Eröffnungsgottesdienst der 10. Synode der EKD in der Konstantin-Basilika zu Trier

Präses Nikolaus Schneider (2. Tagung der 10. Synode der EKD Trier)

02. November 2003

Es gilt das gesprochene Wort.

Predigttext: Amos 8, 11 ff.

Liebe Gemeinde!

War Kaiser Konstantin ein von Gottes Geist bewegter Mensch oder nur ein tüchtiger Realpolitiker?
Wurde Konstantin als einziger unter den Herrschern durch die Geheimnisse Christi wieder geboren und vollendet?
Die Predigt über ein Gerichtswort des Propheten Amos will und kann diese in der Liturgie aufgeworfenen Fragen nach einer theologischen Rechtfertigung oder Verurteilung Konstantins nicht beantworten.
Allein Jesus Christus wird sein Urteil über Konstantin sprechen - wenn er "wiederkommen (wird) in Herrlichkeit zu richten die Lebenden und die Toten".
Die Predigt ist vielmehr der prophetischen Form theologischen Denkens verpflichtet.
"Theologie - also unsere menschliche Rede von Gott - braucht Mut. Den Mut zur Sachlichkeit und den Mut, Zeuge des Wortes von der Offenbarung, vom Gericht und von der Liebe Gottes zu werden" - so der große Theologe Karl Barth.

Amos, der Prophet Gottes, zeigte solchen Mut: Mut zur Sachlichkeit, Mut zum Offenbarungswort, Mut zum Gerichtswort und - was für ihn vielleicht das Schwerste war - den Mut, in seiner geschichtlichen Situation auf das Wort von der Liebe Gottes zu verzichten.

Ganz sachlich identifiziert Amos Fehlverhalten und Schuld des Gottesvolkes: Arme werden unterdrückt, Gerechte durch Macht und Korruption bedrängt und Elende zugrunde gerichtet (5, 12). Die reiche Oberschicht schwelgt im Luxus (4,1). Die Einkommensunterschiede zwischen Arm und Reich werden immer größer und die Regelungen des solidarischen Zusammenlebens im Interesse des ganzen Volkes werden aufgelöst - mit obszönen Folgen: Für ein paar Schuhe werden Arme verkauft (2, 6).

Die Gottesdienste erstarren zu äußerlichen Zeremonien. Sie streben nach ästhetischer Vollkommenheit. Sie dienen den kulturellen Bedürfnissen (5, 21 ff.).

Erbarmungsloser Umgang mit den Menschen und religiöses Leben auf hohem Niveau - wo das möglich ist, fehlt eines ganz gewiss: der persönliche Glaube an den lebendigen Gott; das Hören auf das Wort des lebendigen Gottes; die Erfurcht und Liebe Gott gegenüber, der das Leben geschaffen hat, dem allein die Welt gehört und der uns Regeln für ein gerechtes Zusammenleben in Frieden gegeben hat.

In völliger Fehleinschätzung seines Verhaltens und seiner Lage wähnt sich Israel getragen und sicher in seiner Erwählung und im Bund, den Gott mit ihm geschlossen hatte.

In diese sachlich und schonungslos analysierte Situation hinein spricht Amos als mutiger Zeuge das Wort von der Offenbarung und vom Gericht Gottes: 'Ich bin euren Gottesdiensten gram und verachte sie' - 'der kommende Tag wird der Tag des Gerichtes sein' - 'Wie das reife Obst im Korb auf den Verzehr wartet, so ist das Volk Israel reif, um von Gottes Zorn und Gericht verzehrt zu werden.'

Eingebunden in dieses von Amos offenbarte Gerichtshandeln Gottes steht der Predigttext - ein Gerichtswort von dem vergeblichen Hunger nach Gottes Wort: "Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der Herr, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder einen Durst nach Wasser, sondern den Hunger nach dem Wort des Herrn, es zu hören;
Und die Menschen werden hin und her von einem Meer zum anderen und von Norden nach Osten laufen und des Herrn Wort suchen und sie werden es nicht finden.” (Amos 8, 11 + 12)

Also nicht die Verheißung einer neuen Erweckungsbewegung ist die Botschaft, liebe Gemeinde, sondern das Gerichtswort von einem "zu spät" und "umsonst" für das Suchen und Finden des Wortes Gottes.

Für die meisten der zwölf Stämme Israels bewahrheitete sich die Gerichtsoffenbarung des Amos als harte geschichtliche Realität. Im 8. vorchristlichen Jahrhundert wurde das Nordreich Israels von den Assyrern zerschlagen, dessen Stämme gingen in der Geschichte unter. So geschehen vor fast dreitausend Jahren. Ist die Situation und das Gerichtswort des Amos übertragbar und damit sagbar in unsere Verhältnisse hinein?

Die Gerichtsworte und Gerichtsvisionen des Amos enthalten durchaus nachvollziehbare und uns alle zur selbstkritischen Betrachtung aufrufende Begründungen für Gottes gerechten Zorn auch über unsere christlichen Kirchen. Unser westlicher Lebensstil, unsere Teilhabe an und unsere Schuldverstrickung in weltweiter sozialer Ungerechtigkeit, sich mit dem Ästhetischen begnügende Gottesdienste, Glaube als äußerliche, kulturelle Sprach- und Gestaltungsform, um sich in den jeweils gegebenen Verhältnissen bequem einzurichten - das alles ließe sich fast distanzlos mit den Worten des Amos kritisieren.

Zu Gottes Erwählung und seinem Bund mit dem Volk gehört die Verpflichtung, den Alltag nach Gottes Gebot und seinen Weisungen zu leben.
Gottes uns in Jesu Leben, Kreuz und Auferstehung geschenkte Erlösung und Versöhnung entbindet uns Christinnen und Christen nicht davon, täglich neu dem Lebensvorbild unseres Herrn und Bruders Jesus Christus nachzufolgen, um die Wege der Gerechtigkeit und des Friedens zu beschreiten.
Erwählung durch Gott wie Versöhnung mit Gott durch Jesus Christus immunisieren egozentrisches, macht- und habgieriges Lebens nicht gegen Gottes Zorn und Gottes Gericht.

Wir brauchen den Mut und die Nüchternheit, unseren Predigttext als dem Amos von Gott geoffenbarte Gerichtsworte zu hören und ernst zu nehmen. Wir dürfen ihn nicht vorschnell mit der Zusage göttlicher Vergebung und Liebe ummänteln.
Wir brauchen den Mut zu bekennen, dass es wie für Israel auch für unsere Kirchen Situationen gab, die im Persönlichen wie im Politischen von Gottes Ferne und Gottes Gericht geprägt waren, so dass das Wort von Gottes Gnade und Liebe nicht gesagt werden konnte.

Dabei kann ich heute aber nicht stehen bleiben. Gott hat mir keine neuen Gerichtsvisionen offenbart. Ich weiß zudem um die weitere Geschichte Gottes mit dem Rest seines Volkes. Gott hat durch Zorn und Gericht hindurch immer wieder Neuanfänge geschenkt.

Ich glaube, dass Gott in Jesus von Nazareth Mensch wurde, um uns Menschen in unmittelbarer Weise - wie von Mensch zu Mensch - zu sich, auf seine Wege zu rufen. Für uns Menschen und zu unserem Heil, so formuliert es das Nizänum.
Ich glaube, dass Gott uns im Namen Jesu Christi den Weg der Buße, also der Umkehr offen hält, bis ans Ende unserer Tage, bis zum Kommen seines Reiches.
Und erst am Ende unserer Weltgeschichte wird offenbar werden, ob es Gottes guter Geist oder ob es menschliches Machtstreben und Eitelkeit waren, die Kaiser Konstantin inspirierten. Gottes Reich und Gottes Gericht werden uns erkennen lassen, ob die Wende von einer ohmmächtigen religiösen Gruppe zu einer mächtigen Staatskirche für Christinnen und Christen Nachfolge oder Sündenfall bedeutete, wie es also mit unserem "Beten und Tun des Gerechten" steht.

Ich glaube, dass Gottes Wort heute unter uns lebendig ist. Gott spricht uns an, weil sein Geist zum Wort der Heiligen Schrift hinzutritt und uns inspiriert. In seinem Wort und durch sein Wort will uns Gott suchen und finden.

Auch heute ruft Gottes Wort zur Umkehr und zu einem Glauben, der sich im "Beten und Tun des Gerechten" entfaltet. Und deshalb möchte ich der Gerichtsvision des Amos von der vergeblichen Suche nach dem Wort Gottes die Hoffnungsvision Dietrich Bonhoeffers von dem uns verändernden Wort Gottes zur Seite stellen.

Angesichts von Mord und Terror des Naziregimes und im Wissen um Schuld und Versagen seiner Kirche glaubt Dietrich Bonhoeffer: "Der Tag wird kommen, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend wie die Sprache Jesu.
Es wird die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit sein, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt.”

Das Einstimmen in diese Hoffnung birgt eine Verpflichtung für uns Christinnen und Christen in sich. Es verbindet sich mit dem Anspruch an das Bekennen, Reden und Tun unserer Kirchen, den wir nur mit der Bitte um Gottes Gegenwart und sein Geleit annehmen können.

Wir können nur bitten:

Gott schenke uns immer wieder neu den Tag, an dem wir Hunger und Durst nach dem Wort Gottes spüren und stillen können - den eigenen und den unserer nächsten.

Gott schenke uns Schwestern und Brüder, Freunde und Freundinnen, die mit uns gemeinsam immer wieder neu nach dem Wort und dem Willen Gottes fragen.

Gott mache unsere Kirchen zu Orten und Gemeinschaften, in denen der Hunger nach dem Wort Gottes lebendig bleibt - in denen das Fragen und Suchen nach Gottes Wort und Willen Raum und Sprache findet.

Gott schenke uns immer wieder neu die angemessene Sprache für sein Wort, das Menschen verändert und erlöst, das Einzelne und Völker zu Frieden und Gerechtigkeit ruft und befähigt.

Gott erfülle unsere traditionelle Sprache und unsere alten Bekenntnisse mit seinem Geist, dass wir sie als uns tragenden Wurzeln hören und sprechen; dass wir uns durch alte Worte bewegen lassen zu neuen Aufbrüchen.

Gott lasse die Evangelische Kirche in Deutschland zu einer Gemeinschaft wachsen, die den Mut zur Sachlichkeit hat und den Mut, Zeugnis zu geben von Gottes Offenbarung, Gottes Gericht und Gottes geduldiger Liebe.

Amen



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