Predigt im Abschlussgottesdienst in der Michaeliskirche (Johannes 16, 23b-28.33)

Landessuperintendent Walter Herrenbrück (1. Tagung der 10. Synode der EKD Leipzig)

25. Mai 2003

Es git das gesprochene Wort.

I
Stellen wir uns vor, Jesus hätte auf der EKD-Synode ein Grußwort gesprochen - und es so beendet:
„Liebe Synodale, in der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“.
Und stellen wir uns vor, dass die Synodalen - den Kopf noch voller Wahlen und Zahlen nur halb hinhörend - sagen: ‚Ja, wir leben in schwierigen Zeiten. Weil's nicht reichlich gibt, müssen wir doch sparen. Aber - dass wir nun Angst hätten... so schlimm ist es wohl nicht.’
Und dass sie - den Kopf noch voller Reden und Vorlagen nur halb hinhörend - sagen:
‚Recht hat Jesus: Die Probleme werden sich schon irgendwie lösen lassen.’

Dann hätten sie freilich Wichtiges überhört.
Jesus meint - Angst. Nicht bloß Probleme - Finanzprobleme, Imageprobleme, Nachwuchsprobleme. Die sind schlimm genug.
Jesus meint Bedrängnis.
Morgens frohgemut als Pastor aufwachen und abends wie ein geprügelter Hund ins Bett gehen und sich fragen: „Wen interessiert eigentlich noch, was ich sage, was ich schreibe, ob ich zuhöre!? Ich habe den falschen Beruf.“
Angst vor der Zukunft.
Auch Angst vor Verfolgung - wie sie die Christen in Togo spüren unter der Diktatur eines Herrn Eyadema.

Und dann...
Jesus sagt: Ich habe die Welt überwunden.
Nicht: es kann nur besser werden; Hürden sind dazu da, überwunden zu werden.
Sondern: Ich habe überwunden - und zwar die Welt.

Das kann ja passieren, dass wir die entscheidende Geschichte nicht immer im Kopf, nicht immer im Herzen haben:

  • die Geschichte, in der vom Himmel jemand in unsere Welt und auf die Erde kommt, um sie zu einer ökumenischen Begegnungsstätte zu machen: zu einem Ort, an dem Gott seinen Menschen nahe sein will - und in Israel damit schon längst angefangen ist;

  • die Geschichte, in der jemand Jesus heißt und ein Retter ist und dafür einsteht, dass Gott stärker ist als der Tod, und sein Wille, uns gnädig zu sein, stärker als die Schuld, die wir auf uns geladen haben;

  • die Geschichte vom Tod, der verschlungen ist in den Sieg.

Wenn Jesus davon spricht, dass er die Welt überwunden hat, dann spricht er von der Geschichte dieses Sieges. Und in dieser Geschichte des Sieges kommen wir vor.
Wir haben teil an dem Sieg Christi. Wir - seine Gemeinde.
Der Siegeskranz ist schon Arbeit. Und der Kranz auf dem Friedhof kann fröhlich verwelken.
 
II
Zu seinen Jüngern damals redete Jesus in bestimmter Absicht: „damit ihr in mir Frieden habt.“
In mir und mit Gott.
Indem Jesus mit seinen Jüngern redet, lässt er vor ihren Augen den Frieden mit Gott wahr werden.
Und das ist der Friede: dass der, von dem wir alles haben, mit uns ist und wir im Frieden als Befriedete in dieser Welt leben.
Ein Friede, der höher ist als alle Vernunft.

Es ist ein bewegender Augenblick: Jesus redet mit seinen Jüngern - und es ist augenfällig, dass er und die Seinen Gemeinschaft haben.
Keine Zufallsgemeinschaft - wie die zwischen Redner und Auditorium im Hörsaal. Denn Jesus hält keinen Vortrag über den Frieden.
Er ist für die Seinen der Friede, die Verkörperung des Friedens mit Gott.
Jesus und seine Jünger: das ist Lebensgemeinschaft.
Gemeinschaft in einer solchen Verbundenheit, wie wir sie nur von Haupt und Gliedern kennen.

Die Gemeinschaft ‚Jesus - Jünger’ ist grundlegend für das Bild, das die Kirche bestimmt.
Nicht, ob die Gemeinschaft evangelisch geformt oder römisch-katholisch legitimiert, ob sie mit Hugenottenpsalter oder mit Weihwasser begleitet wird, ist entscheidend, sondern dass sie eine Christusgemeinschaft ist.

Wir sitzen am Abendmahlstisch und essen Brot und trinken Wein.
Ohne Jesus Christus wäre das bisschen Kauen und Schlucken noch nicht einmal satt machend.
Wir hören eine Kanzelrede oder eine Ansprache vor dem Taufbecken oder ein Wort am Krankenbett; aber als Gottes Wort können wir es hören, weil Christus es als solches autorisiert und wir es so - geistesgegenwärtig - zu Herzen nehmen.
Einem andern zu sagen: „Deine Schuld ist dir vergeben!“ - das können wir nur in Jesu Namen.
Seelsorge nicht ins Blaue hinein, sondern in der Kraft des Geistes: weder wird die bekannte Schuld verharmlost noch die erbetene Vergebung verweigert.

Christusgemeinschaft. Als christliche Gemeinde leben wir diese Gemeinschaft.
Und wenn eine Gemeinde ihr Gemeinde-Leben hat und ihre Arbeit tut, dann packt sie nicht ein Paket mit dem Aufkleber ‚Trost’ aus, das Jesus per Nachnahme geschickt hat, um es wohltätig den Trostbedürftigen auszuhändigen, sondern dann feiert die Gemeinde die Gegenwart des Trösters.

Wen das zu mythisch-mystisch anmutet, wem dieser Gemeinschaftsgedanke zu romantisch vorkommt, wer diese Christusfrömmigkeit nicht mag, den bitte ich, sich von der Schlichtheit unseres Predigttextes und von der Art, wie unser Text das Wesen des Christentums elementarisiert, becircen zu lassen:
Einfacher kann es nicht sein, als es hier ist.

Jesus sagt: „Freunde, es gibt eine Gemeinschaft, die ist unzerstörbar - und das ist die Gemeinschaft, die ich mit dem himmlischen Vater habe. Diese Gemeinschaft trägt mich auch dann, wenn ich verraten, verlassen, gefoltert, gekreuzigt, getötet werde.
Wenn ihr nun mit mir Gemeinschaft habt und ich mit euch, dann habt ihr durch mich Teil an dieser unzerstörbaren Gemeinschaft. Und bevor ihr anfangt, euch einsam, krank, elend zu fühlen, hat diese Gemeinschaft, die euch trägt, längst begonnen.“

Hat man sie vor Augen - diese Gemeinschaft in der Gemeinschaft! - , dann hat man vor Augen das Abbild für die Gemeinschaft, die Gott mit seinen Menschen, die der Schöpfer mit allen seinen Geschöpfen hat.
Viele wissen’s nur noch nicht.
Wir - die christliche Gemeinde - ... wir sind dazu da, es mit unserm Glauben und mit unserm Leben zu zeigen.

III
Jesus ist Seelsorger genug, um zu wissen, dass die Jünger auf Dauer diese Christusgemeinschaft wohl nicht durchhalten werden.
Irgendwann werden sie die Verwaltung des Christentums selbst in die Hand nehmen und Strategien des Überlebens entwickeln.
Irgendwie ist das ja auch alles zu schön, um wahr zu sein: ‚unter dem Wort’, ‚am Tisch des Herrn’, ‚zwei oder drei in meinem Namen versammelt’, ‚dem Hungrigen das Brot brechen’.
Da muss noch ein bisschen mehr sein - ein bisschen mehr Amt, ein bisschen mehr Dom, ein bisschen mehr Ordnung, ein bisschen mehr Dogma, ein bisschen mehr Textilien...
Ein bisschen mehr, o.k.! - aber nicht zuviel.

Und damit es nicht zuviel wird, gibt Jesus den Jüngern eine Empfehlung.
Eine Empfehlung, um sich zu vergewissern. dass die Christusgemeinschaft da ist.
Auch im Jahr der Bibel da ist.
Die Empfehlung lautet: „Rogate. Betet.“
Jesus präzisiert diese Empfehlung: „Betet in meinem Namen“.

„Gebetet“ - so sagt Jesus seinen Jüngern - „... gebetet habt ihr oft. Aber ich kam in euren Gebeten nicht vor.
Euer Beten war ein Beten, das etwas haben will, ohne genau zu wissen, nach wessen Willen es gehen soll - ob nach dem Willen des Nehmers oder des Gebers.
Macht es anders. Wenn ihr betet, dann lasst den, zu dem ihr betet, erkennen, dass ihr meine Freunde seid, und dass ihr zu dem betet, den ihr durch mich kennen gelernt habt. Unser Vater... Und dann werdet ihr sehen, was das bringt.“

Wer in Jesu Namen betet, spricht damit aus, was mit Jesus schon gekommen, was in seinem Namen schon geschehen ist. Beten in Jesu Namen beginnt mit Gottes Verheißung und endet mit Gottes Verheißung.
Kennzeichen dieses Gebets ist nicht, was fehlt, was man gern hätte, sondern: was da ist, was schon zuteil wurde.
Und die Bitte im Gebet ist:
„Gott, zeige uns auf Erden, was um Himmels willen schon wahr ist.
Gib uns das Zeichen deiner Barmherzigkeit dadurch, dass wir und andere barmherzig sind und Barmherzigkeit erfahren. Zeige uns mit der Gabe des täglichen Brotes, dass das Brot des Lebens schon da ist.“

Im Gebet vergewissern wir uns, dass beides zusammengehört:
was schon ist und was noch erscheinen wird. damit alle es sehen.
 
Eltern äußern sich über das Violinspiel ihrer 6-jährigen Tochter.
Vater sagt: „Es klingt großartig, wenn die Kleine die Melodien vieler Lieder auf ihrer Geige spielt.“
Mutter sagt: „Bald wird sie Mozart-Sonaten spielen“.
Vater und Mutter haben beide recht.
Mozart ante portas - also ist er schon da. Auch wenn nur Liedmelodien zu hören sind.

Schon - noch nicht.
Noch Gleichnisreden des Sohnes - dann Direktkontakt zum Vater.
Das Gebet bringt beides zusammen.
Wenn wir beten, reden wir, als wären wir schon im Himmel.
Wenn wir beten, reden wir aber auch als solche, die noch auf der Erde sind.
Als solche, die Sozialworte formulieren müssen - praktisch und konkret.
Als solche, die Dank sagen für die Entmachtung eines Tyrannen.
Als solche, die gegen einen Angriffskrieg auch dann Protest anmelden, wenn andere Augen zwinkernd meinen, der Zweck könne doch die Mittel heiligen.

Indem wir beten, wissen wir, dass beides gilt:
das Jesus-Wort: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ - und das Jesus-Wort: „Ihr sollt meine Zeugen sein. Alles, was zu tun ist, will ich mit euch und durch euch tun“.
Wer das eine vergisst, versäumt den Himmel.
Wer das andere vergisst, vernachlässigt die Erde.
Aus gutem Grund ist hier an Dorothee Sölle zu erinnern.
Sie hat einmal auf die Szene in Mutter Courage von Bert Brecht verwiesen.
Als die Nachbarstadt überfallen werden soll, falten die Bauern die Hände und beten. Die stumme Kattrin trommelt - und die Nachbarstadt ist gewarnt. Und Kattrin wird erschossen.“
Frau Sölle damals: „Fragt man Christen, was sie für die Juden während der Verfolgung getan haben, so heißt die verlogenste Antwort: Wir haben gebetet“.
Wer betet „Dein Wille geschehe“, darf deshalb nicht aufhören, nach dem Willen Gottes zu fragen, was denn zu tun sei.
Und wer Brot für die Welt sammelt und austeilt, muss deshalb nicht aufhören zu beten:
„Unser täglich Brot gib uns heute.“

IV
Stellen wir uns vor, Jesus hätte auf der EKD-Synode das Schlusswort gesprochen.
Vielleicht hätte er gesagt:
„Brüder und Schwestern, wenn ihr nach Hause kommt, liegt auf eurem Schreibtisch, was zu tun ist. Und der Telefonanrufbeantworter sagt euch, wo ihr gebraucht werdet. Und Sitzungen zeigen euch, wie schön, wie schön schwer Geschwisterlichkeit in  meiner Kirche sein kann.
Ich wünsche euch immer wieder die Stille des Gebets.
Und das verspreche ich euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.
Aber bitten müsst ihr schon.
Und wenn ihr bittet - ja, schon in der Anbetung! - , wird eure Freude vollkommen sein.“



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