Texte zum Schwerpunktthema

Bibel im kulturellen Gedächtnis

Kundgebungsentwurf zum Schwerpunktthema: Bibel im kulturellen Gedächnis

2. Tagung der 10. Synode der EKD, Trier, 2. bis 7. November 2003

Entwurf einer Kundgebung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland
„Bibel im kulturellen Gedächtnis“

Stand 25.09.03


„Verstehst du auch, was du liest?“ (Apg 8,30)


1. Warum wir vom kulturellen Gedächtnis reden

Die Bibel ist die Heilige Schrift der Christenheit. Sie ist ein Teil unseres kulturellen Gedächtnisses und soll es auch in Zukunft bleiben. Das kulturelle Gedächtnis umfasst Texte, Bilder und Riten, in deren Pflege sich ebenfalls das Selbstbild einer Gesellschaft zeigt. Es entfaltet einen Erinnerungsraum, der über den Gedächtnisfundus des Einzelnen hinausgreift. Das kulturelle Gedächtnis ist wie ein  Generationenvertrag, der Traditionen in der Gegenwart sichert. Darin sammeln sich nicht willkürlich und zufällig Ereignisse, Symbole, Traditionen und Überlieferungen. Seiner Sammlung wird eine hohe Verbindlichkeit zugesprochen. Deshalb ist das kulturelle Gedächtnis mehr als ein Archiv. Es wird durch ein Bedeutungsgefälle bestimmt, in dem es wichtige und unwichtige Überlieferungsstränge gibt. Das kulturelle Gedächtnis  verweist nicht nur auf das imaginäre Museum in den Köpfen, sondern auf eine kulturelle Grammatik, die dem Gestaltungswillen einer Gesellschaft Struktur und Richtung gibt.

Wer über das kulturelle Gedächtnis redet, muss deshalb sensibel sein für dessen ständigen Begleiter: das kulturelle Vergessen. Denn das Gedächtnis ist nicht statisch, es wandelt sich ständig. Man kann es sich als fließenden Prozess der Wiedererinnerung, Auslegung, Überlagerung und Verschiebung von Traditionen vorstellen. Die Bibel ist ebenfalls von dieser Dynamik betroffen. Einerseits räumt ein großer Teil der Menschen dem Gründungstext der jüdisch-christlichen Tradition einen herausragenden Rang in der Hierarchie des Erinnerungswürdigen ein. Andererseits steht die zugeschriebene Bedeutung des „Buches der Bücher“ in keinem Verhältnis zur Kenntnis ihrer Inhalte. Dennoch prägen die Figuren und Erzählungen der Bibel unsere Gegenwartskultur bis in die Alltagssprache. Die Künste, der Film, die Werbung, aber auch die Politik und das Recht bedienen sich dieser abendländischen Grunderzählungen.

Wer diesen Erinnerungsspuren folgt, wird sich auf Überraschungen gefasst machen können – auch bei sich selber. Fremde, ja bisweilen riskante Auslegungen, in denen der bisher vertraute Sinn auf dem Spiel steht, stellen die alten Texte in völlig neue Zusammenhänge. Um dies als Freiheitsgewinn entdecken zu können, braucht es die Kenntnis der biblischen Traditionen.

Gleichzeitig erleben wir einen dramatischen Gedächtnisverlust in biblischen Dingen. Deshalb haben wir als Christen ein Interesse daran, eine Art kulturelles Gedächtnistraining zu entwickeln, damit der Gedächtniseinbruch nicht in kultureller Amnesie enden.


2. Was den Reichtum der Bibel ausmacht

Die Bibel ist ein Dokument der Menschheitsgeschichte, erzählt über dreitausend Jahre hinweg, wortgetreu weitergegeben von Generation zu Generation, aufgeschrieben und gehütet, ausgelegt und ins eigene Leben hineingenommen. Sie ist ein Weltkulturerbe. In der Geschichte des jüdischen Volkes und in den christlichen Zeugnissen ist das Lebenswissen der Menschheit aufgehoben. Texte in allen Gattungen und Formen sind dort gesammelt: Sprüche und Rätsel, Lieder und Gedichte, Briefe und Novellen, Gebete und Visionen, Geschichtsbücher und Fabeln, Gesetze und Gleichnisse. Wir verstehen die Bibel als Zeugnis der langen Geschichte der Menschen mit Gott und zugleich als die Geschichte Gottes mit den Menschen. In diesem Sinne ist die Bibel ein Glaubensbuch.

Was Menschen erleben und erleiden, ist in diesen Texten entfaltet: Brudermord, Krieg und das Ringen um den Frieden, die Gesetzlichkeiten des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die Fragen nach Macht und Recht, Familienzwist und Kinderlosigkeit, der Kampf um bebaubares Land und ausreichend Wasser, Erotik und Liebe, Verrat und Verlust, Glück, Dank, abgründige Gottesverzweiflung und jubelnde Gottesleidenschaft.

Diese biblischen Dokumente verdichten Menschheitserfahrung in all ihren Höhen und Abgründen. Die Ambivalenz menschlicher Existenz wird in Lebensbildern und Überlebensbildern in den biblischen Texten erfahrbar. Sie öffnen Horizonte zur Deutung individueller und gesellschaftlicher Fragen, sie erschließen Lebensdramaturgien unterschiedlicher Zeiten und Kulturen. Die Bibel ist ein Schlüssel zum zwischenmenschlichen Verständnis, ein Grundmuster zur Lebensdeutung.

Die biblische Überlieferung ist zugleich Geburtsstätte der Liturgien des christlichen Gottesdienstes, des persönlichen Gebetes und des gemeinsamen Bekennens. Die Bibel selbst ermuntert zur Weitergabe ihrer Texte über Generationen hinweg: „Was wir gehört haben und wissen und unsre Väter uns erzählt haben, das wollen wir nicht verschweigen ihren Kindern.“ (Ps. 78,3-4).

Neutestamentliche Texte sind Bekenntnistexte zum auferstandenen Christus - gewachsen aus der Messiaserwartung des Alten Testaments. Sie sind Kern und hermeneutischer Rahmen für die Bekenntnisbildung der Kirche trotz unterschiedlicher kultureller Wurzeln und verschiedener Gemeindetraditionen. Sie stellen bis heute die Gemeinde in eine lange Traditionsreihe. Über den Rahmen von Bekenntnis und Gemeinde hinaus lassen sie sich von jedem Einzelnen neu weitererzählen. Denn diese Texte sind radikal und halten auch ein Schweigen über Gott aus, das für Gott offen bleibt.


3. Warum sich Christen auf die Bibel berufen

Das Alte Testament bildet den religiös-kulturellen Horizont des Urchristentums. Jesus und seine Jünger lebten mit der „Schrift“, also den Heiligen Schriften Israels, die wir Christen Altes Testament nennen: ein hebräischer Text, zu dem in den Synagogengottesdiensten eine aramäische, also eine umgangssprachliche Paraphrase hinzutrat. Paulus wuchs mit den griechischsprachigen Übersetzungen der „Schrift“ auf, die die jüdischen Synagogen in der Diaspora benutzten. Die Septuaginta ist die bedeutendste dieser Übersetzungen. Die Christen der ersten Generation fanden im Alten Testament den Willen Gottes bleibend und gültig niedergelegt. Damit übernahm das Urchristentum die Bibel Israels als Heilige Schrift.

Die Bedeutung dieser Selbstbindung ist gar nicht hoch genug zu schätzen. Die Christen stellten sich hinein in die Sprach- und Denkwelt des Alten Testaments. Seitdem vermittelt diese Büchersammlung der „Schrift/en“ Israels den Christen eine ungeheure Fülle religiöser Offenbarung, Geschichte, Tradition, Belehrung und Verheißung. Der Gott Israels ist und bleibt auch ihr Gott. In diesem Horizont verstanden die Osterzeugen Jesus. Gott selbst, der Herr des Lebens, hat Jesus auferweckt. Der Heilige Geist ist der Geist Gottes, den die Propheten für die Endzeit verheißen haben. Bereits die ersten Christen haben sich Jesu Schicksal und ihre eigene Existenz aus dem Alten Testament erschlossen: „Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen“ (Lk 24,44), sagt Jesus den Emmausjüngern.

Paulus war der erste Christ, der selbst Texte mit religiösem Anspruch verfasste: seine Briefe an Gemeinden und an Einzelpersonen. Sein Römerbrief enthält wesentliche Elemente einer entstehenden christlichen Theologie. Die Paulusbriefe wurden in den Gemeinden vorgelesen, aufbewahrt und bald zu Sammlungen zusammengestellt. Schüler des Paulus und andere urchristliche Lehrer verfassten weitere Schreiben an die Gemeinden.

Daneben entstanden die Evangelien, die Jesu öffentliches Wirken, sein Sterben und seine Auferstehung erzählen. Die vier kanonischen Evangelien wurden im 2. Jh. zu einer Vier-Evangeliensammlung verbunden. Die Briefe und die Evangelien wuchsen schließlich im Christentum des 2. Jh. zu einer eigenen christlichen Schriftensammlung zusammen, die sich nach dem Vorbild des Alten Testaments als Neues Testament etablierte. So entstand in der Kirche eine zweiteilige christliche Bibel Alten und Neuen Testaments. Ihr Umfang wurde dann im 4. Jh. endgültig für den Gottesdienstgebrauch kanonisiert. Bestrebungen, das Alte Testament zugunsten des Neuen Testaments aufzugeben, folgte die Kirche zu keiner Zeit. Diese christliche Bibel war die eine Konsensurkunde der Alten Kirche. Daneben stand das Glaubensbekenntnis. Beide stimmen nach altkirchlichem Verständnis sachlich überein.

Die Apostel bezeugen Jesu Auferstehung. Das „Evangelium von Jesus Christus“ (1. Kor 15,3 ff.) enthält das Zeugnis der Urapostel und des Paulus. Dieses Evangelium bildet das innere Zentrum des Neuen Testaments, stellt sich aber in den neutestamentlichen Schriften in vielfältiger Weise dar. Die Evangelien erzählen, die Briefe argumentieren und ermahnen, die Apostelgeschichte beschreibt den Lauf der Evangeliumsbotschaft bis ins Zentrum der damaligen Welt, nach Rom. Die Johannesoffenbarung öffnet den Blick auf das neue Jerusalem, wo Tod und Leid überwunden sind.

Die Kirche Jesu Christi in all ihrer konfessionellen Vielfalt hat sich an die eine Bibel gebunden. Von Bibellektüre und Bibelstudium sind immer wieder grundlegende Impulse  ausgegangen. Ohne Luthers Bibelstudium hätte es die Reformation nicht gegeben. Die Bibel ist und bleibt dabei die Basis aller Ökumene. In intellektueller Auseinandersetzung und im sachlichen Streit um das Verstehen vollzieht sich ihre Auslegung in die zeitgenössische Welt. Dieser sachliche Streit ist notwendig. Er ist Ausdruck der vielfältigen Verstehensmöglichkeiten der Bibel. Die Bibel ruft nicht zu einer Einheitsinterpretation auf, sondern zum Wettstreit um die Wahrheit, die uns in ihren Texten begegnet. Weder Biblizismus noch religiöse Gesetzlichkeit, weder  Verkitschung noch Verharmlosung oder  religiöse Beliebigkeit werden den Bibeltexten gerecht, sondern eine Lektüre, die verstehen will, was Gottes Zuspruch und Anspruch an uns ist. Eine solche Lektüre ist ein ökumenisches Ferment.


4. Warum die Bibel ausgelegt werden muss

Die göttliche Wahrheit haben wir in „irdenen Gefäßen“ (2. Kor 4,7) vor uns liegen. Darum ist die Bibel auslegungsfähig und auslegungsbedürftig.

In der Bibel selbst ist die Frage der Auslegung präsent. Unterschiedliche Traditionen, Altes und Neues Testament, verschiedene Perspektiven auf ein und dieselbe Geschichte sind zu einem Ganzen verwoben, ohne darin vollends aufzugehen. Die unterschiedlichen Erzählungen und Motive ergänzen und relativieren sich. Die Schrift legt sich durch die Schrift aus. Bereits die Bibel selbst ist ein Ort praktizierter Auslegung.

Damit unterscheidet sich unser Verständnis der Bibel als „Heiliger Schrift“ von den Heiligen Schriften anderer Religionen. Wir verstehen die Bibel nicht als ein einheitliches wortwörtliches Diktat Gottes. Die Bibel ist Gottes Wort im Menschenwort. Schriftauslegung gehört wesentlich zu unserer Tradition.

Der Geist Gottes bewirkt, dass sich Menschen immer wieder unmittelbar durch das Wort der Bibel angesprochen fühlen. Die biblischen Texte in ihrer unterschiedlichsten Form werden so selbst zur Verkündigung, zum Weg Gottes zu uns Menschen.

„Verstehst du auch, was du liest?“ (Apg 8,30) Diese Frage des Philippus ist eine zentrale evangelische Frage. Es ist notwendig, das Zeugnis der Bibel in unsere Zeit zu „übersetzen“, damit wir es verstehen.

In einer individualisierten Gesellschaft ist die biographische Bibel-Begegnung eine geeignete Zugangsweise, die gerade auch Nicht-Theologen offen steht. Sie könnte mit einer überraschenden Frage beginnen: Welcher biblische Text ist der Schlüsseltext für meine eigene Lebensgeschichte? Welche biblische Person ist mir in meiner jetzigen Lebenssituation besonders nahe? Maria oder Martha, Josef und seine Brüder, Hiob oder Petrus? Die biographische Aneignung der Bibel geschieht also entschieden intuitiv. Denn Intuition ist verdichtete Lebenserfahrung.

So wird der persönliche Schlüsseltext laut gelesen, zur Sprache gebracht mit der eigenen Stimme. Damit beginnt ein Prozess, in dem Lebensgeschichte und biblische Geschichte miteinander verwoben werden: ein Perspektivenwechsel für die Vergewisserung der eigenen Lebensgeschichte und eine Vergegenwärtigung biblischer Erfahrungen in persönliche Lebensführung. Das Auslegen der Bibel geschieht im persönlichen Lesen, im Zwiegespräch mit diesen nahen und zugleich fremden Texten. Und es geschieht im Gespräch mit anderen über das Gehörte und Gelesene.

Im liturgischen Gebrauch biblischer Texte und im wissenschaftlichen Analysieren und Durchdringen dieser Texte vollzieht sich ebenfalls ein Auslegen der Bibel. Zu den exegetischen Aufgaben gehört es, die Umstände und den geschichtlichen Hintergrund der Texte historisch zu klären und zugleich die Texte für die heutige Zeit verständlich zu erschließen.

Die Kirche, die persönliche Frömmigkeit und die wissenschaftliche Theologie sind Orte der Auslegung. Die Auslegungsmethoden sind nötige Hilfsmittel des Verstehens. Sie sind aus der Erkenntnis und der Kultur ihrer Zeit erwachsen und ergänzen sich mit ihren unterschiedlichen Perspektiven. Wenn die Botschaft der Bibel durch die Zeiten geht und zu anderen Menschen in andere Länder kommt, verändert sie Sprache, Kultur und weltanschauliche Sichtweisen der Menschen. Und umgekehrt wird auch die Auslegung der Bibel selbst davon beeinflusst. Verstehen vollzieht sich als Akt der Kommunikation. Ein solcher Diskurs verhindert, dass die Bibel zur bloßen Quelle der Legitimation funktionalisiert wird. Die Christenheit vertraut darauf, dass das richtige Verstehen in jeder Zeit Geschenk des Heiligen Geistes ist.

Weil sich in der Bibel die Erfahrungen niederschlagen, die eine Gemeinschaft von Menschen in verschiedenen Zeitepochen mit Gott gemacht haben, hat die Bibel von vorneherein einen sozialen und kulturellen Bezug. Wer die Bibel liest, kann nicht davon absehen, dass Generationen vor uns bereits mit diesem Buch gelebt haben. Ihre Erfahrungen können zum Verständnis der Bibel helfen, aber gleichfalls zur Kritik herausfordern.

Auch außerhalb der Kirche und ihrer Theologie gibt es Orte der Auslegung der Bibel: in der bildenden Kunst, der Literatur, der Musik oder im Films. Deren besondere, manchmal fremde Perspektive auf die biblischen Geschichten bereichern auch unsere kirchliche Auslegung.

Das Fremde und das Eigene geraten damit in eine produktive Spannung. Die evangelische Kirche „inspiriert einen kreativen und eigenständigen Umgang mit biblischen Texten und Geschichten. Sie befreit die Bibel von einer klerikalen Gefangennahme durch ihre Ausleger und gibt die Stoffe für einen künstlerischen Umgang mit ihnen frei.“ So formuliert es die EKD-Denkschrift  „Räume der Begegnung - Religion und Kultur in evangelischer Perspektive“ aus dem Jahr 2002.

Zugleich erwartet die evangelische Kirche Respekt für die Grenzen im künstlerischen Umgang mit christlichen Symbolen und insbesondere mit den biblischen Texten. Dieser Respekt ist die Voraussetzung für eine wechselseitige, offene Begegnung.
 

5. Was die Bibel mit Kultur zu tun hat

Unsere Kultur ist verwoben mit der biblischen Tradition und wird selber ein Ort der Auslegung biblischer Texte.

Biblische Geschichten werden an vielfältigen Orten auch außerhalb von Kirche und Wissenschaft tradiert und gedeutet. Ob im Alltag, in unserer Sprache oder in den Künsten - ohne biblische Bezüge kommen wir nicht aus.

Im Alltag begegnet uns der Schatz biblischer Worte wohl zuerst auf Todesanzeigen in Tageszeitungen, als Taufspruch und Konfirmationsspruch für Patenkinder, als Trauvers auf der Einladung zur Hochzeit, als Zitat im Munde eines öffentlichen Redners, als Anspielung in den Zeilen eines Popsongs, als Hintergedanke in moderner Werbung und in psychologischen Ratgebern: eine Art „Bibel bei Gelegenheit“.  Freilich bleibt die Frage nach Chance und Wirkung eines solchen Umgangs mit biblischen Texten. Aber selbst in dieser reduzierten Gestalt erinnern Bibelverse an eine Dimension des Lebens, die sich der Allgegenwart der Jetztzeit und der Dominanz der Moden entzieht.

Am Beginn der modernen deutschen Sprache und Literatur steht Luthers Bibelübersetzung aus dem 16. Jahrhundert. Keine andere moderne europäische Sprache und Literatur ist so stark von der Bibel geprägt wie die deutsche. Die deutsche Sprache und Literatur verfügen über unzählige Anspielungen auf die Bibel. Mit Formulierungen, Bilder und Geschichten aus der Bibel wird gespielt. Wenn wir auch heute noch davon reden, keine „Perlen vor die Säue“ (Mt 7,6) zu werfen, oder sagen, „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (5. Mose 8,3; Mt 4,4; Lk 4,4) dann zeigt sich darin die Präsenz des kulturellen Gedächtnisses.

In den bildenden Künsten und der Musik, dem Kinofilm und den Fernsehserie, dem Theater und der Literatur existiert ein vielfältiges Interpretationsangebot biblischer Motive, Personen und Geschichten. Dabei haben sich geradezu Hitlisten herausgebildet, die für die Rezeption der Bibel bei einem breiten Publikum eine prägende Bedeutung haben. So sind die Geschichten „vom verlorenen Sohn“ oder „vom barmherzigen Samariter“ ebenso selbstverständlich präsent wie das leicht bekleidete Paar Adam und Eva, das in einen Apfel beißt und damit die Versuchung symbolisiert.

Über den bewussten Rückgriff auf die Bibel hinaus vollzieht sich die kulturelle Aneignung und Tradierung biblischer Stoffe und Motive heute vielfach in unbewusster und anonymer Form. Bei diesem kulturellen Transformationsprozess, der aus einem jahrtausendelangen Umgang mit der Bibel schöpft, verwischen sich die Spuren des biblischen Ursprungs. Gerade diese verkappte Traditionsaneignung, die mit Um- und Neudeutungen, mit der Vermischung mit anderen kulturellen und religiösen Strömungen und Universalisierungen einhergeht, ist besonders wirksam, zumal in der populären Kultur. Ohne Rücksicht auf die kirchliche Überlieferung passt sie die biblischen Motive an die Bedürfnisse, die Wahrnehmungsmuster und den Verständnishorizont eines großen Publikums an. So wird man in dem weltweit erfolgreichen Kinofilm „Titanic“ zweifellos auch eine moderne „Nacherzählung“ der Geschichte vom Turmbau zu Babel entdecken können, obwohl die biblische Geschichte mit keinem Wort erwähnt wird. Die Erschließung dieser kulturellen Schöpfungen ist deshalb eine für die theologische Hermeneutik und für den Dialog zwischen Kirche und Kultur ebenso lohnende wie zu fördernde Aufgabe. In einem solchen Dialog wird die Kirche neue und überraschende Sinnschichten der Bibel entdecken.

Umgekehrt gehört es zu den elementarsten Beiträgen der evangelischen Kirche zur Lesbarkeit der gegenwärtigen Kultur durch das Erinnern an die biblischen Quellen beizutragen und die Dimension kultureller Erlebnisse zu vertiefen, die Menschen für Grundfragen ihrer Existenz empfänglicher zu machen und so einem kulturellen Gedächtnisverlust zu wehren.

Ihre Mitverantwortung für Deutung und Lesbarkeit zeitgenössischer Kultur und deren Strömungen nimmt die Kirche auch in ihren kontinuierlich arbeitenden Einrichtungen wahr.

Gerade in den Künsten und den Medien nimmt das Interesse an der Bibel gegenwärtig eher zu als ab. Die Vermittlung zeitgemäßer künstlerischer Symbolik des Absoluten und Transzendenten einerseits, des Rituellen, Blasphemischen, durchaus Schockierenden andererseits, verlöre erheblich an Substanz ohne den Widerhall auf biblische Grundtexte und durch sie angeregte Bildfindungen. Weite Teile der zeitgenössischen Kunst können so zum Beleg werden für die Lebendigkeit der Bibel im kulturellen Gedächtnis der Menschheit. Die Bibel wiederum steht dem Künstler in ihrem ganzen Reichtum frei zur Verfügung, ohne dass er sich den Deutungen und Lebensformen einer Glaubensgemeinschaft unterwerfen muss.

Wenige Beispiele zeigen, wie breit das Spektrum ist, in dem uns biblische Motive oder Themen begegnen: Mit den Zehn Geboten hat sich eine Werbeagentur genauso beschäftigt wie der polnische Filmregisseur Krzystof Kieslowki. Die Auferstehung ist Thema des jungen Leipziger Malers Michael Triegel und war RTL-Motto für Action-Filme mit Arnold Schwarzenegger. Schriftsteller erzählen die biblischen Geschichten neu, während in einem Radio-Wunschkonzert das „Vater Unser“ als Schlager dargeboten wird. Manche populäre Aneignungen der Bibel setzen die Tradition des religiösen Kitsches in neuem Gewand fort. Manchmal allerdings führt Popularisierung einfach nur zur Banalisierung. Wenn die „Zehn Gebote“ auf die zehn Qualitätsmerkmale eines neuen Automodells übertragen werden, dann bleibt von dem komplexen biblischen Stoff nur noch ein Gag. Er profitiert von der Vertrautheit mit einzelnen biblischen Elementen und kokettiert mit ihrer frivolen Verwendung. Aber selbst dieser Gag setzt die Spannung zum Heiligen noch voraus.

Gleichzeitig genießen die Malerei Michelangelos oder Bachs Weihnachtsoratorium Kultstatus und ziehen Scharen von Touristen und Konzertbesuchern an.

Die Stärke der populären kulturellen Deutungen liegt gerade darin, dass sie die Scheu vor dem heiligen Text nehmen und Distanz abbauen. Sie erfühlen die emotionale Dramatik der biblischen Geschichten und finden eine Sprache, die Menschen heute verstehen. Sie entwickeln genauso wie die anderen Künste Interpretationen jenseits der kirchlichen Kanonisierung, die zwar die Überlieferung bewahrt, aber auch der Gefahr institutioneller Versteinerung ausgesetzt ist. Ohne Identifikation der biblischen Stoffe im kulturellen Gedächtnis geht eine Tiefenschicht des Lebens verloren.


6. Warum es sinnvoll ist, die Bibel zu lesen
 
Die Bibel ist eine verborgene Schönheit, die sich erst öffnet, wenn man um sie wirbt. Ohne Neugier, ohne genaues Hinhören und ohne intensives Bemühen wird das Buch der Bücher  immer nur bestätigen, was der Leser, die Leserin selbst schon gewusst hatten. Die Bibel braucht und verdient daher Freunde und Freundinnen, die sie achten und pflegen, die sie verstehen und erschließen, die sie in ihrer Eigenart würdigen und die darin die Erfahrungen einer Kirche des Wortes verteidigen. Die evangelische Kirche ist deshalb dankbar für eine lange Pflege der Bibel und versteht diese Arbeit als ihre bleibende kulturelle Aufgabe.

Darum geht es also heute: Dass die Bibel Liebhaberinnen und Liebhaber findet, die sie nicht verzwecken wollen, weder für ihre gesellschaftspolitischen Interessen noch für die je eigene Frömmigkeit. Das Hören auf die Bibel segnet den Gottessucher, nicht den Gottesbesserwisser. Das Buch der Bücher sperrt sich gegen eine Auslegung, die die Mehrdimensionalität ihrer Texte einer religiösen Rechthaberei oder einem theologischen Fundamentalismus opfert. Die Bibel ist zu vielfältig, zu differenziert und im besten Sinne „zu befremdlich“. Mit ihren vielfältig miteinander verwobenen Texten ist die Bibel mehr als nur ein Katalog von Gebrauchsanweisungen zum glücklichen Leben. Die Bibel ist kein einfaches Buch. Sie ist weder schnell genießbar noch leicht verdaulich. Die Abgründigkeit der Menschheitsgeschichte ist in ihren Texten präsent. Gerade mit ihrer realistischen Anthropologie helfen die biblischen Texte, uns selbst und unsere Welt besser zu verstehen.

Die Bibel eignet sich nicht zum spirituellen Fastfood. Ihre Worte verlangsamen und unterbrechen den Alltag. Ihre Geschichten reißen uns so aus dem Dauerentertainment unserer Zeit heraus. Die Bibel gehört damit zu den wenigen Größen des modernen Lebens, die eine Totalisierung des Augenblicks verhindern kann. Jedes Hören auf die Bibel ist wie ein kleiner Sonntag mitten im Alltag. Das macht die Qualität einer kurzen Andacht oder Losungsbesinnung aus: Für einen kurzen Moment sich Ruhe gönnen, hinein gelockt werden in eine andere Dimension. Solche Momente der Besinnung verdienen eine aufmerksame Gestaltung. Das gehört zum Wesen einer Andachtskultur,  die in der evangelischen Kirche in Gesprächskreisen, Begegnungen und Sitzungen gepflegt wird.

Wer in der Bibel nach Gottes Wort sucht, der nimmt nicht nur Gott ernst, sondern auch sich selbst und zugleich den anderen. Die Bibel würdigt den Einzelnen, weil sie ihn mehr sein lässt als die Summe seiner Leistungen und Erfolge. In allem Freiheitsgewinn, in aller Forderung nach unbedingter Achtung der Menschenwürde, aber auch noch in allem Entsetzen über die Grausamkeit des Menschen leuchtet eine Erinnerung an diese biblische Grundkraft auf: Jeder Mensch hat einen unzerstörbaren Wert für und vor Gott. Jeder Einzelne darf niemals bloß als Mittel zum Zweck missbraucht werden. Eine Kirche, die auf die Bibel hört,  wird immer für den Einzelnen und seine Würde eintreten und nach Partnern Ausschau halten, die diesen Schutz des Einzelnen ebenfalls bewachen.

Wer die Bibel als Buch des Lebens begreift, weiß, dass hinter all den biblischen Geschichten auch eine Dimension steht, die dem unmittelbaren Zugriff des Menschen entzogen ist. Das Leben bleibt ein Geheimnis, das sich nie erschöpft. Es wird umso reicher und wunderbarer, je tiefer wir darin eindringen. Im Hören auf die Bibel, im Respekt vor diesen Texten werden wir dieses Geheimnisses gewahr. Ob man von der Befreiung Israels aus der Knechtschaft in Ägypten hört oder über die Seligpreisungen Jesu staunt, ob man die lebenssatten Geschichten der Erzväter Abraham, Isaak und Jakobs wahrnimmt oder über die Heilungen und Wundertaten Jesu nachdenkt, ob sich die heilige Schrift mit der Tiefe ihres Kreuzesgeschehens oder mit dem Glanz ihres Osterlichtes der Seele einprägt, immer wird der Hörer, die Hörerin der Bibel vor das Geheimnis des Lebens gestellt, das stärker ist als der Tod. Dass in Zeit und Ewigkeit weder Macht noch Gewalt, weder Bosheit noch Grauen das letzte Wort behalten werden, sondern Gott und mit ihm Sinn und Trost, Güte und Barmherzigkeit, das kann man mit der Bibel zwar nicht beweisen, wohl aber bezeugen. Ansprüche nach Beweisbarkeit im Sinne einer technisch-wissenschaftlichen Vernunft führen ins Leere. Wer jedoch diesen Grundklang der Bibel im Spiegel der Kunstgeschichte,  des Kirchbaues oder der Malerei, wer die Bibel in den Klängen der Musik oder in den Farben von Kathedralfenster wiedererkennt, der ahnt selbst unter den säkularen Bedingungen der Gegenwart das Geheimnis Gottes als Trost der Welt.

7. Zwölf Gründe, die Bibel zu lesen

1. Wer die Bibel liest, kennt seine Wurzeln.
2. Wer die Bibel liest, achtet den Anderen.
3. Wer die Bibel liest, versteht mehr von Kultur.
4. Wer die Bibel liest, hält inne.
5. Wer die Bibel liest, begegnet Gott.
6. Wer die Bibel liest, achtet Israel.
7. Wer die Bibel liest, sucht Wahrheit.
8. Wer die Bibel liest, gewinnt Freiheit.
9. Wer die Bibel liest, wird reich.
10. Wer die Bibel liest, findet verborgene Schönheit.
11. Wer die Bibel liest, bleibt nicht allein.
12. Wer die Bibel liest, hat mehr vom Leben.



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