Texte zum Schwerpunktthema

Bibel im kulturellen Gedächtnis

Referat zum Schwerpunktthema

Hanjo Kesting, Leiter der Hauptredaktion Kulturelles Wort Landesfunkhaus Niedersachsen

2. Tagung der 10. Synode der EKD, Trier, 2. - 7. November 2003

Es gilt das gesprochene Wort.

Im Juli dieses Jahres fand in Hamburg eine Veranstaltung statt zum Gedenken an die schweren Bombenangriffe, die sechzig Jahre zuvor, im Juli 1943, große Teile der Hamburger Innenstadt in Schutt in Asche legten und fast fünfzigtausend Menschenleben kosteten. Die Royal Air Force hatte diese Aktion, die schwersten Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs vor der Zerstörung Dresdens, "Operation Gomorra" genannt. Natürlich eine Anspielung auf die Bibel. Eine Lesung von Augenzeugenberichten und literarischen Texten aus einer gerade erschienenen Anthologie sollte nun an das Inferno vor sechzig Jahren erinnern. Vorausgegangen war eine Debatte über das Thema "Literatur und Luftkrieg", angestoßen von dem Schriftsteller W. G. Sebald. Er hatte die These aufgestellt, der Luftkrieg, der so viele Städte zerstört, so viele Menschenleben gekostet habe, sei von den Deutschen weitgehend vergessen oder verdrängt worden und habe "kaum eine Schmerzensspur" hinterlassen. Die Deutschen, so Sebald, hätten sich nicht umgewendet, sondern den Ereignissen den Rücken zugekehrt.

Die Textcollage, die in Hamburg vorgetragen wurde, reichte von Hans Erich Nossacks früh entstandenem Bericht "Der Untergang" über Klaus Mann und Bertolt Brecht bis zu Ernst Jünger. Der Veranstalter hatte dieser Collage, abweichend von der Anthologie, den biblischen Text vorangestellt, der von Gottes Strafgericht über den Städten Sodom und Gomorra berichtet - ich will daraus zitieren (in Verbindung mit einer bildlichen Darstellung von Albrecht Dürer):

1. "Da nun die Morgenröte aufging, hießen die Engel den Lot eilen und sprachen: Mache dich auf, nimm dein Weib und deine zwei Töchter, ... dass du nicht auch umkommst in der Missetat dieser Stadt. / Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra / und kehrte die Städte um und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. / Und sein Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule. / ... und siehe, da ging ein Rauch auf vom Lande wie der Rauch aus einem Schmelzofen."

Der biblische Text tauchte die literarischen Zeugnisse unversehens in ein neues Licht. Er riss religiöse und mythische Perspektiven auf, ließ die Frage aufscheinen nach Schuld und Sühne, Verbrechen und Strafe. Allerdings tauchte die biblische Tiefenschicht auch schon, direkt oder indirekt, in den gelesenen Texten selber auf, etwa in einem Tagebucheintrag Bertolt Brechts aus Kalifornien: "Hamburg geht unter. Über ihm steht eine Rauchsäule, die doppelt so hoch ist wie der höchste deutsche Berg..." Oder eine Tagebuchnotiz von Ernst Jünger in Paris: "Bei den Phosphorangriffen soll der Asphalt zu brennen beginnen, so dass die Fliehenden in ihn einsinken und zu Kohle verglüht werden. Sodom ist erreicht." Hans Erich Nossack schrieb nach Fertigstellung seines Manuskripts in einem Brief: "Ich werde mich hüten, es jemand zu lesen zu geben. Ich höre genau, wie vorsichtig die Menschen über das reden, was hinter ihnen liegt, und man muss diese Vorsicht achten. Man darf niemand zwingen, sich umzusehen; noch nicht, die Gefahr ist noch zu groß."

Meinte Nossack, die Menschen würden zu Salzsäulen erstarren wie Lots Weib? Der Lyriker Peter Hamm schrieb zwanzig Jahre später in einem Gedicht: "Kein Gott machte mich zur Salzsäule / mich ließ man weiterleben." Georg Langenhorst, der das Motiv von Sodom und Gomorra durch die deutsche Literatur des zurückliegenden Jahrhunderts verfolgt hat, resümierte: "Unsere Existenz steht im Zeichen Lots. Wir sind Kinder Lots, blicken auf die uns bekannte Sündenszenerie, ohne zu erstarren; sehen die Babeltürme unserer Zeit, ohne zu erröten."

Das zitierte Beispiel von Sodom und Gomorra mag verdeutlichen, welche weiterwirkende Kraft noch immer von der Bibel ausgeht: Von Texten also, die vor mehr als zweitausend Jahren geschrieben wurden. Sie helfen uns, unsere Gegenwart zu verstehen, indem sie ihr eine Tiefenperspektive geben. Mit ihren Geschichten und Gestalten rührt die Bibel an die Grundfragen unserer Existenz: an das Woher und Wohin, das Warum und Wozu, an Grund und Ziel des Lebens. Man denke an Figuren wie Kain und Abel, Hiob und Jona, Saul und David, Judith und Dalilah, Lazarus und Maria Magdalena, an den verlorenen Sohn oder den barmherzigen Samariter. Sie alle sind Grundtypen und Symbolfiguren, enthalten das Lebenswissen, die Menschheitserfahrung gleichsam in verdichteter Form: Erkenntnisdrang und Sündenfall, Familienzwist und Brudermord, Krieg und Frieden, Macht und Recht, Liebe und Verrat, Glück und Verzweiflung, Leiden und Sterben.

Das ist ja der Sinn des mittlerweile geflügelten Wortes von Bertolt Brecht - Antwort auf eine Umfrage nach seinem Buch der Bücher: "Sie werden lachen, die Bibel". Ausgerechnet Brecht, möchte man sagen, der nach landläufigem Verständnis mit Christlichkeit oder gar Kirchlichkeit wenig zu tun hat. Dann schon Thomas Mann. Doch der Autor von "Joseph und seine Brüder" nannte bei derselben Umfrage 1928 Andersens Märchen. Man schaue nach bei Brecht: in der großen Berliner und Frankfurter Ausgabe seiner Werke weist ein Register alle von ihm benutzten Bibelstellen aus - es umfasst fünfundzwanzig Seiten. Die Bibel durchzieht Brechts gesamtes Werk, von den frühen Jahren in Augsburg bis zu den späten in Berlin. Kein biblisches Motiv erscheint aber bei Brecht häufiger als das von Sodom und Gomorra wie auch die verwandten Motive vom Sündenfall und Turmbau zu Babel. In dem Stück "Der gute Mensch von Sezuan" sagt Shen Te, die Hauptfigur, in ihrer zentralen Rede: "Was ist das für eine Stadt, was seid ihr für Menschen! / Wenn in einer Stadt ein Unrecht geschieht, muss ein Aufruhr sein / Und wo kein Aufruhr ist, da ist es besser, dass die Stadt untergeht / Durch ein Feuer, bevor es Nacht wird!" Was ist das anders als die Beschwörung von Genesis 19: der Geschichte von Sodom und Gomorra? - Oder man nehme ein Stück wie "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Ist nicht schon der Name dieser Phantasiestadt eine Paraphrase auf das sündhafte Land Magog der Apokalypse, das wiederum an Sodom erinnert? Mahagonny, die sagenhafte Goldstadt irgendwo in Amerika, ein Eldorado des Konsums und Vergnügens, voll "Gin und Whisky / Mädchen und Knaben", ist ein neues Sodom, "verknüpft ins wüste Netz", wie es heißt. Natürlich meinte Brecht die Gegenwart, seine Gegenwart des Rockefeller-Kapitalismus und der Las Vegas-Kultur. Ein Gedicht Brechts trägt den Titel "Untergang der Städte Sodom und Gomorra" und lautet so:

Die Stadt Sodom und die Stadt Gomorra
Denkt ihr euch am besten ganz wie unsere Städte.
So wie unsre Stadt Berlin und unser London.
Weder prächtiger noch schmutziger, weder
Reicher, noch auch ärmer, unbewohnbar
Und doch unverlaßbar, ganz wie London
Und Berlin war Sodom und Gomorra.
Ihre Sünden waren wie die unsern
Schal und schamlos. Mit der goldenen Scharre
Kratzte sich der Aussatz und der Lorbeer
Welkte hin von der Berührung
Dieser Stirnen. Und ein Lachen
Stieg aus Gärten auf und aus Fabriken
Stieg ein Rauch.

Diese Andeutungen dürften vorerst genügen. Sie schraffieren mit wenigen Strichen das dichte und vielmaschige Netz, das hinter dem Titel unseres Schwerpunktthemas ausgespannt ist: "Die Bibel im kulturellen Gedächtnis". Was für ein Titel! Was für ein Thema! Ich ahnte ja kaum, worauf ich mich einließ! Seither war es eine Fahrt im kleinen Nachen auf einem Ozean, endlos weit im Raum, endlos tief auch in der Zeit und stets in ruheloser Bewegung. Manchmal sah ich mich schon als einen Ertrinkenden oder wie Jona im Bauch des großen Fisches. Und dieser große Fisch war die Bibel: Sinnbild der Welt und eine ganze Welt enthaltend. Herman Melvilles weißer Wal kam mir in den Sinn, und "Mobby Dick", das mächtige Buch. Im neunten Kapitel hält Father Mapple in der Walfängerkapelle von New Bedford seine gewaltige Predigt, natürlich über das Buch Jona. "Schiffskameraden", heißt es da, "dieses Buch, das aus nur vier Kapiteln besteht - aus vier Garnen -, ist eine der kleinsten Duchten in der mächtigen Trosse der Heiligen Schrift. Und doch, welche Tiefen der Seele lotet Jonas Leine nicht aus!" Melvilles Roman ist von biblischen Zitaten und Motiven durchsetzt wie von einem Subtext: sein Held Ahab trägt den Namen eines verfluchten Königs in Israel und Baal-Götzendieners, sein Erzähler Ismael ist benannt nach Abrahams verstoßenem Sohn, dem Kind, das Sarahs Sklavin Hagar ihm geboren hat und das nun mit der Mutter an einem Wüstenbrunnen wohnt - Prophet des Islam und Gründer Mekkas. Der erste Satz des Buches ist ein Genesis-Zitat: "Und Gott schuf große Walfische", über dem letzten Absatz steht ein Zitat aus Hiob: "Und ich allein bin entronnen, dass ich’s dir ansagte."

So geht es mit der Bibel: man greift ein einzelnes Motiv, vielleicht nur ein Randmotiv, eine einzelne Gestalt, vielleicht nur eine Nebengestalt, heraus, hier Jona, dort Sodom, geht ihren Spuren nach, und schon verzweigen und verästeln sie sich so fein und dicht in Raum und Zeit, dass man schon jedes Einzelne kaum erfassen, geschweige erschöpfen kann. Und nun denke man erst an die Hauptmotive: die Schöpfungsgeschichte, Adam und Eva im Paradies, Sündenfall und Vertreibung, Sintflut und Arche Noah, Abraham und Isaak, die Geschichten Jakobs, Joseph und seine Brüder, die ägyptische Gefangenschaft, Moses, der Exodus und die zwölf Gebote. Oder aus dem Neuen Testament: Mariae Verkündigung und die Geburt Jesu, die heiligen drei Könige, die Flucht nach Ägypten, der Kindermord, das letzte Abendmahl, Christus am Ölberg, die Passionsgeschichte und die Auferstehung. Schon diese Aufzählung dürfte genügen. Man rechne es hoch für das Ganze der Bibel - und hat das sprichwörtliche Meer auszutrinken. Mit anderen Worten, die Bibel durchdringt unsere Kultur so stark und intensiv wie nicht einmal das einzige Gegenstück, das in Betracht kommt, die Mythologie der griechisch-lateinischen Antike in der Überlieferung von Homer bis Ovid. Beide zusammen bilden ja - ich bitte um Nachsicht für den Gemeinplatz - die Grundlage unserer Kultur, der abendländischen, wie man sie nennt: die jüdisch-christliche und die griechisch-lateinische Antike, die sich zunächst zögernd berühren, mit der Zeitenwende zusammenfließen, um sich danach immer stärker zu durchdringen. Aber in diesem kulturellen Synkretismus hat die Bibel für anderthalb Jahrtausende die unbestrittene Vorrangstellung: philosophisch, theologisch und künstlerisch. Fast alle Kunst dieser Zeit ist kirchliche Kunst, vor allem Bibelkunst. Ob Architektur, Skulptur, Malerei, Kirchenschmuck oder Buchkunst: sie alle stehen im Dienst an der Heiligen Schrift, an Gottes Wort und der Heilsbotschaft, als Verkündigung, Lehre, Deutung oder schlichte Illustration. Die Buchmalerei nimmt dabei eine herausragende und künstlerisch überlegene Stellung ein, wahrscheinlich weil sie am unmittelbarsten auf die Bibeltexte bezogen war.

Das mag hier eine Bibeldarstellung aus karolingischer Zeit, um 840, aus der Schule von Tours, belegen: Fast im Stil einer modernen Bildergeschichte, wie sie uns aus Comics geläufig ist, wird hier das Geschehen aus dem Buch Genesis dem Betrachter vor Augen geführt: von der Erschaffung Adams über den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies bis zur Arbeit "im Schweiße des Angesichts". Unabhängig von künstlerischer Qualität und stilistischen Merkmalen steht hier das biblische Geschehen, die biblische Botschaft im Vordergrund.

Jeder Blick in die Kunstgeschichte des frühen und hohen Mittelalters wird bestätigen: Diese Kunst folgt gewissen Mustern und Stereotypen, wie sie durch kirchliche Lehre und historische Überlieferung festgelegt sind. Das Neue Testament mit den Evangelien steht im Vordergrund, das Alte Testament ist Vorstufe, Vorgeschichte, Vorbereitung, Vorausdeutung. Ein dichtes Netzwerk allegorischer Darstellung und figuraler Symbolik verbindet die Teile und lässt sie als ein planvolles Ganzes erscheinen. In der Ikonographie dominieren wenige Motive: der Pantokrator, Christus als Weltenrichter und die Gottesmutter mit dem Kind. Diese zentralen Bilder werden begleitet von einer Symbolik von größter Komplexität. Als Beispiel wähle ich die Evangelisten. In der christlichen Kunst zählen sie zu den am häufigsten dargestellten biblischen Gestalten, etwa auf den so genannten Evangelistenbildern, oftmals aber auch nur als Assistenzfiguren auf Gemälden und Mosaiken, wo man sie in den Ecken findet oder an den vier Enden eines griechischen Kreuzes: mit ihren Symbolen Löwe, Stier und Adler für Markus, Lukas und Johannes, während Matthäus durch den Menschen symbolisiert wird, weil er den Stammbaum Jesu bis zu David und Abraham an den Anfang seines Evangeliums gestellt hat; ersatzweise auch als vier Lämmer oder vier Fahnen oder vier Paradiesflüsse oder auch als geflügelte Lebewesen, gemäß den Worten aus der Offenbarung Johannis: "... um den Thron vier himmlische Gestalten. Und die erste Gestalt war gleich einem Löwen, und die zweite Gestalt war gleich einem Stier, und die dritte hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und die vierte Gestalt war gleich dem fliegenden Adler. Und eine jegliche der vier Gestalten hatte sechs Flügel..." Dieses Prinzip figural-symbolischer Darstellung muss man auf die ganze Bibel anwenden und in seiner Totalität zu erfassen suchen: so nämlich hat es ein ganzes Jahrtausend unsere Kultur geprägt. Grund genug, vor solcher Totalität zu verzagen, wäre da nicht der Umstand, dass, von Spezialisten abgesehen, kaum jemand diese Bildersprache, die bis ins vierzehnte und fünfzehnte Jahrhundert bestimmend blieb, noch zu entziffern vermag.

3. Das ändert sich, wie allgemein bekannt ist, mit der frühen Renaissance. Zur Veranschaulichung wähle ich wieder eine Darstellung nach dem Buch Genesis, Masaccios "Vertreibung aus dem Paradies" aus der Brancacci-Kapelle in S. Maria del Carmine in Florenz, entstanden 1427. Masaccio, ein junger Maler, vierundzwanzig Jahre alt, führte mit epochaler Wucht die Regeln der Perspektive in die Freskenmalerei ein. Aber das ist in seiner "Vertreibung aus dem Paradies" gar nicht das Entscheidende. Das Bild wird bestimmt durch die räumlich beherrschenden und ungemein expressiven Gestalten Adams und Evas, die verzweifelt das Paradies verlassen und in eine neue Epoche des Menschheitslebens eintreten, wie der Maler in eine neue Epoche der Malerei. Eine fremde, feindselige Welt tut sich vor den Verstoßenen auf, und ihre Verlassenheit wird durch die irdische Schwere ihrer körperlichen Erscheinung noch betont. Masaccios Gestalten sind dramatisch agierende Geschöpfe von großer Wirklichkeitsnähe. Ihr Leiden vollzieht sich nicht nur vor den Augen des Betrachters, er wird auch in ihr Schicksal hineingezogen, so dass er die dargestellten Menschen als nahe Wesen empfindet und sich mit ihnen in einem großen symbolhaften Augenblick der menschlichen Geschichte verbunden fühlt. Der Ausdruckswille steht hier nicht im Dienst einer theologischen Lehre, er überwiegt die illustrative Absicht, ist keinem bildlichen Kanon mehr verpflichtet, aber auch noch keinem antiken Schönheitsideal. Wir sind neunzig Jahre vor Luthers Reformation, am Anfang einer Umbruchszeit von Religion und Kultur.

Auch das gehört zum Wesen des kulturellen Gedächtnisses: Es ist nicht statisch, sondern verändert sich ständig, es deutet unentwegt und deutet um, es korrigiert ältere Lesarten, wenn sie sich als falsch erweisen oder ungeprüft zu verfestigen drohen. Die Geschichte der Bibel ist selber das beste Exempel dafür. Fast könnte man sagen: auch die Bibel verändert sich. Aber immer wichtiger wird nun die Frage: Welche Bibel ist gemeint? Seit es eine historisch-kritische Methode gibt, wissen wir: Die Bibel ist nichts von vornherein Gegebenes, sie ist selber in einem historischen Prozess entstanden. Bereits ihr mächtiger Auftakt, die fünf Bücher Mosis, sind das Ergebnis einer über mehr als ein Jahrtausend sich erstreckenden Entwicklung, in der mündlich überlieferte Sagen und Legenden mit historischer und theologischer Entwicklung verschmolzen und sehr viel später redaktionell überarbeitet und zur Einheit geformt wurden. Das gilt ganz ähnlich für die anderen Schriften des Alten wie des Neuen Testaments. Aber das brauche ich vor diesem Auditorium nicht weiter auszuführen. Auch Systematik und Einteilung der Heiligen Schrift schwanken, nicht nur zwischen Judentum und Christentum, sondern ebenso zwischen katholischer, orthodoxer und evangelischer Bibel. Und weiter gefragt: An welchen Bibeltext halten wir uns? An den Wortlaut der Urschriften? das hebräische Alte Testament und seine aramäische Paraphrase? Die griechische Septuaginta als seine wichtigste Übersetzung? An die auf Griechisch verfassten Evangelien? Oder die lateinische Vulgata? Und wie steht es mit all den Übersetzungen, die seit der frühen Neuzeit in den christlichen Ländern entstanden und von denen die Übersetzung Luthers historisch zweifellos die wichtigste war? Nicht nur wurde die Bibel durch sie zum ersten Mal für die Lesekundigen allgemein zugänglich gemacht, sie war auch sprachprägend und sprachbildend, die wichtigste Grundlage des Neuhochdeutschen. Luthers Übersetzung war ein Doppeltes: Einmal eine Neuprägung, ja Neuschöpfung der Bibel in deutscher Sprache, zum anderen ein über die Bibel weit hinausreichender kultureller Impuls, der bis zu Bach, Goethe, Herder und Nietzsche reichte. Wir erinnern uns an den Dr. Faust in Goethes Stück, den es drängt, in der Nachfolge Luthers und historisch doch als dessen Zeitgenosse, den "Grundtext aufzuschlagen" und in sein "geliebtes Deutsch zu übertragen". "Im Anfang war das Wort", heißt es bei Luther. Goethes Faust erwägt auch die Begriffe "Sinn" und "Kraft", um schließlich zu schreiben: "Im Anfang war die Tat". Der Satz hat seine eigene Wirkungsgeschichte entfaltet. So geht es immer wieder mit der Bibel: Was sie bewirkt und auslöst, gewinnt ein Eigenleben, das unsere Kultur beeinflusst und von da wieder auf die Bibel und unser Verständnis von ihr zurückwirkt. Mit anderen Worten, die Bibel an sich gibt es nicht, es gibt nur Schriften, Fassungen, Versionen, Systematisierungen und Übersetzungen, dann auch Deutungen und Exegesen, und zwar innerhalb und außerhalb der Kirchen, schließlich die Wechselwirkungen von Bibel und Kultur, unendlich vielfältig und enorm folgenreich.

Da ist, um Extrempositionen zu bezeichnen, auf der einen Seite die Bibel als das geoffenbarte Wort Gottes, so wie noch Herder es verstand: "Bloß dadurch werden wir Christen, wenn die Bibel, als eine Sprache Gottes an die Menschen, der Erkenntnisgrund unserer Religionswahrheiten und Religionspflichten, und Religionshoffnungen wird, nach dem wir glauben, leben, und die Zukunft erwarten." Auf der anderen Seite kann man die Bibel lesen als eine Sammlung von Geschichten, die, so bedeutungsvoll, reich und tiefsinnig sie sein mögen, doch eher ein mythologisches Kompendium darstellen, vergleichbar den "Metamorphosen" des Ovid. Beide Lesarten der Bibel, hier als das Wort Gottes, dort als literarisierte Mythologie, aber auch viele andere Lesarten, die zwischen den extremen Polen liegen, haben unsere Kultur mitgeprägt, mal in zeitlicher Abfolge, dann wieder gleichzeitig und parallel. Der Umgang der Künstler mit der Bibel ist seit der Renaissance immer freier geworden, sie haben sich gelöst von kirchlicher Bevormundung, theologischer Deutung und ikonographischen Mustern. Für die letzten zweihundertfünfzig Jahre, die Zeit seit der Aufklärung, gilt, dass dieser emanzipierte Umgang mit den biblischen Texten immer wichtiger geworden ist: Er hat unsere Kultur tiefer geprägt und stärker verändert als die Bibellektüre und -exegese der Kirchen selbst oder auch die religiöse Praxis der Gläubigen. Immer wichtiger werden auch die individuellen Annäherungen an die Heilige Schrift: Die Bibel Herders ist eine andere als die Voltaires, die Bibel Bachs unterscheidet sich von der Felix Mendelssohns, obwohl (oder weil) dieser die Matthäus-Passion wiederentdeckte und zum Protestantismus konvertierte. Es gibt die Bibel Kierkegaards und die Bibel Nietzsches, die Bibel Dostojewskis und die Bibel Emersons, die Bibel der Nazarener und die der Präraffaeliten. Ganze Welten liegen zwischen den biblischen Bildern eines Max Beckmann und den surrealistischen Bibelphantasien eines Salvador Dali, zwischen Arnold Schönberg, der das asketische Opernfragment "Moses und Aron" komponierte, und Richard Strauss, der das biblische Sujet der "Salome" mit seinen raffinierten Klangfarben schmückte. Und was verbindet die Bibel des rheinischen Katholiken Heinrich Böll mit der des Berner Pfarrerssohns Friedrich Dürrenmatt?

Dürrenmatt kam aus der theologischen Prägung durch Karl Barth. Kein Motiv der Bibel hat ihn so stark beschäftigt wie der Turmbau zu Babel. Er schrieb: "Meine Gedanken, meine Träume kreisten jahrelang um dieses Motiv, ich beschäftigte mich schon seit meiner Jugend damit, stand doch in der Bibliothek meines Vaters ein blau-weißer Band der Monographien zur Weltgeschichte, Ninive und Babylon." Doch scheiterte er an dem geplanten Theaterstück: "Ich plante, jeden Akt in einem höheren Stockwerk spielen zu lassen, in einem Turm, der sich dem Himmel entgegenschiebt, die Wolken durchstößt, in die Leere des Alls vordringt, bis die Akteure nur noch in Sauerstoffmasken auftreten." Aber Nebukadnezar, der Erbauer des Turms, der als einziger nach oben gelangt, trifft dort nicht auf Gott, sondern nur auf einen anderen Nebukadnezar, einen früheren Turmbauer. Und so fort, von Stockwerk zu Stockwerk, in unermesslicher Zukunft. Dürrenmatts Plan musste scheitern, das Stück war sein eigener Turmbau zu Babel.

4. Man denkt in diesem Zusammenhang an Bruegels berühmtes Gemälde aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien, eine von den über sechshundert nachweisbaren Turmdarstellungen der Kunstgeschichte. Keinem anderen Maler ist es so wie Bruegel gelungen, die Größe des Turms über alles menschliche Maß hinaus anschaulich zu machen. Doch hat er den babylonischen Turm in eine Stadt seiner Zeit hineingestellt und ausgestattet mit allen Merkmalen einer boomenden Metropole, vermutlich Antwerpen, das Finanzzentrum seiner Zeit, wo er lange gelebt hatte. Babel repräsentiert im Alten Testament, nach einem Wort von Elias Canetti, den "zweiten Sündenfall"; in der Kunstgeschichte steht der Turm für den immer wiederkehrenden Sündenfall. Jede Epoche errichtet sich aufs neue ihre hybriden Architekturen. Kein fernes Babylon ist gemeint, sondern die jeweilige Gegenwart. Döblins "Berlin Alexanderplatz" ist ein Babylon-Roman, es heißt: "Wir haben gebauet ein herrliches Haus, nun geht hier kein Mensch weder rein noch raus. So ist kaputt Rom, Babylon, Ninive... alles kaputt, oh, denkt daran." Natürlich ist auch das Mahagonny Brechts ein neues Babylon. Paul, der Held des Stücks, ein einfacher Holzfäller, wird am Ende zum Tode verurteilt: "Wegen Mangel an Geld / Was das größte Verbrechen ist / Das auf dem Erdenrund vorkommt." Adorno schrieb: "In Mahagonny wird Wildwest als das dem Kapitalismus immanente Märchen evident..." Mit einem Wort, Mahagonny ist das kapitalistische Babylon. Gibt es auch das sozialistische Babylon? Johannes R. Becher, Kulturminister der DDR und Dichter der Hymne "Auferstanden aus Ruinen", hat dieses Babylon in seinem Gedicht "Turm von Babel" bereits beschworen, kaum dass die DDR gegründet war - mit Anspielungen auf den Brudermörder Stalin, der seine Rivalen beseitigt und als neuer Nebukadnezar erscheint: "Das ist der Turm von Babel. / Er spricht in allen Zungen. / Und Kain erschlägt den Abel. / Und wird als Gott besungen. // Er will mit seinem Turme / Wohl in den Himmel steigen / Und will vor keinem Sturme, / Der ihn umstürmt, sich neigen. // Gerüchte aber schwirren, / Die Wahrheit wird verschwiegen. / Die Herzen sich verwirren - / So hoch sind wir gestiegen. // Das Wort wird zur Vokabel, / Um sinnlos zu verhallen. / Es wird der Turm von Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen."

So universal und bedeutungsmächtig und trotz vielfältigem Gebrauch unzerstörbar wie der Turm von Babel ragen die biblischen Geschichten und Bilder bis in unsere Gegenwart. Manchmal nehmen sie auch nur eine andere Gestalt an: Dann wird aus dem Turm von Babel beispielsweise ein Luxusdampfer mit dem Namen Titanic. "Der Untergang der Titanic" heißt ein Gedichtzyklus von Hans Magnus Enzensberger. Drei Dinge kommen hier zusammen: das große Schiff, der cubanische Sozialismus und die gescheiterte Hoffnung, datierbar auf das Jahr 1969, als der Autor sein Poem in La Habana begann. Das Ende des Sozialismus war längst gedichtet, bevor es real war. Mit Enzensbergers Worten: "Das war der Anfang. / Der Anfang vom Ende / ist immer diskret." Aber die Titanic ist auch ein Symbol für Fortschrittswahn und hybride Technik – diese Bedeutung steht sogar im Vordergrund. Warum strömen Millionen von Menschen ins Kino und schauen diesem Untergang zu? Weil es sie fasziniert. Weil sie das Thema in sich tragen. Seine biblische Tiefenschicht. Fast könnte man sagen, dass sie die Bibel kennen, ohne sie gelesen zu haben. Dass ihr kulturelles Gedächtnis in der Titanic das verschollene Babel wiederfindet.

Was aber heißt überhaupt "kulturelles Gedächtnis"? Ist damit das Gedächtnis des Einzelnen gemeint oder die kollektive Erinnerung? Gehört nur das bewusst Erinnerte dazu oder auch das unterbewusste Wissen? Jenes Wissen, das zwar nicht jederzeit abrufbar, aber in bestimmten Situationen aktivierbar ist? Die Funktionsweise des kulturellen Gedächtnisses ist jedenfalls nicht so leicht zu beschreiben. Es ist, wie das menschliche Gedächtnis überhaupt, vom Vergessen begleitet wie von einem Schatten. Aber, wie Nietzsche sagt: "Zu allem Handeln gehört Vergessen". Man könnte den Satz noch erweitern: Zu allem Leben gehört Vergessen. Oder Vergessenkönnen. Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden können. Kann man sich, mit Blick auf die Bibel, eine Welt von Schriftgelehrten vorstellen? Aber das Vergessene, scheinbar Unwichtige, vielleicht nur Verdrängte kann mit Wucht zurückkehren. So können biblische Motive, die an Bedeutung verloren hatten, plötzlich wieder hervortreten und neue Bedeutung gewinnen. Apokalyptische Vorstellungen, aktuell am Ende des ersten Jahrtausends, kehrten am Ende des zweiten mit Wucht zurück: mit atomaren Ängsten in den fünfziger Jahren, als ökologische Bedrohung in den Siebzigern, durch die Nachrüstungsdebatte in den Achtzigern, die Entwicklungen der Biotechnik in den neunziger Jahren und den - potentiell allgegenwärtigen - Terrorismus heute. In der Trivialkultur, in Filmen wie "Armageddon", die sich bereits im Titel auf die Bibel beziehen, wird die kommende Katastrophe mit spektakulären Bildern vorweggenommen. Auch die Literatur der letzten Jahre ist reich an apokalyptischen Szenarien. In Marius von Mayenburgs vielgespieltem Theaterstück "Feuergesicht" heißt es: "Es wird ein Gericht stattfinden durch das Feuer, über die Welt und die Dinge, die in ihr sind. Das Feuer hat Vernunft und regiert alle Dinge. Das Feuer wird herankommen und alles erfassen und richten." Das ist negative Eschatologie, aber die biblische Spur, die Vorstellung eines Jüngsten Gerichtes, bleibt erkennbar.

Mit Blick auf die Bibel greife ich einen Satz aus der Einbringungsrede von Michael Schibilsky auf: "Die Bibel ist eine Tiefen-Grammatik unserer Kultur." Aber wenn das zutrifft, dann gehört die Bibel mit ihren Urworten und Urbildern, Symbolfiguren und Archetypen auch zur Tiefen-Grammatik des Individuums, das durch diese Kultur geprägt, sozialisiert, ja im Sinne des Wortes kultiviert wird. Und mit "kultiviert" meine ich nichts Hohes und Abgehobenes, sondern den ganz normalen und geradezu unvermeidlichen Kulturationsprozess (hässliches Wort!), den ein jeder auf seine Weise vollzieht. Kaspar Hauser ist nicht die Grundfigur unserer Gesellschaft. Unsere Kaspar Hausers, so wenig sprach- und traditionsbewusst oder gar bibelfest sie sein mögen, wachsen doch in einem kulturellen Umfeld auf, das von der Bibel mitbestimmt ist, von ihren sprachlichen Prägungen, Sinnsprüchen und Metaphern. Man isst vom Baum der Erkenntnis, lebt nicht vom Brot allein, wirft Perlen vor die Säue oder wäscht seine Hände in Unschuld; Philister und Pharisäer, Kainszeichen und Judaskuss, ägyptische Finsternis, babylonische Verwirrung und Abrahams Schoß sind geläufige Begriffe; und immer noch sagen wir, ein Mensch sei nackt geboren wie Adam, keusch wie Joseph, weise wie Salomo und alt wie Methusalem. Die Liste ließe sich fast beliebig verlängern. Biblische Texte begleiten wichtige Stationen des Lebens vieler, ja der meisten Menschen: Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Begräbnis. Man kann an Hochzeits- und Todesanzeigen das oft Routinierte und Gedankenlose beklagen, aber es sind gerade die Stereotypen und Konventionen, in denen die kulturelle Verankerung greifbar wird. Figuren und Geschichten der Bibel durchsetzen auch, ohne dass es immer auf den ersten Blick erkennbar ist, unsere Alltagskultur, nicht nur die Künste, sondern auch das Fernsehen, den Film, die Popmusik, die Werbung.

Gerade dieser anonyme, gleichsam unterirdische Traditionstransfer, verbunden mit Um- und Neudeutungen, begleitet von Berührungen und Vermischungen mit anderen Kulturen, vor allem im Bereich der Musik, ist eine treibende Kraft unserer populären Kultur. Es ist unvermeidlich, dass dabei auch biblische Motive den Bedürfnissen und Wahrnehmungsmustern eines breiten Publikums angepasst werden. Alle fünfundzwanzig Jahre, gleichsam in Generationsschüben, werden die zentralen Geschichten der Bibel in neuer Form und Ästhetik, in neuen Bild- und Klangwelten wieder aufbereitet, am wirksamsten durch den Film: vom Stummfilm Ben Hur bis zu William Wyler‘s Breitwandepos mit spektakulärem Wagenrennen, vom Hollywood-Klassiker "The Ten Commandments" von Cecil B. DeMille bis zum subtilen "Dekalog" von Krzysztof Kieslowski, von Pasolinis "Evangelium nach Matthäus" bis zu Mel Gibsons bereits vor seinem Kinostart so umstrittenen Film "The Passion of Christ". Die Bibel, ich wiederhole es, ist eine Tiefen-Grammatik unserer Kultur, aber sie bewegt diese Kultur nicht selten auch an ihrer Oberfläche und setzt sich damit fest in unserem Gedächtnis.

Doch will ich nicht den Eindruck erwecken, die Bibel sei tief im Bewusstsein der Menschen und in ihrer alltäglichen Lebenspraxis so tief verankert wie in früheren Epochen. Das Gegenteil ist richtig. Noch keine Zeit war wahrscheinlich so kenntnislos und bibelfern wie die unsere. Jeder weiß zwar, das Pfingsten mit dem Genuss von zwei freien Tagen und Schulferien verbunden ist, aber den geistlichen Sinn und biblischen Hintergrund des lieblichen Festes wusste kürzlich bei einer Umfrage nur eine Minderheit anzugeben. Man hätte auch fragen können: Wer hat wann zuletzt in der Bibel gelesen? Was daraus ist gegenwärtig geblieben? Sicher hat es solche Umfragen gegeben - ich kenne ihre Ergebnisse nicht. Aber sie waren gewiss nicht ermutigend und lassen den Schluss zu, dass die Bibelkenntnisse nicht nur abnehmen, sondern dass das Tempo des Kenntnisschwundes sich beschleunigt. Damit partizipiert die Bibel allerdings nur an einem allgemeinen Traditionsverlust. Der oft beschworene Bildungskanon existiert nicht mehr, und mit ihm ging auch seine Grundlage, die Kenntnis der antiken, speziell der biblischen Welt, ihrer Sprache und Mythen, ihrer religiösen und sozialen Ordnung verloren. Kaum noch kann vorausgesetzt werden, dass ein Schulabsolvent weiß, wer Odysseus, Antigone, Ödipus oder Elektra gewesen sind. Wie sollte er dann wissen, was es mit Abraham und Isaak, Jakob und Joseph, oder auch mit Lazarus und Pilatus auf sich hat? Umgekehrt: Wer den Turm von Babel nicht kennt, wird auch vom Goldenen Vließ nichts wissen wollen; wem die Namen Judith und Dalilah nichts sagen, kann auch mit Medea und Kassandra wenig anfangen. Mit einem Wort: Es geht hier nicht allein um ein Problem der Kirchen und des Christentums, sondern um ein Problem unserer Kultur.

Bei Michael Schibilsky lese ich, die Bibel habe einen Bildhorizont und ein Vokabular, die sich einem schnellen Verstehen widersetzten; sie sei "vielgestaltig" und "widersprüchlich". Das Wort "Perspektiven-Vielfalt" taucht auf. Schließlich heißt es: "Sie ist so vielgestaltig und von so hoher Komplexität, wie das eine mehrere Jahrtausende umfassende Kultur kennzeichnet." Das ist unbestreitbar richtig. Und sicher trifft zu, dass in dieser Komplexität und in der zeitlichen Entfernung eine Vermittlungsschwierigkeit liegt. Aber von den biblischen Texten geht dennoch eine einmalige Kraft aus: man sollte sie nicht unterschätzen und ihnen schon gar nicht misstrauen, auch wenn sie den Stempel einer dreitausend Jahre älteren Epoche tragen. Man sollte nicht darauf bestehen, sie nur oder vor allem als Dokumente christlichen Lebens und Glaubens zu lesen, sondern auch eine literarische, meinetwegen sogar genießende Annäherung an das Buch der Bücher zulassen. Herder schrieb in einem Brief: "Haben Sie ... eine so kindliche, ich möchte sagen angeborne Freude an der Bibel, als ich sie habe: wie klein wird Ihre Bibliothek da werden! Nur der Bibel zu gut ward ich Theolog, und ich erinnere mich meiner Kindheitsjahre, in denen ich Hiob, den Prediger, Jesaias und die Evangelien las, wie ich kein Buch sonst auf der Welt gelesen habe." War der zündende Funke, der von der Bibel auf den jungen Herder übersprang, tatsächlich religiöser oder nicht eher literarischer und ästhetischer Natur? Warum sollte man sich der Leseerfahrung verschließen, dass das Alte Testament seine Größe und Schönheit in vielen Teilen der unvergleichlichen sprachlich-literarischen Formung verdankt? Nietzsche schrieb: "Im jüdischen ‚Alten Testament‘ ... gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, dass das griechische und indische Schrifttum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war ... Der Geschmack am Alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht auf 'groß' und 'klein'." André Gide notierte in seinem Tagebuch: "... ich lese wieder die Genesis; und heute Nachmittag den Prediger und das Hohe Lied... Es gibt Seiten von einer solchen Schönheit, einer so feierlichen Größe, dass ich nichts kenne, in keiner Literatur, das ihnen überlegen oder auch nur vergleichbar wäre. Wären diese Bücher der Bibel Baudenkmäler, man nähme Tagesreisen auf sich, um sie zu betrachten, wie bei den Ruinen von Baalbek oder dem Tempel von Selinunt."

Ich zitiere Gide, Nietzsche, Herder nicht, um Ehrfurcht und Respekt vor der Bibel zu mehren - das würde ja eher Distanz schaffen -, sondern als Kronzeugen für das Literatur- und Leseerlebnis Bibel. Dies Erlebnis stellt sich am ehesten ein, wenn im Hintergrund keine religiösen Botschaften warten und keine didaktischen Absichten drohen. Man verzichte auch auf Deutungen und Interpretation. Zunächst, so scheint mir, kommt es darauf an, die biblischen Geschichten in ihrer reinen Stofflichkeit weiterzugeben, weiterzuvermitteln, im Vertrauen darauf, dass ihre Kraft und Schönheit und damit vielleicht auch ihre verborgenen Bedeutungen sich ins Innere des Lesers, zumal eines jungen Lesers (oder Hörers), einsenken werden. In sein "kulturelles Gedächtnis". Vor einigen Monaten war im Fernsehen zu erleben, wie wunderbare Schauspieler (Rolf Boysen, Thomas Holtzmann, Katharina Thalbach u.a.) stundenlang aus der Bibel vorlasen: Texte in reiner Form, unverkürzt, unkommentiert und unbebildert. Ohne jede Spur von Didaktik oder Katechismus-Unterricht. Das war großartig. Ungeheuer eindrucksvoll gerade im Medium der Bilder. Damit will ich nicht sagen, dass der religiöse und christliche Kontext unwichtig oder sogar überflüssig wäre. Doch kann und wird sich dieser Kontext nicht einstellen, wenn der Transfer unserer kulturellen Tradition insgesamt nicht mehr gelingt. Oder wenn man der Bibel nicht mehr zutraut, aus eigener Kraft zu uns zu sprechen. Wenn man ihr misstraut, weil sie auch Ungereimtheiten, Widersprüchlichkeiten und sogar manch Unliebsames enthält. In einem Aufsatz, den ich vom Büro der Synode erhielt, las ich die Sätze: "Wörtlich genommen und ohne kritische Distanz gelesen, ist die Bibel streckenweise ein schwer verdauliches Buch, weil sie Völkermord, rassistische Vorschriften und autoritäre Gottesbilder enthält, die man mit gutem Gewissen niemandem zum Lesen geben möchte." Wenn das zutrifft - was tun? Soll man die Bibel in Watte packen? Der Versuchung nachgeben, sie aus lauter Friedensliebe und Christlichkeit nur in gereinigter Form zu verbreiten? Oder soll man viel Energie darauf verwenden, vor der Lektüre der Bibel zunächst einmal die "kritische Distanz" zu ihr einzuüben? Dann wäre es allerdings vorbei mit Literaturerlebnis und Lesegenuss. Roland Barthes hat gesagt, stets würden, um den Lesegenuss zu verdammen, zwei Polizisten bereitstehen: die Politik, die ihn als nutzlos, und die Psychoanalyse, die ihn als illusionär entlarvt. Mir scheint, der dritte und gefährlichste Polizist sei die "richtige", oder die "korrekte" Interpretation. Solche Korrektheit kann es nämlich nicht geben. Die Bibel ist Menschenwerk, das heißt sie ist durchwachsen und umrankt von jenem Dornengestrüpp aus Ideologie, Propaganda, Gewalttätigkeit und Vorurteil, das ihrer Entstehungszeit angehört. Nur durch dieses Gestrüpp hindurch findet man zu ihren tieferen Wahrheiten, zu den Wahrheiten über uns selbst.

Dass in den biblischen Geschichten eine "tiefere Bedeutung" zu finden ist, ist zumindest den Künstlern immer bewusst gewesen. Diese Geschichten enthalten ein Grundwissen über den Menschen, über seine Einbindung in kosmische, religiöse und soziale Zusammenhänge, aber auch über seine innere Welt, bis in die Sphäre des Unbewussten.

Was kann dieses Grundwissen uns bedeuten? Uns scheint ja die Frage näher zu liegen: Wie viel Zukunft haben wir? Wohin führt der Weg des Menschen und der Menschheit? Darauf weiß niemand Antwort. Doch wer eine Antwort zu finden versuchte, wäre gut beraten, nicht nur nach vorn, in die Zukunft zu blicken, sondern sich umzuwenden und das Vergangene zu überschauen, das, was wir "Geschichte" nennen. Es gibt einen kleinen Text von Walter Benjamin, der vom "Engel der Geschichte" handelt und den ich hier zitieren möchte: "Der Engel der Geschichte", heißt es da, "hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm." So Walter Benjamin in seinen geschichtsphilosophischen Thesen. Wird der Engel sich je umwenden können? der Sturm seine Kraft vermindern? Wird Geschichte bleiben, was sich blind vollzieht? Oder kann sie Aufschluss geben über uns selbst? Die Bibel, zeitlos und aktuell zugleich, ist ein Geschichtsbuch und ein Lebensbuch. Ihre Wahrheiten werden uns nicht theoretisch, nicht in lehrhafter Form vermittelt, sondern in der Form von Geschichten, also verschlüsselt. Daran liegt es, dass jede Zeit und jede Generation sich in diesen Geschichten wiedererkennen kann, sie aber auch jeweils neu für sich deuten muss. Deswegen gibt es diese unendlich breite und tiefe Spur, die die Bibel in unsere Kulturgeschichte eingegraben hat - ich konnte kaum eine Andeutung davon geben.

Über vieles hätte ich noch sprechen wollen und sprechen müssen: über Händels biblische Oratorien zum Beispiel oder, mehr noch, über Bachs Passionen nach Matthäus und Johannes, die in so einzigartiger Weise - das haben sie allen anderen Kunstwerken mit biblischen Themen voraus - durch die Figur des Evangelisten auch das biblische Wort festhalten. Die Stichworte, die ich mir anfangs zu diesem Vortrag notiert habe, enthalten auch die Namen Dostojewski, Tolstoi und Nietzsche, die Figur des Antichristen wie die eines wiedergeborenen Christus. Das neunzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert vielfältigster Christus-Bilder. Da ist der milde, franziskanische Heiland Franz Liszts, der in Gethsemane verzweifelnde Christus, wie ihn Alfred de Vigny gezeichnet hat, der düster-schöne Ekstatiker der Romantik oder der hermaphroditische Christus der Präraffaeliten. Auch Richard Wagner hat ein Drama "Jesus von Nazareth" entworfen, aus sozialrevolutionärem Geist. Alle diese Christus-Bilder flossen zusammen in dem wohl berühmtesten Buch über das "Leben Jesu" aus neuerer Zeit, der Biographie "Vie de Jésus" von Ernest Renan, die 1863 erschien und eine langwirkende Sensation war. Hier wurde Jesus zum Helden eines psychologischen Romans: ein Mensch von überwältigender Größe, der die "köstliche Theologie der Liebe" verkündet, sich dann aber, als er auf den Widerstand der religiösen Orthodoxie stößt, in einen fanatischen Eiferer und Weltbeglücker verwandelt. Sein Ideal scheitert an der Wirklichkeit, und so liefert Jesus sich am Ende dem Martyrium aus. Ernest Renan hatte vor Niederschrift des Buches Palästina bereist und schrieb darüber: "Ich hatte ein fünftes Evangelium vor Augen, zerfetzt, aber noch lesbar, und von da an erblickte ich durch die Berichte des Matthäus und Markus hindurch statt eines abstrakten Wesens ... ein wunderbares Menschenantlitz mit Leben und Bewegung." Heute lesen wir daraus eher die pseudoreligiöse Ergriffenheit einer Epoche, die die wahre Glaubenskraft bereits eingebüßt hatte.

Auf das neunzehnte Jahrhundert mit seinen erlösungssehnsüchtigen Christus-Visionen folgte das zwanzigste, das Jahrhundert der Weltkriege und Völkermorde. Die Schrecken der Epoche waren so tief, dass zumindest für die Künstler die christliche Heilsbotschaft zu verblassen begann und Themen des Alten Testaments wieder in den Vordergrund traten: Sündenfall, Vertreibung aus dem Paradies, Babel und Sodom, die Zehn Gebote. Ich nenne hier nur drei monumentale Zeugnisse aus der Mitte des Jahrhunderts, allesamt entstanden vor dem Hintergrund der Vertreibung und Vernichtung der Juden in Europa: Sigmund Freuds Schrift "Der Mann Moses und die monotheistische Religion", Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" und Thomas Manns Roman "Joseph und seine Brüder". Alle diese Werke stehen miteinander in Beziehung, öffnen weite religionsgeschichtliche Perspektiven und sind fast so unerschöpflich, wie die biblischen Geschichten und Gestalten, auf die sie sich beziehen. Thomas Mann hat aus dreißig Seiten im Buch Genesis einen Roman von zweitausend Seiten, ein Menschheitsepos gemacht. Es ist ein wunderbares Buch, ein Meer von Erzählung. Und doch behauptet sich daneben mühelos die Kraft und großartige Simplizität des biblischen Berichts. Man nehme etwa die berühmte Szene, in der Joseph, der hochgestiegene Verwalter und Minister Pharaos, sich seinen Brüdern zu  erkennen gibt. Bei Thomas Mann ist es eine rührende, tränenreiche Wiedererkennungsszene, die ein ganzes Kapitel ausfüllt. Der Bibel genügen wenige Verse, in ihrem Zentrum der Satz: "Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt."

Man verstehe das bitte nicht als Kritik an Thomas Manns Roman: Er ist nach einem anderen Gesetz angetreten. Sein durchlaufendes Thema ist die Entstehung der monotheistischen Religion. "Erzählt wird", schrieb der Autor, "die Geburt des Ich aus dem mythischen Kollektiv, des abrahamitischen Ich, welches dafür hält, dass der Mensch nur dem Höchsten dienen dürfe, woraus die Entdeckung Gottes folgt. Der Anspruch des menschlichen Ich auf zentrale Wichtigkeit ist die Voraussetzung für die Entdeckung Gottes." "Sollte ich bestimmen, was ich persönlich unter Religiosität verstehe", fährt Thomas Mann fort, "so würde ich sagen: sie ist Aufmerksamkeit und Gehorsam; Aufmerksamkeit auf innere Veränderungen der Welt, auf den Wechsel im Bilde der Wahrheit und des Rechten; Gehorsam, der nicht säumt, Leben und Wirklichkeit diesen Veränderungen anzupassen und so dem Geiste gerecht zu werden."

5. Wie gelingt uns das am Anfang eines neuen Jahrhunderts und Jahrtausends? Welche Veränderungen der Welt müssen wir aufmerksam wahrnehmen, und wie sollen wir Leben und Wirklichkeit diesen Veränderungen anpassen? Ich werde mich hüten, eine Antwort auf diese Fragen zu versuchen, sondern stelle ans Ende meiner Überlegungen eine Fotocollage - oder besser: eine Computermontage - der Berliner Künstlerin Brigitta Maria Mayer – ich fand sie in einer Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. September dieses Jahres. Das Bild trägt den Titel 9/11, und sein Thema, wie leicht erkennbar, sind die Anschläge vom 11. September 2001. Doch führt die Ikonographie des Bildes in verwirrender Weise über den Tag des Anschlags hinaus. Auf der rechten Seite sehen wir einen jungen Mann und eine junge Frau, beide in verzweifelten, leid-erstarrten Posen. Unschwer erkennt man in ihnen Adam und Eva aus Masaccios Fresko in der Florentiner Brancacci-Kapelle: "Die Vertreibung aus dem Paradiese". Doch welcher Sündenfall ist vorausgegangen? Ist es der terroristische Anschlag militanter Islamisten in ihrem Glaubenskrieg, der Adam und Eva aus dem Paradies vertreibt? Doch welches Paradies? Ist es New York, Amerikas Metropole, die Stadt der Freiheit und des Wohlstands, das Paradies der unbegrenzten Möglichkeiten? Doch warum die Rauchsäule über der Stadt, wie über dem biblischen Sodom? Warum liegen ihre Türme in Trümmern, wie der biblische Turm von Babel? Handelt es sich um ein Sinnbild der Apokalypse, für das Ende der Geschichte? Aber ist die Vertreibung aus dem Paradies nicht der Anfang der Geschichte? Viele Fragen. Das Bild gibt keine Antwort darauf. Seine verquere Logik verschränkt die Rollen von Tätern und Opfern, verbindet die mythische Ebene mit unserer heutigen Zeit, die Bilder der Bibel mit den Katastrophenbildern der Gegenwart. In unserem kulturellen Gedächtnis sind alle diese Bilder gespeichert, so wie sie uns, die Kinder Lots, beunruhigen in der Unterwelt unserer Träume.



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