Texte zum Schwerpunktthema

Was ist der Mensch?

Einführungsreferat

Prof. Dr. Wilfried Härle, Heidelberg

Herr Präses! Hohe Synode! Liebe Schwestern und Brüder!

„No man is an island”. Vor etwa 400 Jahren hat der große englische Dichter und Prediger John Donne diesen knappen, einprägsamen Satz formuliert, der in der Literatur des 20. Jahrhunderts an mehreren Stellen wiederaufgenommen worden ist und durch den Romantitel von Johannes Mario Simmel „Niemand ist eine Insel“ sogar in das Sprachbewusstsein weiter Kreise eingedrungen ist. In den letzten Monaten hat dieser Satz durch einen Kinofilm noch einmal ein ganz großes Publikum erreicht. Der Film „About a boy“, über dessen künstlerischen Wert man so oder so denken kann, ist nichts anderes als vom ersten bis zum letzten Satz der Versuch einer Begründung und eines Beweises des Satzes „Niemand ist eine Insel“.

Wörtlich übersetzt müsste es ja heißen „Kein Mensch ist eine Insel“ – „No man is an island“ – und damit würde dann auch unübersehbar, dass diese Sentenz jedenfalls auch eine Antwort auf die Frage ist: Was ist der Mensch? – eine negative Antwort, aber eine Antwort. Er ist jedenfalls keine Insel, nicht für sich existierend, nicht getrennt und abgegrenzt von anderen, nicht isoliert, sondern verbunden – „vernetzt“, wie wir heute oft sagen –, in Beziehung.

Das gälte selbst dann, wenn wir einen Robinson Crusoe ins Auge fassten, der auf eine tatsächlich menschenleere Insel geraten wäre, also auf eine, auf der nicht irgendwann noch ein Freitag auftaucht, und der doch damit nicht selber zu einer Insel geworden wäre, sondern das Kind seiner Eltern, der Nachkomme seiner Vorfahren, Teil seiner Umwelt, wahrscheinlich immer noch Bürger eines Landes und vieles andere, was an Beziehungen unser menschliches Leben ausmacht und prägt.

Es ist seit etwa einem halben Jahrhundert eines der zentralen Anliegen der evangelischen Theologie – Karl Barth hat daran große Verdienste –, so über den Menschen zu reden, dass dieser Beziehungscharakter des Menschseins beachtet und beim Nachdenken über das Wesen und die Bestimmung des Menschen zur Geltung gebracht wird. Deshalb kann die evangelische Theologie der Sentenz „Niemand ist eine Insel“ aus tiefster Überzeugung zustimmen.

Damit ist nicht nur gemeint, dass wir Menschen im Laufe unserer Lebensgeschichte immer neue Beziehungen eingehen und aufnehmen zu anderen Menschen, anderen Lebewesen, zur Natur, zu Dingen, zu Institutionen und vielem anderem mehr, sondern damit ist ganz grundsätzlich gesagt, dass wir überhaupt nur sind, weil und sofern wir in Beziehung sind. Beziehungen kommen nicht zu unserem Menschsein hinzu, sondern sie machen es aus. Menschsein heißt in Beziehung sein.

Diese schlicht wirkende These mutet uns die Einsicht zu, dass wir weder autark noch autonom sind, sondern konstitutiv von anderen und anderem abhängig und dadurch begrenzt. Und diese These besagt auch, dass wir nur deshalb aus unserem Leben etwas machen und es gestaltet können, weil es uns zunächst gegeben ist und wie es uns gegeben ist.

Das bleibt auch so, wenn wir meinen, eine relativ selbstständige, unangreifbare Position in unserem Leben errungen zu haben. Unser Eingebundensein in leibhafte ökologische und ökonomische, in lokale und globale Zusammenhänge und Beziehungen kann einerseits ein Netz sein, das uns auffängt und trägt, aber es macht doch andererseits auch unsere ungeheure Verwundbarkeit sichtbar und erkennbar.

Das haben in den letzten Monaten viele Menschen an ihrem Leib oder an ihrem Hab und Gut schmerzlich erfahren, und das ist für eine Gesellschaft, die glauben möchte, der Mensch sei letztlich sein eigener Produzent und wir seien das, was wir aus uns machen, eine ziemlich unangenehme und bittere Botschaft.

Das bisher Gesagte gilt freilich ausnahmslos nicht nur für den Menschen; es gilt für alle Geschöpfe. Ganz grundsätzlich gilt: Sein ist In-Beziehung-Sein. Das heißt aber, mit dem Beziehungscharakter ist etwas angesprochen, was für den Menschen zwar konstitutiv ist, was ihn aber gerade nicht von den anderen Geschöpfen unterscheidet, sondern mit ihnen verbindet. Deswegen kann die Beantwortung der Frage „Was ist der Mensch?“ mit dem Hinweis auf seinen Beziehungscharakter nicht abgeschlossen werden, sondern sie beginnt damit erst. Es muss weiter gefragt werden: Was ist denn das Spezifikum des Beziehungswesens Mensch? Was macht seine Besonderheit aus?

Dieses Spezifikum wird für uns selbst wahrnehmbar dadurch, dass wir nach uns fragen und um uns wissen können, z. B. in Form der Frage: Was ist der Mensch? oder in Form der Einsicht: Niemand ist eine Insel. Und in dem Maß, in dem wir um uns wissen, können und müssen wir uns auch zu unserem Mensch-Sein verhalten, es anerkennen oder bestreiten, es gestalten, nach neuen Möglichkeiten Ausschau halten oder uns in das uns zuteil gewordene Leben schicken.

Das heißt aber: Der Mensch – und das macht ihn aus im Unterschied zu anderen  Lebewesen – existiert in einer ganz besonderen Beziehung zu sich selbst, in der er sich wahrnehmen, erkennen und verantwortlich gestalten kann, in der er selbst und sein Leben zum Gegenstand bewusster Entscheidungen wird.

Die philosophische Tradition hat dieses Spezifkum des Menschen seit alters durch den Verweis auf die Vernunft zur Sprache gebracht: Der Mensch ist das animal rationale, das vernunftbegabte Lebewesen, und das scheint ja tatsächlich das zu sein, was uns Menschen von allen anderen Geschöpfen unterscheidet. Aber trifft der Begriff „ratio“ – Vernunft oder Verstand – genau genug das, was den Menschen zum Menschen macht? Trifft es sein Spezifikum als Mensch?

Die griechische Formulierung dieser Definition bei Aristoteles ist weiter und zugleich genauer. Aristoteles spricht vom Menschen als dem Lebewesen, dem zoon, das logos hat; das zoon logon echon sei der Mensch. Und logos bedeutet eben nicht nur ratio, Verstand oder Vernunft, sondern logos bedeutet zugleich Sprache, Grund, Begründung.

Damit kommt zweierlei ausdrücklich in den Blick, was in der Rede von der Vernunft oder von der ratio eher versteckt enthalten ist, als dass es offen zutage liegt: die Sprache, und zwar die Sprache der Wörter und Sätze und die Fähigkeit, nach dem Warum und Wozu zu fragen, nicht zuletzt nach dem Warum und Wozu unseres eigenen Daseins.

Wir kennen andere Lebewesen nur aus der Außenperspektive, und es könnte sein, dass diese Außenperspektive ihnen in bestimmten Hinsichten nicht gerecht wird. Aber aus dieser uns allein zugänglichen Außenperspektive haben wir jedenfalls keinen Grund zu der Annahme, dass es andere Wesen gebe, die so über logos verfügen, dass sie mit den Mitteln einer Sprache der Wörter über sich selber nachdenken, entscheiden und Verantwortung übernehmen können.

Insofern der Verweis auf den logos ziemlich genau das trifft, was Menschen von anderen Wesen unterscheidet, er spricht aber auch – das ist noch viel wichtiger – das an, was den Menschen in seinem spezifischen Mensch-Sein auszeichnet: angesprochen werden zu können und antworten zu können, Verantwortung für sich übernehmen zu können und nach dem Sinn seines Daseins zu fragen.

Und doch bedarf auch diese Aristotelische Definition einer kleinen, aber höchst folgenreichen Korrektur. Es stimmt ja nicht ganz, dass, wie Aristoteles sagt, der Mensch das Wesen sei, das logos hat. Logos im Sinn von Sprache, von Vernunft und von Begründungsfähigkeit haben wir nicht, sondern sie wachsen uns zu, in der Regel im Laufe unserer frühen Kindheit. Sprache wird uns zugesprochen, und nur indem wir angesprochen werden, gewinnen wir Anteil an der Sprache, werden wir selber sprachfähig, können wir fragen und antworten, können wir Hoffnungen und Wünsche formulieren, können wir nach dem Sinn unseres Daseins fragen und Verantwortung übernehmen.

Es kommt wohl in nichts so sehr der Zusammenhang der unterschiedlichen Bedeutungsaspekte von logos, nämlich Vernunft, Sprache, Grund und Sinn, zusammen wie darin, dass wir in der Lage sind, nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen und in diesem Horizont Verantwortung zu übernehmen. Aber woran bemisst sich das, wonach wir da fragen? Woran kann der Sinn des Daseins oder eines menschlichen Lebens bemessen werden, und wer hat eigentlich das Recht, uns zur Verantwortung zu rufen?

Mit beidem fragen wir nach der Instanz, von der wir das Maß des Menschlichen gewinnen oder wiedergewinnen können, das uns nicht einfach zuhanden ist und oft genug verloren geht. Wer gibt uns das Maß vor, an dem wir uns orientieren können? In einem ersten, begrenzten Sinn sind es fraglos die Menschen, denen wir Leben und Bildung vor allem verdanken: Eltern und Großeltern, Erzieherinnen und Lehrer.

Aber diese begrenzte Orientierung ist doch ihrerseits abgeleitet aus der Tatsache, dass wir als Menschen unser Dasein einer Wirklichkeit verdanken, die uns alle umgreift und übersteigt und die man schwerlich angemessen benennen kann, wenn man dabei notorisch das Wort „Gott“ zu vermeiden versucht. Letzte, verlässliche Sinnorientierung und Verantwortung gibt es wohl tatsächlich nur aus und in der Gottesbeziehung, der wir unser Dasein verdanken und an der sich darum auch in letztgültiger Hinsicht entscheidet, was das Maß-Gebende für unser Leben ist.

Ich habe mit dem zuletzt Gesagten zu umschreiben oder anzudeuten versucht, was die Bibel meint, wenn sie sagt, der Mensch sei zum Bilde Gottes geschaffen. Einem kaum ausrottbaren Missverständnis entgegen muss man immer wieder betonen: Gemeint ist nicht eine Ähnlichkeit der Gestalt oder der Eigenschaften, sondern eine Beziehung, eine Beziehung zu Gott, die durch Anrede und Antwort, durch Gemeinschaft, Beauftragung und Verantwortung bestimmt ist.

Vieles spricht dafür, dass die Bibel mit dieser grundlegenden Aussage über den Menschen Anleihen bei der ägyptischen Religion und Kultur gemacht hat; denn dort galt der Pharao als der irdische Stellvertreter und Beauftragte der Gottheit. Die Gottheit kommunizierte mit ihm, und er nahm stellvertretend die Verantwortung der Gottheit auf Erden wahr. Aber was in Ägypten das Privileg nur des Pharao war, das macht die biblisch-christliche Überlieferung nun zu einer Aussage über den Menschen, über jeden Menschen und ausdrücklich hinzufügend: als Mann und Frau. Es macht die Ehre, die Hoheit und die Würde jedes Menschen aus, dass er so von Gott angeredet, als Gegenüber angenommen, bejaht und beauftragt ist. Nicht aus der Ausstattung des Menschen resultiert seine Würde, die ihm mit der Bestimmung zur Gottebenbildlichkeit zugesprochen wird, sondern aus einer Bejahung, von der er mit seinem Dasein immer schon herkommt.

Erst von daher wird ja auch verständlich, warum wir davon ausgehen, dass wir auch Säuglingen, auch geistig schwerstbehinderten oder dementen Menschen oder Menschen im Koma, an denen wir keine Anzeichen von Vernunft, Sprache oder Verantwortlichkeit wahrzunehmen vermögen, selbstverständlich Mensch-Sein und Menschenwürde zusprechen. Das alles wäre ja sinnlos, wenn die wahrnehmbaren Zeichen von Vernunftgebrauch, Sprach- und Verantwortungsfähigkeit selber die Begründung für das Mensch-Sein und die Menschenwürde wären. Sogar diejenigen, die in der Menschenwürde lediglich eine "kulturelle Zuschreibung" sehen wollen, die wir als Gesellschaft vornehmen und vollziehen, würden doch wohl zumindest zögern, daraus die Konsequenz zu ziehen, wir könnten die Zuschreibung auch ebenso gut unterlassen oder nur auf bestimmte Menschengruppen beschränken.
 
Aber wenn die Menschenwürde nicht abhängig ist von dem Vorhandensein von Vernunft, Sprache und Verantwortungsfähigkeit, wie bestimmt sich dann eigentlich, welchem Wesen Menschenwürde zukommt und welchem nicht? Anders gesagt: Wie können wir uns dann noch darüber verständigen, wer überhaupt Mensch ist? Damit stellt sich eine Frage, die oftmals irrtümlich mit der Frage: Was ist der Mensch? gleichgesetzt  oder verwechselt wird, nämlich die Frage: Wer ist Mensch? Die Frage: Wer ist Mensch? – und das heißt nach dem bisher Gesagten: Wer hat teil an der dem Menschen von Gott verliehenen Bestimmung und Würde? – kann sinnvollerweise nur unter Verweis auf den Fortpflanzungs- und Abstammungszusammenhang beantwortet werden. So tut es auch schon die biblische Schöpfungsgeschichte in Genesis 1. Mensch ist jedes Wesen, das von Menschen abstammt, sei es durch Zeugung und Empfängnis, durch künstliche Befruchtung, durch – hoffentlich nie praktizierte – Klonierung oder auf irgendeinem anderen Weg. Darum hat nach christlichem Verständnis jedes Wesen, das von Menschen abstammt, teil an der dem Menschen von Gott verliehenen Würde, und das gilt vom Anfang des menschlichen Lebens an. Denn das Ungeborene entwickelt sich, wie das Bundesverfassungsgericht treffend formuliert hat,  "nicht erst zum Menschen, sondern als Mensch". In diesem Prozess der Entwicklung als Mensch von Anfang an, der mit der Befruchtung beginnt, gibt es keine Zäsur, an der aus einem so genannten bloßen Zellhaufen erst ein Mensch würde. Dass darüber innerhalb unserer Gesellschaft, aber auch innerhalb der evangelischen Theologie nicht vollständige Einmütigkeit besteht, haben die Auseinandersetzungen der letzten Monate im Umfeld der Frage nach der rechtlichen Zulässigkeit verbrauchender Embryonenforschung gezeigt. Hier besteht dringender weiterer Klärungsbedarf.

Trotzdem kann man generell sagen: Das Wissen oder zumindest die Ahnung davon, dass es eine Würde gibt, die jedem Menschen unabhängig von seinem Entwicklungsstand oder seiner körperlichen oder geistigen Ausstattung mit seinem Dasein zukommt, ist in unserem Kulturkreis selbst dort noch lebendig, wo christliches Gedankengut kaum mehr bekannt ist oder sogar bewusst abgelehnt wird. Ich habe auch Ihre Ausführungen, Frau  Dr. Köcher, so gehört, dass man diesen Satz so sagen kann.

Dass es eine solche, uns unverfügbare Menschenwürde gibt, spüren viele Menschen besonders dort, wo sie in Situationen geraten, in denen irgendwelchen Menschen ihre Ehre aberkannt, wo sie würdelos behandelt werden, indem sie zum Beispiel ihrer Behinderung, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion wegen verspottet, angegriffen, gedemütigt oder misshandelt werden. Mit alledem verlieren nicht die attackierten Menschen ihre Würde, wohl aber beschädigen diejenigen ihre eigene Würde, die so handeln, die dabei zusehen oder – vielleicht am stärksten – die dabei wegsehen. In einer besonderen Zuspitzung erleben wir dies seit Monaten in Form von Terroranschlägen und Selbstmordattentaten, in denen Menschen, die sich zutiefst gepeinigt und gedemütigt fühlen,  jeden Sinn und jedes Gefühl für die Würde fremden und eigenen Lebens verloren zu haben scheinen und damit selbst zu todbringenden Waffen werden.

Die christliche Botschaft hält konsequent daran fest, dass niemand seine ihm von Gott zugesprochene Würde verlieren kann. Denn im Zentrum dieser Botschaft steht die Einsicht, dass Gott in Jesus Christus auch dem Menschen, der seine Bestimmung verfehlt, die Treue hält und ihn wieder zurechtbringen will. Das erscheint im Blick auf Extremformen menschlicher Brutalität und Gemeinheit als eine ungeheuere Zumutung. Im Blick auf die Abgründe und Dunkelheiten des einzelnen Herzens und Lebens ist es möglicherweise ein großer Trost. Wirksam wird dieser Trost freilich nur dort, wo es einem Menschen möglich wird, darauf zu vertrauen, also daran zu glauben. Diesen Gedanken hat Martin Luther in seiner Disputation über den Menschen aufgenommen und ins Zentrum gerückt, indem er den Menschen denkbar kurz definiert als den, „der durch Glauben gerechtfertigt wird“, das heißt, der einer solchen Rechtfertigung und Zurechtbringung durch Gott bedarf, ihrer aber auch im Glauben teilhaftig ist. Das ist die Bestimmung jedes Menschen.

Dass Gott auch dem verlorenen, dem widerspenstigen, hochmütigen oder verzagten Menschen in Jesus Christus so nachgeht, dass er gegen die Macht des Bösen die noch größere Macht seiner Liebe zur Geltung bringt, das ist aus christlicher Sicht Grund zur Hoffnung für die Menschen, und das ist das, was wir als christliche Verkündigung und Botschaft auch unserer Zeit nicht schuldig bleiben dürfen.

Aber hat unsere Zeit und hat unser Land diese Botschaft tatsächlich nötig? Wissen denn zumindest hierzulande nicht alle, dass dem Menschen, jedem Menschen, eine Würde zukommt, die ihm niemand, auch nicht er selbst nehmen kann, die selbst dort, wo sie mit Füßen getreten wird, dennoch unzerstörbar ist und die ihm darum einen Wert verleiht, den er sich nicht selbst erarbeiten und verdienen muss, sondern von dem er immer schon ausgehen und ihn für sich wie für alle anderen Menschen in Anspruch nehmen kann? Wird das ernsthaft bestritten? Rennen wir mit dieser Botschaft nicht offene Türen ein? Solange Artikel 1 unseres Grundgesetzes über die Unantastbarkeit der Menschenwürde in Verbindung mit der Rede von der Verantwortung vor Gott und den Menschen in der Präambel des Grundgesetzes gelten und in ihrer uneingeschränkten Gültigkeit durch höchstrichterliche Rechtsprechung immer wieder bestätigt und angewandt werden, ist es um das Menschenbild und um die Menschenwürde in unserem Land tatsächlich nicht ganz schlecht bestellt. Darum haben wir als Christen auch guten Grund, alles zu tun, was in unseren Kräften steht, um an der Erhaltung dieser Grundlage unseres gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenlebens auch im Blick auf die nachwachsenden Generationen mitzuwirken, und wir haben Grund, alle Tendenzen zu ihrer Aufweichung, Einschränkung oder Beschädigung energisch zurückzuweisen.

Aber obwohl diese Verfassungslage keinen Anlass zum Pessimismus oder zur Klage bietet, besteht doch meines Erachtens in mindestens zweierlei Hinsicht dringender Bedarf für den Beitrag, den die christliche Botschaft für das Verständnis des Menschen in unserer Gesellschaft zu leisten hat.

Der eine Aspekt der hier bestehenden Aufgabe zeigt sich dann, wenn man erkennt – ich glaube, man kann das zeigen –, in wie starkem Maß das Konzept der Menschenwürde angewiesen ist auf eine transzendente Begründung, die in unserer kulturellen und gesellschaftlichen Situation nicht mehr fraglos vorauszusetzen ist. Noch viel weniger bildet die spezifisch christliche Botschaft, dass der Mensch seine Würde und seinen Wert ausschließlich der ihm zuteil werdenden Gottesbeziehung verdankt, eine solche selbstverständliche Voraussetzung des Denkens und Handelns. Die Begründung von Menschenwürde durch den Verweis auf Gottebenbildlichkeit oder Rechtfertigung des Sünders durch Gott ist in unserer Gesellschaft deshalb nicht – nicht mehr – konsensstiftend, weil der dabei vorausgesetzte und angesprochene Gottesbezug nicht mehr allgemein als begründungsfähig, sondern eher als begründungsbedürftig angesehen wird. Dabei mag es zwischen den alten und den neuen Bundesländern noch gewisse Unterschiede geben, aber insgesamt wird man sagen müssen, dass die Verwurzelung des Gedankens der Menschenwürde in der Gottesbeziehung jedenfalls nicht unbestritten gilt und nicht auf fraglose Zustimmung rechnen kann. Das habe ich auch eindrucksvoll dem Referat von Frau Dr. Köcher entnommen und zugleich ziehe ich dieselbe Konsequenz daraus, wie sie es getan hat, nicht etwa zu sagen: Also können wir mit unserer Botschaft wohl nicht mehr landen und sind nicht mehr gefragt, müssen sie verändern und dem neuen Markt anpassen, sondern: Gerade das macht den diesbezüglichen kirchlichen Auftrag so dringlich. Es darf nicht so sein, dass wir eine Stimmung unter uns aufkommen lassen, pflegen und weitervermitteln, wie sie von Dante beim Eintritt in das Inferno geschildert wird: „Wer in diese Gesellschaft eintritt, lasse alle Hoffnung fahren“, sondern: Wer sich diese Situation ansieht, lasse sich motivieren und sich bewusst machen, was für eine große, aber auch was für eine hermeneutisch anspruchsvolle Aufgabe der Vermittlung von Glaubensinhalten da auf uns zukommt und auf uns wartet.
Für viele Menschen in unserer Gesellschaft ist der Weg zum Verstehen der christlichen Botschaft sehr weit geworden. Darum ist von der Kirche die Bereitschaft zum Überschreiten von Grenzen und zum Überbrücken von Gräben gefordert.

Der andere Aspekt der hier beschriebenen Aufgaben betrifft die Frage nach der Rechtfertigung des Menschen, wie sie sich unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen stellt. Von dieser Frage war bereits andeutungsweise die Rede, als es darum ging, von welcher Instanz wir Menschen die Maßstäbe unseres Daseins gewinnen und beziehen. Von wessen Urteil hängt es ab, ob wir okay sind? Wessen Urteil fürchten wir, weil es uns vernichtend treffen könnte? Von wem und bei wem suchen wir die Anerkennung, die wir brauchen, um als Menschen leben zu können?

Der sich selber als Skeptiker verstehende Giessener Philosoph Odo Marquard hat wie kaum ein anderer sein Augenmerk auf die Frage gerichtet, was im neuzeitlichen Geschichtsprozess aus der reformatorischen Rechtfertigungslehre und Botschaft geworden sei, und er kommt zu dem Ergebnis, dass die Frage Luthers nach dem gnädigen Gott in der Neuzeit keineswegs verschwunden sei, sondern eine zweifache Wandlung mitgemacht habe. Zunächst wird aus der Frage, wie der Sünder vor Gott bestehen, einen gnädigen Gott finden könne, die Theodizeefrage, wie ein allmächtiger, gütiger, gerechter Gott all das Leiden und Böse in der Welt zulassen könne. Und als sich am Ende der Aufklärungsepoche der Eindruck immer mehr durchsetzt, dass diese Frage wohl nur so beantwortet werden könne, dass ein solcher Gott gar nicht existiert und deswegen nicht in der Lage ist, die Übel dieser Welt in irgendeiner Weise zu verantworten. Damit wird die Theodizeefrage zur rhetorischen Frage: Wie könnte es einen Gott geben angesichts der Übel in dieser Welt? Und zugleich weist Marquard darauf hin, dass diese Frage damit nicht verschwindet, sondern sich zum zweiten Mal wandelt. Aus der Theodizeefrage wird die Frage nach der Anthropodizee, das heißt, die Anklage gegen Gott wegen der Übel in der Welt wird zur Anklage gegen den Menschen. Er trägt nun die Verantwortung für den Zustand der Welt und muss sich auch vor sich selbst rechtfertigen für all das, was er falsch gemacht, versäumt und verdorben hat.

Gleicht das nicht in auffälliger Weise der ursprünglichen Situation, die wir aus der Bibel und aus der Reformation kennen: Der Mensch im Zustand des Angeklagtseins, der sich rechtfertigen muss und es doch nicht kann? Marquards Analyse zeigt, dass in diesem geschichtlichen Entwicklungsprozess von der Rechtfertigung vor Gott über die Theodizee zur Anthropodizee etwas passiert sei, was er ganz treffend den "Verlust der Gnade" nennt. Die Gnade sei deswegen verloren gegangen, weil es dem Menschen nie zustand, den im Theodizee-Prozess angeklagten Gott zu begnadigen, und weil es ihm auch nicht zustehen kann, sich selbst zu begnadigen. Mit dem Verlust der Gottesbeziehung, das heißt mit dem gleichzeitigen Verlust der Transzendenz und der Gnade, den viele Menschen erlitten haben, sind die Ansprüche, die Leistungsanforderungen und ist der Rechtfertigungsdruck, der auf dem Menschen lastet, nicht etwa menschlicher, sondern gnadenlos geworden. Wer nicht mithalten kann bei den gesellschaftlichen Standards von Tüchtigkeit, Fitness, Mobilität und Wohlstand, ist ganz schnell out. Und für viele junge Menschen steht am Ende einer nicht erfolgreichen Schullaufbahn fest, dass sie für den Rest ihres Lebens zu den Verlierern der Gesellschaft gehören werden. Wie sollen sie damit eigentlich leben können?

An dieser Stelle zeigt sich noch einmal die ganze Ambivalenz und Problematik der Tatsache, dass niemand eine Insel ist und dass wir stets in Beziehungen leben, von denen wir in hohem Maße abhängig sind. Was bedeutet es für das Selbstverständnis und für das Selbstbewusstsein insbesondere von jungen Menschen, wenn sie das Inbeziehungsein paradoxerweise primär im Modus der Ablehnung oder des Desinteresses erleben? Hat hier die christliche Botschaft von der jedem Menschen mit seinem Dasein zugesprochenen Bejahung überhaupt noch eine Chance, gehört, verstanden und akzeptiert zu werden? Sprechen die Strukturen nicht viel zu laut vom Gegenteil dieser Erfahrung? Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn Menschen in unserer Gesellschaft und vielleicht sogar in unseren Kirchen die Erfahrung machen, dass sie nur dann einen Platz haben, wenn sie ihn sich verdienen, und dass er ihnen möglicherweise trotz all ihren Anstrengungen dann doch vorenthalten bleibt. Wenn Leistung zur Voraussetzung und Bedingung und nicht zur Folge und Wirkung von menschlicher Würde und menschlichem Wert wird, dann verkommt das Reden von Menschenwürde zur hohlen Phrase. Und das betrifft dann nicht nur diejenigen, die dadurch ausgegrenzt werden, sondern den Gesamtzusammenhang, an dem wir alle Anteil haben, denn Menschenwürde ist unteilbar.

Wo liegen angesichts dieser Herausforderungen die Aufgaben und die Chancen der Evangelischen Kirche und ihrer Botschaft? Ich nenne thesenartig einige Sätze zum Abschluss:

  • Kirchengebäude und Kirchenräume als Zeichensprache des christlichen Glaubens können Menschen in Kontakt bringen mit dem, was verlässlich ist und trägt.


  • Gottesdienste müssen keine "traurige Unterhaltung" sein, wie Kant das einmal gesagt hat, wenn in ihnen die Begegnung mit Gott als dem Geheimnis der Welt gefeiert wird.


  • Predigten, die frei nach Luther den Menschen aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Munde reden, haben die Chance, Kopf und Herz zu erreichen.


  • Das Gemeindeleben vor Ort kann vertraute Erlebnisräume und Begegnungsmöglichkeiten bieten, aus denen Menschen Kraft schöpfen können.

  • Die Kirchenmusik erschließt Zugänge zur christlichen Botschaft auch für Menschen, denen Kunst mehr bedeutet als Religion.


  • Orte der Einkehr können für ausgebrannte Menschen zu spirituellen Raststätten und zu Quellen der Erneuerung werden.


  • Diakonische Einrichtungen und Seelsorge machen Menschenwürde erlebbar, auch in Grenzsituationen des Lebens und an den Rändern der Gesellschaft.


  • Kirchliche Stellungnahmen können dazu beitragen, dass der Einsatz für das Leben und Wohl von Kindern, und es ist vor allem der Einsatz von Eltern und hier wiederum vor allem der Einsatz von Müttern, als unverzichtbarer Beitrag zu einer humanen Zukunft angemessen gewürdigt wird.


  • Synoden können um Entscheidungen und Verlautbarungen ringen, in denen das Ja zum Menschen sich verbindet mit einem Nein gegen offene oder verdeckte Unmenschlichkeit.

An all diesen Punkten werden wir auch Spannungen zwischen der Botschaft des Evangeliums und der Situation in Kirche und Gesellschaft wahrnehmen, die es auszuhalten gilt und auf deren Überwindung nur gehofft werden kann. Aber gerade so können wir als Evangelische Kirche einen Beitrag dazu leisten, dass wir in unserer Gesellschaft das Maß des Menschlichen wiederfinden.

Prof. Dr. Wilfried Härle, Heidelberg



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