"Die Menschen hungern nach Erkennbarkeit der Kirche"

Fulbert Steffensky spricht auf der EKD-Synode

24. Mai 2003

Die Kirche drohe ihre gegenwartskritische Kraft zu verlieren, warnte der Theologe Fulbert Steffensky in seiner Einführung in das Schwerpunktthema der Synodaltagung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Samstag, den 24. Mai. Es gebe viele Fälle der "voreiligen Selbstverleugnung" der Kirche, zum Beispiel im Konfirmanden- oder Religionsunterricht, so Steffensky in Leipzig. Statt dessen gelte es, die Gewissheit wiederzuerlangen, "dass wir Lebensschätze zu verwalten haben".

Als Einstimmung auf die Behandlung des Schwerpunktthemas "Der Seele Raum geben - Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung" verwies Steffensky darauf, dass die Kirche nie nur ein äußerlich wahrnehmbares Bauwerk sei, sondern immer zugleich Ausdruck des erwählten Gottesvolkes. Ob Kirchenbauten verstehbare Zeichen des Geistes Christi seien, hänge davon ab, von welchem Geist sich die Kirchenmitglieder bewegen ließen. "Ist der Horizont der Bibel noch im Horizont unserer real existierenden Kirche zu erkennen?" Er plädiere nicht für eine Flucht in die Innerlichkeit, betonte der Theologe. Die öffentliche Volkskirche sei von großer Bedeutung. Aber die Kirche laufe Gefahr, "in der Heutigkeit zu ersticken, zu sagen, was die anderen sagen und denken". Damit drohe die gegenwartskritische Kraft der Kirchen verloren zu gehen.

Die in den Kirchenbauten greifbare Form der Kirche sei notwendiges Gegengewicht zu einer übermächtigen Innerlichkeit. Besonders protestantische Traditionen begegneten der äußeren Gestaltung von Glauben mitunter mit dem Vorbehalt, es handele sich dabei um Unwesentliches. Doch "was nicht Form, Aufführung, Haus oder Figur wird, bleibt blass und ist vom Untergang bedroht". Die Äußerlichkeiten der Räume, der Rhythmen, der Bauten und Rituale seien "Verbündete der Seele".

In der Kirche rede der Raum zum Gläubigen und erzähle die Geschichte und die Hoffnung vergangener und gegenwärtiger Generationen. "Eine Kirche wird eine Kirche mit jedem Kind, das darin getauft wird, mit jedem Gebet, das darin gesprochen wird, und mit jedem Toten, der darin beweint wird." Gerade in seiner Fremdheit und seiner Unterschiedlichkeit von anderen Räumen ermögliche ein Kirchenbau eine andere Art der Selbsterkenntnis. Die Kirche sei "ein Raum, der sich wehrt gegen die Superlative, von denen wir täglich umgeben sind".

In der säkularen Stadt müsse die Kirche deutlich sichtbar bleiben. Man könne sich nicht in seinen Absichten, Wünschen und Optionen zu verbergen suchen, ohne dass diese selbst zu verblassen drohten. "Wenn man nicht zeigt, wer man ist, weiß man nicht, wer man ist." Je säkularer und unbestimmter die Stadt sei, um so deutlicher sollten die Kirchen zu erkennen sein, so Steffensky. Er misstraue dem Hinweis auf "niedrigschwellige Angebote", die vermeintliche Berührungsängste abbauen sollten. Die Gegenwart brauche nicht die Anpassung der Kirchen, sondern ihre Fremdheit, ihre Besonderheit und ihre Klarheit. "Menschen ersticken nicht mehr an Überdeutlichkeit, sie hungern nach Erkennbarkeit."

Fulbert Steffensky studierte evangelische und katholische Theologie und war 13 Jahre lang Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach. Später konvertierte er zum lutherischen Bekenntnis. Er war mit der kürzlich verstorbenen Theologin Dorothee Sölle verheiratet.

Leipzig, den 23. Mai 2003

Pressestelle der EKD
Silke Fauzi

Redetext im Wortlaut



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