Texte zum Schwerpunktthema

Bibel im kulturellen Gedächtnis

Einbringung des Kundgebungsentwurfs zum Schwerpunktthema: Bibel im kulturellen Gedächnis

Präses Prof. Dr. Michael Schibilsky

2. Tagung der 10. Synode der EKD, Trier, 2. - 7. November 2003

Es gilt das gesprochene Wort.

Ich fange beim Nächstliegenden an: Ich stelle mir gerade vor, wie wohl Ihre persönliche Bibel aussieht, die Bibeln der mehr als einhundert EKD-Synodalen? Die meisten Menschen haben eine Bibel, die wenigsten lesen sie. Unter uns könnte das anders sein.

Wie sieht sie eigentlich aus, die Gebrauchs-Bibel von Bert Brecht ("Sie werden lachen: Die Bibel!”), die katholisch grundierte Heilige Schrift von Heinrich Böll? Die Bibel des atheistischen Philosophen Ernst Bloch oder des Dichters Thomas Mann, mit der er "Josef und seine Brüder” geschrieben hat, die Bibel-Partitur in der Seele von Johann Sebastian Bach oder von Felix Mendelssohn-Bartholdy, die Bibel des Pop-Musikers Xavier Najdoo, die in- und auswendig gelernte Bibel von Johannes Rau oder das Buch der Bücher im ZDF-Studio von Peter Hahne? In welcher Bibel hat Robert Leicht die Bergpredigt für seine Serie in der ZEIT nachgelesen? Und dann die Ausgaben, mit der Walter Jens an seine Übersetzungsarbeit gegangen ist?

Ich will Ihnen auch sagen, wie meine eigene Gebrauchs-Bibel aussieht: Ich benutze bunte Klebemarker und einen Druckbleistift, damit ich schneller finde, was ich suche. Aber was mich im Gespräch mit diesen Texten bewegt, das findet sich anderswo: im Tagebuch oder in Predigten, in Briefen, in Erinnerungen an Zeiten der Stille, in Gesprächen mit Menschen, die von mir als Pfarrer wissen wollten: Was sagt Gott eigentlich zu meinem Leben? Zu meinem unvorstellbaren Lebensglück? Zu meiner unbegreiflichen Katastrophe?

Mir scheint: So, wie unsere persönliche Bibel aussieht, so sieht wohl auch das Gespräch zwischen Gott und uns aus: mit manchen Fragezeichen und Ausrufezeichen, mit Passagen, die niemals gelesen und besprochen worden sind zwischen Gott und mir, ein Gespräch zwischen Faszination und Scheu, Sprachlosigkeit und Aufbegehren. So ist unsere persönliche Bibel wie der unverwechselbare Fingerabdruck Gottes in unserer persönlichen Lebensgeschichte.

Ich frage mich: Wann haben Sie eigentlich Ihre eigene Bibel entdeckt? In der Kindheit die Bibel mit den unvergesslichen Illustrationen von Julius Schnorr von Carolsfeld, die Schulbibel, die Jeans-Bibel, die längst aus dem Leim gegangene "Gute Nachricht", die im Buchrücken aufgebrochene rote Zink-Bibel von 1965, die Schwarz-Weiß-Bilder-Bibel "Das Neue Testament für Menschen unserer Zeit" aus den sechziger Jahren, der mühevolle Versuch, uns zu illustrieren, was wir ohnehin anschaulicher in inneren Bildern wie Kino im Kopf hatten: durch Kindergottesdiensterzählungen oder Gute-Nacht-Geschichten, durch Nachtandachten am Lagerfeuer, durch Bibelarbeiten beim Kirchentag.

Und welche Ruhezeiten hatte unsere Bibel? In welchen Lebensabschnitten lag sie eher wie ein ungebrauchtes Schmuck-Inventar in unserer Lebenswohnung – und wo dort eigentlich? Bei der Belletristik oder bei den Familienalben, im Safe oder bei den Kochrezepten?

Eine letzte Frage: Für wen bewahren wir unsere eigene Bibel eigentlich auf? Für den Nachlassverwalter oder den Antiquar, für die Kinder, Enkelkinder oder Patenkinder, für das Altpapier oder für den Menschen, den wir lieb haben?

Das alles haben wir diskutiert in unserem Vorbereitungs-Ausschuss. Wir fanden einen zentralen Nenner: Nachdem wir scheinbar alles können, alles kennen, alles machen - sehnen wir uns nach dem Heiligen mitten im Leben. Wo alles Können seine Grenze findet, wo alles Machen zur Ruhe gekommen ist, der Ort, den niemand betreten kann: die Gottesbegegnung. Zugleich aber ist jedes Lesen in der Bibel ein Augenblick der Gottesbegegnung. Darum geht es bei der Bibel im kulturellen Gedächtnis.

Wir wollen die Bibel im kulturellen Gedächtnis gegenwärtig machen

Wir sind davon überzeugt, dass die Bibel einen Schlüssel zum Verständnis unseres kulturellen Gedächtnisses darstellt. Sie ist eine Tiefen-Grammatik unserer Kultur, liest sich nicht wie ein Beipackzettel pharmazeutischer Produkte, nicht wie die Gebrauchsanweisung für ein Laptop. Die Bibel hat einen Bildhorizont, der sich schnellem Verstehen widersetzt. Sie bleibt sperrig, auch in ihren eingängigsten Passagen.

Die Heiligkeit der Heiligen Schrift nehmen Künstlerinnen und Künstler oft genauer wahr als pastorale Fachleute, die die Bibel wie ihre eigene Westentasche zu kennen glauben. Zugleich irritiert die Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit manch biblischer Texte - so widersprüchlich, wie auch unsere gegenwärtige Kultur gewirkt ist. Und dann gibt es Besitzansprüche auf die einzig richtige Auslegungsmethode, die einzig richtige Übersetzung und Deutung biblischer Texte, die distanzierten Zeitgenossen den Mut zum eigenständigen Bibelstudium nimmt.

Die Bibel hat sich mit unserem kulturellen Gedächtnis verbunden, hat es geprägt, verdichtet, zugespitzt und gedeutet. Die Bibel ist kein Schlüssel zur praktischen Alltagsroutine, sondern gehört eher ins Jenseits des Alltags. Jedes Bibellesen ist wie ein Sabbat im Alltag.

Die Bibel ist scheinbar zeitlos und anachronistisch, aber gerade deshalb zeitgemäß in jeder Lebensphase. Denn es ist ja nicht wahr, dass unser Leben so völlig anders verläuft als zur Zeit der Urgemeinde oder der Wüstenwanderung. Äußerlichkeiten haben sich dramatisch verändert. Unsere seelische Wahrnehmung und Verstehensmöglichkeit jedoch greift immer wieder auf Quellen zurück, die seit Jahrtausenden kaum verändert worden sind: Geschwisterrivalität und Familienkonflikte, Verliebtheit und Ehebruch, Zuspruch der Menschenwürde, Rechtfertigung allein aus Gnade.

Die Bibel ist kein Besitz von Geistlichen und Schriftgelehrten, sondern Allgemeinbesitz. Die Bibel lebt auf ihre eigene Weise Besitzlosigkeit. Spätestens seit der Reformation steht sie in der jeweiligen Muttersprache zur Verfügung, hat unsere Muttersprache mit Gottes väterlicher Sprache verbunden.

Das Verstehen der Lebensgeschichte

Ein Weg zum Verstehen der Bibel ist die biographische Bibel-Begegnung. Sie beginnt mit der Frage: Was ist der biblische Schlüsseltext für mein Leben - gerade jetzt? Welche biblische Person oder Situation ist mir augenblicklich nahe - sei es als Entsprechung oder als offenkundiger Widerspruch zu meiner eigenen Lebensgeschichte: Maria oder Martha; Jairus und sein gerade gestorbenes Töchterlein, Mose in der Wüste, Noah mitten in der Sintflut, Zachäus zitternd im Geäst des Baumes auf Jesus wartend, Petrus auf dem fast sinkenden Schiff, Hiob hadernd mit Gott, Abraham oder Josef und seine Brüder, Sarah oder Maria Magdalena, Judas oder Ruth. Biographische Aneignung der Bibel geschieht also intuitiv, weil Intuitionen Lebenserfahrungen beherbergen und verdichten.

Wir können uns nicht an jede Begebenheit unserer Lebensgeschichte erinnern. Erinnern ist auswählen und aktualisieren - unter der Perspektive der Gegenwartsbewältigung und Zukunftsgestaltung. Vergessen ist die unabdingbare Voraussetzung, neue und ungewohnte Perspektiven zuzulassen. Vergessen ist eine Grundfunktion des menschlichen Gedächtnisses - Vorbedingung für Genialität und Dummheit gleichermaßen. Die Lebensgeschichte bildet einen Schlüssel zur Bibelinterpretation: In diesem kulturellen Kontext ereignet sich unsere unverwechselbare Lebensgeschichte. Die Architektur einer zeitgenössischen Biographie ist nur zu entschlüsseln, wenn wir über Deutungsmuster verfügen, die Sinn machen. Nur - Sinn kann man eben nicht pragmatisch machen. Er erschließt sich erst im Rückblick auf das tatsächlich gelebte Leben.

Die Bibel als Lesehilfe für das Lebens

Wenn wir uns als Synode mit dieser Ur-Kunde unseres Glaubens befassen, dann könnte das eine Sternstunde im Leben unserer Kirchen werden. Denn auf dem Gespräch mit der Bibel ruht Gottes Segen und Verheißung. Die Bibel ist Gottes Weg zu uns. Es gilt sein Versprechen: "Mein Wort wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen."(Jesaja 55,11)

Der Kundgebungstext macht der Synode ein Denk- und Gesprächsangebot. Wer über das kulturelle Gedächtnis redet, muss sensibel sein für dessen ständigen Begleiter, das kulturelle Vergessen, die Amnesie der Moderne. Das kulturelle Gedächtnis ist ein fließender Prozess permanenter Wiedererinnerung, Auslegung und Verschiebung von Traditionen, ist ständiger Veränderung ausgesetzt.

Darum gehört zu unserer Beschäftigung mit dem Schwerpunktthema auch das Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern unserer Zeit, mit Fotografinnen und Fotografen, die wir um ihre Sichtweise der Bibel gebeten haben. Heute Nachmittag soll dann in einem Bibelquartett unsere synodale Aussprache durch eine medienfähige "Bibelstunde" fortgesetzt werden, mit drei Bibelarbeiterinnen und einem Überraschungsgast. So tragen wir das synodale Gespräch über die Bibel hinein in das medial geprägte kulturelle Gedächtnis unserer Zeit und leisten damit unseren spezifischen Beitrag zum "Jahr der Bibel" und nehmen damit Impulse aus dem EKD-Konsultationsprozess "Protestantismus und Kultur" auf.

Die Bibel ist das "Buch des Lebens". Alles, was Menschen im Leben erfahren, erleiden und erhoffen, ist dieser Bibel vertraut. Auch nach mehr als 3000 Jahren nimmt die Kraft ihrer Erzählungen nicht ab, wenngleich vieles verwunderlich, manches vielleicht bizarr erscheint, verstaubt, missdeutbar, erschreckend, geheimnisvoll, ermutigend, tröstend. Die Bibel ist eine zukunftsfähige Heilige Schrift!

Die Bibel zeigt uns den Weg zu den Menschen, dorthin, wo die Selbstoffenbarung Gottes ihren eigentlichen Sitz im Leben hat, in seiner Menschwerdung. Gott selber hat sich in seinem Sohn eine erzählbare Lebensgeschichte gegeben. Gott entwirft seine Göttlichkeit im Menschensohn als Biographie - im Dialog mit seinem menschlichen Gegenüber. Die Einzigartigkeit der Menschenwürde, die Geschöpflichkeit des Menschen, das alles wurzelt in der Selbstentäußerung Gottes.

Dazu ein vertrautes und prominentes Beispiel:

"Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde." So beginnt die biblische Urerzählung christlicher Erzählkultur, die Weihnachtsgeschichte nach Lukas. In der Menschwerdung gibt sich Gott eine nie gekannte Blöße: Maria treibt leibhaftige Theologie: Sie entbindet Gott als Menschensohn, sie umhüllt seine Blöße (und wickelte ihn in Windeln) und gibt ihm seinen Platz (und legte ihn in eine Krippe). Das sind die drei Grundmerkmale biographisch orientierter Theologie: Entbinden, umhüllen, seinen Platz erhalten. Gott selbst gibt sich die Blöße, Mensch geworden zu sein.

Bibelarbeit heißt, Gott aus der Innerlichkeit des Leibes und der Seele ins Leben, in die Lebensgeschichte hinein zu entbinden, seine Blöße wahrnehmen, ihn umhüllen (mit Windeln und anderen Gewändern unseres Lebens) und schließlich diesem Menschensohn Gott einen Platz in unserem Alltag zu überlassen, übrigens der nächstliegende Platz (denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge).

Wir wissen, was diese Geschichte in sich hat, und ahnen, was sie so erinnerungsfähig werden lässt. Es ist die Inkarnation von Gottes Geschichte als Lebensgeschichte des Menschensohnes. Erzähltheologie lernt von Menschen, geht hin, schaut nach, lässt menschliche Erfahrungen gelten - lässt uns anders gehen, als wir gekommen sind.

Die Bibel behauptet sich als Urkunde und Quelle des christlichen Glaubens. Unter den je eigenen kulturellen Bedingungen menschlichen Daseins in allen Erdteilen entfaltet sie ihre Kraft als unerschöpfliche Quelle der Offenbarung und ethischer Orientierung.

Die Bibel sucht Liebhaberinnen und Liebhaber, die sie nicht ausnutzen wollen, weder für ihre gesellschaftspolitischen Interessen noch für die je eigene Frömmigkeit. Das Buch der Bücher verträgt keine militante religiöse Rechthaberei und legitimiert keinen theologischen Fundamentalismus, selbst, wenn das immer wieder geschieht. Die Bibel ist im besten Sinne "befremdlich". Das Hören auf die Bibel segnet den, der Gott sucht.

Ich fasse zusammen, was mir wichtig ist:

  •  Die Bibel ist das Buch des Lebens. Wer die Bibel liest, liest im Buch des Lebens. Die Bibel ist Gottes Lebens- und Liebesgeschichte mit den Menschen. Diese Geschichte hat Zukunft. Wer die Bibel liest und versteht, hat mehr vom Leben.

  •  Die Bibel ist zeitlos und aktuell zugleich. Jede Generation muss sich die Bibel neu erschließen. In der Fremdheit der biblischen Texte gewinnt der Mensch Einsichten für seine eigene Lebensgestaltung. Die Bibel ist kein Besitz eines Einzelnen, sondern ein Geschenk für alle. Wer mit der Bibel lebt, lebt in der Gemeinschaft mit Gott und den Menschen, die ihn lieben.

  • Die Bibel ist eindeutig und uneindeutig zugleich. Sie verwickelt uns in eine Auseinandersetzung mit der Wahrheit unseres persönlichen Lebens. Wahrheit ist das, was sich im Leben bewährt. Darum befreit die Bibel zu neuem Leben.

  • Für Christinnen und Christen ist Jesus Christus die Mitte der Heiligen Schrift. Jesus Christus ist Mensch geworden und bleibt zugleich Gottes Sohn. Er hat gelebt, was Gott dem Menschen verheißen hat: Jesus Christus befreit zum ewigen Leben, das mitten unter uns beginnt.

  • Die Bibel kann Menschen trösten und schenkt in Lebenskrisen neue Zuversicht. Wer am Leben verzweifelt, findet in den Worten der Bibel einen festen Halt. Trost kann sich niemand selber geben, man kann sich nur trösten lassen. Das geschieht durch Gottes befreiendes Wort. Die Bibel schenkt Freiheit von Zwängen, sprengt unseren selbstsüchtigen Horizont, begründet Gemeinschaft der Gläubigen. Gott sei dank.

Glaubenswissen ist Lebenswissen: Darum schließe ich mit Worten in Anlehnung an Jesaja 61:

Rosen der Gerechtigkeit
Das ist unser Auftrag, das ist unsere Bestimmung:
Auf uns ruht der Geist Gottes, er beauftragt uns, gute Nachricht zu bringen
für die Zerschlagenen, zu heilen, die ein verwundetes Herz haben,
Befreiung zu versprechen denen, die gefangen sind,
öffnen und lösen, die verschlossen sind.
Das ist unser Auftrag, das ist unsere Bestimmung:
auszurufen das Gnadenjahr des Herrn und den Tag
der Empörung Gottes.
Alle Traurigen werden getröstet.
Ihre Gesichter werden geschmückt, nicht mit verzweifelten Blicken,
sondern mit herzlicher Freude, laut werden sie singen,
statt verzagt schweigen.
Und sie bekommen einen neuen Namen:
Rosen der Gerechtigkeit,
Frühlingsblüten des Herrn - ihm zur Verherrlichung.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.



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