Eröffnungsgottesdienst der 10. EKD-Synode in Trier:

Präses Schneider predigt von der Gerichtsvision

02. November 2003

Mit einem Eröffnungsgottesdienst in der Basilika in Trier hat am Sonntag, 2. November, die zweite Tagung der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) begonnen. „Unser westlicher Lebensstil, unsere Teilhabe an und unsere Schuldverstrickung in weltweiter sozialer Ungerechtigkeit, sich mit dem Ästhetischen begnügende Gottesdienste, Glaube als äußerliche, kulturelle Sprach- und Gestaltungsform, um sich in den jeweils gegebenen Verhältnissen bequem einzurichten – das alles ließe sich fast distanzlos mit den Worten des Amos kritisieren“, so Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, in seiner Predigt, die vom ZDF live übertragen wird.

Präses Schneider rief in Erinnerung, dass der Prophet Amos das Fehlverhalten und die Schuld der Menschen ganz sachlich identifiziert habe. Arme seien unterdrückt, Gerechte durch Macht und Korruption bedrängt und Elende zugrunde gerichtet worden. Zugleich strebten die Gottesdienste immer mehr nach ästhetischer Vollkommenheit, erstarrten aber zu äußerlichen Zeremonien. „Erbarmungsloser Umgang mit den Menschen und religiöses Leben auf hohem Niveau – wo das möglich ist, fehlt eines ganz gewiss: der persönliche Glaube an den lebendigen Gott“, so Schneider.

Auf die heutige Lebenssituation übertragen, stellte Schneider fest: „Wir brauchen den Mut zu bekennen, dass es wie für Israel auch für unsere Kirchen Situationen gab, die im Persönlichen wie im Politischen von Gottes Ferne und Gottes Gericht geprägt waren, so dass das Wort von Gottes Gnade und Liebe nicht gesagt werden konnte.“ Doch habe Gott durch Zorn und Gericht hindurch immer wieder Neuanfänge geschenkt. Auch heute rufe Gottes Wort zur Umkehr und zu einem Glauben, der sich im „Beten und Tun des Gerechten“ entfalte.

Der Gerichtsvision des Propheten Amos stellte Schneider die Hoffnungsvision Dietrich Bonhoeffers gegenüber, der angesichts von Mord und Terror des Naziregimes und im Wissen um Schuld und Versagen seiner Kirche geglaubt habe: „Der Tag wird kommen, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend wie die Sprache Jesu. Es wird die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit sein...“. Für Christinnen und Christen berge das Einstimmen in die Hoffnung eine Verpflichtung. Es verbinde sich mit dem Anspruch an das Reden und Tun unserer Kirchen. „Wir können nur bitten: Gott schenke uns immer wieder neu den Tag, an dem wir Hunger und Durst nach dem Wort Gottes spüren und stillen können – den eigenen und den unserer Nächsten.“, so der Präses.

Trier / Düsseldorf, 31. Oktober 2003
Pressestelle der EKD
Eva Schüler/Silke Fauzi

Hinweis: Die Synode der EKD tagt vom 2. bis 7. November in der Europahalle in Trier. Im Mittelpunkt steht die Wahl des neuen Rates. Informationen zur Synodentagung finden Sie im Internet unter www.ekd.de/synode2003. Die EKD-Pressestelle erreichen Sie während der Tagung unter der Rufnummer 0651-146 09 56.

Wortlaut der Predigt



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