Bericht des Rates der EKD (Manfred Kock)

2. "Ecclesia de verbo vivit" - die Bibel als Quelle und Richtschnur des Glaubens

Wachsen in der Erkenntnis des Glaubens und in der Einheit geschieht im Hören auf die Heilige Schrift. Dem will das JAHR DER BIBEL dienen, das in ökumenischer Gemeinschaft verantwortet wird.

Evangelische Frömmigkeit ist in der Geschichte der reformatorischen Kirchen in erster Linie mit dem Lesen der Bibel verbunden gewesen. Wahrheit und Weisung für den Alltag, Trost und Lebenshilfe, Hoffnung im Leben und im Sterben haben sich im Lesen und Lernen der Bibel erschlossen.

Menschen kannten nicht nur Teile der Bibel auswendig, sondern ihre wesentlichen Geschichten und Weisheiten auch inwendig. Sie waren vertraut mit den Psalmengebeten und der Klage des Hiob ebenso wie mit den Geboten und den Trostworten. Sie kannten die Geschichten des Alten und Neuen Testaments und haben viele Sätze und Bilder für den eigenen Sprachumgang so verinnerlicht, dass sie zu geflügelten Worten geworden sind, die zum Teil bis heute bewahrt sind, oft ohne dass ihre Herkunft noch bewusst wäre. Etwa, wenn jemand sagt, da ist "der Tod im Topf" (2. Könige 4,40), oder wenn davor gewarnt wird, einander "eine Grube (zu) graben" (Prediger Sal 10,8), keine "Perlen vor die Säue (zu) werfen (Matth 7,6), wenn es um Menschen geht, die "mühselig und beladen" sind (Matth 6,11), oder wenn einer im Leben "auf Sand gebaut" hat (Matth 7,26) oder wenn "die eine Hand nicht weiß, was die andere tut" (Matth 6,3) - dann ist die Bibel immer noch in aller Munde.

Inzwischen aber sind diese Praxis des Umgangs mit der Bibel und die daraus resultierende Vertrautheit weitgehend verloren gegangen. Die IV. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD, deren Ergebnisse noch in diesem Jahr erscheinen werden, macht das auch statistisch deutlich: Bei der Frage, was evangelische Christen kennzeichne, landet das 'Bibellesen' auf dem letzten Platz unter den vorgegebenen Fragepunkten (4).

Dieses Ergebnis ist nicht nur bedauerlich wegen des großen Verlustes für die persönliche Frömmigkeit und Lebenshilfe. Es ist nicht nur bedauerlich wegen des Verlustes eines wesentlichen Identität stiftenden Mediums für einen ganzen Kulturraum. Dieses Ergebnis ist auch bedrohlich für das Profil unserer evangelischen Kirche.

Die Bibel ist in den Kirchen der Reformation als Richtschnur der kirchlichen Glaubenslehre unverzichtbar. Ohne Bibelbezug ist die Kirche nicht mehr „creatura verbi“, sie vergisst gleichsam ihr Gegenüber, dem sie ihren Inhalt, ihre Aufgabe, ja ihre ganze Existenz verdankt. Es gibt keinen anderen Zugang zum Wort Gottes als durch die Bibel. Eine evangelische Kirche ohne die Bibel wäre wie ein Wald ohne Bäume, wie ein Vogel ohne Federn oder - für die Modernen - wie ein Computer ohne Speicher.

Allerdings sichert diese fundamentale Bedeutung der Bibel für die Kirchen der Reformation keineswegs ihre Einheit. Der Neutestamentler Ernst Käsemann hat prägnant formuliert: Die Bibel begründet die Vielfalt der Konfessionen, nicht aber die Einheit der Kirche (5).

Die Lösungen, die in den Anfängen der Kirche gefunden wurden, lohnen ein genaues Hinsehen und haben sich – wie ich meine – auch bis heute bewährt:

· Die verbindlichen Schriften wurden ausgewählt und der Kanon der Bibel entstand;
· Kernpunkte der biblischen Botschaft wurden als Glaubensbekenntnis formuliert;
· Gemeinden gaben sich aus der Erfahrung der Schrift heraus Leitungsstrukturen.

Die Reformatoren setzten diese Lösungen der Alten Kirche zwar voraus, verlangten aber eine klare Vorrangstellung der Autorität der Heiligen Schrift gegenüber der Kirche, denn sie trauten der Schrift nicht zuletzt wegen ihrer inneren Pluralität letztlich mehr Weisheit zu als Kathedern und Konzilien. Deshalb ist es reformatorische Grundüberzeugung, die Vielfalt der biblischen Überlieferung zu achten, sie als Gewinn für das Leben zu begreifen und dabei den Grundsatz zu wahren, dass die Bibel die einzige und zentrale Quelle und Norm unseres Glaubens ist. Freilich dürfen wir die damit verbundenen Probleme nicht verschweigen. Angesichts der Zeugnisvielfalt in der Heiligen Schrift und der Stimmenvielfalt ihrer Ausleger müssen wir nach ihrer inneren, theologischen Mitte fragen. Martin Luther hat in einer seiner Vorreden zur „Deutschen Bibel“ darauf hingewiesen, was die Mitte der Heiligen Schrift ist: „das, was Christum treibet“(6)  . Das heißt, wir sind immer und überall gehalten, danach zu fragen, was Botschaft und Willen, Person und Werk Jesu entspricht. Doch davon wiederum wissen wir nur in Form des biblischen Zeugnisses. Entsprechend ist das Verhältnis zwischen Schriftauslegung und Bestimmung der Schriftmitte ein Zirkel, ein Erkenntniskreislauf (7).  Die Heilige Schrift ist und bleibt die begründende Norm für alle Glaubensaussagen (norma normans), die Bekenntnisse sind abgeleitete Normen (norma normata). Zwischen diesen beiden muss es stets gegenseitige Klärung und Erläuterung geben.

Die evangelische Kirche hat bei ihrer Suche nach einheitlichen Aussagen in der Vergangenheit nicht selten Anleihen beim jeweiligen Zeitgeist gemacht und den Horizont der Gegenwartsfragen gleichsam als einen „geliehenen Deutungsrahmen“ übernommen. Die evangelische Kirche kommt damit den Fragen der Menschen und der historischen Situation der Gesellschaft nahe und hat sich so in das jeweils aktuelle Leben „hineingewagt“. Diese Kompetenz sollte man nicht pauschal als illegitime Anpassung diskreditieren. Allerdings ist der Preis für solche jeweilige Nähe zur Gegenwart nicht zu übersehen: Evangelische Theologie und evangelische Kirchenleitungen haben sich oft durch fremden Geist in der Bibellektüre beeinflussen lassen und sich abhängig gemacht von schnelllebigen Moden. So haben sie manchen Sündenfall der Geschichte mitgemacht: vom übertriebenen Nationalismus bis zum Antisemitismus, vom Rationalismus bis zum Glauben an den unaufhaltsamen wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Gott sei Dank hat evangelische Theologie immer wieder die Kraft gefunden, Gegenbewegungen hervorzurufen, Fehler und Schuld zu bekennen und aus Irrtümern zu lernen: vom Pietismus der frühen Neuzeit bis zu den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts, von den Autoren der „Barmer Theologischen Erklärung“ bis zu den Aufbrüchen der Kirchentage.

Evangelische Christen und Christinnen werden die Vielfalt der Glaubenszeugnisse selbstbewusst verteidigen. Dies bewahrt davor, die Bibel zum „papiernen Papst“ zu machen, und erinnert daran, dass jeder getaufte Christ, jede getaufte Christin – egal ob Theologe oder Laie, ob Mann oder Frau - gleichberechtigten Zugang zur Bibel und die Kompetenz zum geistlichen Urteil für den eigenen Glauben hat. Inwieweit die Wahrheit eines persönlichen Glaubenszeugnisses für andere verbindlich sein kann, muss freilich am Maßstab der Heiligen Schrift gemessen werden. Nur im gemeinsamen Suchen nach der Wahrheit der Bibel können dann für Alle verbindliche Entscheidungen gefällt werden.

Dies gilt auch im Blick auf die Frage der „gottesdienstlichen Segnung“ von Menschen in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften. In diesem Konflikt ist es in unserer Kirche bisher nicht gelungen, zu einer wirklichen Klärung in der Orientierung an der Heiligen Schrift zu kommen. Weil aber nach meiner Überzeugung mit der Entscheidung dieser Frage nicht die Kirche steht oder fällt, plädiere ich dafür, die unsachgemäße Aufgeregtheit aus diesem Konflikt herauszunehmen. Bei allen Beratungen ist darauf zu achten, dass nicht die jeweils andere Seite schon zu Verrätern an der Sache des Evangeliums gestempelt wird. Man kann in vielen Details der theologischen wie der ethischen Bewertung von Homosexualität unterschiedlicher Meinung sein, wie das auch für andere ethische Streitfragen zutrifft. Gerade darum ist es geboten, in den Synoden keine Mehrheitsentscheidungen zugunsten einer Option zu treffen, die eine beachtliche Minderheit schweren Gewissenskonflikten aussetzt. Lassen Sie uns gemeinsam unter dem Wort der Heiligen Schrift bleiben, wohl wissend, dass sich unter diesem Dach auch Überzeugungen finden, die mit den je eigenen Glaubenseinsichten nicht oder nur schwer vereinbar sind. Schenken wir uns gegenseitig die Zeit, in der Auseinandersetzung um diese und andere Fragen zu wachsen. Nur so kann in unserer Kirche ein Verständnis der Bibel reifen, das eines Tages als „magnus consensus“ festgestellt wird und von dem her dann auch die anstehenden Fragen beantwortet werden können. Der „magnus consensus“ wird uns nicht ohne Mühen geschenkt, er lässt sich freilich auch nicht erzwingen.

Der eigentliche Grund für die Pluralität der Bibelauslegungen ist theologischer Natur, denn Gott äußert sich über das Medium der Heiligen Schrift indirekt. Die Bibel ist Wort Gottes in Menschenmund, sie ist sprachlich verdichteter Niederschlag von Gotteserfahrung, die über Generationen tradiert worden ist und im Kanon der biblischen Bücher schriftlich fixiert vorliegt. Diese indirekte Selbstmitteilung hat zur Folge, dass es die Möglichkeit unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Auslegung der Hl. Schrift gibt. Es ist Teil unserer Freiheit, dass wir wissen und verstehen wollen, aber wir müssen uns der Grenzen dieser Freiheit bewusst bleiben. „Niemand hat Gott je gesehen“, sagt die Heilige Schrift (Joh 1,18) und warnt davor, menschliches Einsichtsvermögen zum Maßstab des Willens Gottes zu machen.

Auf eine kurze Formel gebracht: Die Bibel ist Gotteswort im Menschenwort. Dieser Charakter der Bibel macht es ebenso möglich wie notwendig, sie historisch-kritisch zu betrachten und zu erforschen. Denn die Bibel ist nüchtern betrachtet und wissenschaftlich studiert ein Buch wie andere auch. Über ihre Entstehungszeit, ihre verschiedenen Verfasser und die Strömungen und Bewegungen im Hintergrund Bescheid zu wissen ist ein ebenso spannender wie nützlicher Erkenntnisweg. Der ist theologisch nicht nur legitim, sondern geboten, weil nicht der Wortlaut der Bibel, sondern ihr Inhalt der eigentliche Glaubensgegenstand ist. Die evangelische Kirche lehrt keine Verbalinspiration, sondern eine Realinspiration; die Botschaft der Bibel ist gottgewirkt, nicht der Wortlaut. Wenn es etwa im 1. Petrusbrief (8) und im bewussten Rückgriff darauf am Ende der Barmer Theologischen Erklärung heißt: Verbum dei manet in aeternum – dann ist damit nicht die Ewigkeits-Garantie für den Buchstabenbestand gemeint, sondern die umfassende Gültigkeit des Inhalts der Verheißungen Gottes. Das Verstehenwollen mindert nicht die Liebe zum Wortlaut, im Gegenteil: Es vertieft die Wertschätzung für jede noch so kleine Textvariante. Wörtlich genommen und ohne kritische Distanz gelesen ist die Bibel ein spannendes, aber streckenweise auch ein schwer verdauliches Buch. Neben den lebensschützenden Geboten und dem unüberhörbaren Ruf zur Gewaltlosigkeit erzählt es auch von Völkermord, es enthält diskriminierende Vorschriften und patriarchale Gottesbilder. Deswegen ist die historisch-kritische Methode befreiend; sie macht sperrige Aussagen aus ihrem Kontext heraus besser verstehbar. Wenn dann wieder einmal ein Kritiker im STERN, SPIEGEL oder FOCUS daherkommt und mit dem Brustton der Neuentdeckung feststellen zu müssen meint, dass ja so vieles historisch gar nicht stimme, was im „Buch der Bücher“ stehe, dann rennt er bei uns nur offene Türen ein. Denn diese Einwände begründen letztlich nur das, was der Glaube immer schon immer gewusst hat: Die Bibel ist kein Beweis für historische Richtigkeiten, sondern Ausdruck des Glaubens.

Die Geschichten der Bibel wollen den Menschen mitten im Leben treffen und ihn für den Glauben gewinnen. Die Bibel bleibt nicht im Mythos stecken, sondern deutet reale Lebens- und Geschichtserfahrung auf Gott hin und von Gott her.

Daher öffnet sich die Bibel dem historisch-kritischen Fragen und den daraus entstehenden existentiellen Zweifeln einer nachkritischen Wahrnehmung und einer neuen Bibelfrömmigkeit. Die Menschen, die sich darauf einlassen, erkennen, dass die Geschichten der Bibel, die sich um einen historischen Kern bildeten, mit dem Heiligen Geist durchsetzt sind. Die Bibel hat eigentlich nur ein Thema, dieses aber in unendlich vielen Variationen: der Mensch vor Gott und Gott für den und mit dem Menschen. Erfahrungen, Katastrophen, Überraschungen, alles, was Menschen erleben können, betrachtet die Bibel im Licht Gottes. Das ist überraschend für viele, ja sogar fremd – und doch so heilsam für diese Welt.

Nachkritische Bibelfrömmigkeit, die die historisch-kritische Erforschung zu schätzen weiß und den Klang der Güte Gottes zwischen den beiden Buchdeckeln zu hören vermag, ist durch mindestens drei Aspekte geprägt:

a) Sie kann staunen über Gott und seine Gegenwart in der geschaffenen Welt, staunen über Jesus Christus und das Leben in Freiheit und staunen über den Heiligen Geist, der uns trösten und halten will auch in schweren Zeiten. Die Bilder und Gleichnisse, Symbole und Legenden der Bibel erschließen sich von da her in ihrer Fülle. Ausschmückungen und Entfaltungen entstellen die Geschichten nicht, sondern helfen, sie tiefer und reicher zu erleben.

b) Nachkritische Bibelfrömmigkeit bleibt demütig und bescheiden, weil sie historisch-kritisch geschult ist. Wer sich einmal auf die Geschichte der biblischen Literatur und ihre Wirkungsgeschichte eingelassen hat, der weiß, dass das Wort Gottes immer wieder auch für innerweltliche Zwecke und Machtabsichten missbraucht wurde. Das macht außerordentlich zurückhaltend bei der Behauptung, dieses oder jenes Handeln entspreche nun exakt dem aus der Bibel ablesbaren Willen Gottes.
c) Aus nachkritischer Bibelfrömmigkeit entsteht eine neue Liebesbeziehung! Es ist die Liebe zu einem Buch, das schon durch unendlich viele Hände gegangen ist, dessen Missbrauchsgeschichte bekannt und bestürzend ist, dessen relative Wehrlosigkeit nicht zu bestreiten ist, aber dessen Botschaft dennoch bis heute widerhallt. Tonangebend sind dabei die Begegnungen mit dem Auferstandenen. „Als es schon Morgen war, stand Jesus am Ufer ...“ (Joh 21,4) heißt es im letzten Kapitel des Johannesevangeliums. Hier erklingt die Musik des Trostes und der Befreiung aus der Vergeblichkeit des Alltags. Hier ertönt die Einladung, das Leben gemeinsam zu gestalten.

Fußnoten:

(4) Weitere Kennzeichen für „Evangelisch-Sein“, die in der IV. Mitgliedschaftsuntersuchung des EKD angesprochen werden, sind: Getauftsein, Konfirmation, Kirchgang, Abendmahlspraxis, Wertschätzung des eigenen Gewissens, Respektierung der 10 Gebote, Wahrnehmung von innerkirchlichen Dingen, Orientierung an Jesus, Selbstbestimmung in Glaubensfragen, Gutes tun, Bemühen um ein anständiges Leben, bewusstes Bekennen des eigenen Christseins, Achtung der Freiheit anderer.

(5) Ernst Käsemann, Begründet der neutestamentliche Kanon die Einheit der Kirchen? in: Exegetische Versuche und Besinnungen I. Göttingen 1960, S. 221

(6) in: "Vorrede auf Episteln St. Jakobi und Judas": WA DB 7, S.384, Z.26ff

(7) treffend in dem Text „Vom Gebrauch der Bekenntnisse“ (EKD-Text 53) beschrieben.

(8) Vgl. 1. Petr 1,25. Dort wird Jes 40,8b zitiert: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich“; vgl. auch Ps 119,89: „HERR, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht“; Lk 21,33: „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht“.



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