Leuchtfeuer an!

EKD will das Impulspapier "Kirche der Freiheit" um eine weitere Kernaufgabe ergänzen: die Seelsorge

Mit dem Impulspapier "Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" wollte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vor sechs Jahren eine breite Diskussion über die zukünftige Gestalt der Kirche auslösen. Zwölf Handlungsfelder ("Leuchtfeuer") benannten die Herausforderungen, Aufgaben und Ziele. Die Seelsorge wurde damals nur am Rande erwähnt. Ein Fehler, wie man heute einsieht. Deswegen soll die Seelsorge ein weiteres Leuchtfeuer werden.

Von Inken Richter-Rethwisch

"Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind," (Matthäus 5,14-15)

Vielleicht trifft dieses Zitat aus der Bergpredigt ganz gut die Tonlage, um einzustimmen in das Thema "Seelsorge und ihre Bedeutung als weiteres EKD-Leuchtfeuer." Die Ausgangslage war in etwa die folgende: Eine sich seit der Reformation stetig verändernde Kirche unterzieht sich einer Bestandsaufnahme, misst sich selbst den Puls, um festzustellen, wo die Hauptschlagadern liegen, Quellen der Lebendigkeit, Feuer die leuchten!

Inmitten der Formulierung der großen Linien vernachlässigt sie die intimste Sprachform des Glaubens: die Seelsorge. Vielleicht, weil dieses Feld mit nahezu beiläufiger Selbstverständlichkeit die Hauptadern von Kirche mit Leben versorgt; vielleicht aber auch, weil die Seelsorge zu den Feldern zählt, die scheinbar erst einmal im Verborgenen wirkt und gar nicht dem Zweck dienen will, ein leuchtendes Feuer darzustellen; vielleicht auch, weil Seelsorge ein kirchliches Querschnittsthema verkörpert: Gottesdienst, Predigt, geistlich Führen und Leiten, überall steckt Seelsorge drin.

Wie man es auch dreht und wendet; die Seelsorge, ob im Verborgenen oder zum Vorschein kommend, ist für Kirche so wichtig, so grundlegend, so fundamental, dass sie im Nachtrag zu mancher Vernachlässigung durch Seiten der EKD, ihre gebührende Wertschätzung erfahren soll.

Der Reformprozess hat sich diesem Anliegen verschrieben und dafür eigens ein EKD-Gremium eingerichtet, welches dem Rat in dieser Hinsicht zuarbeitet. Und dies S sollen keine leeren Worte bleiben, sondern in der Tat die Kraft, den Glanz und die Stärke, mit der Seelsorge Kirche darstellt, hervorheben.

Für die eingerichtete "Ständige Konferenz für Seelsorge in der EKD" unter Vorsitz von Prof. Dr. Kerstin Lammer (Freiburg) und Pastor Sebastian Borck (Hamburg) bedeutet dies vor allem einen deutlichen Akzent darauf zu setzen, dass Kirche ihre Muttersprache, "die Seelsorge", pflegt.

"Pflegt" ist hier in mehrfachem Sinne gemeint: einmal in dem Sinn, dass ihre Bedeutung und Strahlkraft nicht ausgehöhlt oder gar unter den Scheffel gestellt, sondern deutlich benannt wird und zum anderen, dass sie ihre Stärke und Kraft mit achtsamem und kritischem Blick auf die gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit in ihrer Fort- und Weiterbildung pflegen kann. Und schließlich noch in einem ganz banalen Sinne: so wie man eine Sprache pflegt, indem man sie spricht, pflegt man auch die Seelsorge in ihrer Ausübung.

Der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider formuliert es folgendermaßen: "Die Evangelische Kirche in Deutschland und ihre Gliedkirchen sehen in der Seelsorge eine der Kernaufgaben kirchlichen Handelns. Sie nimmt den Menschen umfassend in seiner Lebenssituation wahr, spricht ihn an, begleitet ihn. In dieser unmittelbaren Nähe entfaltet die "Muttersprache der Kirche" ihre Wirkung. Sie bezieht ihre ursprüngliche Sprachkraft, ihre Weisheit und ihren Geist aus dem Evangelium Jesu Christi. Sie tritt in Dialog mit dem Menschen, der Sorge um seine Seele trägt und ringt im gemeinsamen Prozess nach dem Wort, das tröstet und befreit, das heilt und erneuert, das Perspektiven entfaltet und neue Zugänge zu Gott, zum Mitmensch und zu sich selbst erschließt. Ihre Grundmotivation obliegt dabei nicht etwa einem missionarischen Eifer, sondern vielmehr der bedingungslosen Zuwendung zu allen Menschen, freilich ohne dabei den Ursprung und die Wurzeln der eigenen Sprachfähigkeit zu leugnen."

In den vielfältigsten und phantasievollsten Formen können Menschen heute die Angebote von Kirche in der Gestalt von Seelsorge auffinden. In ihrer evangelischen Erkennbarkeit und in ihrer kontextu-ellen und theologischen Sprachfähigkeit muss ihre Gestalt weiter gepflegt werden, um ihre Ausstrahlung und ihr Leuchten zu bewahren.

Oberkirchenrätin Inken Richter-Rethwisch ist Referentin für Seelsorge im Kirchenamt der EKD.

 


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Publikationsdatum dieser Seite: 26.06.2019 13:25