Abschlussgottesdienst der 10. Synode der EKD in der Konstantin-Basilika zu Trier (Micha 6, 8)

Manfred Kock (2. Tagung der 10. Synode der EKD, Trier)

06. November 2003

Liebe Gemeinde,
hier in der Basilika zu Trier,
liebe neu gewählte Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland,

das Wort Gottes für diese Predigt ist der Wochenspruch aus dem Buch des Propheten Micha:

"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist
und was der HERR von dir fordert, nämlich
Gottes Wort halten
und Liebe üben
und demütig sein vor deinem Gott."
(Micha, 6,8)

Offen gestanden, ich habe zunächst gezögert, ob ich diesen Spruch des Propheten Micha, der nach unserer geistlichen Tradition als Überschrift über dieser Woche steht, als Grundlage für die Predigt nehmen sollte. Das Wort klingt so fordernd. Menschen, die in den Rat der EKD gewählt wurden, brauchen eher Ermutigung und Entlastung durch Gottes Botschaft. Aber hier heißt es: "... was der HERR von dir fordert...". Jedenfalls möchte ich nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die große Verantwortung verweisen, die mir und den anderen jetzt abgenommen ist und die Ihnen von dieser Synode übertragen wurde. Alle, die an diesem Gottesdienst teilnehmen, möchten doch die biblische Botschaft lieber nicht in der Gestalt von Forderungen erfahren, denn im Allgemeinen erleichtern sie das Leben und das Arbeiten nicht.

Bei näherem Hinhören ist freilich zu entdecken, dass dieses Prophetenwort gar nicht als ein bedrängendes Gesetz verstanden werden will. Recht verstanden verschafft es freie Luft zum Atmen, vermittelt es Gelassenheit und Freude trotz seiner äußeren Gestalt als einer Forderung.

Die drei Forderungen des Micha lauten:

  • "Gottes Wort halten."
  • "Liebe üben."
  • "Demütig sein vor deinem Gott."

Diese Anweisungen wären eine große zusätzliche Last, wenn Sie, liebe Ratsmitglieder, zu den konkreten menschlichen Erwartungen, denen Sie ausgesetzt sind und zu den Herausforderungen, denen Sie sich selber aussetzen, noch drei göttliche Forderungen drauf gesattelt bekämen. Aber was da in der Gestalt von Forderungen gesagt wird, hat nicht den Charakter von Unerbittlichkeit, ist vielmehr befreiende Orientierung. Diese Worte wollen uns Menschen aus den Qualen unserer Selbstanklagen und Selbstrechfertigungen und Ersatzhandlungen herausholen. Sie sind keine zusätzliche Last, sondern heilsame Weisung. Sie sind schon deshalb heilsam, weil wir sie nicht ständig neu erfinden müssen. "Es ist dir gesagt, Mensch!"

Das Hauptthema bei dieser Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland galt der Wiederentdeckung der Bibel im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft: „Es ist dir gesagt…“, es ist eine bekannte Botschaft; an sie wollen wir uns immer wieder erinnern.

Wir verdanken sie dem Volk Israel und seiner Glaubens-Überlieferung. Wenn wir diese Herkunft beachten, missverstehen wir die Forderung nicht mehr als ein abstraktes Gesetz. Es ist vielmehr eine Lebensordnung, die im Vertrauen auf Gottes gute Absicht mit seinem Volk gegründet ist. Aus der Sklaverei in Ägypten und Babylon in die Freiheit gerufen, so deutet Israel seine Geschichte, und weiß, dass alle Gebote und Gesetze Lebensregeln sind für Befreite. Denn sie wurzeln in dieser Befreiung.

Das kann man auch an dem Zusammenhang erkennen, in den der Prophet Micha den Leitspruch stellt. Er beschreibt politische Bedrohung und nennt die Ursachen der Gefahr. "Sie hassen das Gute und lieben das Böse", heißt es da, und dass den Menschen von den Mächtigen regelrecht das "Fell über die Ohren" gezogen und die "Knochen gebrochen" werden. Auf der anderen Seite ist die Botschaft des Propheten von leidenschaftlichem Mitleid erfüllt. Mitleid gilt vor allem den Frauen und Kindern, die aus den Häusern getrieben werden, weil Mächtige sie übervorteilen.

Die Menschen aber, die der Prophet vor Augen hat, versuchen das Chaos mit religiösen Leistungen zu heilen, mit Geld, mit Opfern, mit klingenden Worten, mit besänftigenden Wohltaten, die nur kurzfristig befriedigen, die aber in der Wurzel nicht helfen. Die Wurzel der sozialen Übel ist der Gedächtnisverlust.

Der Prophet erinnert daran, „ Es ist dir gesagt, was gut ist und was der HERR von dir fordert".
"Was gut ist", das ist nicht, was du leistest, sind nicht deine Wohltaten, sind nicht deine Alibi-Almosen, sind nicht deine frommen Sonntagsgesinnungen.

"Was gut ist und was der HERR von dir fordert", das heißt zum ersten: "Gottes Wort halten" oder im Verständnis des Alten Testamentes und nach anderen Übersetzungen: "Recht tun."

„Recht tun“, das klingt etwas fremd. Unrecht tun ist bei uns sprachlich geläufig. Die biblische Tradition ist aber in diesen Begriffen eindeutig. „Recht tun“ heißt: Gottes Wort halten und gerecht handeln. Gerechtigkeit steht gegen die Verwüstung aller Rechtsbeziehungen. So haben die Propheten Israels das formuliert. „Recht tun“ ist nicht der bloße Vollzug einer bestehenden Ordnung. „Recht tun“ zielt immer auf Besserung, auf Heilung einer zerbrochenen Gemeinschaft. „Recht tun“ ist immer: Den Rechtlosen zu ihrem Recht verhelfen.

Die Verbindlichkeit des Rechts bewährt sich in der Verbundenheit mit den Schwachen, – das ist die Botschaft der Bibel.

Seit den Zeiten des Propheten ist Gerechtigkeit nicht zu messen am Bruttosozialprodukt, nicht am Luxus, den eine Gesellschaft sich leisten kann, auch nicht an Rentenformeln oder am Durchschnittseinkommen. Sie misst sich vielmehr daran, was den Witwen und Waisen zukommt, den Fremden, den Alleinerziehenden, den Arbeitslosen, den Wohnungslosen. Gerechtigkeit zielt auf das Gemeinwohl. Individualität ist Ausdruck der Freiheit nur im Bunde mit Verantwortung.

Die andere Forderung lautet: "Liebe üben." Güte und Treue lieben, so heißt das wörtlich. Diese zweite Forderung ist keine, die neben der ersten zusätzlich erhoben wird. Jede Gemeinschaft, auch die Rechtgemeinschaft, lebt von Güte und Treue, von Rücksicht im Nahbereich und von Solidarität im gesellschaftlichen Leben. Es ist zu wenig, wenn die Rechtsordnung nur die bösen Furien bannt, die Egoismen, die Ungeheuerlichkeit in uns Menschen. Ihr eigentliches Ziel ist es, Menschenwürde zu wahren, und die ist unabhängig von dem, was einer leistet und bringt und bezahlen kann. Recht und Güte müssen einander durchdringen. Damit denen, die alle Rechtsansprüche verwirkt oder verloren haben das Recht wieder zuwächst; damit denen, deren Schwäche so groß ist, dass sie ihre Rechtsansprüche nicht geltend machen können, das Recht zuteil wird.

So verbindet sich mit den beiden Forderungen "Recht tun" und "Güte lieben" die dritte: "Demütig sein vor deinem Gott". Die wörtliche Übersetzung lautet: "Aufmerksam sein für den Weg, den Gott geht".

Das ist eine überraschende Redewendung. So hilft sie zum besseren Verstehen. Nicht ein Überwesen hat sich dem Menschen versprochen, sondern Gott, der uns nahe kommt und der mitgeht. Darum lasst uns unseren Lebensweg aufmerksam gehen, die Zeichen am Weg beachten, die Gottes-Geschichte, in deren Wirken wir leben. Das ist oft schwer, weil in der Fülle der Zeichen und Markierungen nicht ohne weiteres auszumachen ist, ob es Gottes Winke sind. Aber die Heilige Schrift bietet aus dem Reichtum ihrer Überlieferung immer wieder Wegmarken für unser Leben. Oft bringen wir nur zeichenhaft und andeutungsweise etwas zustande. Die Übermacht des Leidens ist häufig zu groß. Aber aufmerksam sein für den Weg, den Gott geht - das ist unerlässlich und am Ende befreiend.

Der konkrete Dienst in unserer evangelischen Kirche - und gerade im Rat und der Synode der EKD orientiert sich an der Botschaft des Mannes von Nazareth. Der Prophet weist hin auf ein Ziel, das wir erfüllt sehen durch den, der den Weg der Menschen ging. Draußen vor dem Tor wurde er ans Kreuz geschlagen. Er ist Gottes Bewegung zu uns Menschen hin. So realisiert er Gerechtigkeit und Güte in einem und lässt uns den Weg aufmerksam mitgehen, den Weg der Gerechtigkeit und Güte.

Das hilft zum Durchhalten in persönlichen Krisen, aber auch in den Krisen unserer Gesellschaft und dort vor allem in den Bereichen, in denen Menschen durch die Maschen der sozialen Hilfssysteme fallen.

Lieber Wolfgang Huber, Dir besonders, und allen, die nun in den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt wurden, haben wir unter Handauflegen Gottes Segen zugesprochen.

Ihr werdet gute Erfahrungen machen miteinander und mit vielen in den Landeskirchen und auch mit vielen aus anderen Kirchen, mit denen wir in Christus verbunden sind.

Ihr werdet aufmerksame Anfragen erhalten von vielen, die in unserem Staat Verantwortung tragen.

Immer wieder gibt es dann die Gelegenheit jene Zusage zu bedenken: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert …" - das Entscheidende müsst Ihr nicht erfinden.

Amen.



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