Texte zum Schwerpunktthema

Was ist der Mensch?

Einführungsreferat der Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach

Dr. Renate Köcher

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Was ist der Mensch?

Die erste Antwort, die auf die umfassende, in ihrer ganzen Tiefe wohl kaum zu beantwortende Leitfrage der Synode in dem Kundgebungsentwurf gegeben wird, lautet: 'Unter allen Geschöpfen ist der Mensch das einzige, das nach sich selbst fragen kann – und muß'.

Hier möchte ich direkt mit der Analyse des Zeitklimas ansetzen. Das Interesse und die Bereitschaft, nach sich selbst zu fragen, die eigene Verantwortung zu definieren, die Leitlinien, an denen das eigene Handeln ausgerichtet wird, eigenes Handeln zu reflektieren und das Gewissen zu prüfen – all das ist nicht zeitunabhängig gegeben, sondern unterliegt erheblichen Schwankungen. Es gibt Phasen, in denen das Zeitklima und das gesellschaftliche Umfeld für Selbstreflektion und -prüfung günstig sind, und Phasen, in denen die Neigung und Fähigkeit zur Selbstreflektion schwächer ausgeprägt ist.

Das aktuelle gesellschaftliche Umfeld erschwert die nachdenkliche (Selbst-) Prüfung eher. Wir leben in einem sehr pragmatischen, ungeduldigen, teilweise oberflächlichen Zeitklima, in einer Gesellschaft, die mehr in Kosten/Nutzen- Kategorien denkt als in ethischen Dimensionen. Die Überflutung mit Informationen, Ereignissen, Reizen, die Dynamik der Veränderungen und die Fülle der Optionen erzeugen eine atemlose gehetzte Stimmung und fördern den Eindruck, daß nichts Bestand hat und alles sich sehr rasch überholt. Die Kommunikation der Medien wie die zwischen Menschen ist immer mehr von kurzlebigen Aufregungszyklen bestimmt, die sich in rasender Folge ablösen und jeweils über ein, zwei Wochen die Berichterstattung der Medien und die Gesprächsthemen der Bevölkerung beherrschen. BSE, Terroranschläge, PISA, Nitrophen, Amoklauf von Erfurt, Geiselnahme von Moskau, Jahrhundertflut, Irak-Krise – die Ereignisse fesseln und beschäftigen die Menschen für Tage, manchmal Wochen und verschwinden wieder – teilweise so, als hätte es diese Ereignisse nie gegeben. Was ist beispielsweise in der gesellschaftlichen Diskussion von dem Amoklauf in Erfurt geblieben, unter dessen unmittelbarem Eindruck Konsens bestand, daß Gewaltphänomene in der jungen Generation ein Problem darstellen, dem sich die Gesellschaft dauerhaft und mit Ernst zuwenden muß?

Genausowenig gibt es eine anhaltende gesellschaftliche Diskussion über die Schlußfolgerungen aus der PISA-Studie oder die Folgerungen, die aus Nahrungsmittelskandalen zu ziehen sind. Selbst ein Ereignis wie der 11. September mutet heute schon die Mehrheit der Bevölkerung an wie eine vergilbte Fotografie: Die Mehrheit der Bevölkerung hat den Eindruck, daß dieses Ereignis bereits viel länger zurückliegt – selbst dieses dramatische Ereignis, unter dessen unmittelbarem Eindruck die meisten der Auffassung waren, nichts werde danach mehr sein wie zuvor, wurde binnen kürzester Frist von anderen Ereignissen, Problemen und Themen überdeckt. Im Zeitalter der Massenmedien stürzen die Ereignisse der ganzen Welt auf die Bevölkerung ein, ein für uns mittlerweile so selbstverständliches Phänomen, daß wir uns gar nicht mehr klarmachen, wieweit dies die Situation des modernen Menschen grundlegend von der früherer Generationen unterscheidet. Die Menschen verbringen heute mehr als fünf Stunden am Tag mit Medienkonsum – darunter viel Hörfunk, der häufig als Hintergrundmedium genutzt wird, aber auch im Durchschnitt zweieinhalb Stunden mit Fernsehen, eine knappe halbe Stunde mit Zeitungslektüre. Muß nicht, wer heute die Frage stellt: 'Was ist der Mensch?', gerade auch diesen Aspekt mit einbeziehen und fragen: 'Was ist der Mensch in der Mediengesellschaft, und wie verändert die tägliche Überflutung mit einer derartigen Fülle von Ereignissen und Reizen die Voraussetzungen für dieses Nach-sich-selber-fragen des Menschen?'.

Medien erweitern den Erfahrungshorizont und machen die ganze Vielfalt der verschiedenen Kulturen und Optionen zugänglich. Sie beeinflussen jedoch auch das Zeitreservoir, das für Reflektion und das Gespräch mit anderen zur Verfügung steht, und das, was Menschen für wichtig halten, und die Maßstäbe einer Gesellschaft – nicht allein, aber doch in wesentlichem Ausmaß. Die der Mediengesellschaft zwangsläufig innewohnende Ungeduld, die Ausrichtung auf das Neue, die Veränderung, das Spektakuläre steht in Konkurrenz zu der Neigung und Fähigkeit, sich tiefergehend mit Themen, Problemen und Personen auseinanderzusetzen.

Das Interessenspektrum der Bevölkerung hat im letzten Jahrzehnt eine eigentümliche Wandlung durchlaufen. Es ist enger geworden; viele Themen, die vor zehn Jahren noch viele interessierten, haben an Bedeutung verloren. Die Überfülle der Themen und Ereignisse führt dazu, daß der einzelne schärfer selektiert. Dabei trifft die Verengung des Interessenspektrums nicht alle Themenbereiche gleichermaßen. Vielmehr sind es vor allem die grundsätzlichen weltanschaulichen Fragen, die heute weniger interessieren als noch in den frühen neunziger Jahren. So hat sich das Interesse an Sinnfragen, Religion und religiöser Erziehung, an Lebenshilfe und ethischen Fragen verringert, ebenso das Interesse an Problemen der Zeit, an der Bedeutung der Institution Kirche für die heutige Gesellschaft, an Fragen der Ökumene oder an der Entwicklung der Dritten Welt.

Alle pragmatischen Informationen, die unmittelbar in Alltagshandeln umgesetzt werden können, finden dagegen heute mehr Aufmerksamkeit oder liegen auf hohem Interessenniveau stabil. Das gilt beispielsweise für Themen wie Reisen, Informationen zu Haushalt und Garten und Geldanlagefragen.

Wir leben in einer Zeit, die durchaus viele positive Facetten hat: pragmatische Nüchternheit, Vertrauen in die Lösbarkeit von Problemen, Glaube an den Fortschritt. Es ist jedoch gleichzeitig ein gesellschaftliches Klima, in dem sich grundsätzliche Diskussionen über ethische Fragen nur schwer entfalten können, in dem lieber gehandelt als reflektiert wird. Es ist die Zeit der Macher, nicht unbedingt die Zeit der Denker und schon gar nicht die Zeit der Philosophen und Grübler. Man könnte auch zugespitzt sagen: Wir leben in einer sehr pragmatischen, eher ungeistigen Zeit. Es zählt das, was sichtbar, faßbar, zählbar ist. Der Fortschritt des Machbaren wird als so überwältigend empfunden, daß die Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen, der geistige Diskurs schwerfällig und unbedeutend erscheinen.

Die Bevölkerung steht ganz unter dem Eindruck der dynamischen wirtschaftlichen Entwicklungen und sie ist fasziniert von dem Fortschritt von Technik und Wissenschaft. Sie ist überzeugt, daß die nächsten zehn Jahre umwälzende technische und medizinische Entwicklungen bringen werden. Die überwältigende Mehrheit erwartet bahnbrechende Fortschritte bei der Bekämpfung schwerer Krankheiten, teilweise die Ausrottung von Krankheiten, die heute noch eine Quelle von Ängsten sind. Die apokalyptischen Diskussionen über Gentechnologie gehören der Vergangenheit an; das positive Potential dieses Gebiets interessiert die Bevölkerung heute ungleich mehr als die Risiken. Die Bevölkerung ist hoffnungsvoll gestimmt; vier Fünftel sehen die Fortschritte der Medizin positiv. In der alternden Gesellschaft entwickelt die Vorstellung eines Alters, das nicht oder zumindest weniger von physischen Beeinträchtigungen überschattet ist, zwangsläufig große Anziehungskraft.

Die Hoffnungen der Bevölkerung sind verständlich. Aber es stimmt unbehaglich, daß die immateriellen, die ethischen Dimensionen dieser Entwicklungen nur wenig Neugierde wecken. Materieller, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt machen ethische Fragen und Wertediskussionen ja nicht obsolet – im Gegenteil: Gerade aus den ökonomischen, wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen ergeben sich heute und in Zukunft ethische Fragen von großer Tragweite.

Das Interesse, sich mit der ethischen Dimension des wissenschaftlichen Fortschritts auseinanderzusetzen, hält sich jedoch in Grenzen. Die Diskussionen um PID und verbrauchende Embryonenforschung fanden in relativ eng abgegrenzten Zirkeln statt – den kirchlichen Akademien, den Feuilletons von Qualitätszeitungen, teilweise auch in politischen Zirkeln. Die Masse der Bevölkerung nahm an diesen teilweise sehr heftig und grundsätzlich ausgetragenen Kontroversen nur wenig Anteil. Auf dem Höhepunkt der Diskussion im letzten Jahr war Präimplantationsdiagnostik zwei Dritteln der Bevölkerung kein Begriff. In den Gesprächsthemen spielten Themen wie Embryonenforschung kaum eine Rolle.

Wurden die damit verbundenen Fragen jedoch gezielt angesprochen und die Begriffe erklärt, ergab sich ein ambivalentes Bild: einerseits möchte die Mehrheit der Forschung und der Anwendung von Forschungsergebnissen Grenzen setzen; die verbrauchende Embryonenforschung ist der Mehrheit unheimlich. Gleichzeitig ist jedoch zu erkennen, daß die Einstellungen der Bevölkerung keineswegs festgefügt sind, sondern Ergebnis eines Abwägens von Nutzen und Risiken. Wenn ein gravierender Nutzen zu erwarten ist, zum Beispiel Erfolge bei der Bekämpfung schwerer Krankheiten, wiegt das für die meisten schwer.

So plädierten knapp zwei Drittel dafür, die Forschung, die Eingriffsmöglichkeiten in Erbanlagen zur Bekämpfung von Erbkrankheiten zum Gegenstand hat, zu forcieren; eine starke relative Mehrheit spricht sich auch für Forschungen an Embryonen aus, um bisher unheilbare Krankheiten heilen zu können. Die Kosten/Nutzen-Analysen der Bevölkerung haben sich in den letzten Jahren deutlich verschoben, gerade in der Bewertung der Gentechnologie. Die Nutzenerwartungen im Bereich der medizinischen Forschung sind immer mehr in den Vordergrund getreten. Dies hat die Einstellung zur Gentechnologie grundlegend verändert und die Offenheit der Bevölkerung für dieses Forschungsgebiet erhöht.

In Übereinstimmung mit dem Zeitklima werden die Entwicklungen in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft weit überwiegend auf der Ebene des materiell Faßbaren diskutiert; die Fortschritte der Medizin, der Technik werden zur Kenntnis genommen und in die Zukunft extrapoliert, teilweise in Form von Science- Fiction-Visionen. Über die Fragen, was diese Entwicklungen für das Individuum, für die Gesellschaft bedeuten, welche ethischen Herausforderungen sich stellen, wird nur wenig diskutiert, und in diesen raren Fällen ist oft das Ungleichgewicht mit Händen greifbar: Diejenigen, die die ethischen Diskussionen einfordern, gelten als rückwärtsgewandte Kräfte, zu langsam für die Entwicklungen in Gegenwart und Zukunft, als naiv in ihrem Glauben an Steuerungsmöglichkeiten, die, die solche Diskussionen für überflüssig halten und sich ganz auf den Fortschritt des Machbaren konzentrieren, als fortschrittliche Realisten.

Es ist bemerkenswert, wie eng der optimistische Fortschrittsglaube mit Fatalismus gekoppelt ist. Die große Mehrheit ist heute überzeugt, daß sich der wissenschaftliche Fortschritt und die dynamischen wirtschaftlichen Entwicklungen nicht wirklich steuern lassen, sondern eine Eigendynamik entwickeln, die jeden Versuch der Einflußnahme scheitern läßt. Die Menschen selbst fühlen sich nicht mehr als Gestalter ihrer Zukunft; die Zukunft – davon ist die überwältigende Mehrheit überzeugt – wird von Wissenschaft und Wirtschaft geprägt in Gestalt von dynamischen Prozessen von ungeheurer Wucht, an die sich Politik und Gesellschaft möglichst rasch und geschmeidig anpassen müssen.

Heute sind Naturwissenschaftler, Techniker und Unternehmer nach der Vorstellung der Bevölkerung die Gruppen, von denen die wichtigsten Impulse für die Gestaltung unserer Zukunft ausgehen. Die Politik und die Kirchen gelten dagegen eher als Gruppen und Institutionen, die zur Gestaltung der Zukunft nur wenig beitragen oder ihr sogar im Wege stehen. Für völlig unbedeutend, im positiven wie im negativen Sinne, hält die Bevölkerung heute die Intellektuellen, die Philosophen, Schriftsteller und Künstler – auch dies ein eigentümliches Merkmal unserer Zeit, daß von den Intellektuellen keinerlei Impulse erwartet und ja leider auch nur wenig Impulse ausgehen.

Es stimmt unbehaglich, wenn die Bevölkerung so einseitig auf den Fortschritt des Machbaren setzt, der Reflexion über die Zukunft der Gesellschaft zunehmend ausweicht und auch immer weniger an die Möglichkeiten glaubt, die Zukunft menschlicher Gemeinschaften jenseits dieser dynamischen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse zu beeinflussen. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist überzeugt, daß das, was die Menschen selbst wollen, ihre Wünsche und Bedürfnisse, für die weitere Entwicklung nur wenig Bedeutung haben. Es ist kein Zufall, daß die Bevölkerung bei allem Vertrauen auf den Fortschritt, bei aller Faszination durch die ökonomischen und technologischen Entwicklungen ein Bild von der Entwicklung der Gesellschaft zeichnet, das von äußerster Skepsis geprägt ist. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist überzeugt, daß das gesellschaftliche Klima künftig kälter wird, der Egoismus zunimmt, die sozialen Unterschiede und Probleme der Gesellschaft wachsen werden. Die Zukunftsvisionen für die Entwicklung von Wirtschaft und Wissenschaft stehen in scharfem Kontrast zu den Erwartungen der Bevölkerung, wie sich die Gesellschaft, das soziale Umfeld des einzelnen entwickeln wird. Wenn eine Gesellschaft den Glauben an ihre Gestaltungskraft verliert, muß dies Ängste in bezug auf die Entwicklung des gesellschaftlichen Klimas nähren. Dies alles müßte Anlaß sein, wieder verstärkt in eine Diskussion über ethische Fragen und über das Menschenbild einzutreten, das unsere Gegenwart und Zukunft bestimmt.

In dem Kundgebungsentwurf spielt der Begriff der Menschenwürde eine zentrale Rolle. Unsere Gesellschaftsordnung geht von dem großen, eindrucksvollen Anspruch aus: 'Die Würde des Menschen ist unantastbar'. Aber reflektieren wir heute überhaupt, was menschliche Würde ausmacht und was sie antastet, gefährdet? Und wenn wir es tun: Haben wir einen Konsens über das, was hier als unantastbares Gut in der Verfassung festgeschrieben ist? Die Würde des Menschen ist unantastbar – dieser Satz enthält mehrere Forderungen von großer Tragweite: vor allem die Forderung nach physischer Unantastbarkeit, die Forderung nach einem menschenwürdigen, selbstbestimmten Leben, aber auch die Forderung, die Ehre des Menschen, seine Stellung in den Augen der anderen nicht herabzuwürdigen. Auf den ersten Blick scheint es selbstverständlich, daß über diese Ziele rascher Konsens möglich ist. In dem Moment, in dem die abstrakte Ebene verlassen und die Achtung der Menschenwürde am konkreten Beispiel diskutiert wird, wird rasch ein sehr differenziertes Meinungsbild erkennbar.

Die Forderung nach physischer Unantastbarkeit bejaht die überwältigende Mehrheit ohne Zögern. Die Überprüfung an konkreten Beispielen läßt jedoch erkennen, daß diese Norm keine absolute Gültigkeit hat. Gewaltanwendungen gegen Personen werden von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt; die Sensibilisierung für dieses Thema ist in den letzten Jahren nicht geringer, sondern größer geworden. Das zeigte sich unter anderem in Langzeituntersuchungen der Einstellungen zu Gewalt in der Ehe und Gewalt gegenüber Kindern. Die große Mehrheit der Bevölkerung befürwortet Maßnahmen, die der Gewalt in der Familie entgegenwirken und den Opfern von Gewalt verstärkt Sanktionsmöglichkeiten geben.

Auch die Leitvorstellungen für die Erziehung von Kindern werden zunehmend von der Norm geprägt, daß Erziehung weitgehend gewaltfrei erfolgen sollte. Die publik gewordenen Fälle von Mißbrauch und Mißhandlung können nicht ohne weiteres als Indiz dafür gewertet werden, daß in der Gesellschaft eine zunehmende Verrohung eingetreten ist. Heute werden Fälle zum öffentlichen Thema, die in der Vergangenheit im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit, im abgeschotteten Raum von Familien stattfanden. Daß Fälle von Mißbrauch und Mißhandlung heute zum gesellschaftlichen Thema werden, ist daher auch ein Indiz für die Sensibilisierung der Gesellschaft für die Würde und Schutzansprüche des Kindes. Der Anteil der Eltern, die sich um eine weitgehend gewaltfreie Erziehung bemühen, ist gewachsen.

Ein zweites Beispiel, an dem man die Einstellung der Bevölkerung zu körperlicher Unantastbarkeit überprüfen kann, ist die Einstellung zur Todesstrafe. In den fünfziger und sechziger Jahren wurde die Todesstrafe noch von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung befürwortet, in den neunziger Jahren nur noch von einem Drittel der Bevölkerung, heute von einem Viertel. Allerdings zeigen hier tiefergehende Untersuchungen, daß bei bestimmten Delikten die Minderheit zur Mehrheit wird. Gerade in Fällen von Kindsmorden wird ein erheblicher Anteil der Bevölkerung schwankend, ob die Einführung der Todesstrafe nicht sinnvoll wäre, um potentielle Täter abzuschrecken. Abgesehen von diesen Fällen lassen die Langzeitanalysen jedoch den Schluß zu, daß die Sensibilisierung für die Unantastbarkeit menschlichen Lebens in diesem Bereich zugenommen hat.

Anders haben sich dagegen die Einstellungen bei einer in den letzten Jahrzehnten besonders erbittert diskutierten Frage entwickelt: ob die Forderung nach physischer Unantastbarkeit auch für Ungeborene gilt. Die große Mehrheit der Bevölkerung plädiert heute dafür, ungeborenes Leben nicht ohne Einschränkung in diesen Schutzanspruch einzubeziehen. Dies zeigen die Einstellungen zu Schwangerschaftsabbrüchen und zur gesetzlichen Regelung von Abtreibungen. 57 Prozent der gesamten Bevölkerung vertreten heute die Auffassung, Schwangerschaftsabbrüche sollten grundsätzlich in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft möglich sein, wobei die meisten, die diese Position vertreten, eine Beratung vor der Entscheidung für wichtig halten. 28 Prozent möchten Schwangerschaftsabbrüche nur zulassen, wenn ärztliche Bedenken gegen die Fortsetzung der Schwangerschaft vorliegen oder gravierende soziale Gründe. Der Kreis derjenigen, die Schwangerschaftsabbrüche ganz restriktiv handhaben möchten und ausschließlich aus medizinischer Indikation zulassen, umfaßt nur noch 6 Prozent der Bevölkerung. In den neuen Bundesländern sprechen sich sogar drei Viertel der Bevölkerung dafür aus, einen Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten zuzulassen: 42 Prozent möchten diese Entscheidung Frauen völlig freistellen, 33 Prozent zumindest an die Bedingung einer vorherigen Beratung knüpfen.

Wenn das Selbstbestimmungsrecht der Frauen gegen den Schutz des ungeborenen Lebens steht, hat für 49 Prozent der Bevölkerung das Selbstbestimmungsrecht der Frauen mehr Gewicht, für 29 Prozent der Schutz des ungeborenen Lebens. Der Anteil der Bevölkerung, der dem Schutz von Ungeborenen Vorrang einräumt, ist in den letzten Jahren geringer geworden, der Kreis der Unsicheren, die sich zwischen den beiden Zielen nicht entscheiden mögen, gewachsen. Die Bedeutung von Werten zeigt sich im Konflikt, dann ergibt sich die wahre Rangfolge von Werten. Die Gesellschaft ist immer weniger bereit, Normen grundsätzlich anzuerkennen. Immer mehr werden Entscheidungen in einem Prozeß des Abwägens getroffen, bei dem Vorteile und Nachteile und verschiedene Interessen gegeneinandergehalten werden.

Dieses Abwägen bestimmt auch die Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen und auch die individuelle Entscheidung. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat einmal eine Studie unter Frauen durchgeführt, die einen Schwangerschaftsabbruch erwogen hatten; die eine Gruppe hatte sich dafür entschieden, die Schwangerschaft abzubrechen, die andere Gruppe eine Entscheidung für das Kind getroffen. In unserer Untersuchung haben wir geprüft, warum die Entscheidung in der einen Gruppe für, in der anderen Gruppe gegen einen Schwangerschaftsabbruch fiel. Dabei wurde ein großes Problem offenkundig: das ungeborene Kind ist zum Zeitpunkt der Entscheidung abstrakt, die Nachteile für die eigene Lebenssituation stehen den Frauen dagegen sehr konkret vor Augen. Interessanterweise war das ungeborene Kind auch für Frauen, die bereits Mutter waren, abstrakt. Dieser Aspekt wird in der Diskussion über Schwangerschaftsabbrüche kaum behandelt. 

Die Kirchen stehen mit ihrem Engagement für den Schutz Ungeborener zunehmend quer zum Zeitklima – was den Wert dieser kirchlichen Position keineswegs mildert. Ethik ist keine Frage von Mehrheiten und Minderheiten. Die Kirchen kommen zwangsläufig bei Positionen, in denen sie auf die uneingeschränkte Akzeptanz von Leitlinien für Entscheidungen drängen, zunehmend in Konflikt mit der Tendenz, Entscheidungen auf der Basis von Abwägungsprozessen zwischen Vor- und Nachteilen zu treffen. Dies gilt auch für die Haltung der Kirchen, daß die Entscheidung über Leben und Tod nicht in die Verfügungsmacht des Menschen fällt. Die Mehrheit der Bevölkerung spricht sich beispielsweise heute klar für die aktive Sterbehilfe aus. 64 Prozent der westdeutschen Bevölkerung, sogar 80 Prozent der ostdeutschen möchten einem schwerkranken Patienten das Recht einräumen, den Tod zu wählen und den Arzt zu aktiver Sterbehilfe zu ermächtigen. Nur noch 12 Prozent der Bevölkerung folgen der Auffassung, daß Leben und Tod in Gottes Hand liegen und nicht in der Verfügungsgewalt der Menschen. Gerade bei dem Thema Sterbehilfe empfinden viele auch einen Konflikt zwischen der Forderung nach Unantastbarkeit des menschlichen Lebens und dem Wunsch nach einem menschenwürdigen Leben und Tod.

Die Forderung nach Unantastbarkeit der menschlichen Würde geht weit über die physische Unantastbarkeit hinaus. Dies ist den meisten durchaus bewußt. Die überwältigende Mehrheit leitet daraus an den Staat, aber auch an die gesellschaftlichen Institutionen wie die Unternehmen die Forderung ab, Lebensund Arbeitsbedingungen zu schaffen, die wahrhaft menschenwürdig sind und ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen, das Entfaltung, Selbst- und Fremdachtung sichert.

In der seit Jahren geführten Diskussion über den Sozialstaat spielt dieser Aspekt allerdings kaum eine Rolle. Auf der einen Seite wird der Sozialstaat als Klotz am Bein einer dynamischen Wirtschaft apostrophiert, auf der anderen Seite als Garant von Besitzständen und materiellen Interessen. Eine grundsätzliche Diskussion, wie ein Sozialstaat konzipiert sein muß, der wirklich die Schwächsten und deren Würde absichert, ohne zu einem entmündigenden Versorgungsstaat zu werden, wird nicht geführt.

Auch in den seit Jahren andauernden Reformdiskussionen spielt das Thema Menschenwürde kaum eine Rolle. Die Gesundheitsreform dreht sich um Kapazitäten, Budgets, Kostenrechnungen; die 'weichen' Aspekte, die sich nicht in Statistiken und Kostenrechnungen fassen lassen, bleiben auf der Strecke. Dabei hat die Bevölkerung heute in hohem Maße den Eindruck einer Entmenschlichung, gerade auch in der Behandlung kranker und alter Menschen. Es wird immer mehr zu einer zentralen Frage, welche Möglichkeiten es heute gibt, Menschenwürde zu einer Richtschnur bei der Betreuung alter und kranker Menschen zu machen, den ganzen Menschen zu sehen und zu würdigen, nicht nur den Fall, das Krankheitssymptom, das zu lösende Problem. Befragungen älterer Menschen zeigen die Angst vor Fremdbestimmung und Abhängigkeit, vor Entwürdigung und professionell- kühler Routine bei der Betreuung. In einer alternden Gesellschaft stellt sich die Frage der Menschenwürde auch gerade an diesem Punkt, im Umgang mit Alter und Betreuungsbedürftigkeit.

Es wird oft behauptet, daß die Familien bei dieser Aufgabe heute weitgehend ausfallen. Das ist eine grobe Unterschätzung dessen, was viele Familien auch heute noch auf diesem Feld leisten. Jeder zehnte pflegt dauerhaft oder sporadisch ältere Angehörige, und die Unterstützungsleistungen, die zwischen den Generationen gewährt werden, sind eindrucksvoll. Generell hat die Familie heute wieder einen höheren Stellenwert gerade auch im Bewußtsein der jüngeren Generation. Natürlich sind die Familien kleiner, fragiler und damit weniger leistungsfähig geworden. Als Lebensinhalt hat die Familie jedoch für die Bevölkerung unverändert zentrale Bedeutung, und das, was die Generationen in den Familien füreinander tun, ist auch heute außerordentlich eindrucksvoll.

In diesem Punkt hofft die Bevölkerung gerade auch auf die Kirchen. Befragungen zu den Erwartungen an kirchliche Krankenhäuser und kirchliche Dienste belegen, daß an sie eine andere, eine wesentlich höhere Meßlatte angelegt wird als an Dienste, die nicht in kirchlicher Regie geführt werden. Von kirchlichen Diensten wird nicht nur Kompetenz erwartet, sondern auch die menschliche Fürsorge, die Würdigung des ganzen Menschen, nicht bloße Versorgung, sondern Anteilnahme.

Während die Gesellschaft diese Fragen im Zusammenhang mit der Wahrung der menschlichen Würde sehr beschäftigen, findet das dritte Feld, die Achtung der Ehre, auffallend wenig Beachtung. Auch der Synodenentwurf, der sich viel mit Menschenwürde beschäftigt, blendet diesen Aspekt eigentümlicherweise aus. Dabei belegen alle Untersuchungen, wie sehr das Gefühl, in der eigenen Würde unangetastet zu sein, von der Achtung anderer abhängt. Die Achtung der Ehre, des Ansehens einer Person, stellt gerade in der Mediengesellschaft große Herausforderungen.

Es ist erstaunlich, wie wenig sich die Gesellschaft mit der heutigen Bedeutung der Medien, mit ihrer Informationsleistung, ihrem Einfluß auf die Meinungsbildung, das Weltbild und die Werteordnung der Bevölkerung befaßt. Erziehung in einer Mediengesellschaft steht vor gänzlich anderen Herausforderungen als früher, genauso wie sich Politik in einer Mediengesellschaft verändert. Medien prägen heute das Bewußtsein der Bevölkerung in einem in der Menschheitsgeschichte vorher nie gekannten Ausmaß. Andere Berufsgruppen, die ebenfalls qua Profession Wissen vermitteln, sind sich dieser Bedeutung der Medien heute fast schmerzlich bewußt.

Bei einer Befragung von Lehrern, welche Einflüsse ihre Schüler heute prägen, schrieben die Lehrer sich selbst nur noch geringen Einfluß zu, 3 Prozent der Lehrer waren überzeugt, einen sehr großen Einfluß auf ihre Schüler auszuüben, weitere 24 Prozent zumindest einen beträchtlichen Einfluß; den Medien schrieben dagegen 60 Prozent einen sehr großen Einfluß zu, weitere 34 Prozent einen beträchtlichen Einfluß. Die Frage nach den Konsequenzen der heutigen Bedeutung der Medien, nach ihrer Verantwortung wird jedoch kaum diskutiert.

Gerade für die Frage der Achtung der menschlichen Würde wäre eine solche Diskussion wichtig. Die Omnipräsenz der Medien, ihre Möglichkeiten, Themen und Aussagen über Personen unwiderruflich öffentlich und nur noch eingeschränkt widerrufbar zu machen, führen zum Empfinden von Ausgeliefertsein und Wehrlosigkeit. Sowohl Befragungen von Führungskräften aus Wirtschaft und Politik wie von anderen Bürgern, die bereits Objekt von Medienberichten waren, liefern dafür eindrucksvolle Belege. Zwei Drittel von ihnen stuften den Persönlichkeitsschutz als nicht ausreichend ein, nur eine kleine Minderheit hielt es für opportun, sich im Falle einer unzutreffenden Medienberichterstattung zur Wehr zu setzen. Es geht hier nicht um eine Unterbindung von Kritik, sehr wohl jedoch um eine Diskussion darüber, was aus der Forderung der Unverletzlichkeit der menschlichen Würde für Konsequenzen zu ziehen sind, wieweit hier auch im Ehrenkodex des Journalismus verstärkt eine Sorgfaltspflicht im Umgang mit Menschen verankert werden muß. Der Freiheitsraum der Medien wird heute teilweise höher angesetzt als die Unantastbarkeit der menschlichen Würde. Unter dem Banner der Meinungsfreiheit und der Freiheit der Kunst soll alles möglich sein, Pornografie, Gewaltdarstellungen und Ehrverletzung – nichts wird wirklich verurteilt oder gar eingedämmt. Durch das Internet werden diese Probleme weiter verstärkt.

Interessanterweise zeigen international vergleichende Untersuchungen, daß der Fatalismus in Deutschland größer ist als in anderen Ländern, das heißt die deutsche Bevölkerung glaubt im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich an die Möglichkeiten, Einfluß auf Inhalte zu nehmen und beispielsweise zu einem Konsens über die Grenzen dessen zu kommen, was dem Publikum und was gerade auch Kindern und Jugendlichen an Medieninhalten zugemutet wird. Wer sich mit dem geistigen und menschlichen Klima in einer Gesellschaft beschäftigt, kommt jedoch an den Medien nicht vorbei, an der Frage, was die Medien dazu beitragen können, bestimmte Werte in der Gesellschaft zu fördern, andere Einstellungen und Verhaltensweisen zu ächten und zu unterbinden. Die Medien tragen heute entscheidende Verantwortung dafür, wie sich der Wertehaushalt einer Gesellschaft, wie sich der Umgang miteinander entwickelt.

Die Gesellschaft muß das Vertrauen in ihre Handlungsmöglichkeiten, in ihren Einfluß zurückgewinnen. Die große Mehrheit der Bevölkerung bewertet die Entwicklung der Gesellschaft negativ, hat den Eindruck, daß der Egoismus immer mehr zunimmt, die Rücksichtslosigkeit, die Ellbogengesellschaft. Gleichzeitig zeigt eine zunächst spielerisch klingende Frage, daß die Gesellschaft zu wenig reflektiert, wie man solche Prozesse steuern könnte.

In einer Repräsentativumfrage haben wir folgende Situation geschildert: Zwei Schüler sind versetzungsgefährdet. Beide sind aufgrund ihrer Leistungen auf der Kippe. Gleichzeitig sind die beiden sehr unterschiedlich in ihrem Sozialverhalten, in ihrer Einstellung zu anderen: der eine rücksichtslos, ein Rüpel, immer auf den eigenen Vorteil bedacht, der andere rücksichtsvoll, das Wohl anderer vor Augen, hilfsbereit. Die Frage lautete: Soll der Charakter, soll das Sozialverhalten der beiden bei der Entscheidung über die Versetzung berücksichtigt werden? Die große Mehrheit der Bevölkerung trifft eine ganz klare Entscheidung: Sie möchte ausschließlich die schulischen Leistungen berücksichtigen, nicht das Sozialverhalten, die Maximen, an denen sich die beiden Schüler orientieren.

Eine solche Entscheidung bedeutet natürlich, daß man in der Erziehung auf Prägungen, auf Einfluß verzichtet. Kinder und Jugendliche lernen in hohem Maße durch Ächtung und Anerkennung, durch Lob und Tadel. Wenn die Gesellschaft auf Ächtungs- und Anerkennungsmechanismen für das soziale Verhalten verzichtet, darf sie sich über die Entwicklung des gesellschaftlichen Klimas nicht beklagen.

Der Stellenwert der Menschenwürde entscheidet sich gerade auch in der Erziehung, in den Werten, die der jungen Generation vermittelt werden, natürlich auch in den vorgelebten Beispielen, in den Elternhäusern, in den Schulen, in den Kirchen, in den Medien. Der Einsatz für die Menschenwürde steht heute teilweise quer zu gesellschaftlichen Strömungen. Dies darf nicht entmutigen. Vielmehr läßt sich durchaus Selbstvertrauen und Stolz aus der Tatsache ziehen, daß man teilweise gegen gesellschaftliche Strömungen steht und gerade dadurch die gesellschaftliche Diskussion bereichert und Dimensionen beisteuert, die zur Zeit unterbewertet sind. Der Wert des Beitrags der Kirchen bemißt sich nicht in den quantitativen Kategorien 'Mehrheit' oder 'Minderheit', sondern in dem ethischen Fundament, der Tiefe und Glaubwürdigkeit ihrer Positionen. Auch wenn die Gesellschaft zur Zeit zweifelt, ob von den Kirchen nennenswerte Impulse für die Gestaltung der Zukunft ausgehen, so richten sich dennoch viele Hoffnungen gerade an die Adresse der Kirchen, Hoffnungen auf einen Beitrag zu einer humanen Gesellschaft.

Dr. Renate Köcher
Institut für Demoskopie Allensbach



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