Bericht des Rates der EKD (Manfred Kock)

1. Das Evangelium rein verkündigen, die Sakramente recht verwalten

Es gilt das gesprochene Wort.

Das JAHR DER BIBEL 2003 hätte es nahegelegt, den Ratsbericht für diese Frühjahrssynode auf ein einziges Thema zu beschränken: Die Bibel - Quelle und Richtschnur unseres Glaubens.

So war es auch ursprünglich meine Absicht. Dann hätte ich im November wieder die übliche Reihe der Themen und Problemanzeigen entfalten können. Aber es gab einige besondere Ereignisse, über die Sie Auskunft erwarten. Nicht zuletzt der Ökumenische Kirchentag, der unmittelbar bevorsteht, hat die Fragen des Verhältnisses von Eucharistie und Abendmahl erneut in den Vordergrund gestellt.

Der Rat der EKD hat im Januar zu Verständnis und Praxis des Abendmahls einen Text vorgelegt, der für den künftigen Dialog mit anderen Kirchen und für die innerevangelische Verständigung eine wichtige Positionsbeschreibung darstellt. (1)  Papst Johannes Paul II. hat dann am Gründonnerstag mit seiner Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" die römisch-katholische Sicht entfaltet und unmittelbar vor dem Ökumenischen Kirchentag den Blick auf die noch nicht erreichte Gemeinsamkeit gelenkt.

Der Rat der EKD hat in seiner Stellungnahme bedauert, dass nach katholischem Verständnis eucharistische Gastfreundschaft nicht möglich ist, er hat aber die römische Position respektiert. Der Rat hat zugleich für die evangelische Kirche erklärt, dass sie alle Getauften, die nach den Regeln ihrer Kirche zum Abendmahl zugelassen sind, einlädt und dass diese frei sind, die Einladung anzunehmen, soweit sie dies mit ihrem Gewissen vereinbaren können.

Texte wie die jüngste Enzyklika und die evangelische Reaktion darauf werden von vielen, die dem Kirchentag mit großer Erwartung für eine Annäherung in der Abendmahlfrage entgegengesehen haben, als Indizien einer ökumenischen Eiszeit bewertet.

Ich verstehe die Enttäuschung, aber ich stimme Kardinal Walter Kasper zu, der neulich in einem Vortrag gesagt hat: "Die Krise der Ökumene ist nicht etwa ein Zeichen ihres Misserfolges, sondern im Gegenteil ein Ergebnis ihres überwältigenden Erfolges. In dem Maße nämlich, als wir einander näher gekommen sind, spüren wir umso schmerzhafter, ja unerträglicher das, was uns trennt.“ (2) 

Im Vorfeld des Kirchentages ist es bei aller Enttäuschung darüber, dass wir in der Frage eucharistischer Gastfreundschaft nicht aus unserer Asymmetrie herausgefunden haben, doch von besonderer Bedeutung, dass die Unterschiede benannt sind und wir die kontroversen theologischen Sachfragen mit Ernst zu klären beabsichtigen.

Dazu gehören der Respekt vor dem Gegenüber, die Achtung der besonderen Glaubensüberzeugung und die Anerkennung der spezifischen Berufung der anderen.

Darum war es ratsam, auf die jüngste Enzyklika mit Gelassenheit zu reagieren. Gelassenheit ist etwas anderes als bloße Freundlichkeit. Gelassenheit kann entstehen, wenn auf beiden Seiten das Bewusstsein dafür wächst, wie notwendig Klarheit nach innen und außen ist. Klarheit nach innen, damit meine ich die immer wieder neu zu leistende Selbstvergewisserung. Klarheit nach außen, damit meine ich den Vorgang, dass wir uns kenntlich machen und unser eigenes Profil zeigen. Das ist gerade in einer Zeit nötig, in der vieles gleich gültig und darum vielen gleichgültig wird.

Es gelingt uns freilich nicht immer, Selbstvergewisserung und Profilbildung auf der einen und die Würdigung all dessen, was uns mit anderen verbindet, auf der anderen Seite in Balance zu halten.

Darum verdient der ökumenische Dialog große Anstrengung bei der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit. Das Ringen um die Überwindung der kirchentrennenden Folgen theologischer Differenzen verliert nicht an Bedeutung, wenn dabei auch redlich gestritten wird. Nur wer sich seiner eigenen Identität bewusst ist, wer seine Wahrheitseinsicht klar zu beschreiben weiß und die Position der anderen würdigt, auch wenn er sie nicht teilt, kann sich auf die Suche nach gemeinsamer Wahrheit begeben.

Klar sein und würdigen können - das wird uns wachsen lassen hin zur Einheit und wird uns helfen, die gemeinsamen Herausforderungen der Zeit zu bestehen. Kardinal Kasper hat in dem schon erwähnten Vortrag gesagt: "Die Welt braucht nicht unsere vereinigten Frustrationen, sondern unser gemeinsames Zeugnis der Botschaft des Evangeliums."

Dieses Zeugnis werden wir beim Ökumenischen Kirchentag abzulegen haben, und davon werden wir auch nicht lassen in der Zeit danach. Wir haben längst nicht ausgeschöpft, was wir gemeinsam tun können.

Zugleich muss die theologische Arbeit weitergehen an der zentralen Differenz, die in der Eucharistiefrage erneut sichtbar wurde - der Frage des kirchlichen Amtes.

Nicht nur in der Diskussion mit der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen steht dieses Thema an. Wir haben auch innerhalb der evangelischen Tradition dringenden Klärungsbedarf.

Die lutherischen Kirchen in Skandinavien und Nordamerika neigen zu einem Amtsverständnis, das die bischöfliche Verfassung unter Einschluss einer historischen Sukzession als Einheitssymbol versteht. Das Einheitsmodell, das sich aus der Leuenberger Konkordie entwickelt hat und Leitbild der evangelischen Mitgliedskirchen ist, versteht die Kirche als "creatura verbi", d.h. es bindet die Einheit der Kirche an die Predigt des Evangeliums und die evangeliumsgemäße Verwaltung der Sakramente.

Die römische Kirche beruft sich darauf, dass der Kanon der Schrift, auf den wir uns gemeinsam berufen,  und das Bischofsamt sich gleichzeitig herausgebildet hätten (3), und leitet daraus das Bewusstsein ab, das römische Amtsverständnis sei schriftgemäß.

Evangelische Theologie sieht die Einheit der Kirche nicht in der Gestalt des zentralen Lehr- und Leitungsamts gewährleistet, weil das Neue Testament unterschiedliche Amtsformen spiegelt und in ihnen ein zentrales Leitungsamt jedenfalls fehlt.

Die Klärung zwischen diesen unterschiedlichen Einheitskonzepten wird nur im Hören auf die Heilige Schrift herbeigeführt werden können, die auch beim Dialog mit der römischen Kirche nicht ausgeschöpft ist.



Fußnoten:

(1)  Das Abendmahl. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Abendmahls in der Evangelischen Kirche, Gütersloh 2003

(2) Walter Kasper, Gegenwärtige ökumenische Eiszeit und künftige Perspektiven der Ökumene, Vortrag anl. seiner Ehrenpromotion durch die Theologisch-Philosophische Hochschule der Pallottiner am 10.5.03 in Vallendar (Veröffentlichung ist durch die Hochschule in Kürze vorgesehen)

(3) W. Kasper: Die Apostolische Sukzession als ökumenisches Problem, in: ders., Theologie und Kirche, Bd. 2, Mainz 1999, 163ff.



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