Texte zum Schwerpunktthema

Der Seele Raum geben - Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung

Einbringung des Sachthemas "Der Seele Raum geben - Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung"

Landessuperintendent Eckhard Gorka

Es git das gesprochene Wort.

Frau Präses! Hohe Synode! Liebe Schwestern und Brüder!

Der Ausschuss, der sich mit der Vorbereitung des Schwerpunktthemas dieser Synode befasst hat, legt Ihnen den Entwurf einer Kundgebung zur Beratung und Beschlussfassung vor.

"Der Seele Raum geben - Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung“ unter diesem Motto nehmen wir Erfahrungen mit der Bedeutung von Kirchenräumen auf, die ihnen in der Öffentlichkeit in Krisen - wie etwa nach dem Massaker in Erfurt vor gut einem Jahr - zukamen, verbinden sie mit den allgemeinen Erfahrungen, die mit der Wertschätzung und Gestaltung der Kirchen an familiären und öffentlichen Scheitelpunkten gemacht werden und führen darüber hinaus Impulse des 24. Evangelischen Kirchbautages, der Ende vergangenen Jahres hier in Leipzig getagt hat, weiter.
In drei Stufen wird der Weg zur Wiedergewinnung der Räume im gesellschaftlichen Bewusstsein beschrieben: Zuallererst geht es darum, unsere Kirchenräume neu wertschätzen zu lernen. Sodann geht es um eine neue Verständigung darüber, wie wir in vielfältigen Formen in diesen Räumen Kirche sein können. Der dritte Schritt gibt Antwort auf die Frage, wie wir als Kirche mit unseren Räumen neue Räume im Bewusstsein der Gesellschaft schaffen können.

Der Vorbereitungsausschuss hat im Kundgebungsentwurf den Kirchenbegriff nicht auf den Sakralraum reduziert. Zwar gilt dem Kirchenraum und Kirchengebäude die Hauptaufmerksamkeit, zugleich changiert der Begriff und hat immer Gottesdienstraum und Christusereignis mit im Blick. So hat es auch Herr Professor Steffensky, für dessen Gesprächsbereitschaft im Vorfeld unseres Kundgebungsentwurfes ich herzlich danke, in seinen Ausführungen eben dargelegt.

Um Sie, liebe Schwestern und Brüder, rasch zu Wort kommen zu lassen, möchte ich lediglich exemplarisch den Gang der Überlegung im Vorbereitungsausschuss nachzeichnen. Der erste, längst nicht mehr originelle, aber vielerorts offenbar immer noch neue Hinweis ist darauf gerichtet, unsere Kirchen auch außerhalb der Gottesdienstzeiten verlässlich geöffnet zu halten.

Ich wohne direkt neben der bald 1000jährigen St. Michaelis-Kirche in Hildesheim. Von meinem Schreibtisch aus kann ich beobachten, dass die Zahl der Besucherinnen und Besucher, die die Kirche außerhalb der Gottesdienstzeiten betreten, die Zahl derer, die dort Gottesdienst feiern, um ein Vielfaches übersteigt. Wenn wir auch mit unseren Kirchen neuen Raum im Bewusstsein der Gesellschaft erlangen wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Gemeinde und dass Menschen, die ihr nicht mehr oder noch nicht angehören, diesen Ort auch dann aufsuchen können, wenn sie es möchten, wenn es ihnen wohl tut, wenn sie ein - und sei es noch so diffuses - Interesse dazu verspüren. Wir dürfen die Besucherströme nicht länger als Last empfinden, sondern sollten sie als Anlass zu Freude und Anstoß zu spürbarer Gastbereitschaft nehmen. Auch dann, wenn es nicht gelingt, ein lückenloses Netzwerk von freiwilligen Kirchenwächtern zu flechten, muss die selbstkritische Frage lauten: Ist es dem Ort, an dem die Gemeinde zu festgelegten Zeiten die Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Herrn feiert, dem Haus voller zeugnishafter Symbolik, dem auf Öffentlichkeit hin angelegten Evangelium angemessen, dass Menschen diesen Ort nur unter Aufsicht betreten dürfen? Herr Professor Steffensky hat deutlich beschrieben, welche Erfahrungshorizonte sich verschließen, wenn wir diese Praxis geschlossener Kirchen beibehalten. Eine Gemeinde, die weiß, wem sie sich verdankt und wem sie gehört, wird umso leichter offen und einladend mit dem umgehen, was ihr gehört, was zwar ihr Besitz, aber nicht ihr Eigentum ist, um nicht im narzisstischen Selbstabschluss zu verkümmern.

Wir haben Hinweise auf neue Nutzungsmöglichkeiten beschrieben. Genannt sind jeweils Rubriken, keine Einzelverwendungsnachweise. Nach dem Vortrag von Professor Steffensky bin ich nur froh, dass wir nach langer und kontroverser Diskussion die Kategorie "Event“ nicht mit aufgelistet haben. Ich habe mir beim Institut für deutsche Sprache Rat geholt. Der Bedeutungsumfang des Anglizismus Event ist längst noch nicht bemessen. Weder weiß man, ob es der oder das Event heißt, noch was genau damit gemeint sein könnte. Man hat mir gesagt: Solange diese Bewegung anhält, gehe man davon aus, dass ein Event ein in der Regel öffentliches Ereignis oder eine in der Regel öffentliche Veranstaltung mit Erlebnisqualität eventuell sogar mit Highlight-Charakter sei. Meine Gesprächspartnerin hat übrigens von sich aus davon abgeraten, den Begriff Event in ein Kirchennutzungskonzept zu inkorporieren. Sie sagte, bis zum Erweis des Gegenteils müsse man davon ausgehen, das ein Event eher laut und grell auf Oberflächlichkeit und schnelle Unterhaltsamkeit dringt. Ich habe nach dem Gespräch auch besser verstanden, weshalb wir diesen Begriff nicht aufgenommen haben, denn der Wunsch an die Kirchen, Erfahrungen des Fremden zu ermöglichen und Oberflächliches zu durchdringen, hat ja sein Widerlager in lauten und schrillen Alltagserfahrungen, an denen es nicht mangelt.

Wir haben auch thematisiert, wie mit Kirchen umgegangen werden soll, die aufgegeben werden müssen. Wir wissen, dass Überlegungen im Vorfeld solcher Notwendigkeit emotional hoch belastet sind. Die Reformation hat den Kirchenbau ganz auf die Funktion des Gemeindegottesdienstes hin gedeutet. Martin Luther empfiehlt sogar den Abriss von Kirchen. Denn wo man eine Kirche zum Gottesdienst nicht mehr braucht, "sollt man dieselben kirchen abbrechen, wie man allen andernn hewßern thutt, wenn sie nymmer nütz sind.“(1) Dieser frühneuzeitliche Rigorismus muss sicherlich auf der Folie der spätmittelalterlichen Frömmigkeit und ihrer Dingmagie bewertet werden, liegt aber auf einer Linie mit der reformatorischen Entdeckung des Wortes als exklusiver Offenbarungsquelle, die den Kirchenraum funktional qualifiziert. Noch einmal Luther zur Sache: "Wo Gott redt, do wohnt ehr. Wo das wortt klingt, do ist Gott, do ist sein hauß, und wen ehr aufhörtt zcu reden, ßo ist auch nymmer sein hauß do. Wen ehr auch klunge uff dem dach adder under dem dach, und gleich uff der elbbruckenn, ßo ists gewiß, das ehr do wohne.“(2) 

In vielen Generationen und oft vielen Jahrhunderten wachsen Bindungen an das Kirchgebäude. Jeder von uns kennt die Berichte aus Orten, in denen die Einwohner - obgleich in ihrer Mehrzahl keine Kirchenglieder - sich dagegen wehren, dass ihre Kirche vor Ort entwidmet oder völlig aufgegeben werden soll. Gleichwohl ist es verständlich, dass die Gebäude mancherorts als Last empfunden werden: Kleiner werdende Gemeinden stehen vor der Aufgabe, mit einem gleichbleibend hohen, erhaltenswerten, oft erhaltungspflichtigen und kostenträchtigen Gebäudebestand zu leben. Wir müssen daher die Möglichkeit des Aufgebens von Sakralräumen in den Blick nehmen und zu einer tragfähigen Meinung kommen, bevor die demographische Entwicklung und die Entwicklung der Gemeindegliederzahlen uns unter einen Handlungsdruck setzen, dem wir theologisch argumentativ nicht gewachsen sind. Die Frage lautet, wie wir als Kirche unsere Kirchen erhalten können, wenn auf der einen Seite die Zahl der Kirchenglieder geringer wird und synchron die Bedeutung der Kirchenräume für die Gesellschaft ein steigendes Interesse an ihnen signalisiert. Wir müssen, wenn wir gesellschaftlich wirken wollen, wie es unser Auftrag ist, auch die Beteiligung der Gesellschaft an den finanziellen Lasten einfordern, und dies nicht nur, um dem Vorwurf zu entgehen, es zur rechten Zeit versäumt zu haben.

Ich möchte im Namen des Vorbereitungsausschusses ausdrücklich darum bitten, den Kundgebungsentwurf nicht als Impulspapier zur Marginalisierung des Gemeindegottesdienstes zu lesen. Die Präambel will deutlich als Abwehr gegen diesen Vorwurf verstanden sein. Sie ist mehr als das seriöse Feigenblatt später folgender "unseriöser“ Vorschläge. Aber wenn wir Kirche in der Mitte der Gesellschaft sein wollen, dann muss uns daran gelegen sein, dass die Gesellschaft wieder in die Mitte der Kirche rückt. Wir haben formuliert, dass Ereignisse (Sie wissen, warum ich nicht von Events spreche) sich mit dem Charakter eines christlichen Gotteshauses vertragen und zu einem Dialog mit dem Raum bereit sein müssen. Es kann nicht angehen, dass allein die Größe des Raumes, die Lage des Gebäudes, seine leichte Erreichbarkeit und sein Bekanntheitsgrad ausschlaggebend dafür sind, sie für Dienste in Anspruch zu nehmen, die andernorts - dann allerdings unter Entrichtung von erheblichen Nutzungsentgelten - besser aufgehoben sind. Wir müssen auch den Mut haben, Bitten um die Nutzung zu widerstehen, wenn banale Ereignisse meinen, von der besonderen Würde der Räume profitieren zu müssen. Stattdessen ist ein Austausch zu wagen, ein gelingender Rollenwechsel. So wie Kunst in die Kirche einwandert, kann auch ein Kunstgottesdienst in ein Museum auswandern, dies nur als Beispiel. Es wird an den Rändern solcher Begegnungen immer wieder zu Spannungen kommen.

Zuerst aber sind verlässlich und sich wiederholend jene Ereignisse zu bedenken, die das Leben des Einzelnen prägen und in der Gemeinschaft das Leben des Einzelnen zu Familienbiografien werden lassen. Da freuen sich Eltern über die Taufe ihres Kindes, da bedenken Familien voller Freude, aber auch mit Rührung und Bangen den Beginn der Schulzeit, da lassen sich zwei Menschen Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg zusprechen, da findet eine Trauergemeinde einen Abschiedsort und bedenkt voller Schrecken und Ungewissheit, dann aber auch mit Dankbarkeit und echtem Trost aus der Osterbotschaft die Vollendung des Lebens. Kirchengebäude sind Quellen, und Kirchen haben Quellen, die sie nicht gegraben haben und aus denen sie wie viele Generationen vor ihnen reichlich schöpfen können. Das muss nicht immer in einem Kirchenraum geschehen: Auf dem Brocken gibt es ein kleines Museum, in dem auch die Öffnung des Berges Anfang der 90iger Jahre dokumentiert ist. Man sieht Menschen nach Jahren und Jahrzehnten erstmals wieder am Brockenbahnhof zusammenkommen. Und was singen sie? "Nun danket alle Gott!“

Jeder von uns hat in den zurückliegenden Jahren bemerkt, wie Situationen entstehen, die eine ganze Gesellschaft als Krise wahrnimmt. Ich erinnere an die terroristischen Angriffe auf die Zivilgesellschaft in New York und Washington, Djerba und Bali, an die Abgründe des Menschen wie beim Amoklauf in Erfurt vor gut einem Jahr, an die Gefährdungen durch die Haltung, unsere technisierte Welt jederzeit im Griff zu haben, wofür das Zugunglück in Eschede ein Synonym geworden ist, aber auch das Hochwasser hier in Sachsen, dann jüngst während des Krieges im Irak. Bei solchen von der Gesellschaft empfundenen Krisen stehen die Menschen an den Kirchentüren und erwarten, dass ihre Kirche in diesem Augenblick für sie da ist. Und wir sind da, hoffen und beten zugleich, dass wir von solchen Ereignissen verschont bleiben oder nicht an ihrem Zustandekommen schuldig werden.

Ich wünsche uns sehr, dass wir als Einzelne und als Gesellschaft eine Erfahrung machen, die in unserer Glaubensurkunde folgendermaßen beschrieben ist: "Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“(3)  

Herzlich danke ich den Mitgliedern des Vorbereitungsausschusses, die sich die Zeit genommen haben, ihre Kenntnisse und ihre Liebe in Gestalt von Kritik und Geduld einzubringen. Mein Dank gilt auch Herrn Oberkirchenrat Dr. Rüdiger Schloz vom Kirchenamt der EKD, der mit großer Flexibilität die Arbeit des Vorbereitungsausschusses begleitet hat. Entstanden ist ein Entwurf, den vermutlich jeder von uns privatissime in dieser Form nicht geschrieben hätte. Aber das verbindet ja den Ausschuss und die gesamte Synode: Eine gemeinsame, eine mehrheitsfähige und verständliche Formulierung finden zu wollen, damit Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung neu entdeckt werden können.
Vielen Dank.

Fussnoten:

(1) WA 10, I, 1, 252, 19f.

(2) WA 14, 386, 28ff

(3) 1. Mose 28, 15f.

 



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