Eröffnungsgottesdienst der 9. Synode der EKD:

"Kriege und Gewalt regen uns viel zu wenig auf."

03. November 2002

Mit einem Eröffnungsgottesdienst hat am 3. November die Tagung der 9. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) begonnen. "Kriege und Katastrophen, Gewalt, Sozialabbau und Fremdenfeindlichkeit regen uns viel zu wenig auf", so die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen in ihrer Predigt in St. Marien in Lübeck, die vom ZDF live übertragen wird. Ereignisse und gesellschaftliche Erscheinungen dieser Art "müssen in ihrer Tiefe von uns allen weiterhin aufgearbeitet werden."

"Ach käme Gott doch und schüttelte uns zurecht, uns, die wir Verantwortung tragen in Kirche und Gesellschaft, um uns Wege zu zeigen, wie wir unsere Kräfte, unsere Phantasie, unseren Glauben unbeirrbar und besser einsetzen könnten zum Wohl der Welt, zum Heil des Menschen, zur Ehre Gottes." 100.000 Hungertote, so Bischöfin Jepsen, gäbe es jeden Tag und "wenn wir das hören, zuckt es uns zwar durch die Herzen, aber dann leben wir doch weiter wie bisher".

Bischöfin Jepsen erinnert in ihrer Predigt an das biblische Sodom und Gomorrha: "Ein großes Geschrei war über Sodom und Gomorrha, dass ihre Sünden sehr schwer waren. Darum fuhr Gott hinab um nachzusehen, ob es so stimmte oder nicht, damit er es wüsste." Und die Hamburger Bischöfin fragt auf unsere heutige Lebenssituation übertragen: "Wenn Gott in unsere Zeit herabführe, worauf würde er achten, was tun?"

In der Bibel habe Abraham als Fürsprecher von Gott die Zusage erhalten: "Ja, finde ich 50 Gerechte, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben, aber wo sind sie denn? Auch wenn da 45, 40, 30, 20 Gerechte sind und selbst um einer so kleinen Schar von nur 10 willen, die sich bewährt haben, werde ich diese Städte nicht verderben."

"Was Abraham tief im Herzen bekümmerte, die drohende Vernichtung eines Teiles der Welt, daran haben wir uns, so scheint es, längst gewöhnt", stellt Maria Jepsen fest. "Unsere Aufgabe ist es, vor Gott zu treten, mit all unserer Kraft ihn anzuflehen, auf seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu setzen, mit ganzem Herzen und von ganzer Seele. Aufmerksam zu sein und Fürbitte zu halten für die Menschen, die neben uns und weltweit bedroht sind, ob sie schwarz oder weiß sind, fremd oder einheimisch, behindert oder Aids-krank, winzig klein oder altersschwach. Als von Gott Gesegnete sollen und dürfen wir Gott bedrängen, wie Abraham es tat, ohne Unterlass und Scheu."

In den elenden, armen, fremden Menschen begegne Gott den Christen. In ihnen erführen wir seine Gegenwart und Liebe und seine Erwartung an uns, nicht zu resignieren und zu verstummen. "Gott will, dass wir zu den Gerechten gehören, dass da mehr als 50 Gerechte sind in allen Ecken der Welt. Er sagt: Um Jesu willen, ich segne euch."

Timmendorfer Strand, 01. November 2002
Pressestelle der EKD
Anita Hartmann

Predigt im Wortlaut



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