meinen Schöpfer.

Ich glaube an Gott, den Sohn, meinen Erlöser.

Ich glaube an Gott, den Heiligen Geist, meinen Vollender.


Was bedeutet das für die Seelsorge?


Und wie setzt Seelsorge unseren Glauben in eine gelebte, für Menschen erfahrbare Gestalt um? Kollege Drechsel und ich werden das abwechselnd entfalten.


Lassen Sie mich vorab noch auf eine Frage antworten, die mir Ihr Vizepräsident, Herr Fritz, im Vorgespräch als wichtige Frage mancher Synodaler gestellt hat: Wo ist der Ort der Seelsorge im kirchlichen Leben, speziell: Wie ist das Verhältnis von Seelsorge und Verkündigung?

Dass diese Frage entsteht, ist sehr verständlich, aus zwei Gründen:

Erstens geschieht Seelsorge sehr oft im Stillen, im Verborgenen. Das Seelsorgegeheimnisgesetz, das Sie in der Synode schon beschäftigt hat, deutet ja darauf hin: Seelsorge muss im Schutz der Verschwiegenheit geschehen, sonst könnte man sich uns nicht anvertrauen. Und daher sind die Orte und die Erfolge der Seelsorge nicht sichtbar, sie haben (mit Ausnahme der Notfallseelsorge) keine große Presse. Aber auch wenn man sie meist nicht sieht – genau wie das Gebet ist Seelsorge zentral im kirchlichen Leben.
Der Ort der Seelsorge im kirchlichen Leben ist überall, wo unser Auftrag als Kirche ist, also überall, wo Menschen sind. Wo sie wohnen, arbeiten, Freizeit und Urlaub machen, unterwegs sind, wo sie auf Zeit sind – im Krankenhaus, im Heim, im Gefängnis, im Militär. Überall, wo Kirche einen Auftrag hat, hat sie auch einen seelsorglichen Auftrag. „Geht hin in alle Welt“ (Mk 16,15) und „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Zweitens. Auch, wenn man sie sieht, sieht Seelsorge heute nicht immer aus wie Seelsorge. Sie ist manchmal kaum von anderen helfenden Gesprächen zu unterscheiden. Wir arbeiten heute in der Seelsorge fachlich auf Augenhöhe mit anderen helfenden Berufen, d.h.: humanwissenschaftlich informiert, methodisch geschult nach den Regeln der Kunst psychologischer und psychosozialer Beratung. Und das ist gut so.

Es gibt einen alten Streit über Seelsorgekonzepte: Vertreter eines verkündigenden Seelsorgeansatzes verstehen Seelsorge als eine Art Predigt an den einzelnen Menschen; jedes Seelsorgegespräch soll als christlich erkennbar werden, indem der Seelsorger / die Seelsorgerin explizit Gott und Jesus Christus zur Sprache bringt.
Darauf antworten die Kritiker: Ihr sollt die Not und die Fragen erst nehmen, mit denen die Menschen zu Euch kommen, anstatt sie zum Missionieren zu missbrauchen.
Vertreter eines beratenden Seelsorgeansatzes verstehen Seelsorge als eine Art Psychotherapie im kirchlichen Kontext; jedes Seelsorgegespräch soll sich dem Anliegen widmen, mit dem der Pastorand / die Pastorandin kommt und bestmöglich darauf eingehen – d.h. auch mit den bestmöglichen Mitteln, also methodisch versiert. Und darauf antworten die Kritiker: Was ist denn daran noch christlich, wo bleibt denn da das kirchliche Proprium und die Erkennbarkeit?
Diesen Streit sollten wir heute hinter uns lassen, denn er macht falsche Alternativen auf. Wir kommunizieren Theologie in der Seelsorge auf unterschiedliche, explizite und implizite Weise.

Das heißt für die Frage nach dem Verhältnis von Seelsorge und Verkündigung: Sie sind nicht identisch und sie sind auch nicht verschieden. Weder soll man in der Seelsorge Predigten halten. Noch soll Verkündigung ausschließlich der Predigt vorbehalten bleiben. Sondern: Beide, die Predigt und die Seelsorge, verkündigen unseren Glauben auf ihre eigene Weise:
Die Predigt erläutert die Inhalte christlicher Verkündigung, die Seelsorge praktiziert sie. Was man in der Predigt sagt und hört, tut und erlebt man in der Seelsorge. Seelsorge ist vollzogene Theologie (ob sie im je einzelnen Gespräch theologisch redet oder nicht). Sie ist Repräsentanz christlicher Gotteslehre (Theologie). (1) Sie ist Vollzug der christlichen Lehre vom Menschen (Anthropologie). (2) Daher ist Seelsorge gelebter Glaube, ob sie vom Glauben explizit redet oder nicht. (3)

 

B. Das Glaubensbekenntnis, seelsorglich gelesen

 

Die Grundthese: „Seelsorge ist vollzogene Theologie“ illustrieren wir im Folgenden entlang der drei Artikel des Glaubensbekenntnisses. (4) Ich beginne mit dem ersten.

 

Erster Glaubensartikel:

Ich glaube an Gott, meinen Schöpfer.

 

Ein Pfarrer wird von einem jungen Ehepaar in seiner Gemeinde um einen Hausbesuch gebeten. Das Paar hat sich lange ein Kind gewünscht; kürzlich kam die ersehnte Tochter zur Welt. Der Pfarrer kommt ins Haus und wird auf die Terrasse gebeten, wo die Mutter weinend vor dem Kinderwagen sitzt. Kaum, dass sie ihn begrüßt hat, steht die Mutter auf, nimmt die kleine Tochter aus dem Kinderwagen und drückt sie dem Pfarrer wortlos in die Arme. Er nimmt das Kind an, sieht es an und sieht: Es hat erkennbar schwere Behinderungen. Schweigend steht er da und hält das Kind einfach nur in seinen Armen. Die Minuten dehnen sich, das Kind zu halten wird ihm immer schwerer, es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit. Währenddessen hört die Mutter auf zu schluchzen und beruhigt sich. Nach einiger Zeit streckt sie die Arme aus, nimmt das Kind, lächelt ihn an und sagt: „Danke, Herr Pfarrer, vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen.“
Wie hat der Pfarrer hier „sehr geholfen“, ohne ein einziges Wort zu sprechen? Durch Repräsentanz christlicher Theologie. Was die Frau brauchte, hat er getan (und hat es zu
Recht als schwer empfunden): Er - als Pfarrer eine religiöse Symbolfigur - hat das versehrte Kind angenommen, angesehen, getragen und gehalten, so lange, bis es genug war. Stellvertretend für Gott, in dessen Namen er kam, hat er gezeigt: Er hat ihr Elend angesehen. Er erhebt sein Angesicht auf sie und gibt Frieden. Er trägt und hält sie. Auch als Versehrte, Verletzte. Sie ist nicht heil, aber gesegnet. Sie gehört zu den Seinen.

 

Meine Damen und Herren,

wir glauben, dass wir da sind, weil Gott uns gewollt und zu seinem Ebenbild geschaffen hat, jeden einzelnen Menschen. Allein daher hat jeder Mensch unantastbare Würde und unantastbaren Wert. Wie gebrochen, unvollkommen und versehrt er auch sei - er ist unserer Achtung und Zuwendung wert. Diese Zuwendung muss aus christlicher Sicht keinen „Zweck“ haben, weil Menschen nicht zu verzwecken, sondern selbstzwecklich sind. Um Seelsorge in Anspruch zu nehmen, muss man folglich keine Voraussetzungen erfüllen und keine Ziele erreichen können. Seelsorge verlangt keine Erfolgsaussichten – das unterscheidet sie von allen anderen Beratungsformaten. Um seelischen Beistand zu erhalten, muss man nicht therapie- und heilungsfähig, nicht veränderungs- oder besserungswillig und nicht bekehrungsbereit sein. Seelsorge ist in diesem Sinne zweck- und ziellos – aber nicht grundlos. Ihr theologischer Grund lautet gemäß dem ersten Glaubensartikel so:

Weil wir an einen Gott glauben, der die Menschen ins Leben ruft und in nachgehender Sorge nach ihnen sucht und fragt, gehen wir den Menschen in der Seelsorge suchend und fragend nach. „Adam, wo bist du?“, ruft Gott in der Sündenfallgeschichte. Wo bist du? Wo stehst du? Was ist los mit dir? Was hast du getan? Was ist dir passiert? Wie geht es dir? Wie geht es mit dir weiter?, fragen wir in der Seelsorge.
Seelsorge bietet Raum zur Selbstthematisierung und zur Entwicklung von Selbst-Bewusstsein. Mit Selbstbewusstsein ist dabei nicht falscher Stolz gemeint, sondern eine
realistische Selbsteinschätzung als Kreatur, die der Kontingenz ausgeliefert ist. Wir haben unser Leben nicht in der Hand. Wir sind Geschöpfe. Wir stoßen an unsere Grenzen und Einschränkungen, an unsere Verletzlichkeit und Versehrtheit, an unsere Sterblichkeit. Auf unsere Angewiesenheit. Ich verdanke mich nicht mir selbst. Alles, was im Leben wirklich wichtig ist, kann ich nicht machen, nicht kaufen, ich kann es mir nicht nehmen und mir nicht selber geben – ich kann es mir nur schenken lassen. Ich werde geboren, ich werde geliebt, ich werde gepflegt. In der christlichen Anthropologie nennen wir das das „anthropologische Passiv“. Wenn ich das auf die Seelsorge anwende, dann heißt das: Ich bin Mensch, indem ich einen anderen für mich da sein lasse. Ich bin Mensch, indem ich für einen anderen da bin. Wir sind Menschen, indem wir füreinander da sind. Als Christen wissen und akzeptieren wir das. Deshalb kann unsere Kirche nur eine seelsorgliche Kirche sein.

In der Seelsorge werden wir für den anderen Menschen so da sein, dass wir das Wort Gottes am Menschen ausrichten, und nicht umgekehrt. D.h., nach allen methodischen

Regeln der psychologischen und theologisch-hermeneutischen Gesprächsführungskunst werden wir sorgfältigst auf den einzelnen Menschen und seine Nöte, Anliegen und

Lebensfragen eingehen, bis diese sehr genau verstanden und auf ihren existentiellen Gehalt hin befragt sind. Wir werden den Gesprächspartnern unsere ganze Auslegungskompetenz zur Verfügung stellen, um ihnen dabei behilflich zu sein, ihr eigenes Verständnis von dem, was ihnen widerfährt, zu erkunden und zu entwickeln. Wir werden dabei auf verschiedenste Privattheologien unserer GesprächspartnerInnen stoßen – und erst dann ggf. unsere eigenen theologischen Deutungsangebote und rituellen Darstellungshilfen der christlichen Tradition anbieten - im Gestus eines partnerschaftlichen Dialogs.

Das hat nicht nur psychologische Gründe, die ich hier nicht ausführe. Es hat auch einen eminent theologischen Grund:

Als Evangelische ChristInnen halten wir dafür, dass der Mensch allein aus Glauben gerettet wird. Das heißt, dass der Inhalt des Glaubens nur für denjenigen erlösend wirkt, der ihn selbst mit dem Verstand und mit dem Gemüt begreifen und sich aneignen kann. So wie es bei Angelus Silesius heißt: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht für mich, so wär‘ ich doch verloren.“ Deshalb gibt evangelische Seelsorge nicht ungefragt theologische Antworten auf Fragen, die die GesprächspartnerInnen nicht gestellt haben. Sondern sie unterstützt Menschen dabei, die existentiellen Fragen zu stellen, die sie zu ihrer aktuellen Lebenssituation haben, und Antworten darauf zu suchen, die sie glauben können. Auch da, wo der weltanschauliche Referenzrahmen der Gesprächspartner vom christlichen unterscheidet, müssen Seelsorgende theologisch auskunftsfähig sein, wenn es gefragt ist. Und sie können die Schätze der eigenen Glaubenstradition zur Verfügung stellen, wo es sich anbietet - allerdings nicht in imperialer Manier des Besserwissens, sondern als dialogisches Angebot alternativer Sichtweisen in einem modernen Sinne von Perspektivwechsel und Perspektiverweiterung. Denn Seelsorge ist ein Dienst, kein Herrschaftinstrument.

 

2. Referatssteil: Prof. Dr. Wolfgang Drechsel

Ich glaube an Gott, meinen Erlöser

 

Im Blick auf Gott den Schöpfer und Erhalter lässt sich die theologische Grundlegung von Seelsorge in den einfachen Liedvers fassen: „Befiehl Du Deine Wege - und was Dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt.“ Hier geht es darum, all das, „was das Herze kränkt“ und krank macht, der umfassenden Sorge des Schöpfers anzuvertrauen.
Demgegenüber findet sich die Basis allen seelsorglichen Handelns im Blick auf den zweiten Glaubensartikel „Ich glaube an Jesus Christus, meinen Erlöser“ auf hochexemplarische Weise in einem anderen Liedvers, den wir alle kennen:
„Wenn ich einmal soll scheiden, dann scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür,
erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod und lass mich sehn dein Bilde, in deiner Todesnot.“
Was hier - bei aller konkreten Bezogenheit auf das eigene Sterben - sichtbar wird, das ist: Gott ist mir - in jeder Stunde meines Lebens - immer schon voraus, mitten im Leben.
Er hat sich in seiner Liebe in Jesus Christus auf etwas eingelassen, das wir in der Selbstverständlichkeit unseres Glaubens oft gar nicht mehr wahrnehmen. Er ist ein Mensch geworden, er hat sich radikal auf das Menschsein eingelassen, um uns in seiner Liebe nahe zu sein. In Jesus Christus wird die Lebens- und Liebesgeschichte Gottes ganz konkret, als Immanuel - als Gott für uns. So wie es in einem Weihnachtslied heißt: „Er äußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering, er nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.“
Und Seelsorge, die aus dem Glauben lebt, und sich durch Jesus Christus in Gottes Liebe getragen weiß, versucht immer wieder neu - sich diesem radikalen Menschsein zu stellen, dem eigenen und dem des Nächsten.

 

Dazu ein Beispiel:

Eine Seelsorgerin entdeckt auf ihrer Station im Krankenhaus eine Krebspatientin, die sie vor einem halben Jahr schon einmal besucht hatte. Damals wurde diese gerade entlassen. Voller Hoffnung. Nun ist sie wieder da. Die Schwester sagt: „Der ganze Bauch voller Metastasen. Heute hat ihr der Arzt gesagt, dass sie sie auf die Palliativstation verlegen wollen.“ Leicht fällt es nicht, da jetzt ins Zimmer zu gehen. Und alle Ängste und Phantasien vor der Tür werden dann noch übertroffen von der Realität im Zimmer. Eine Stunde lang überschüttet die Patientin sie. Mit all dem, wie es war, die letzten Tage, wo der neue Befund kam. Mit all den konkreten Schmerzen, die sie hat. Mit all dem Leid und der Angst und den Gedanken an eine Zukunft, die nur mehr wie ein Abgrund ausschaut. Die Seelsorgerin selbst it wie erschlagen, doch sie hört zu. Fragt ab und zu nach, ob sie auch richtig verstanden hat. Aus der Klage wird Anklage, gegen die Ärzte, gegen das Schicksal, gegen Gott und gegen die Seelsorgerin, die ja auch nichts tun könne. Die Seelsorgerin – in all ihrem eigenen Erschüttertsein, das sie empfindet – bleibt da. Dann bricht die Patientin in Tränen aus. Wird geschüttelt vom Schluchzen. Weint dann lange still vor sich hin. Die Seelsorgerin hält schweigend die Hand der Patientin. Dann wird es still im Raum. Längere Zeit. Irgendwann verabschiedet sich die Seelsorgerin. Die Patientin hält ihre Hand mit beiden Händen fest. „Danke dass sie da waren und mich ausgehalten haben. Das gibt mir Kraft. Und – beten sie für mich.“

Hier mag etwas von dem spürbar werden, was es bedeuten kann, wenn wir von Seelsorge als einem Sich-Einlassen auf das radikale Menschsein sprechen. Selbstverständlich ist da zuerst einmal die erschreckend spürbare Nähe des Todes bei der Patientin, mit aller enttäuschten Hoffnung, aller Anspannung und Wut und Verzweiflung. Aber da ist auch das Dasein und Dableiben der Seelsorgerin.
Um Jesu Christi willen.
Sich der Verzweiflung, Klage und Anklage zu stellen und die auch auszuhalten.
Wir alle wissen ja, wie schnell in solchen Situationen vertröstende Sätze über die Lippen, gehen. Und hier: Statt Vertröstung, Trost im gemeinsamen Aushalten.

Und erst in der Solidarität solchen Mittragens lässt sich dann auch Hoffnung entdecken -eine Hoffnung, als Bitte an den, der größer ist als Leben und Tod - im Gebet. Eine Hoffnung, die mitten im Leben nicht einfach vorgegeben ist, sondern immer wieder erzweifelt werden muss – wenn wir als Seelsorgerinnen und Seelsorger unseren Grund in Jesus Christus finden, der die schmerzlichen Tiefen des Menschseins in Getsemane durchlebt hat. „Der Grund da ich mich gründe, ist Christus und sein Blut, das machet dass ich finde das ew´ge wahre Gut.“

Seelsorge ist der Ernstfall der Gottes- und der Menschliebe.
Sie ist gegründet in der erfahrenen Liebe Jesu Christi und wendet sich - bei aller notwendigen Professionalität - dem Nächsten zu, in dieser liebenden Haltung.
In Ehrfurcht und Respekt - als dem Nächsten, dem die Liebe Jesu Christi auch gilt. Zweckfrei, ohne heimliche Absichten. Um seiner selbst willen.

Wenn wir Seelsorge ganz unmittelbar betrachten, sieht sie schlicht wie eine Zwei-Personen-Beziehung aus - wie wir es eben in unserem Beispiel gesehen haben. Und doch ist sie immer eine Dreier-Beziehung: Sowohl der Seelsorgepartner, wie auch der Seelsorger, die Seelsorgerin stehen vor Gott in Jesus Christus, auch dann, wenn der Seelsorgepartner das überhaupt nicht zum Thema macht.
Für den Seelsorger - aus seiner Glaubenshaltung heraus - ist Gott schon da, in Jesus Christus, ja er kann ihm in dieser konkreten Person begegnen.
Und das hat immer auch Konsequenzen: Wer davon ausgeht, dass ihm in seinem Gegenüber Jesu Christus begegnen kann, der hat nicht nur einen Fall vor sich, einen
Klienten oder etwa Kunden. Und der muss damit rechnen, dass es nicht allein der leidende Jesus ist, dem er da begegnet, und dem es aufzuhelfen gilt, sondern immer auch der auferstandne und erhöhte Herr, der Weltenrichter, der auch alles Drüberstehen und alle Besserwisserei des Seelsorgers in Frage stellt.

Seelsorge lebt aus Ehrfurcht und Respekt vor dem Seelsorgepartner. Es gilt ihm in liebender Zuwendung zu begegnen. So kann im Seelsorgegeschehen Evangelium sich ereignen, nicht nur als gesprochenes Wort, sondern als ein Geschehen. Als eine Form der gelebten Rechtfertigung.

 

Diese sich zuwendende, annehmende Seite der Seelsorge war eine wirkliche Neu- Entdeckung einer alten christlichen Glaubenstradition vor gut 50 Jahren. Dabei ging es um die Entdeckung, dass die Botschaft des Evangeliums nicht beim Zuhörer ankommt, wenn das, „was“ gesagt wird, nicht übereinstimmt mit dem „Wie“ es gesagt wird. Und das heißt: Ein wirkliches „Ernst-Nehmen“ des Seelsorgepartners, ein ihn Wahrnehmen und Annehmen, schafft überhaupt erst die Grundlage für eine Hören-Können auf die Sache des Evangeliums. Allerdings ist damals im Überschwang dieser Erkenntnis das Pendel auch stark in diese neue Richtung ausgeschlagen.
Wenn da in der damaligen Vorstellung einer primär „beratenden Seelsorge“ die Rede war von Seelsorge als der „bedingungslosen Annahme, so wie Christus uns angenommen hat“, so hat dies letztlich immer wieder zu einer Überforderung von Seelsorgerinnen und Seelsorgern geführt. Und es bedurfte eines durchaus mühsamen Prozesses einen grundlegenden theologischen Gedanken wieder zu gewinnen: Das Leben Jesu Christi ist unendlich viel mehr als ein unmittelbar nachahmbares Vorbild, - für uns, unter den Bedingungen unserer Endlichkeit. Denn es ist der Grund, auf dem unser Glaube und unsere Liebe ruht und wächst. Es ist die Basis von der her wir in all unserer menschlichen Gebrochenheit und Endlichkeit auch handeln können.
Zugleich hat die Entdeckung von „Wahrnehmen und Annehmen“ bei vielen auch ein Unbehagen hervorgerufen. Ist Seelsorge denn nur eine „freundliche Begegnung“? Zumindest hat diese Perspektive so etwas wie einen Verdacht „bloßer christlicher Nettigkeit“ hervorgerufen, die letztlich offen lässt: Wie ist das eigentlich mit der Klarheit der christlichen Position des Seelsorgers, der Seelsorgerin?
Hier erscheint es wichtig, dass Seelsorge nicht beim „Wahrnehmen und Annehmen“ stehen bleibt. Zumindest ein wichtiger Punkt muss aus der Perspektive ihres Gegründet-Seins in Jesus Christus immer wieder benannt werden: Dass zum Wahrnehmen und Annehmen das „Unterscheiden“ hinzukommt. Das Unterscheiden von Person und Werk. Denn Wahrnehmen und Annehmen gilt dem Seelsorgepartner als Person, als der Person die unter Gottes gnädigem Zuspruch steht. Was eben nicht heißt, dass dann alles, was wir aus dem Glauben heraus als Werk bezeichnen, die Taten, die Geschichte, der Lebensplan usw., mit seinen Problemen, Ecken und Kanten, einfach so mitgebilligt wäre.

Wobei das Angenommensein als Person eine selbstkritische Perspektive des „Werkes“ dieser Person zumeist überhaupt erst ermöglicht. Wir alle kennen das ja aus unserem

Leben: Erst dort, wo ein Mensch gnädig und wohlwollend angesehen wird, ohne beschämt zu werden mit seinen Fragen und Ängsten, erst dort muss er sich nicht mehr dauernd verteidigen; erst dort kann er dann auf seine wirklichen Probleme schauen, auf die Brüche in seiner Lebenslinie, auf seine wirklichen Probleme, auf seine Sünde. Auf der Basis einer grundlegenden Annahme ist es möglich, das, was nicht stimmt in meinem Leben wahrzunehmen – zu bekennen – und den Zuspruch der Vergebung als wirklichen und nicht vorschnellen Trost zu erfahren. So lebt Seelsorge aus Annahme und Unterscheidung, aus Ernstnehmen und kritischer Distanz, im Blick auf Jesus Christus, der uns dies in seinem Leben gezeigt hat.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen kleinen dogmatischen Exkurs:
Gott hat sich in Jesus Christus ganz auf unsre Wirklichkeit eingelassen. Er ist Mensch geworden. In diesem Satz lässt sich die zentrale Aussage des christlichen Glaubens zusammenfassen. Allerdings ist es gerade dieser Satz, an dem sich auch viele Spannungen innerhalb des Christentums entzündet haben und entzünden, Spannungen, die bis hinein in unseren glaubensbezogenen Umgang mit dieser Wirklichkeit reichen.
Denn in dem Satz „Gott ist Mensch geworden“ steckt eine ungeheurer Gegensatz, es geht um die Gleichzeitigkeit von „Gott und Mensch“ und so ist es nicht zufällig, dass es im Laufe der Glaubens- und Theologiegeschichte immer wieder große Konflikte gegeben hat: Je nachdem, ob die Gottheit Jesu Christi stark gemacht wurde, oder eben das Menschsein Jesu Christi. Und immer ging es um die Frage nach der Erlösung, um das Seelenheil der Menschen. Wobei die Glaubens- und Theologiegeschichte zeigt, dass die entsprechenden Auseinandersetzungen bis in Handgreifliche hinein geführt worden sind: Wenn da z.B. im 4. Jahrhundert mit Knütteln bewaffnete Mönchshorden den Bischofssitz von Alexandria stürmten, um ihre Glaubensauffassung von der Gottheit Jesu Christi durchzusetzen. Nun brauchen wir aber gar nicht so weit in die christliche Frühgeschichte zurückzugehen, denn gerade die letzten 50 Jahre der Lehre von der Seelsorge zeigen auf hochexemplarische Weise, wie genau diese Glaubensfrage sich bis in die seelsorgliche Praxis hinein ausgewirkt hat. Das heißt: Da standen auf der einen Seite die, die ganz und gar die Gottheit Jesu Christi stark gemacht haben, und dies beinhaltete für die Seelsorge: Vermenschlicht nicht das Evangelium, bleibt ganz und gar in der Sprache der Heiligen Schrift, macht Verkündigung. Demgegenüber standen die, die auf die gelingende menschliche Beziehung im Gespräch geblickt haben und in dieser unmittelbaren Menschlichkeit des Seelsorgegeschehens den Mensch gewordenen Jesus Christus und sein Evangelium wieder entdeckt haben, als wirkliche Inkarnation. Eben Gott mitten im Menschlichen. Wobei diese unterschiedlichen Haltungen sich über zwei Jahrzehnte gegenseitig aufs heftigste bekämpft haben. Eine Situation die sich die im Rückblick zusammenfassen lässt mit einem Zitat von Peter Bukowski aus seinem Seelsorgebuch „Die Bibel ins Gespräch bringen“: „Es war als kämpften menschenfreundliche Bibelfeinde mit bibelfreundlichen Menschenfeinden“.
Nun hat sich im Blick auf diesen Konflikt in der Zwischenzeit vieles entspannt, und aus den Gegensätzen ist ein Gespräch geworden. Doch zeigt sich hier - aus der Perspektive der Frage nach Jesus Christus - auf einer grundsätzlichen Ebene, dass bis in die Bewertung der konkreten seelsorglichen Praxis hinein, die unterschiedlichen Vorstellungen von Jesus Christus und die unterschiedlichen glaubensbezogenen Betonungen seiner Menschlichkeit eine Rolle spielen und immer wieder einmal zu Spannungen und auch Konflikt Anlass geben können. Gerade im Blick auf Fragen wie: Muss Gott in der Seelsorge immer zum Thema werden? Ist das seelsorgliche Geschehen selbst bereits eine Weise der Verkündigung? Usw.
Hier ist eine wichtige theologische Aufgabe, dass die unterschiedlichen Glaubensauffassungen, die ihren Grund in der Frage nach Jesu Christus haben, immer wieder neu ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben.

Und so lautet der theologische Grund der Seelsorge gemäß dem zweiten Glaubensartikel:

Weil wir an einen Gott glauben, der selbst Mensch geworden ist und uns Menschen in seiner Liebe, als die Liebe, entgegengekommen ist, können auch wir uns auf unser Menschsein und das unserer Nächsten einlassen, in Liebe – und unsere Lebensgeschichten in die Lebens- und Liebesgeschichte Gottes hineinerzählen. Wer in seiner Geschichte die Spuren Gottes entdeckt und sein Leben in die Lebensgeschichte Jesu Christi hineinerzählt, der wird immer auch etwas von dem ahnen oder erfahren, dass diese Geschichte nicht mit dem Tod endet, sondern aus der Hoffnung auf Neues Leben lebt. Um so – in Jesus Christus – Trost zu erfahren, gnädiges Angeblicktwerden zu erleben, ohne beschämt zu werden, und immer wieder von ihm die Hoffnung geschenkt zu bekommen, die über dieses Leben und den Tod hinausgeht, in aller Endlichkeit und Leiblichkeit.
Seelsorge lebt von der Gegenwart Christi. „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“. Sie ist gegründet in der Gegenwart Christi, in der liebenden Zuwendung des Beziehungsgeschehens - als Evangelium mitten im Leben. So kann Evangelium sich ereignen, und es kann wahrgenommen werden, als eine Erfahrung, als Einladung in den christlichen Glauben. Und es kann dort, wo es von der Situation her angemessen ist, auch zu einem expliziten Thema werden als Ausdruck des gemeinsamen Glaubens - in Gebet und Fürbitte, im Trostwort der Heiligen Schrift, im Segen, der im Namen Jesu Christi mit Handauflegung zugesprochen wird, in der Gemeinschaft des heiligen Abendmahls.


3. Referatsteil: Prof. Dr. Kerstin Lammer

Dritter Glaubensartikel: Ich glaube an Gott, meinen Vollender

 

Zum ersten Glaubensartikel haben wir gesehen: Weil wir ChristInnen glauben, dass jeder Mensch von Gott gewollt und zu seinem Ebenbild erschaffen ist, ist uns jeder Mensch der bedingungslosen seelsorglichen Zuwendung wert. Wie Gott Adam nach Sündenfall nachging: „Adam, wo bist du?“, gehen wir Menschen seelsorglich aufsuchend und nach ihrem Befinden fragend nach. Wir geben Raum zur Selbstthematisierung, zur Entfaltung ihrer gottgegebenen Begabungen und zur Entwicklung eines schöpfungsgemäßen Selbstbewusstseins.

Zum zweiten Glaubensartikel haben wir gesehen: Weil wir ChristInnen glauben, dass uns in jedem Mitmenschen das Angesicht des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus begegnet, begegnen wir unseren Mitmenschen solidarisch im Leiden. Wir stärken sie seelsorglich in der Auseinandersetzung mit ihrer Schuld- und Konflikthaftigkeit, mit allen Differenzerfahrungen, Ambivalenzen und Spannungen, in denen geschöpfliches Leben steht - und in ihrer Hoffnung auf den Zuspruch, den sie sich selbst nicht sagen können: Du musst dich nicht mehr rechtfertigen, du darfst mit deinen Begrenztheiten befreit leben.

Nun noch zum Seelsorgebezug des dritten Glaubensartikels: Ich glaube an Gott, meinen Vollender.

Wir alle machen wie Mose, der das gelobte Land anstrebt und nicht erreicht, die Erfahrung, dass unser Leben ein bruchstückhaftes Fragment bleibt. Mit Schmerz und Sehnsucht streben wir nach vollkommener Lebensfülle und nach Ganzheit, und erreichen sie doch nur in seltenen Momenten der Selbstüberschreitung, in denen wir Gemeinschaft mit dem haben, was über uns hinausgeht. Wir sind relational angelegt und können Ganzheit und Heil nie aus uns selbst heraus erleben, sondern nur in Beziehung. Teilhabe an der Ganzheit des Lebens erleben wir in Momenten der Ehrfurcht, der Liebe und des Todes – in Momenten der Selbstüberschreitung auf ein Du hin.
Deshalb soll Seelsorge Menschen dabei behilflich sein, ihre Begrenztheiten und Unvollkommenheiten einerseits zu ertragen und sie andererseits durch Bezogenheit und
Teilhabe zu überschreiten. Seelsorge bietet daher selbst Beziehung an, und sie stärkt Menschen in ihrer Beziehungsfähigkeit. Sie fördert Gemeinschaft. Sie verweist auf die
Ganzheit des Lebens, das über unser eigenes kleines Leben und Ergehen hinausgeht – theologisch gesprochen: auf unsere Teilhabe am Ewigen Leben Gottes. Seelsorge macht diese Teilhabe erfahrbar und stärkt das Vertrauen in die Bezogenheit, die uns geschenkt wird. Zwei Beispiele:

Die Seelsorgerin begleitet eine alte Dame ans Totenbett ihrer hochbetagt verstorbenen Schwester. Die alte Dame stellt sich ans Kopfende des Bettes, sieht ihre tote Schwester an und sagt mit rauher Stimme: „Na ja, Walli, ich hab’s dir nie gesagt, und jetzt ist es ein bisschen spät dafür: Aber obwohl wir uns unser Leben lang nur gestritten haben, warst du immer mein Vorbild, und ich hab‘ dich lieb gehabt. Wirst mir fehlen, alte Ziege. Aber es wird ja nicht lange dauern, dann komme ich nach.“ Die Seelsorgerin sagt: „Gott ist ihr Zeuge, dass sie ihrer Schwester noch gesagt haben, was sie ihnen bedeutet hat. Er segne ihrer
beider Leben und Sterben.“


Der Seelsorger wird zu Eltern gerufen, deren Baby gleich nach der Geburt im Sterben liegt. Die Eltern bitten ihn, das Kind notzutaufen. Darauf ist er nicht vorbereitet, er hat keine Schale, kein Wasser. Da tauft er das Kind mit den Tränen der Eltern. Er legt dem Kind die Hand auf und spricht: „Ich danke Gott, dass du wunderbar gemacht bist. Er kennt dich von Mutterleibe an. Er hat dich um Weniges geringer gemacht als die Engel. In seine Hände befehlen wir deinen Geist. Mögen die heiligen Cherubim dich an den Pforten des Himmel empfangen.“

 

Besonders in solchen Fällen, in denen die Konfrontation mit der Kontingenz des Lebens die Frage nach der Transzendenz weckt, kann es seelsorglich sinnvoll sein, einzusetzen. Denn Rituale haben eine Verweisfunktion und eine bergende Wirkung.

Das helfende Gespräch dient der Selbstreflexion, der Steigerung der Bewusstheit über sich selbst. Es gleicht einer Expedition, bei der die helfende Person den Klienten dabei unterstützt, sich selbst in ihrer Individualität zu erkunden. Es bedient sich diskursiver sprachlicher Mittel, um den unmittelbaren Selbstausdruck eines leidenden Menschen in ein strukturiertes, Halt gebendes Selbst- und Wirklichkeitsverständnis zu überführen.
Das Ritual dagegen befreit von der Zudringlichkeit der Unmittelbarkeit. Man muss nicht sich selbst und die eigene Befindlichkeit ausdrücken, man muss nicht sich selbst verstehen und reflektieren. Sondern das Ritual bringt die eigene Situation quasi auf eine äußere Bühne, es bringt sie performativ zur Darstellung und in einen überindividuellen Zusammenhang.
Wir bergen uns in der geliehenen Sprachform gemeinsam mit vielen anderen, die vor, neben und nach uns selbst ein ähnliches Schicksal erlitten haben, ihm auf ähnliche Weise Ausdruck verliehen und darin Gemeinschaft, Trost und Stärkung fanden. Das Ritual bindet in eine Schicksalsgemeinschaft ein, es vergewissert den Einzelnen seiner Sozialität – so wie in Bundesliga-Stadien die inzwischen rituell eingespielte Fußballhymne versichert: „You will never walk alone“. Das ist im Wesentlichen die Aussage der meisten Rituale. Sie sind kein Ersatz für das seelsorgliche, klärende Gespräch, können aber eine wunderbare Ergänzung und Überschreitung sein.

Das religiöse Ritual verweist darüber hinaus auf die Transzendenz, es vergegenwärtigt im Fragmentarischen die Ganzheit des Lebens, im Unheilen das Heil, im Sterben die Teilhabe am Ewigen Leben Gottes.

Diese symbolische Verweisfunktion hat übrigens auch die geistliche Figur an sich, schon ehe sie etwas tut oder sagt (das wurde im eingangs geschilderten Fallbeispiel deutlich): Mit dem oder der Geistlichen ist Gott im Raum, oder zumindest die Frage nach Gott. Diese symbolische Verweis-Funktion kann keine weltliche Profession übernehmen, auch wenn sich inzwischen längst andere Anbieter das Label „Seelsorge“ auf die Fahnen schreiben. Hier sind kirchliche Seelsorge und kirchliches Amt unersetzbar und unvertretbar.

 

4. Referatssteil: Prof. Dr. Wolfgang Drechsel

Credo - der Seelsorger / die Seelsorgerin in der Seelsorge:

 

Wenn wir auf unser Glaubensbekenntnis - das Credo - blicken, aus der Perspektive der Seelsorge, dann legt sich nahe, zumindest kurz, einen Blick darauf zu werfen, wie denn dieser Glaube in der Seelsorge zum Tragen kommt.
Da sind zuerst einmal viele, die Seelsorge an sich erfahren. Da sind die Christen und Christinnen, für deren Glauben es immer wieder von Bedeutung ist, wenn sie in ihren Lebens- und Glaubensfragen Unterstützung, Trost und Hilfe erleben - als kirchliche Seelsorge. Und da sind die, die für sich das Credo nicht sprechen können, für die es eher fremd ist, und die in der Seelsorge an sich selbst erleben können, was es bedeutet, wenn jemand auf sie zugeht in liebender Zuwendung - im Namen Jesu Christi. Denn Seelsorge ist für alle Menschen da, unabhängig von Konfessions- oder Religionszugehörigkeit.
Doch da es hier vor allem um die theologischen Hintergründe der Seelsorge geht, möchte ich mich - in unserer Frage nach dem Credo und nach denen, die es sprechen - vor allem denen zuwenden, die Seelsorge treiben: der Seelsorgerin, dem Seelsorger im kirchlichen Auftrag. Sei dies nun beruflich, sei es ehrenamtlich. Denn hier wird noch einmal deutlich: Wer sich auf Seelsorge einlässt, ist mit ganz elementaren theologischen Fragen konfrontiert. Es geht um das Evangelium mitten im Leben. Es geht um die Frage: Wie ist es möglich auf einer Ebene unmittelbarer Erfahrung im Gespräch dem Evangelium Raum zu geben, dass es sich entfalten kann; es zu verkündigen, zu kommunizieren - ohne die Sache Gottes zu beschneiden und ohne das Gegenüber in der Seelsorge zu verfehlen.

Nun lässt sich das, was sich hier an elementarer Theologie ereignet, natürlich allgemein beschreiben und auf abstrakter theoretischer Ebene zusammenfassen. Ich möchte aber an dieser Stelle einen anderen Weg einschlagen - hier, wo es um die geht, die das Credo sprechen und sich als Seelsorgerinnen und Seelsorger auf ihren Weg zum Mitmenschen aufmachen, möchte sie einmal selbst zu Worte kommen lassen.
Ich habe in diesem letzten Jahr immer wieder einmal Seelsorgerinnen und Seelsorger gefragt: Welche theologische oder glaubensbezogene Herausforderung begegnet Ihnen in Ihrer Seelsorgepraxis? Es waren Hauptamtliche, Ehrenamtliche und Vikarinnen und Vikare in der Zeit ihres Seelsorgekurses im Predigerseminar. Und einige dieser Stimmen möchte ich hier zu Wort kommen lassen, indem ich sie nebeneinander stelle, ohne großen weiteren Kommentar, denn ich denke, sie sprechen für sich.
Welche theologische oder glaubensbezogene Herausforderung begegnet Ihnen in Ihrer Seelsorgepraxis?

Eine Stimme: „Ich habe auf eine ganz neue Weise gelernt, Gott etwas zuzutrauen, etwas von ihm zu erwarten. Selbst dann, wenn ich ihn in Situationen der Schmerzes oder des Zweifels gar nicht mehr sehe.“

Eine andere Stimme: „Das ist für mich auf ganz unmittelbare Weise Theologie: Dass ich an mir arbeite, Gesprächsführung lerne und all das, eben meinen Seelsorgepartner zu

verstehen versuche, dass ich also ganz aktiv bin, und dass ich in all meinem Handeln mir immer wieder vor Augen halte: Der, der eigentlich das Gespräch führt - ist Gott. Das ist eine Demutsübung, die Dinge Gott zu überlassen, - und es ist zugleich ein Impuls zum Handeln, eben ohne selbst die Hände in die Taschen zu stecken.“

Eine dritte: „Manchmal erlebe ich, dass Menschen in meiner Gemeinde in mir so etwas wie einen religiösen Experten erwarten, der zu allem was Richtiges zu sagen hat. Und nicht selten ist es mir passiert, dass ich mir diesen Schuh auch angezogen habe, gedacht habe, dass ich das auch können müsste und dann richtig unter Druck geraten bin. Da ist mir irgendwann deutlich geworden, dass Sündersein weniger mit meiner Endlichkeit zu tun hat, sondern viel mehr mit der Versuchung, mich immer wieder an die Stelle Gottes zu setzen.

Eine vierte: „Da habe ich eine Frau im Krankenhaus besucht, die hatte eine tragische Lebensgeschichte und wurde von massiven Schmerzanfällen heimgesucht. Und irgendwann in solch einer Schmerzsituation sagt sie auf einmal: „Wen Gott liebt, den züchtigt er“. Und mit diesem Satz habe ich ein richtiges Problem. Ich habe es selbst noch erlebt, wie dieser Satz als Legitimation zum Züchtigen verwendet worden ist. Und so habe ich versucht, ihr zu erklären, dass Gott anders ist. Aber das kam nicht rüber. Sie hat sich weggedreht und die Wand angeschaut. Beim nächsten Besuch tauchte derselbe Vers wieder auf. „Wen Gott liebt, den züchtigt er“. Und dann hab ich versucht, das erst einmal so stehen zu lassen und nicht gleich zu kommentieren. Und das Gespräch ist weitergegangen. Und irgendwann ist mir klar geworden, für diese Frau, in all ihrer Verlassenheit und allem Leid, hat der Vers eine ganz andere Bedeutung als für mich. Für sie heißt er: „In allem Leid, in aller Züchtigung, die ich erfahre, finde ich immer noch einen Hinweis, dass wenigstens Gott mich liebt.“ Und seit dieser Zeit bin ich viel aufmerksamer geworde, zu unterscheiden zwischen meiner Sicht und der meines Gegenübers - gerade in Glaubensdingen.“

Eine fünfte: „Seelsorge hat für mich etwas mit einem Mich-Vorwagen zu tun, weg von den theologischen Richtigkeiten, die ich mal gelernt habe, hin zu einer Theologie mitten im Leben. Und da sind mir meine Seelsorgepartner immer wieder neu zu Lehrmeistern geworden. Und zugleich hat die glaubensbezogene Herausforderung meiner Seelsorgepraxis ganz stark auch mit dem Bekennen zu tun. Bei aller Empathie und Zuwendung auch immer wieder mir selber meiner Position bewusst zu werden als Christ, als Glaubender.“

Eine sechste: „Es geht um - ein „Mich in Frage stellen lassen“, mit all meinen Antworten, die ich so schnell parat habe. Es geht um ein „Mich der Unsicherheit Aussetzen“, um eine Akzeptanz des Nicht-Machbaren. Eine Einübung in die Wahrnehmung meiner Endlichkeit.

Und eine letzte Stimme, zur theologischen Herausforderung der Seelsorgepraxis: „Jetzt habe ich etwas von dem verstanden, was Anton Boisen, der Pionier der Seelsorgebewegung gemeint hat, als er von den Seelsorgepartnern als living human documents gesprochen hat. Als living human documents, in die Gott sich eingeschrieben hat und in denen er mir begegnet. Und so hat Seelsorgelernen für mich etwas mit Lesen lernen zu tun, lesen lernen in den living human documents, in Ehrfurcht und Respekt - im Lichte der Heiligen Schrift, unserer Bibel.

Lassen wir diese Stimmen einfach so in ihrem Nebeneinander stehen. Für mich wird hier etwas von dem spürbar, um das es in unserem dritten Glaubensartikel geht: Von der Gegenwart des Heiligen Geistes, in einem immer neuen Ringen um ihn, und in der Bitte um ihn.
Und es mag insgesamt deutlich werden: Wer sich auf Seelsorge einlässt, mitten im Leben, der ist im Blick auf die Glaubensgrundlage seines Handelns immer wieder neu mit elementaren theologischen Fragen konfrontiert, die nicht aus Büchern erlernbar sind. Und der wird immer wieder neu entdecken, wie dort - mitten im Leben - unser Credo zu einer ganz unmittelbaren und lebendigen Erfahrung wird.
Und vielleicht noch eines: Wer sich auf Seelsorge einlässt, lernt immer auch eine christliche Tugend, nämlich Bescheidenheit. Es geht nicht um riesige kirchliche Leuchttürme mit Eventcharakter, sondern um ein stilles Leuchten, und um viele kleine Lichter, die in ihrer Fülle aber auch große Räume hell machen können.

5. Referatsteil: Prof. Dr. Kerstin Lammer

C. Evangelisch-theologisches Seelsorgeprofil – strategische /strukturelle Konsequenzen

 

Sehr geehrte Herren und Damen,

nachdem wir Grundlinien eines evangelisch-theologischen Seelsorgeprofils skizziert haben, lassen Sie uns noch einen Ausblick auf strategische und strukturelle Konsequenzen versuchen, denn darüber wollen Sie ja heute Nachmittag beraten.

Überall dort, wo Kirche einen Auftrag hat, hat sie auch einen seelsorglichen Auftrag – nämlich bei den Menschen. Daraus folgt die Notwendigkeit einer Vielfalt von seelsorglichen Arbeitsfeldern. In Baden sind wir da hervorragend aufgestellt - der Entwurf des Seelsorgegesamtkonzepts gibt einen Überblick über die eindrucksvolle Vielfalt und Präsenz von Seelsorgeangeboten in dieser Landeskirche. Dieses Kriterium ist bestens erfüllt.

Seelsorge ist aufsuchende, nachgehende Seelsorge. Daraus folgt, möglichst viel Geh- Struktur (statt Komm-Struktur) zu entwickeln. Dies ist in vielen übergemeindlichen Seelsorgefeldern gegeben, in den Gemeinden vielleicht heute nicht immer genug.

Seelsorge soll von den Anliegen der PastorandInnen her arbeiten. Daraus folgt mehrerlei:

- Psychologische und theologische Wahrnehmungs- und Auslegungskompetenzen der Seelsorgenden, methodische Gesprächsführungskompetenzen müssen ausgebildet werden. Hier sind wir in Baden mit unseren Aus-, Fort- und Weiterbildungsstätten an der Uni Heidelberg, an der Ev. Hochschule Freiburg und im Zentrum für Seelsorge Heidelberg ausgezeichnet aufgestellt. Unsere haupt- und ehrenamtlich Seelsorgenden bekommen Know-How und Know-Why. Dieses Kriterium ist erfüllt.

- Es folgen allerdings auch:

Mitglieder- und Zielgruppen-Orientierung, Lebenswelt-/Lebenslagen-Orientierung. Wie weiß ein Kirchmitglied, in welchen Fällen, aus welchen Anlässen, wann, wo und wie es Seelsorge bekommen und erreichen kann? Mit Ausnahme der Seelsorge zu den Kasualanlässen Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung, die man im Pfarramt anmeldet, ist das zu wenig definiert, bekannt und erreichbar. Wie passen wir die seelsorgliche Angebotspalette an die veränderten Biografieverläufe und an neu entstehende Lebensübergänge an, z.B. Trennung/Scheidung, Eintritt/Austritt aus dem Berufsleben, Arbeitslosigkeit, Burnoutepidemie?

Hier braucht es noch konzeptuelle Schärfungen: In welchen Fällen, wann und wie können Kirchenmitglieder regelhaft Seelsorge erwarten und erhalten? Was ist eine seelsorgliche Grundversorgung, und wo sollen darüber hinaus Zusatzangebote gemacht werden?
Was für Seelsorgende braucht man dafür, an welchen Orten und wie viele? Was können Ehrenamtliche tun, was müssen Hauptamtliche tun? Wo genügen Generalisten, wo werden Spezialisten gebraucht? Wie organisieren wir, gerade in strukturschwachen Regionen, eine verlässliche Erreichbarkeit der Seelsorge?
Diese Fragen sind noch zu wenig beantwortet. Wir können seelsorglich sehr viel, und wir tun auch Vieles Verschiedenes – aber, zumindest im Gemeindebereich und an den
Schnittstellen der Koordination von gemeindlicher und institutioneller Seelsorge, zu wenig geregelt und zu schlecht organisiert.

Was nützen gut ausgebildete Seelsorger und Seelsorgerinnen, wenn sie nicht zur Seelsorge kommen? Für viele gehört die Seelsorge zum Kern ihres beruflichen Selbstverständnisses und Interesses – aber sie haben keine Zeit dafür. Den Schul- und Konfirmandenunterricht, den Gottesdienst, die Ältestenratssitzung, das Personalgespräch müssen sie durchführen, den Haus- oder Krankenbesuch nicht. Die Seelsorge entfällt, wenn die Zeit – wie meistens – knapp ist. Auf der anderen Seite treten Mitglieder aus, weil der Pfarrer, die Pfarrerin sie nie besucht hat. Dass wir immer mehr immer qualifiziertere ehrenamtliche Mitarbeitende in der Seelsorge haben, ist wunderbar, aber es ersetzt nicht geregelte Zuständigkeiten.

Es besteht ein deutliches Missverhältnis zwischen der zentralen Rolle, die Seelsorge im Kirchenverständnis der Menschen spielt, und der Realität seelsorglicher Praxis. Wir brauchen Ressourcen und stärkere Strukturen für die Seelsorgearbeit, vielleicht auch eine bessere Kutur der Dienstgemeinschaft.

Erreichbarkeit sichert heute nicht mehr die Residenzpflicht im Pfarrhaus (fleißige PfarrerInnen sitzen meistens nicht zu Hause), sondern eine regionale Vernetzung zu Seelsorge-Bereitsschaftsdiensten nach dem Vorbild der Notfall-Seelsorge – die nicht zufällig höchstes Ansehen in der Bevölkerung genießt. Die Organisation solcher Bereitschaftsdienste wie auch der Kommunikation an den Schnittstellen zwischen gemeindlichen und funktionalen Seelsorgediensten innerhalb einer Region (z.B.: Gemeindeglied kommt ins Pflegeheim oder aus dem Heim zum Sterben zurück nach Hause – wie erfahren die Seelsorgenden das, wer hält den Kontakt?) wäre aus meiner Sicht am besten auf der mittleren Leitungsebene angesiedelt, beim Dekanat oder bei einem/einer Seelsorge-Beauftragten in jedem Dekanat. Ebenso sollten Vertretungs- und Freizeitregelungen Chefsache sein, um die Mitarbeitenden zu entlasten – denn man kann ohnehin überlasteten Mitarbeitenden nicht grenzenlos mehr Aufgaben aufdrücken, ohne dass man ihnen zum Ausgleich auch Freiräume verschafft.

Schließlich: Seelsorgekontakte tauchen im Unterschied zu Zahlen von Amtshandlungen, Gottesdiensten, Gottesdienstbesuchern etc. in keiner Gemeindestatistik auf. Folge: Sie können unbemerkt wegfallen. Das sollten wir ändern.

Und: Es könnte sich lohnen, die Wirksamkeit und Akzeptanz unserer seelsorglichen Angebote stärker zu evaluieren.

Die Ressourcenfrage lasse ich aus Zeitgründen weg, ebenso die Frage nach dem Umgang mit weltlichen Fremdanbietern.

 

Ich fasse zusammen:

Wir können und tun seelsorglich viel, aber zu wenig geregelt, zu wenig erkennbar und zu wenig verlässlich.

Den hohen Erwartungen der Menschen an unser Seelsorgeangebot und den hohen Kompetenzen unserer haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden stehen die Desiderate einer nicht ausreichend entwickelten Organisationsstruktur gegenüber.

Das ist bei uns in Baden nicht anderes als in allen Landeskirchen der EKD.
Die Ständige Konferenz für Seelsorge der EKD, in der Kollege Drechsel und ich Sitz und Vorsitz haben, hat in allen Landeskirchen eine Umfrage zum Seelsorgeangebot durchgeführt. Ergebnis: Das Seelsorgeangebot ist in den Gliedkirchen der EKD nicht nur nicht einheitlich, sondern auch überall dezentral organisiert, was auch bedeutet: kaum systematisch gesteuert, weder strategisch noch strukturell noch personell.
Hier lohnt sich Weiterarbeit, und es ist großartig, dass diese Landessynode sich den offenen Fragen in der Seelsorge widmet.

Parallel dazu legt die Ständige Kommission für Seelsorge der EKD gerade vier Modellprojekte auf, in denen Möglichkeiten strategisch geplanter und strukturell verlässlicher Seelsorgeangebote exemplarisch erprobt und evaluiert werden. Sie werden in den Landeskirchen ausgeschrieben und durch die Ständige Kommission für Seelsorge vergeben. Vielleicht können wir davon profitieren, vielleicht sogar eines davon nach Baden holen.

In unserem Vortrag konnten wir hoffentlich für Sie interessante Grundsätze der Seelsorge entwickeln, und Stärken und offene Fragen in deren Umsetzung benennen. Sie werden am Nachmittag Gelegenheit haben, solche Fragen weiter zu bedenken. Wir wünschen Ihnen gute Beratungen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Anmerkungen:
(1) Vgl. dazu ausführlicher: Lammer, Kerstin, was ist Seelsorge? In: dies., Beratung mit religiöser Kompetenz. Beiträge zu pastoralpsychologischer Seelsorge und Supervision, Neukirchen-Vluyn 2012, SS. 20-24.
(2) Vgl. ebd.
(3) Das ist übrigens auch der Grund, warum viele Kirchen von ihren Geistlichen verlangen, dass sie eine gründliche
Seelsorgeausbildung und ein umfangreiches Seelsorgepraktikum im Krankenhaus oder an einem anderen Krisenort machen müssen – nicht nur, damit sie Seelsorge und Krisenintervention lernen, sondern vor allem, damit sie den Realitätscheck machen und lernen, Theologie am Leben zu bewähren.
(4) Vgl. dazu ausführlicher: Lammer, Kerstin, Das Glaubensbekenntnis anthropologisch gelesen, aaO., SS. 142-149.

In der Evangelischen Landeskirche in Baden werden jetzt erstmals alle kirchlichen Seelsorgefelder in ihrer Gesamtheit dargestellt. Die Landessynode hat diese Gesamtkonzeption mit dem Titel "Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden" auf ihrer Frühjahrstagung 2013 einstimmig verabschiedet.

Die Gesamtkonzeption  umfasst die Seelsorge in gemeindlichen, diakonischen, kirchlichen und nichtkirchlichen Kontexten. Bewusst wurden auch die kirchlichen und diakonischen Beratungsdienste aufgenommen.




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Publikationsdatum dieser Seite: 26.06.2019 13:25