Morgenandacht

06. November 2003 (2. Tagung der 10. Synode der EKD Trier, 2. - 7. November 2003)

Pfarrer Volker Teich

Die Losung dieses Tages heißt: "So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir", Jesaja 43, Vers 5. So knapp dieses Wort ist, so herrlich ist es. Es ist wie die Morgensonne, die sich an einem Novembertag durch den Nebel durchbricht. Weil es aus einem ebenso großartigen Abschnitt stammt, möchte ich den Abschnitt aus Jesaja 43 lesen:

Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.

Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt,

weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben.

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln.

Ich will sagen zum Norden: Gib her! und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde,

alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.

Dieser Text spricht mitten in unser Synodenthema "Bibel im kulturellen Gedächtnis" hinein. Bei wie vielen Taufen wurde gerade dieser erste Vers als Taufspruch zugesprochen: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." In wie vielen Gottesdiensten klingt dieses "Fürchte dich nicht!" auf. An Weihnachten: "Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren." Und an Ostern zu den Frauen am Grab: "Fürchtet euch nicht! Er ist auferstanden, er lebt."

Es sind Urworte des Glaubens, die gerade in diesem Abschnitt der Bibel laut werden, schöne Worte, Worte voll Geborgenheit und Trost. Doch all diese Worte hängen an einem kleinen Satz, und dieser ist entscheidend: "Und nun spricht der Herr." Wir lesen gerne über diesen Satz hinweg; aber an diesem Satz hängt alles. Es ist ein Satz voller Sprachgewalt bis hinein in den einzelnen Buchstaben.

Er beginnt mit einem Buchstaben im Hebräischen, der wie ein Nagel aussieht. Ich habe mir an der Hotelrezeption so etwas Ähnliches wie einen Nagel geben lassen. Jetzt stellen Sie sich einmal diesen schmiedeeisernen Nagel nicht ganz gerade, sondern etwas gebogen vor! Genauso sieht der erste Buchstabe aus, der hier steht, das hebräische "we". Aber dieser Buchstabe ist entscheidend. Er ist tatsächlich wie ein Nagel, der in die Wand geschlagen ist und an dem alles hängt. An diesem Nagel kann ich mich festmachen.

"Nun spricht der Herr." Jetzt! Und jetzt ändert sich alles, tatsächlich jetzt. Hier redet Gott, und damit ändert sich das Geschick eines ganzen Volkes. Eine unfassbare Wende tritt jetzt ein. Der Prophet darf ein neues Heilshandeln Gottes verkündigen. Deshalb heißt es hier: "Fürchte dich nicht!"

Wenn wir uns mit der Bibel beschäftigen, werden wir immer gefragt: Warum lest ihr denn die Bibel? Warum müsst ihr euch mit diesen alten Worten abmühen?
Oft ist das Bibellesen ja nicht leicht. Es kostet Mühe, es kostet Nachdenken. Dann können wir antworten: "Weißt du, die Bibel ist ein kostbares Buch mit unvergleichlichen, manchmal verborgenen Schönheiten." Oder: "Weißt du, die Bibel, das ist das Buch, das unsere Kultur geprägt hat." Das alles ist ja richtig. Aber das Entscheidende ist das ganz andere: "So spricht der Herr", dass eben Gott redet und dass es sein schöpferisches, sein kraftvolles Wort ist, das Nationen ändert, das Geschichte ändert und das Menschen ändert. Es ist nicht der Gott, der uns väterlich-liebevoll auf die Schulter klopft und ins Ohr flüstert: "Du bist mir schon recht", sondern es ist der Gott, der Neues schafft, der Leben schafft, und in diesen Worten aus dem Propheten Jesaja ist das Zittern zu spüren über den Gott, der in der Geschichte handelt.

Aber jetzt ist die Frage: Wem gilt eigentlich dieses Wort? Da müssen wir sagen: Zunächst gilt es nicht uns. Jakob ist angesprochen, Israel ist angeredet. In einer Zeit, in der das Volk Israel sich selbst aufgegeben hatte, in einer Zeit, wo dunkle Gottvergessenheit um sich gegriffen hatte und das Volk nur noch an den Wassern zu Babylon saß und weinte und nicht mehr weiter wusste. Gerade in dieser Zeit spricht Gott. Es war noch kein Trost, keine Änderung in Sicht. Aber Gott sprach sein Wort, und es traf die Änderung ein: Fürchte dich nicht.

Wichtig ist, dass der Prophet hier Worte aufnimmt, die im kulturellen Gedächtnis dieses Volkes waren, Urworte dieses Volkes, Sätze, die vor langer Zeit an Abraham, Isaak und Jakob gesprochen wurden: "Ich bin mit dir. Ich bin bei dir. Fürchte dich nicht." Gerade das waren die Worte, die das Volk jetzt verstehen konnte, das Volk insgesamt, aber auch der Einzelne.

Was war das für ein Trost in der Zeit der Gefangenschaft, wenn es jetzt plötzlich hieß: "Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir." Was war das für eine Zusage in den täglichen Erniedrigungen: "Ich bin mit dir. Ich bin dein Gott. Du bist unendlich wertvoll für mich. Ägypten gab ich als Lösegeld. Ich bin der Gott, der zum Norden spricht: Gib her, und zum Süden: Bring sie wieder. Ich bin der Gott, der sein Volk sammelt." Ein gewaltiges Wort an Israel, ein Wort voller Zusagen für ein geängstigtes, geschundenes Volk. Doch nur für Israel?

Ich denke, das ist einer der Bibelabschnitte, die am häufigsten im Neuen Testament aufgenommen sind. In der Verkündigung Jesu sind fast alle diese Worte wiederzufinden. Jesus spricht: "Ich gebe" - nicht Völker oder Ägypten - "ich gebe mich, mein Leben, zum Lösegeld für die vielen." Oder: "Viele werden kommen vom Osten und vom Westen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich  zu Tisch sitzen." Und schließlich spricht der auferstandene Herr zu seinen Jüngern: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." So gilt also dieses Wort heute Morgen uns, und da geht die Sonne auf an diesem Novembermorgen, die Sonne über unserem Leben. Jetzt wollen wir es möglichst für uns ganz persönlich nehmen für den neuen Rat, der gewählt ist. Die Mitglieder haben vielleicht nach der ersten Freude über die Wahl die Menge der Termine entdeckt, die Last der Aufgaben, und da spricht Gott: "Siehe, ich bin mit dir." Wir normale Synodale, vor uns stapelt sich das Papier in unendliche Höhen, und da kommt dieses Wort aus einer ganz anderen Welt, aus der Welt Gottes: "Siehe, ich bin mit dir." So ist dieses Wort an unsere Kirche, an die EKD, wo wir oft fragen: Gehen wir nicht in der Vergessenheit einer Gesellschaft auf? Da sagt dieser Gott: "Ich bin mit dir, fürchte dich nicht."

Aber halten wir das eine fest: Das ist ein Wort, das Neues schafft. Es ist ein Wort von dem Gott, der eine großartige Zukunft für uns bereitet hat. Es spricht der Gott, der seinen Nagel in die Geschichte gerammt hat. An diesem Nagel können wir uns festhalten, weil es sein Wort ist. Es ist der Gott, der mit mir und mit dir in die Zukunft gehen will. Amen.

Wir beten. Allmächtiger, ewiger Gott, du sprichst zu uns an diesem Morgen. Du sprichst zu uns deine Verheißung, dass du mit uns bist und mit uns gehst. So segne diesen Tag. Segne du unsere Zukunft. Amen.

Einen schönen, gesegneten Tag.



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