Texte zum Schwerpunktthema

Was ist der Mensch?

Einbringung des Kundgebungsentwurfs zum Schwerpunktthema "Was ist der Mensch?"

Pröpstin Dr. Monika Schwinge

7. Tagung der 9. Synode der EKD
Timmendorfer Strand, 3. - 8. November 2002

Es gilt das gesprochene Wort!

Herr Präses! Hohe Synode! Liebe Schwestern und Brüder!

Der Ausschuss, der sich mit der Vorbereitung der Behandlung des Schwerpunktthemas dieser Synode befasst hat, legt Ihnen den Entwurf einer Kundgebung zur Beratung und Beschlussfassung vor.

"Was ist der Mensch?" Das ist die Frage, die der Mensch seit alters im Blick auf sich selbst stellt. Und es scheint, als ob darauf nie eine Antwort gegeben werden könne, durch die das Fragen nach dem Menschen an ihr Ende käme. Die Antwort ist und bleibt offen, weil augenscheinlich das, was den Menschen ausmacht, nicht zusammenzubringen ist, nämlich einerseits seine Größe, seine Hoheit und sein Glanz und andererseits seine Begrenztheit, seine Niedrigkeit und sein Elend. In diesem Widerspruch existierend scheinen die Menschen nicht zur Ruhe zu kommen, stattdessen scheint es, mit Hölderlin zu sprechen, ihr Schicksal zu sein: "Es schwinden, es fallen/die leidenden Menschen/blindlings von einer/Stunde zur andern,/wie Wasser von Klippe/zu Klippe geworfen,/Jahr lang ins Ungewisse hinab."

In biblischen Texten kommt im Licht des Glaubens an Gott ebenfalls das Widersprüchliche, das den Menschen kennzeichnet, zur Sprache. So wird zum einen in Ps. 8 zu Gott hin gesagt: "Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan." Der Mensch also ist ausgestattet mit besonderen Fähigkeiten, mit der Fähigkeit, sich zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zu allem Geschöpflichen, auch zu Gott zu verhalten, Leben in Beziehungen in guter und verantwortlicher Weise zu gestalten. Andererseits heißt es beim Prediger Salomo, Kap. 3: "Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel."

"Wenig niedriger als Gott," das steht als Überschrift über dem Text unseres Kundgebungsentwurfes. Aber anders als in Ps. 8 ist diese Aussage in der Überschrift mit einem Fragezeichen versehen. Man mag zunächst denken: Damit werde angesichts der zu konstatierenden Widersprüchlichkeit des Menschen auf die Fragwürdigkeit der in Ps. 8 so selbstverständlich klingenden Behauptung aufmerksam gemacht, in dem Sinn: Ist es denn wirklich so, dass er, der Mensch, wenig niedriger als Gott ist? So verstanden, würde das Fragezeichen auch etwas deutlich machen von dem, was in den Ausschusssitzungen, vor allem in den ersten, intensiv diskutiert wurde: Wie kann angesichts der Herausforderungen unserer Zeit die Spannung zwischen einerseits Größe und Glanz des Menschen und andererseits Niedrigkeit und Elend des Menschen so thematisiert werden, dass diese Spannung weder zur einen noch zur anderen Seite hin aufgelöst wird oder das eine durch das andere nicht ständig in Frage gestellt wird.

Die grundsätzliche theologische Reflexion jedoch erbrachte dann - das ist heute Vormittag schon gesagt worden -:  Durch Gottes Beziehung zum Menschen, durch Gottes Gedenken an ihn wird zusammengehalten, was vom Menschen aus nicht zusammenzubringen ist: einerseits Glanz und Herrlichkeit und andererseits Nichtigkeit und Elend. Denn unabhängig von dem, was der Mensch aus sich macht oder auch nicht macht, ist er ein von Gott in Liebe Erwählter. Nichtigkeit und Elend des Menschen bedeuten also in keinem Falle und unter keinen Umständen Verlust des ihm von Gott zugedachten und zugesprochenen Glanzes und seiner Herrlichkeit.

Im Grunde ist genau dieses nun aber auch die Ansicht des Beters von Ps. 8. Denn der Aussage über die Größe des Menschen geht die Frage voraus: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?" In dieser Frage bringt nämlich der Beter sein Staunen darüber zum Ausdruck, dass Gott das Große und Gute, das er dem Menschen zugedacht hat, nicht in Frage stellt oder zurücknimmt angesichts menschlicher Niedrigkeit. Wenn also der Ausschuss hinter die Aussage "Wenig niedriger als Gott" ein Fragezeichen gesetzt hat, dann allein deswegen, weil immer wieder neu staunendes Fragen angebracht ist angesichts dessen, dass von Gott her gilt: Der Mensch - auch in aller Niedrigkeit - wenig niedriger als Gott: Gottes über alles geliebtes Kind in Zeit und Ewigkeit.

Alles hängt daran, dass Größe und Elend des Menschen nicht voneinander abgetrennt werden. Alles hängt daran, gerade auch angesichts der Herausforderungen unserer Zeit. Denn wo es nur heißt "der Mensch wenig niedriger als Gott" oder sogar "der Mensch an Gottes Statt", da herrschen Hybris und Verblendung. In der Überzeugung, des Elends Herr werden zu können und zu müssen und es beseitigen zu können und auch zu müssen, drohen Menschen zu Unmenschen zu werden. Und wo umgekehrt ausschließlich das Elend und die Nichtigkeit des Menschen im Blick sind, wächst der Abgrund der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit. Dafür aber, dass weder das eine noch das andere zu geschehen braucht, dafür steht der christliche Glaube.

Dies nun, was sich dem Glauben an den Dreieinigen Gott zum Verständnis des Menschen erschließt und woran alles hängt, wird im ersten Teil des Kundgebungsentwurfes entfaltet. Dieser Teil bietet die, wie deutlich, unabdingbare theologische Grundlegung. Im Ausschuss wurde jedoch die Frage gestellt, und sie wird sich vielleicht auch auf dieser Synode stellen, ob und wieweit eine solche Grundlegung überhaupt in die Öffentlichkeit hinein vermittelbar ist. Aber gerade, wer die Vermittlungsfrage ernst nimmt, wird auf die differenzierte Vermittlung dessen, was grundlegend für das christliche Verständnis des Menschen ist, den größten Wert legen müssen.

Die Antwort, die sich von der Verkündigung, dem Wirken und dem Tod Jesu Christi auf die Frage nach dem, was den Menschen ausmacht und auszeichnet, ergibt, wird in dem Entwurf folgendermaßen zusammengefasst: "Der Mensch ist in seinen Stärken und Schwächen, im Gelingen und Scheitern, im Widerspruch und im Gehorsam durch Gottes bedingungslose Liebe mit einer Würde ausgezeichnet, die nichts und niemand ihm nehmen kann. Es gehört zur Bestimmung des Menschen, den von Gott zugesprochenen und gegebenen Eigenwert jedes Menschen zu erkennen und darauf, aller scheinbar widersprechenden Erfahrungen zum Trotz, zu vertrauen, also daran zu glauben." Aus diesem Vertrauen erwachsen der Wunsch und der Wille des Menschen, mit seinen Gaben und Fähigkeiten, im Gestalten seiner Beziehungen in allen Lebensbereichen Gottes Beziehung zu ihm zu entsprechen.

Wie sich diese Entsprechung konkret gestaltet, das wird im zweiten Teil der Kundgebung grundsätzlich und angesichts bestimmter gegenwärtiger Entwicklungen und der sich damit stellenden Herausforderungen, auch im Einzelnen, entfaltet. Hier waren allerdings für den Ausschuss Konzentration und Beschränkungen nötig. In diesen Tagen zeigte sich auch, wo Erweiterungsbedarf besteht.

Bei sämtlichen in dem Entwurf genannten Komplexen und Bereichen war folgende grundsätzliche Frage leitend: Wie können die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Menschen, die darin bestehen, Leben und Zusammenleben zu formen und zu gestalten, Leiden zu mindern, Lebensqualität zu steigern verbunden werden und verbunden bleiben mit der Bereitschaft und Fähigkeit, das, was nicht verbessert werden kann, nämlich bleibend Fremdes, Hilfloses, Gefährdetes, Anfälliges an sich und anderen auszuhalten und ihm Schutz, Zuwendung, Hilfe und Geleit zu gewähren?

Unter 9 Spiegelstrichen wird im Blick auf einzelne Problemfelder und Bereiche entfaltet, was die evangelische Kirche hier einbringen kann und soll. Unter 6 Punkten greife ich das Wesentliche heraus:

1.  Es geht der Kirche immer und überall, in allen Lebensbereichen darum, dass Leben in Gemeinschaft und in Beziehungen ermöglicht wird und nicht Ausschluss von Fremden und Fremdem geschieht.

2.  Einzustehen ist für die Anerkennung und den Schutz der Würde menschlichen Lebens, und zwar ohne Einschränkungen und Abstufungen für die gesamte Lebensspanne, vom Embryonenstatus an (d.h. für den Ausschuss von der Verschmelzung von Ei und Samenzelle an) bis zum Ende des Lebens. Das beinhaltet: Der Zweck jeden menschlichen Lebens besteht in jedem Stadium einzig und allein darin, ein Mensch zu werden und ein Mensch zu sein. Als Mittel zu einem anderen Zweck darf es deshalb niemals gebraucht werden.

Der Ausschuss ist allerdings auf die Bioethikdebatte im Einzelnen nicht eingegangen, zumal zeitgleich mit der Erarbeitung des Entwurfs die Argumentationshilfe der Kammer für Öffentliche Verantwortung zu aktuellen medizin- und bioethischen Fragen mit dem Titel "Im Geist der Liebe mit dem Leben umgehen" veröffentlicht wurde.

3.  Was den Umgang mit krankem, behindertem menschlichen Leben sowohl vor der Geburt als auch nach der Geburt bis zu seinem Ende betrifft, so gilt für die Kirche: Linderung und Heilung, soweit es möglich ist; da aber, wo solches nicht oder nicht mehr möglich ist, nicht Lebensabbruch und Lebensverwerfung, sondern Begleitung und Hilfe für die von schwerer Krankheit und Behinderung direkt und indirekt Betroffenen, z.B. beim leidvollen Sterben oder angesichts des durch die Pränataldiagnostik und deren Befund möglicherweise ausgelösten Schwangerschaftskonfliktes.

4.  Eine Betrachtungsweise des Menschen nach ökonomischen Gesichtspunkten wie des Nutzens und der Effizienz darf nicht die vorherrschende werden, beispielsweise im Blick auf die Beurteilung des Stellenwertes und der Bedeutung von Arbeit und Muße oder, und hier ist die Diakonie besonders herausgefordert, bei der Bemessung und Gewährung von sozialen Dienstleistungen.

5.  Umfassender Bildung des Menschen, durch die ihm Horizonte für ein menschliches und lebensdienliches Selbst- und Wirklichkeitsverständnis eröffnet werden, kommt gerade angesichts der Herausforderungen unserer Zeit eine vordringliche Bedeutung zu.

6.  Eine Kirche, die den Menschen im Licht der Güte Gottes sieht, wird von der Hoffnung auf die Zukunft des Menschen geleitet. Sie setzt sich deshalb für alle Maßnahmen ein, die der Erhaltung der Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen dienen, in besonderer Weise für alles, wodurch Kindern in ihrem Werden und Heranwachsen Lebensraum und gute Lebensmöglichkeiten eröffnet werden.

Liebe Synodale! Am Ende des Entwurfes heißt es: "Im Blick auf die Zukunft ist unsere Hoffnung für den Menschen stärker als unsere Angst vor dem Menschen und um den Menschen." Möge durch diese Synode, durch die Art, wie das Schwerpunktthema verhandelt wird, und durch die schließlich beschlossene Kundgebung etwas aufleuchten von der Hoffnung, die in Gottes Menschenfreundlichkeit gründet, und die nicht zuschanden werden lässt.

Vielen Dank.



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