Bibelarbeit

04. November 2003 (2. Tagung der 10. Synode der EKD Trier, 2. - 7. November 2003)

Bischof Axel Noack

Die Gnade unseres Herrn Jesus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Ich lese uns den Text für die Bibelarbeit aus dem 1. Mosebuch 28. Kapitel: Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häuptern und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel und siehe, die Engel Gottes stiegen daran herauf und hernieder. Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und Isaaks Gott. Das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst und will dich wieder herbringen in dieses Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er, fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte und ich wusste es nicht. Und er fürchtete sich und sprach, wie heilig ist diese Stätte, hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häuptern gelegt hatte und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel, vorher aber hieß die Stadt Lus.

Herrgott, himmlischer Vater, segne du dein Wort an uns. Lass uns hören, wie du zu uns redest, schenke uns wachen Geist und offene Herzen, dir zur Ehre und uns zur Hilfe für unser Leben. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder, den Bibeltext habe ich ausgewählt, weil mir keiner vorgegeben war, aber nicht im Blick auf die Ratswahl. Aber so viel sei angemerkt: Nur Gott der Herr steht oben auf der Leiter. Selbst bei den Engeln geht’s rauf und runter. Und das soll uns gelassen machen für all das, was wir heute noch vorhaben.

Ich habe den Text ausgewählt im Blick auf das Tagungsthema. Wir werden ganz schnell zu Themen kommen, die wir gestern schon angesprochen haben. Aber ich habe ihn auch ausgewählt wegen eines besonderen Hintergrundes: für die Bibel im kulturellen Gedächtnis. Und das hängt mit unserem Land Sachsen-Anhalt zusammen. Wir haben da eine berühmte alte Landesschule, Schulpforta. Viele werden sie kennen, der gestern so oft erwähnte Nietzsche ist dort zur Schule gegangen. Und die haben seit 1675 die Übung, bei Schulfesten und Jubiläen immer über diesen Text zu predigen. Das ist einmal vergessen worden, in der Nazizeit war das eine "Napola", in der DDR-Zeit ist die Kirche verfallen und es ist auch nicht gepredigt worden. Aber seit 12 Jahren wird das wieder fleißig geübt und dazu gehört es, dass die sich immer wieder andere Prediger und Predigerinnen holen, um über Jakobs Himmelsleiter zu predigen. Die Prediger müssen dann etwa drei bis vier Wochen vorher kommen und mit den Schülerinnen und Schülern ein Gespräch über den Bibeltext führen. Und dieses Gedächtnis der Kultur will ich gerne ein bisschen mit einbringen. Allerdings tut es mir leid, über diese wunderschöne Geschichte und den Bibeltext werden wir ein wenig hinweg eilen müssen, weil die Zeit nicht reicht. Aber ich habe Ihnen schon einen kleinen Fahrplan ausgedruckt mit einigen Kernpunkten, damit wir uns nicht verirren. Wir werden diese schrittweise abgehen, nicht alles gleich stark behandeln.

Der erste Punkt: Dass Gott Jakob begegnet in wüster Stelle, das können wir heute ziemlich kurz halten, weil wir in gesegnetem Lande leben. Wenn ich an DDR-Zeiten denke, habe ich über diese Stelle besonders gerne gepredigt, um zu sagen, liebe Leute, es gibt keine gottverlassene Gegend. Überall kann Gott dich ansprechen. Rechne einmal ruhig damit. Wir kommen darauf noch einmal zurück.

Und dann dieses schöne Bild, dass Jakob sich hinlegt und vom Himmel träumt. Wir haben davon gestern gehört. Ich glaube nicht so sehr, dass Jakob nur an etwas denkt, was hinter dem Horizont liegt, sondern wir müssen das Bild übersetzen als eine Rampe, eine Weihnachtsgeschichte. Gott nähert sich den Menschen, er macht den Himmel auf, damit die Menschen auf der Erde etwas kapieren. Es ist so eine schräge Bahn, die Engel rauf und runter, aber oben sitzt Gott. Ich glaube, wir müssen uns heute überhaupt nicht scheuen, den Leuten vom Himmel zu reden, damit sie sich auf der Erde zurechtfinden, damit wir eine andere Dimension in unser Leben hineindenken.

Ich habe Ihnen als kleines Beispiel aufgeschrieben ein Zitat von George Orwell. Es wäre gut und nützlich für alle Reformbehandlungen und alle Überlegungen zu Sozialplanänderungen mitzubedenken. Wenn wir gar nicht mehr eine andere Dimension in unser Leben lassen, wird die Angst unter uns umgehen und die Leute werden sich alles Mögliche zumuten lassen, wenn es sie nicht betrifft. Wir müssen also den Menschen vom Himmel reden. Und das ist eine Erfahrung in Schulpforta: im Zeitalter von Harry Potter ist es ohne Probleme möglich, vom Himmel zu reden.

Von wegen Jenseitsvertröstung, solche Gedanken kamen da überhaupt nicht auf. Es macht nahezu Spaß, mit Schülerinnen und Schülern über den Himmel zu schwärmen. Sie können sich gute Vorstellungen zu eigen machen, etwa wenn ein Mädchen sagte: "Himmel, das ist ein Treffen mit ganz vielen Menschen, wo keiner dem anderen im Wege steht" oder "Himmel ist: Die Menschen können sich nicht mehr erinnern, auf wen sie böse sind".

Da kommt so ein Licht vom Himmel in unsere Erde hinein, so denke ich, und wir sollen ruhig vom Himmel reden, den Himmel in unsere Erde hineinleuchten lassen. Das ist schon ganz gut.

Sicherlich, dann kommt der eigentlich spannende Punkt, deshalb habe ich auch ein bisschen den Text ausgewählt. Ich stelle mir vor, Gott begegnet meinen Kindern und stellt sich ihnen vor und sagt: "Ich bin der Gott deines Vaters Axel." Dann hoffe ich, dass meine Kinder sagen: "Ah ja, gut, okay."

Aber wenn Gott sich heute vielen Kindern vorstellt und sagt: "Ich bin der Gott eures Vaters", dann wissen die nicht, wer gemeint ist. Das ist der Ernst dieser Sache. Was wissen wir eigentlich von dem Gott der Väter und der Mütter und der Großmütter und der Großväter, was wissen unsere Kinder? Bei den Schülern in Schulpforta war einer total überzeugt: "Mein Vater hat keinen Gott." Aber die meisten von den Schülerinnen und Schülern - bei dem Gespräch, bei dem ich anwesend war, waren ungefähr 60 Schüler dabei, alle aus der 11. Klasse - sagten: "Ich bin da ganz unsicher. Darüber haben meine Eltern mit mir nie geredet. Ich weiß das eigentlich nicht. Ich würde nicht gleich sagen, sie haben keinen Gott, aber ich wüsste nicht, wer das ist."

Liebe Brüder und Schwestern, das muss uns ein bisschen erschrecken. Gestern haben wir auch ein bisschen von dem Schrecken gespürt, dass die Leute nichts mehr wissen bis hin zu den großen Millionenshows und den Quizveranstaltungen Aber das muss uns doch auch erschrecken: Hoffentlich, wenn Gott meinen Kindern begegnet und sich vorstellt, können sie sich erinnern und können sagen: "Ja, das verstehe ich, den kenne ich." Das wünschte ich uns. Ich glaube, es reicht auch nicht aus, darüber zu klagen, dass die Leute heute so vieles nicht mehr wissen. Ich habe Ihnen einmal einen Text hereingestellt von meinem eigentlich liebsten biblischen Schriftsteller, nämlich Nehemia, der leider im Gottesdienst nie vorkommt. Der hat das auch schon gewusst, und das war 1000 Jahre nach Jakob, vielleicht 2500 Jahre vor uns. Er hat festgestellt, die Kinder wissen nichts mehr.

Wir wollen jetzt nicht über die Eheproblematik und die Mischehe reden, aber dass die Kinder nicht mehr jüdisch sprechen konnten, das gab es damals schon. Aber was mir so bei Nehemia gefällt - er ist ein großer Politiker, Mundschenk am Hofe des Königs von Persien -, er findet sich damit nicht ab: "Und ich schalt sie und fluchte sie und schlug einige Männer und packte sie bei den Haaren und beschwor sie bei Gott." Das mag eine etwas unpädagogische Maßnahme sein, aber es lässt ihn nicht zur Ruhe kommen darüber. Es ist ihm nicht egal.

Da wir hier schon so viel geredet haben über christliche Freiheit, lassen Sie mich einen ganz kleinen Abschnitt noch lesen. Als Martin Luther die Gegend im Grenzgebiet Sachsen-Anhalt und Land Sachsen, also Kirchenprovinz und Lutherisch-Sachsen. besucht hat, also Eilenburg, Delitzsch, Wurzen, hat er, als er zurückkam, geschrieben: "Als ich einmal Visitator war. Hilfe, lieber Gott, welchen Jammer habe ich gesehen, dass die einfachen Leute doch so gar nichts wissen von der christlichen Lehre, besonders auf den Dörfern. Und leider sind viele Pfarrherren sehr ungeschickt und untüchtig zu lehren. Doch sollen sie alle Christen heißen, getauft sein, sollen die heiligen Sakramente genießen,  können aber weder Vater unser noch das Glaubensbekenntnis oder die Zehn Gebote. Sie leben dahin wie das liebe Vieh und wie unvernünftige Säue. Und wo nun das Evangelium gekommen ist, haben sie dennoch fein gelernt, alle christliche Freiheit meisterlich zu  missbrauchen."

So sind sie schon immer. Und Luther hat es nicht nur beim Jammern gelassen, sondern hat sich hingesetzt und den Kleinen Katechismus geschrieben. Das ist nämlich aus der Vorrede vom Kleinen Katechismus. Sie alle in den gesegneten Ländern des Westens können froh sein, dass bei uns so viele Heiden leben, sonst hätten sie heute keinen Katechismus.

Und die nächsten Schritte, die ich gehen möchte, wenn man diesen Bibeltext ansieht: Das haben wir gestern noch zu kurz behandelt, dass die Bibel ein Wort Gottes an mich ist, dass sie mir etwas zusagen soll, zusprechen und dass ich diesen Zusagen trauen soll. Und ich glaube, dass das kulturelle Gedächtnis davon abhängt, dass Menschen dem Bibelwort trauen. Es müssen nicht so viele sein, es müssen auch nicht alle sein, aber ein paar braucht es. Und dann wird die Bibel im kulturellen Gedächtnis auch eines Landes bleiben, wenn es immer Menschen gibt, die den Zusagen Gottes trauen und die sie auf sich anwenden und für sich hören.

Die Kinder in Schulpforta waren nicht sehr davon zu überzeugen, dass zahlreiche Nachkommen nun ein besonderer Ausdruck der Liebe Gottes seien. Aber den letzten Satz, der da drin steht: "Ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe", das konnte auch den Schülern von heute gut einleuchten. Aber die Frage ist, ob wir nun darauf auch vertrauen. Ob wir das so ernst nehmen, dass die ganzen Geschlechter und Nachkommen Jakobs gesegnet sind. Und dass das alles gilt, bis sich alles erfüllt hat. Wie ist das mit den Zusagen Gottes? Ich habe im Blick auf den Luther-Film, weil der ja nun gerade bei dem Augsburger Bekenntnis endet, und , einen kleinen Brief abgedruckt. In dem Film kommt es so herüber, als wenn Luther verzweifelt oder verzagt oder entmutigt wäre. In der Wirklichkeit war es wahrscheinlich eher Melanchthon, der in Augsburg immer schrieb: "Wir schaffen es nicht, wir müssen nachgeben, wir müssen den Katholiken einige Zugeständnisse machen, wir kommen nicht durch." Und Luther schreibt von der Coburg heftige Briefe. "Ich hasse gar sehr deine elenden Sorgen, von denen du, wie du schreibst,  verzehrst wirst. Dass sie dein Herz so beherrschen, liegt nicht an der Größe der Not, sondern an der Größe unseres Unglaubens. Ich bete gewisslich für dich mit allem Fleiß, aber das ist mein Kummer, dass du dir mit deinen Sorgen hartnäckig das Blut aussaugen lässt und meine Gebete so zuschanden machst.

Gott, der da mächtig ist, Tote zu erwecken, ist auch mächtig, eine wankende Sache zu retten, die Gefallenen wieder aufzurichten, die Bestehenden zu fördern. Wenn wir nicht würdig sind, geschehe es durch andere. Denn wenn wir durch Gottes Verheißung nicht aufgerichtet werden, ich beschwöre Dich: Wo in aller Welt sind denn andere, denen sie gelten. Aber noch mehr sagen, hieße Wasser ins Meer tragen.

Liebe Schwestern und Brüder, so müssen wir unsere kirchliche Situation betrachten. Wenn wir nicht den Zusagen Gottes trauen, nützt die Bibel im kulturellen Gedächtnis wenig, aber eine ganze Menge doch auch. Und dann kommt dazu, dass die Geschichte so erzählt wird, dass Jakob erschrickt, dass er auf einmal merkt: Hier war Gott zu hören, aber ich habe geschlafen. Vielleicht müssen wir auch in unserem Umgang mit dem Worte Gottes das noch ein Stückchen stärker sehen und betonen. Wenn Gott zu uns redet, ist erst mal Erschrecken angesagt und nicht Kumpelhaftes. "Das hat mir aber gut getan jetzt"

Das hat mich aber sehr betroffen gemacht: "Hier ist Erschrecken angesagt."

Und Jakob wacht auf und erschrickt. In unserem schönen Dom in Merseburg zeigt eines der größten und schönsten Tympans über einem Portal einen schlafenden Jakob, und darauf steht: "Hier war das Wort Gottes zu hören, aber ich habe geschlafen. Ich habe dann gedacht, man muss ja beim kulturellen Gedächtnis nur ein bisschen etwas aus dem kulturellen Großgut - gestern wurde schon Brecht und Thomas Mann genannt - nehmen. Ich habe ein anderes kulturelles Guthaben hervorgesucht: "Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken?"

Ich hatte jetzt schon zweimal Gelegenheit Gottesdienste zu haben mit Menschen, Kindern - einmal einen Kindergarten, einmal eine Schulklasse, die haben das Lied gesungen bei der Glockenweihe. Aber keiner von denen wusste etwas von der Jakobsgeschichte, die Lehrerin kannte das auch nicht. Aber das Lied kannten alle. Könnte es so sein, dass manchmal im kulturellen Gedächtnis sich das völlig von den Wurzen löst und dass man Thomas Mann auch ganz vergnügt lesen kann, ohne die Bibel zu kennen? Möglicherweise. Es ist mir nicht gelungen, in meinen kulturellen Nachforschungen festzustellen, ob das am Ende Bim-bam-bum oder Bim-bam-bom heißen müsse.

Es ist vielleicht offen geblieben, wobei ich mehr zu Bom neige, durch die kulturelle Überlieferung etwas vage ist.
Aber dass es das gibt, dass Menschen den Jakob erinnern als einen, der schläft, der erschrickt, weil er Gott nicht gehört hat, und dass wir unsere Glocken - wir haben ja jetzt viel mit Glocken zu tun - immer wieder einmal auch als ein Zeichen dafür nehmen wollen: Hast du überhaupt darauf geachtet, dass Gott mit dir redet? - Vielleicht hilft diese kleine kulturelle Gedächtnisübung mit dem Lied dazu, Menschen auch darin wach zu halten.

Und dann kommt das, was sicherlich ganz wichtig ist, was man in der Heiligen Schrift an so vielen Stellen findet: Jakob springt auf und baut aus seinem Kopfkissen eine Kirche, weil er nämlich weiß: Die emotionale Betroffenheit oder das Aufgeregt-Sein oder dass es so schön war jetzt - das vergeht ganz schnell. Wir müssen dem Erinnern aufhelfen, wir müssen etwas dazu tun, dass man sich erinnert, weil wir vergesslich sind.

Das kann man ganz verschieden machen. Josua sagt: Wir schreiben alles auf, vergraben es, legen einen Stein darauf, ein Vertrag mit Gott, damit man daran denkt. Esra und Nehemia, als die Leute so betroffen sind, voller Erregung und schluchzen vor Rührung, da gründen die das Laubhüttenfest.

Ich glaube, so etwas brauchen wir bis heute, damit das im Denken auch weitergeht, also nicht nur einmal betroffen sein, sondern fragen: Wie halte ich es wach in mir?

Deshalb: Packt Geschenke ein, holt Tannenbäume in die Stuben, versteckt die Eier, tut Pfefferkuchen in die Schuhe, "esst fette Speisen und trinkt süße Getränke, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke".

Also, man muss das wach halten. Man muss es machen, sonst vergisst man es. Aber, wie gesagt, ganz klar: Bei Eiern, Pfefferkuchen und Tannenbaum kann man auch längst losgelöst von den Dingen, für die sie einmal standen, leben und erinnern. Aber da kann man auch ein bisschen darauf vertrauen: Ein Ansatz ist gegeben. Bei denen, die Eier verstecken, kann man noch einmal versuchen, auch von Auferstehung zu reden.

Ich denke, dieses Dem-Erinnern-Nachhelfen ist ein ganz wichtiger Punkt, weil es hilft, mit der Menschlichkeit des Menschen zu rechnen, weil er weiß, wie vergesslich wir Menschen sind. Jakob hat das getan.

Aber nun will ich dennoch sagen - das habe ich als Punkt am Ende angefügt: Die Bibel ist sozusagen die Verdichtung der Geschichten. Die Geschichte von Jakob haben wir sozusagen zum Erinnern leicht zum Aufschlagen in unserer Bibel. Und wir haben Gottes Wort an allen Orten. Da bin ich wieder bei Punkt 1: Überall kann Gott zu uns sprechen. Das sollen wir an der Bibel, glaube ich, auch feiern: dass wir nun nicht mehr unbedingt sagen müssen, also lasst uns gehen nach Bethel und nach der Kopfkissenkirche von Jakob Ausschau halten. Dort ist heiliger Ort.

Wir haben so viele andere Orte, an denen Menschen Zeugnis gegeben haben dafür, dass sie hier Gottes Wort gehört haben. Und wir haben die Heilige Schrift, die uns helfen will, die uns ein Stückchen Anleitung geben will zu sagen: Überall kannst du deinen Gott zu dir reden hören.

Darüber soll man sich freuen und in die Hände klatschen. Deswegen habe ich noch einmal ein Stückchen Luther dazu getan. Das habe ich natürlich im Blick auf Trier ausgesucht. Ich gebe es ganz ehrlich zu. Ich lese Ihnen noch ein Stück aus dieser letzten Predigt von Martin Luther vor, mit ökumenischer Milde etwas geglättet, weil das andere etwas zu heftig wäre.

"Vor Zeiten wären wir gelaufen an der Welten Ende, wenn wir einen Ort gewusst hätten, wo wir hätten mögen Gott reden hören. Aber das sieht man nicht, dass wir jetzt täglich solche Predigten hören. Du hörst daheim im Hause Vater und Mutter und Kinder singen und sagen davon. Der Prediger in der Pfarrkirche redet davon. Da sollst du die Hände aufheben und fröhlich sein, dass wir zu diesen Ehren gekommen sind, dass wir Gott durch sein Wort mit uns reden hören. Oh, sagt man, was ist das? Was haben wir denn davon? Wohlan, so fahre hin, lieber Bruder. Magst du das nicht, dass Gott täglich mit dir redet daheim in deinem Haus und in deiner Pfarrkirche, so sei nur klug und such dir ein anderes. Zu Trier ist unseres Herrn und Gottes Rock, in Aachen sind Josefs Hosen und unser lieben Frauen Hemde, da lauft hin, verzehr dein Geld und kaufe Ablass."

Hier muss ich etwas auslassen wegen ökumenischer Glättung.

"Das ist ein köstlich Ding, dass man weit laufen kann und viel Geld verzehren, Haus und Hof stehen lassen. Sind wir aber nicht toll und töricht, ja vom Teufel geblendet und besessen, denn wir sind damit hoch genug geehrt und reichlich geseeligt, dass wir wissen, dass Gott mit uns redet und mit seinem Wort speist und gibt uns seine Taufe und Schlüssel. Aber da reden die rohen Leute: Was Taufe, Sakrament, Gottes Wort? Josefs Hosen, die tun’s. Aber wir sollen Gottes Wort hören, dass er unser Schulmeister sei, und nichts wissen von Josefs Hosen."

Liebe Schwestern und Brüder, diese Predigt hat Luther vor 23 Leuten gehalten, zwei Tage vor seinem Tod. Es waren nicht viele gekommen. Zwei Tage später, als sein Sarg in derselben Kirche stand, sind Tausende gekommen und haben ihn sozusagen im kulturellen Gedächtnis aufbewahrt bis heute. Aber dieses Wort, diese Predigt haben damals nur 23 gehört.

Aber so ist das mit uns Menschen. Und das ist Ausdruck der Gnade Gottes, dass wir hier Synode machen können, die Bibel aufschlagen können und sagen können: im kulturellen Gedächtnis. Aber wir sagen hoffentlich auch: Das ist meine Bibel, hier höre ich Gott zu mir reden. Dafür wollen wir in die Hände klatschen und sagen, dass von Jakob an - von mir aus noch früher - Leute die Chance ergriffen haben, dass Gott zu ihnen reden kann und dass sie erschrecken, wenn sie es versäumen, dass sie sich Mühe geben, es zu erinnern, dass sie im Grunde aber froh sind, Gott so reden hören zu können. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie uns das zweite Lied als ein Gebet singen, als ein Schlussgebet.

Und so segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist. Amen.

Ich wünsche uns allen eine fröhliche und gelassene Ratswahl.



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