Morgenandacht

Landessuperintendentin Oda-Gebbine Holze-Stäblein (2. Tagung der 10. Synode der EKD Trier, 2. - 7. November 2003)

03. November 2003

Sehr geehrte Anwesende,

ich kann mir vorstellen, dass nicht alle von uns heute Nacht ganz gut geschlafen haben, einige vielleicht auch besonders gut, nachdem die erste Anspannung vorbei war. Aber die Anspannung bleibt ja noch. Umso wichtiger ist es, dass wir heute gut in den Tag kommen. Luthers Morgensegen soll uns dabei helfen.

Liebe Synodengemeinde! Die Bibel ist ein Weltkulturerbe; so steht es in dem Kundgebungsentwurf, den wir heute diskutieren werden. Ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht, ob die Bibel im formalen oder formellen Sinn zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt oder jemand schon einen diesbezüglichen Antrag gestellt hat.

Mich hat dieser Satz zunächst überrascht, dann fasziniert, schließlich aber auch befremdet. Überrascht, weil ich mit dem Wort "Weltkulturerbe" bisher im Wesentlichen Gebäude und Kunstwerke verbunden habe. Der Kölner Dom ist ein Weltkulturerbe; das ist klar. Das Ensemble von St. Michaelis und dem Dom in Hildesheim - auch klar. Schlösser, Burgen, ganze Altstädte, Fabrikgebäude ja, natürlich, und sicher auch das Evangeliar Ottos I. Meistens aber doch Orte, Häuser, Baulichkeiten, die man begehen, besichtigen und auch wieder verlassen kann, kostbare Unwiederbringlichkeiten aus der Vergangenheit. Orte vergangenen Lebens, die mich, wenn ich sie besuche und betrete, einerseits mit Staunen und Entzücken erfüllen, weil sie so schön sind. Dann aber wecken sie auch schmerzliche Gefühle von Sehnsucht, Entbehrung und unüberbrückbarer Distanz.

Wie schade, dass uns heute so Schönes nur noch selten glückt! - Es sind Inseln der Schönheit und des Maßes, die man besuchen, in denen man aber nicht bleiben kann. Sie gehören zu unserer Welt, sind aber nicht mehr unsere Welt.

Die Bibel "Weltkulturerbe"? Ja, auch ein faszinierender Gedanke. Das Wort würdigt den Gegenstand. Es ist eine Art Gütesiegel, das besagt: Die Bibel ist es wert, aufgehoben zu werden. Sie gibt uns, ähnlich einem schönen alten Gebäude, Einblick in vergangenes Denken und Lebensgefühl, in vergangene Religiosität, in unwiederbringliche Vergangenheit ...?

"Allein, hier stock ich schon", und das dritte Gefühl, das Befremden, stellt sich ein. Ist "Weltkulturerbe" wirklich ein zutreffendes Wort? Was ist mit der Dimension der Bibel als Gebrauchsbuch? Wir essen nicht mehr mit Löffeln aus Holz wie im Mittelalter, wir haben in unseren Fenstern keine Butzenscheiben oder nur dann, wenn wir einen sehr ausgefallenen Geschmack haben. "Die Erde ist ein gebildeter Stern mit sehr viel Wasserspülung", hat Erich Kästner schon vor Jahrzehnten gedichtet.

Die Bibel ist uralt, aber ich gebrauche sie heute. "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln": Das tröstet mich auch dann, wenn ich nie eine Schafherde oder einen Hirten gesehen habe, weil es mich in meiner Unsicherheit und meinem Bedürfnis nach Schutz und Halt in tiefster Seele trifft, aufhebt und ruhen lässt. Oder sind wir Christen am Ende doch Leute, die heute noch mit Holzlöffeln essen und durch Butzenscheiben gucken?

Das Befremden überwiegt, je länger ich über das Weltkulturerbe nachdenke. Eins aber ist sicher: Die Bibel hat erheblichen Anteil am Zustandekommen von Baulichkeiten und Orten, die wir zum Weltkulturerbe zählen. Sie hat selber Menschen dazu inspiriert, das zu schaffen, was uns heute kostbar ist.

Und vielleicht das Wichtigste: Sie hat uns nicht nur begehbare Orte aus Stein geschenkt, indem sie Menschen inspiriert hat; sie hält selbst Orte und Räume für uns bereit und frei, an denen wir herausgenommen werden aus Druck und Zwang, aus Pflicht und Betrieb, aus Ängsten, Lasten und Lüsten aller Art, um etwas zu sein, das wir niemandem verdanken außer dem, der uns geschaffen hat: Menschen.

Diese Orte sind Worte. Wohnstätten der Freiheit und des guten Lebens. Einen solchen Ort finde ich in Psalm 92, und am liebsten würde ich ihn singen, so wie ihn Schütz vertont hat. "Es ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster, des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen."
"Es ist ein köstlich Ding!" Das hat mit Kosten zu tun, aber nun endlich mal nichts mit Geld, sondern mit dem, was auf der Zunge liegt. Was schmeckt, das ist köstlich, ein sinnliches Vergnügen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Martin Luther, dem dieses Wort "köstlich" hier eingefallen ist - ob zu Recht oder Unrecht, lasse ich mal dahingestellt -, redet vom Gottesdank und Gotteslob. Da ist nichts von frommer Pflichterfüllung, von geistlicher Notwendigkeit, von religiösem Muss, das man zu absolvieren hat, von Dimensionen usw., sondern von Lust und Genuss. Genauso vergnüglich, wie es ist, sich an einem Buffet mit Grillschinken aus der Eifel und rheinischem Kräuterbraten zu ergötzen, genauso lecker und köstlich, sagt der Psalmbeter ist es, Gott zu danken.

"Und lobsingen deinem Namen, du Höchster." Der Blick wird unweigerlich nach oben gezogen. Ich kann gar nicht anders, ich muss mich wegziehen lassen von allem, was mir hier unten das Leben so erdenschwer macht. Ich muss mich aufrichten. Die Lasten, die tatsächlichen und die eingebildeten, fallen von den Schultern, der schmerzende Rücken wird gerade, der vom Drehen und Wenden nach rechts und nach links verbogene Hals. Es baut sich alles neu in mir auf, Wirbel für Wirbel nach oben zum Höchsten, indem ich den Blick nach oben wende. Es ist nicht so, dass ich dabei klein werde vor diesem Höchsten, im Gegenteil: Ich wachse, ich stehe und gehe aufrecht, ich überrage mich selbst mindestens um eine Haupteslänge. Ich wachse ihm entgegen, indem ich ihm lobsinge. Vielleicht kann ich gar nicht singen, vielleicht nur brummeln oder Saxophon oder Trompete spielen. Der Luftstrom aber in mir, darauf kommt es an, wird angeschlossen an den Lebensatem Gottes. Ich bin da, ich bin lebendig. Mein Gott, ich lebe. Ich bin unter deiner Sonne und unter dem Segen deines Angesichtes. Ich bin. Ich darf sein. Niemandem als dir verdanke ich es, heute, jetzt und hier, nicht vor 2000 Jahren. Egal wie die Nacht war und was morgen für Strapazen und Prüfungen drohen.

"Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster." Köstlich, jeden und auch diesen Morgen zum Leben zu erwachen und zu erfahren, was ich bin und sein darf, sein kann, vor dem Angesicht des Höchsten, an den nichts heranreicht an Engeln, Fürstentümern und Gewalten.

"Des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen." Warum eigentlich nicht umgekehrt, warum nicht morgens deine Wahrheit und nachts deine Gnade verkündigen? Sicher, Sinn macht das auch, irgendwie schon. Aber einen guten und weitaus besseren Sinn macht es so herum, liebe Schwestern und Brüder. So, wie es dasteht, nimmt es uns auf einen Weg mit, bringt uns in eine Richtung, orientiert uns in unseren Tag hinein und bringt diesen Tag in eine Grundspannung, in die Grundspannung unseres Lebens und dieser Welt. Ich bin wach, ich bin und darf sein. Jeder Morgen bildet sie ab, die Gnade, geboren zu sein. Ich gehe durch den Tag, ich erledige Aufgaben, ich stehe vor Herausforderungen, ich arbeite, ich schufte, ich rede, begegne Menschen, ich kämpfe, streite, laviere mich durch, Erfolge, Niederlagen, Pannen, Versagen, Fehler, Schuld.

Am Abend: die Stunde der Wahrheit. Den Tag durchdenken. Bilanz. Rechenschaft. Das Ganze verantworten. Was war das, was ich heute gelebt habe, und wo bringe ich es hin? Wie war das mit den anderen, die heute meinen Weg gekreuzt haben?

"Des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen" - ja, aber davor steht das Hören. Die Stunde der Wahrheit sage ich erst einmal keinem anderen, sie gilt mir. Ich finde mich am Abend ein vor dem Angesicht Gottes, wie die Arbeiter im Weinberg am Abend vor den Besitzer treten, um das Verdiente entgegenzunehmen. Den Verdienst, das Verdiente, für das sie geschuftet haben, ja. Aber da ist auch das Unverdiente, das Unverdienbare. Für das eine arbeite ich, vom anderen lebe ich. Von einer Gnade, die auch in der Stunde der Wahrheit aufleuchtet, der Lichtrand, den auch die schwärzeste Wolke hat, die sich zur Nacht über meinem Haupt zusammenzieht. Der Lichtrand, der mir sagt: Morgen ist auch noch ein Tag. Zeit der Gnade.

In den Gotteshäusern, die zum Weltkulturerbe zählen, steht der Altar im Osten, Ort der Gnade, des Lichtes, der Auferstehung Jesu Christi. Im Westen, in der Richtung des Abends, musste man unter dem Gericht hindurch. Die Stunde der Wahrheit. Und der, der uns zugute starb und auferstanden ist, damit wir zum Leben erwachen, dem begegnen wir am Abend wieder, wenn wir von Westen her eine Kirche betreten. Wir sind offenbar vor seinem Richterstuhl. (2. Kor 5,10) Er sieht uns an mit dem klaren Blick der Liebe. Er fragt uns: Wo warst du heute, und wo hast du heute deinen Bruder und deine Schwester gelassen? Du, Kirche, Synode, wie war dieser Tag und wo habt ihr euch auf mich verlassen, mir vertraut, mir etwas zugetraut?

Stunde der Wahrheit. Und doch ist auch die Tür des Gerichtes, die wir durchschreiten, keine bleibende Statt, keine Endstation der Verurteilung. Wir gehen hindurch, auf den Altar zu, auf den Auferstandenen zu, der uns sagt: Steh auf.

"Des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen": Ein Wort, das zum Ort wird, an dem wir uns selber orten können als Menschen, die gespannt sind vom Morgen an auf den Abend hin und gerade darum gelassen und fröhlich leben. Das hat die Bibel hineingestiftet in das Weltkulturerbe. Das Wissen, woher wir sind und wohin wir gehen, dass wir geliebter sind, als wir ahnen (Gollwitzer) und wie der Name dessen ist, in dem wir unser Heil finden. Das Weltkulturerbe - die Weltkulturerben von morgen: Schöneres können wir ihr nicht hinterlassen als das, wovon wir selber leben. Amen.

Ich schließe mit einem alten Pilgergebet: Gott, dieser Tag und was er bringen mag, sei mir aus deiner Hand gegeben. Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Du bist der Weg, ich will ihn gehen, du bist die Wahrheit. Ich will sie sehen. Du bist das Leben. Mag mich umgeben Leid und Kühle, Glück und Glut, alles ist gut, so wie es kommt. Gib, dass es frommt. In deinem Namen beginne ich. Amen.



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