Predigt im Eröffnungsgottesdienst in der Peterskirche zu Leipzig (Matthäus 16, 26 a)

Volker Kreß, Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens (1. Tagung der 10. Synode der EKD Leipzig)

23. Mai 2003

Im Matthäusevangelium Kapitel 16, Vers 26 a sagt Christus:
„ Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“


Liebe Schwestern und Brüder,

„der Seele Raum geben – Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung“, -
neben allem, was eine konstituierende Tagung einer Synode an unvermeidlichen Regularia mit sich bringt, wird uns dieses schöne Thema in diesen Leipziger Tagen beschäftigen.
Der Gottesdienst am Beginn dieser Tage hier in der weiträumigen Peterskirche ist dabei ein guter Ort, vor aller auf uns zukommenden Arbeit unserer eigenen Seele Raum zu geben.

Seele, -
das ist ja ein beinahe altmodisches Wort.
Aber es umschreibt etwas für unser Leben unendlich Wichtiges.
Seele, -
das ist – so möchte ich sagen – eine vielschichtige, aber in jedem Falle lebendige Wirklichkeit in uns.
Sie hat zu tun mit dem „Atem des Lebens“, den nach uralter biblischer Überlieferung Gott dem Menschen in die Nase geblasen hat und der uns erst zu lebendigen Wesen macht.
Vom Spüren dieses Atems sagt Jesus in Luthers mit so wunderbar starken, umgangssprachlich längst erloschenen Beugungen geprägter Sprache:
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Diesem sprachlich so gewaltigen Satz eignet eine erstaunliche Unmittelbarkeit.
Eigentlich weiß man sofort, was gemeint ist:
Dieses „In-Gott-Atmen“ zu verlieren wiegt nicht auf, die Welt zu gewinnen.
Und doch ist es gar nicht so leicht, diese Einsicht für uns konkret zu machen.
Denn, -
nicht Schaden zu nehmen an seiner Seele statt die Welt gewinnen zu wollen?
Die Welt gewinnen wollen, -
das ist doch ehrlicherweise ein urmenschliches Verlangen!
Die Politik ist davon getrieben.
Die Wirtschaft verfolgt dieses Ziel.
Die Wissenschaft jagt dem nach.
Und jeder und jede von uns sind doch auch selber ehrlicherweise darum bemüht, das Leben in den Griff zu bekommen.

Die „Negativfolie“ all solchen Bemühens ist schnell beschrieben.
Von der Welt des Machens, in der wir leben, ließe sich viel sagen.
Aber lassen wir Politik, Wirtschaft und Wissenschaft heute morgen einmal beiseite.
Das allgemein Menschliche macht es schon deutlich genug:
Leben soll gelingen,
soll gut und glatt gehen,
soll Spaß machen,
soll ohne dumme Zwischenfälle möglichst lange dauern.
Prüfen wir nur einmal das, was wir uns bei Geburtstagen und ähnlichen Anlässen gegenseitig wünschen!
Es ist ehrlicherweise nicht weit entfernt von dem eben Beschriebenen.
Wir wollen sehr wohl die Welt gewinnen und also das Leben in den Griff bekommen.
Da haben wir teil am Geist unserer Zeit:
Wachstumsraten und Konsumsteigerung sind, auch wenn es um beide gegenwärtig nicht gut bestellt ist, betonte Ziele unserer Gesellschaft.
Ein Gesundheits- und Fitnesswahn erfreut sich weiter Verbreitung.
Die Werbung verspricht Lebenssteigerung um und für jeden Preis.
Kurzum:
Es gilt, das Leben in den Griff zu bekommen.
Der Versprechungen, dass dies auch gelingt, sind viele.

Im Blick auf dieses so beschreibbare moderne Zeitklima, das die Luft ausmacht, die wir atmen, hörte ich vor wenigen Wochen zufällig im Radio eine bemerkenswerte Feststellung des zurzeit in den USA lebenden, aber in Kürze nach Deutschland zurückkehrenden namhaften Dirigenten Christoph von Dohnany.
Da hat er gesagt:
„Wir leben in einer Zeit, in der wir glauben, dass es uns gut gehen muss und dass der Staat dafür verantwortlich ist. Ich glaube nicht, dass der liebe Gott sich das so gedacht hat.“

Was aber hat sich der liebe Gott gedacht, als er uns seinen Atem einblies?
Und worauf zielt Christus ab, der so eindrücklich sagt:
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Wenn ich auf diese große Frage mit nur einem einzigen Satz antworten sollte, dann möchte ich sagen:
Wehe, das In-den-Griff-bekommen-wollen des Lebens nimmt uns so in Beschlag, dass wir nicht mehr schwach und hilfebedürftig sein können.

Von der Leipziger Theologin Gunda Schneider-Flume gibt es ein kleines Büchlein mit dem schönen Titel „Leben ist kostbar“.
Als Untertitel hat sie provokativ darunter geschrieben:
„Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens“.
Mit diesem Untertitel meint sie:
Es gibt doch Leben, das nicht gelingt.
Aber gerade Zeiten, wo das Leben nicht gelingt, sind voller tiefer Erfahrungen Gottes.
Mindestens Narben davon tragen wir alle an uns.
Und vermutlich können wir alle im Blick auf diese Narben sagen:
Wirklich reich in unserem Leben sind gerade die Zeiten, wo wir das Leben nicht im Griff hatten oder haben.
Da waren oder sind wir Gott näher als in Zeiten, wo alles glatt hinging oder hingeht.
Die Seele wird reich in Zeiten, wo wir gefordert sind.

Das ist eine tiefe Erfahrung, die zu Christus führt, der jenen schönen Satz vom Nichtverlieren der Seele gesagt hat.
Gerade die schweren Dinge gewinnen und haben bei Christus ihren tiefen Sinn.
In den Kräften, die geprüftem Leben zuwachsen, erweist sich die Tiefe, die Schönheit und auch die Macht des Christusglaubens.

Irgendwo las ich einmal:
„Es ist noch nicht am Tage, wem wir einmal mehr zu danken haben werden, der Freude oder dem Leid.“
So ist es.
Die Seele wird reich in Zeiten, wo sie gefordert wird.
Das sind Zeiten, in denen Raum ist für den Atem Gottes.
In diesem Raum ist die Seele frei von der Tyrannei des gelingenden Lebens.

Einfacher, aber auch ein Stück plakativer, könnte ich es auch so sagen:
Wir leben gegenwärtig in einer Welt des Machens.
Jesu schönes Wort vom Nichtverlieren der Seele erinnert daran, dass aber nicht alles machbar ist.
Es ist nicht alles in den Griff zu bekommen.
Wir können uns unseres Lebens nicht selbst versichern.
Mit allem, was unser Leben reich macht, verdanken wir uns anderen und anderem:
Menschen, Umständen, Fügungen, Bewahrungen, Zeiten der Freude und Zeiten der Belastung.
In dem allen und hinter dem allen spüren wir den Atem Gottes.
Wehe, wenn dieses Gespür verlieren.

Von Gerhard Hauptmann stammt der schöne Satz:
„Es muss in der Seele etwas geben, ähnlich den Jahresringen der Bäume.“
Das ist ein wunderbares Bild für das, was Jesus mit seinem schönen Satz vom Nichtverlieren der Seele gemeint hat.
„Es muss in der Seele etwas geben, ähnlich den Jahresringen der Bäume.“
Da gibt es dicke und dünne Jahresringe.
Sie zeugen von fruchtbaren und von dürren Jahren.
Aber dazwischen vollzieht sich das Geheimnis des uns geschenkten Lebens.
Und die dünnen Jahresringe sind möglicherweise sogar die aus dem besseren Holz.
Wohl uns, wenn wir in diesem Sinne der Seele Raum geben.
Wohl uns, wenn die Jahre synodaler Arbeit, die wir nun vor uns haben, mit allem, was sie uns an Erfahrungen, Herausforderungen und Begegnungen bringen, daran Anteil haben.
Amen.


Volker Kreß

Predigtlied: EG 302, 1 und 2



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