Beschlüsse

3. Tagung der 10. Synode der EKD Magdeburg, 7. - 12. November 2004

Kundgebung zum Schwerpunktthema "Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen"

Kundgebung
der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland
auf ihrer 3. Tagung

zum

Schwerpunktthema

"Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen"

Alles Leben ist Leben in Beziehung. Das gilt für die Beziehung des Menschen zu Gott und für seine Beziehung zu anderen Menschen.
Wir sind einander geschenkt und aufeinander angewiesen. Das gilt auch für das Miteinander der Generationen.
Im gegenseitigen Geben und Nehmen, in Anerkennung und Vertrauen und im gerechten Ausgleich der Interessen gedeiht das Zusammenleben.


"Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde" (1. Mose 1,27).

Das Leben ist Gabe Gottes. Darauf beruht seine Würde. Jedes Lebensalter des Menschen steht mit seinen Gaben und Aufgaben unter dem Segen und dem Gebot Gottes. Es gewinnt seinen Wert nicht aus seinem Nutzwert für die Gesellschaft oder im Vergleich zu anderen Lebensaltern, sondern von Gott her. Der Mensch ist geschaffen, um mit seinem Dasein Gottes Wesen widerzuspiegeln und seinem Willen zu entsprechen. Das gilt für den jungen wie den alten, für den gesunden wie den kranken, für den beweglichen und den Menschen mit Behinderung, für den geistig regen und den dementen Menschen. Zur Ebenbildlichkeit gehört auch, dass der Mensch niemals "fertig" und perfekt und auch niemals zum hoffnungslosen Fall wird. Christlicher Glaube sagt, dass der Mensch bis zu seinem Tode ein Hoffender ist und über den Tod hinaus auf Gott hoffen darf. "Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden" (1. Joh. 3,2).


"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest und dir´s wohlgehe in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird (5. Mose 5,16).

Der Generationenvertrag ist so alt wie die Menschheit selbst. Von jeher sind die Generationen aneinander gewiesen und füreinander verantwortlich. Alte Menschen haben ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihren Glauben an die Jungen weitergegeben. Junge Menschen haben darauf aufgebaut und sind über die Erfahrungen der Älteren hinausgewachsen. So ist Leben mit seinem Reichtum und auch seinen Lasten weitergegeben worden. Auch die gravierenden demographischen Veränderungen, vor denen wir stehen, dürfen diesen Generationenvertrag nicht aufheben. Wir leben aber nicht nur in Beziehung zu den Generationen, die gleichzeitig mit uns leben und mit denen wir persönlich verbunden sind. Auch denen, die vor uns waren, verdanken wir viel. Für die, die nach uns kommen, tragen wir eine hohe Mitverantwortung.


"Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen die dort spielen" (Sacharja 8,4-5).

Wo das Miteinander der Generationen gelingt, wird der Gesellschaft Zukunft eröffnet. Die Bibel hat Hoffnungsbilder von gelingendem Zusammenleben der Generationen. Diese Bilder können uns heute zu neuen Wegen und Lösungen inspirieren. Die Vision des Propheten Sacharja zeigt die Stadt als friedvollen Lebensraum der Generationen. Die Plätze der Stadt sind Orte der Kommunikation und der Lebensfreude. Alte Menschen in der Öffentlichkeit und Plätze voller Kinder: die Zukunft einer solchen Gesellschaft ist gesichert, denn Achtung vor der Würde des Alters samt seinen Schwächen und das vorbehaltlose Ja zu Kindern gehen Hand in Hand.

"Die Erde ist des Herrn und was darinnen, der Erdkreis und die darauf wohnen" (Psalm 24,1).

Die Erde ist uns anvertraut. Sie soll nach dem Schöpferwillen Gottes allen Generationen zu Gute kommen. Eine Lebensweise der Verschwendung und des kurzsichtigen Profitstrebens stiehlt den kommenden Generationen ihre Lebensgrundlagen und bürdet ihnen immense Lasten auf. Umkehr ist geboten. Die Schonung der natürlichen Ressourcen, nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltige soziale Gerechtigkeit müssen das Denken und Handeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft leiten.


Das Verhältnis der Generationen

Langes Leben war in früheren Zeiten nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Es gilt darum in der Bibel als besonderer Segen. Heute erschöpft sich das Leben nicht mehr in der Phase der Kindheit und Jugend, der beruflichen Existenz und der Familienzeit. Neu in der Geschichte der Menschheit ist eine nicht selten Jahrzehnte umfassende Lebenszeit des jungen, mittleren und hohen Alters. Viele Menschen erleben diese Zeit in großer Vitalität. Andere sind langfristig auf die Hilfe ihrer Familien oder pflegender Einrichtungen angewiesen. Unsere Gesellschaft wird zu einer Gesellschaft des langen Lebens.

Nicht nur langes Leben gilt in der Bibel als Segen. Auch Kinder gelten als Gabe Gottes (Ps. 127,3). Kinderreichtum war Zeichen des göttlichen Segens und Zukunftssicherung. In unserem Land bleibt der Kindersegen seit langem aus. Dieser Mangel an Kindern - er kann auch durch die Zuwanderung ausländischer Familien nicht ausgeglichen werden - hat weitreichende Folgen: Er stellt die sozialen Sicherungssysteme vor unerfüllbare Anforderungen. Er verändert das kulturelle und mitmenschliche Klima in unserem Land. Das Gesellschaftssystem gerät aus den Fugen, wenn nicht ein tiefgreifendes Umdenken und ein Umbau der Arbeitswelt und der sozialen Sicherungssysteme erfolgen. Zuwanderung und Migration sollten in diesem Zusammenhang nicht nur unter demographischen Gesichtspunkten betrachtet werden, sondern als Chance, sowohl unsere Gesellschaft zu verjüngen als auch vom Miteinander der Generationen in anderen Kulturen zu lernen.

Anders als in früheren Zeiten, in denen die "weisen Alten" Maßstäbe setzten, ist heute Jugendlichkeit der Maßstab, an dem alles gemessen wird. Unterschiede des Alters und der Reife zwischen Erwachsenen und jungen Menschen werden negiert. Das Menschenbild der Gesellschaft ist noch immer von einem Jugend- und Fitnesskult bestimmt. Die realen Bedürfnisse und Interessen der Jungen, ihre Ausbildungsbelange und ihre Lebenssituation, werden allerdings sträflich vernachlässigt. So ist die Jugendarbeitslosigkeit ebenso ein Skandal wie die Abhängigkeit der Bildungschancen von der sozialen Herkunft. Gleiche Zugangschancen zu Bildung und Ausbildung sind nach wie vor nicht gewährleistet. Die Solidarität der Generationen muss sich in Beteiligungs- und Befähigungsgerechtigkeit erweisen.

In den neuen Bundesländern ist durch Abwanderung der Jüngeren – darunter insbesondere gut Ausgebildete und überproportional viele Frauen – ein dramatischer Bevölkerungsrückgang zu beobachten. Hauptursache sind fehlende Ausbildungsplätze und mangelnde berufliche Perspektiven.

Der demographische Wandel zwingt uns zum Umdenken und Umsteuern auf vielen Ebenen. Wir müssen Abschied nehmen von überkommenen Denkgewohnheiten und Besitzständen. Das ist eine persönliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Die Vorstellung, dass der Mensch mit einem immer früheren Eintreten in den Ruhestand im Wesentlichen aus der sozialen Verantwortung entlassen sei und nun die Früchte seiner Arbeit in Form von Rente oder Pension genießen könne, ist nicht mehr zeitgemäß und entspricht nicht dem Grundsatz der Generationengerechtigkeit.

Die gängige Praxis, Menschen schon in der Mitte ihres Lebens als zu alt und unbrauchbar aus der Arbeitswelt auszugliedern, diskriminiert die Älteren und überfordert die Jungen. Sie ist Ausfluss einer Wegwerfmentalität. Sie schadet dem sozialen Klima und letztlich auch der Wirtschaft, denn die Ressourcen Kompetenz, reifes Urteil und Erfahrungswissen werden verschwendet.

Die Altersbilder in unseren Köpfen, die das Alter mit Gebrechlichkeit, Bedürftigkeit, Starrheit, Einsamkeit und Defiziten geistiger und körperlicher Art in Verbindung bringen, müssen revidiert werden. Die Wirklichkeit älterer Menschen sieht heute anders und differenzierter aus als die früherer Generationen. Zudem altern Menschen genau so unterschiedlich wie sie leben. Die Ausgrenzung und Entwertung älterer Menschen entspricht weder den gesellschaftlichen Realitäten noch dem Elterngebot. Zugleich müssen ältere Menschen auch selbst Verantwortung für neue, zeitgemäße Rollen und Identitäten übernehmen. Dringlich ist aber auch ein realistisches und differenziertes Bild der Jugend, das ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen gerecht wird.

Eine eigenverantwortliche soziale Vorsorge gewinnt zunehmend an Bedeutung. Wir müssen Abschied nehmen von der Vorstellung, die Sorge für betagte Menschen sei vollständig von den sozialen Einrichtungen oder gar "vom Staat" zu leisten. Wir brauchen eine Kultur der Fürsorglichkeit und der guten Nachbarschaft, des Helfens und Sich-Helfen-Lassens. An ihr müssen die jüngeren Generationen beiderlei Geschlechts, aber in erheblichem Umfang auch die älteren Generationen selbst aktiv beteiligt sein, beispielsweise dadurch, dass die Sorge für Kinder von ihnen übernommen wird. Dies ist auch heute schon vielerorts der Fall.

Auch im Blick auf die berufliche Biografie müssen wir umdenken. Früher erlernte man einen Beruf für das ganze Leben. Heute können viele Menschen ihren Lebensunterhalt nur dadurch verdienen, dass sie mehrere Berufstätigkeiten gleichzeitig ausüben. Menschen verändern sich beruflich mitten im Erwerbsleben. Die einen, weil sie im erlernten Beruf keine Arbeit finden; die andern, weil sie neue Aufgaben suchen. Flexibilität und Mobilität in der Aneignung von Wissen, in Bildung, Fortbildung und Beruf werden in verstärktem Maße die Anforderungen der Gesellschaft von morgen sein. Sie müssen gefördert werden, denn sie helfen, auch im Alter an den gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen und die eigenen Potenziale einzubringen.


Leben mit Kindern

Deutschland ist ein kinderarmes Land. Aber die Menschen sind nicht so kindvergessen oder gar kinderfeindlich, wie oft beklagt wird. Viele junge Paare möchten gern Kinder. Sie möchten und müssen aber auch berufstätig sein. Beides ist nur schwer miteinander zu vereinbaren. Das darf nicht länger als das Privatproblem der betroffenen Familien und der "Alleinerziehenden", der Ein- und Zwei-Eltern-Familien behandelt werden, für dessen Lösung sie allein zuständig sind. Kinder sind Segen und Aufgabe für alle. Sie bringen Gewinn, mehr Farbe und mehr Leben ins Leben. Eine Gesellschaft, der die kommenden Generationen fehlen, eine Gesellschaft ohne Kinder, hat ein demographisches Problem und steht in der Gefahr, hoffnungs- und leblos zu werden. Was den Kindern heute zu Gute kommt, entfaltet nachhaltige Wirkung auch im Blick auf kommende Generationen. Insbesondere ihre Bildungschancen - auch und vor allem im Elementarbereich - entscheiden mit über die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. Die Förderung und Erziehung der Kinder über die Familien hinaus ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die nicht erst mit der Schulpflicht beginnt. Die Lasten, die Kinder mit sich bringen, müssen auf alle verteilt werden. Es ist eine Aufgabe aller Verantwortlichen in Unternehmen, Firmen, Universitäten und Schulen, Behörden und Ämtern, Möglichkeiten der Kinderbetreuung zu schaffen und Teilzeitarbeitsplätze auch für Männer anzubieten, damit junge Paare ihren Kinderwunsch realisieren können. Frauen und Männer müssen durch entsprechende Rahmenbedingungen eine wirkliche Wahlfreiheit im Hinblick auf die Gestaltung der Familien- und Erwerbsarbeit haben. Weder fehlende Rahmenbedingungen noch gesellschaftliche Vorgaben oder starre Rollenbilder dürfen diese Wahlfreiheit begrenzen. In den europäischen Nachbarländern, besonders in Frankreich, gehören berufstätige Mütter längst zur Normalität. Auch in den neuen Bundesländern ist es nach wie vor leichter, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Krippen- und Hortplätze stehen in der Regel in ausreichender Menge zur Verfügung.

Kinder dürfen nicht länger ein Armutsrisiko sein und nicht als "Karrierekiller" angesehen werden. Wer Kinder erzieht, eignet sich organisatorische, soziale und pädagogische Kompetenz an und erfüllt eine gesamtgesellschaftlich bedeutsame Aufgabe. Diese Kompetenzen müssen bei Bewerbungen und Aufstiegschancen angemessen berücksichtigt werden, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, die sich der Familienarbeit gewidmet haben. Die Kinderarmut unserer Gesellschaft erzeugt ein viel größeres Armutsrisiko: Armut an Zukunftschancen, an Phantasie, an Lebensfreude, an Toleranz, an Gemeinsinn! Unsere Gesellschaft braucht neuen Mut zu und neue Freude an Kindern. Sie sollte beidem beherzt die Wege ebnen. Das setzt voraus, dass Eltern in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt und nachdrücklich zur Wahrnehmung ihrer Erziehungsverantwortung ermutigt werden.

Eine neue Einstellung zur Familie muss Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Die Lebensarbeitszeit zwischen Alten und Jungen und Männern und Frauen muss intelligenter und flexibler verteilt werden. Der Eintritt in den Ruhestand sollte stärker als bisher neue Möglichkeiten und nicht zuletzt ehrenamtliche Aufgaben eröffnen. Vielerorts sind ältere Menschen bereits in vorbildlicher Weise ehrenamtlich tätig. Die Generation der potenziellen Mütter und Väter wiederum braucht Entlastung durch flexiblere Arbeitszeiten nicht erst im Vorruhestandsalter, sondern dann, wenn berufliche Karriere, Familiengründung und Erziehung von Kindern miteinander vereinbart werden müssen.

Viele Paare haben keine Kinder. Unfreiwillige Kinderlosigkeit ist für viele ein bleibender Schmerz in ihrem Leben. Es darf nicht sein, dass sie auch noch unter moralischen Vorwürfen zu leiden haben. Auch ein Leben ohne eigene Kinder ist ein Leben unter dem Segen und der Zuwendung Gottes, wie wir aus vielen Beispielen der Bibel und nicht zuletzt von Jesus selbst wissen. Gleichwohl muss von denen, die keine Kinder haben, ein angemessener Beitrag zur Zukunftssicherung erwartet werden, damit die jetzt ungleich verteilten Lasten in Zukunft gerechter verteilt sind.


Herausforderungen und Chancen für die Kirche

Auch die Kirche ist vom demographischen Umbruch in vielerlei Hinsicht betroffen. In einer kleiner werdenden pluralistischen Gesellschaft wird auch die Kirche kleiner werden. Eine Gesellschaft des langen Lebens wird auch das Gesicht der Kirche und der einzelnen Gemeinde verändern: Ältere Menschen werden noch stärker, junge Menschen noch weniger präsent sein. Die Kirche kann den gesellschaftlichen Umbruch nicht nur beratend und kommentierend begleiten. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten muss sie selbst mit nachahmenswerten Beispielen vorangehen; sonst ist sie nicht glaubwürdig. Hier liegt aber auch eine große Chance der Kirche: Sie ist ja von jeher eine generationenübergreifende Institution. Sie hat Erfahrungen in der Arbeit mit jungen und mit alten Menschen. Sie hat kreative Potenziale und kann in dieser Lage positive Maßstäbe setzen.

Die herkömmliche Gemeindearbeit vollzieht sich bisher oft in voneinander unabhängigen Lebensalter-Säulen: Kinder- und Jugendarbeit; Erwachsenenarbeit; Mütter-Kinder-Arbeit; Seniorenarbeit. Ein Dialog der Generationen und über die Generationen findet nur in Ansätzen statt. Diese "Versäulung", diese Monokultur nach Lebensaltern sollte durch durchlässigere Formen nicht ersetzt, wohl aber ergänzt werden. Neben den festen Gruppen und Kreisen, die oft über Jahrzehnte bestehen und sich ungewollt nach außen abschließen, sollte die Projektarbeit entwickelt werden. Projekte kommen der wachsenden Bindungsscheu der Menschen entgegen, weil sie nicht auf unbestimmte Zeit binden. Sie erlauben mehr Freiheit und ein Engagement auf neuen Feldern der Gemeindearbeit.

Gemeindehäuser sollen sich zu "Häusern der Nachbarschaft und der Generationen" entwickeln. Hier kann das tägliche Leben gemeinsam organisiert und eine Kultur der Fürsorglichkeit eingeübt werden. Beispielsweise kann gemeinsam gekocht und ein Mittagstisch angeboten werden. Auch Tauschbörsen für Dienstleistungen können entstehen: Kinderbetreuung, Gänge mit Kindern zum Arzt im Tausch gegen Einkäufe etc.

Die herkömmliche kirchliche Altenarbeit ist im Wesentlichen eine Betreuungsarbeit gewesen. Sie muss sich stärker zur Altersarbeit hin entwickeln, um den Ansprüchen und der Mobilität der "jungen Alten" gerecht zu werden. Dafür benötigt man personelle und materielle Ressourcen. Die vier Säulen altersgerechter Arbeit können zwanglos in die Gemeindearbeit integriert werden: biografische Kompetenz und Suche nach neuem Lebenssinn; praktische Bewältigung des Alltags; Entdeckung kreativer Kompetenzen; soziales Engagement.

Hier kann die Kirche Anregungen und Foren für die Selbstorganisation der "Fünfzig plus"- Generation bieten und vor allem selber attraktive Aufgaben bereitstellen. Das können kulturelle, pädagogische, diakonische und Bildungsaufgaben sein; z.B. Kirchenführungen und Exkursionen, Betreiben von Kirchen-Cafés, Organisation von Ausstellungen und von Essenstafeln für bedürftige Familien. Für nachtaktive junge und unter Schlaflosigkeit leidende ältere Menschen können - nach dem Vorbild der "Gute-Nacht-Kirchen" bei Kirchentagen - Kirchen während der Nachtstunden geöffnet sein.

Pflegerische Leistungen werden in Zukunft weit weniger als bisher von professionellen Kräften geleistet werden, weil nicht genügend Pflegepersonal vorhanden und bezahlbar ist. Die Gemeinde kann der Ort sein, wo nachbarschaftliche Hilfe organisiert wird.

Die Kirche soll konsequenter als bisher neue gemeinschaftliche Wohn- und Lebensformen fördern und selbst entwickeln. Zu denken ist an Mehrgenerationenhäuser und intergenerative kommunitäre Lebensformen.

Die Gemeindearbeit muss sich mehr an Themen und an Aufgaben als an Altersgruppen orientieren. Viele Bereiche der Gemeindearbeit sind nicht altersspezifisch. Umweltgruppen, Eine-Welt-Gruppen und Asylunterstützerkreise, konziliare Gruppen, aber auch Vorbereitungskreise für Gottesdienste und Kirchenmusik arbeiten schon jetzt mit Erfolg generationenübergreifend. Hier sollte nach weiteren Bereichen gesucht werden, in denen die Generationen zusammenwirken können. Eltern-Kind-Gruppen können durch Großeltern-Enkel-Gruppen ergänzt werden.

Die Öffnungszeiten von Kindertagesstätten müssen flexibel und bedarfsgerecht gestaltet werden, damit Frauen und Männer Beruf und Familie miteinander vereinbaren können. Evangelische Kindertagesstätten sollen nicht ohne Not geschlossen werden. Eine Öffnung für Kinder unter drei Jahren ist dringend erforderlich. Auf diesem Gebiet sind die neuen Bundesländer bis heute deutlich besser ausgestattet als die alten. Das Ganztagsangebot muss erweitert und erschwinglich gehalten werden. In Gegenden, in denen viel Schichtarbeit geleistet wird, sollten auch Betreuungsmöglichkeiten in den Abendstunden angeboten werden.


Dem Traditionsabbruch durch Traditionsaufbau begegnen

Die Zukunftsfähigkeit der Kirche hängt auch davon ab, ob es ihr gelingen wird, christliche Tradition und Kultur neu in der Gesellschaft zu verankern. Dazu können sowohl Eltern als auch ältere Menschen einen wichtigen Beitrag leisten, etwa

  • durch Beteiligungsmodelle im Konfirmandenunterricht, bei denen Eltern am Unterricht aktiv mitwirken und so indirekt auch eigene religiöse Bildung auffrischen oder nachholen;

  • durch religiöse und kulturelle Bildungsarbeit mit Menschen der zweiten Lebenshälfte;

  • durch Mitwirkung in schulischen Gremien, um das Anliegen des Religionsunterrichts in der Schule zu stärken;

  • durch Angebote von Erzählcafés etc, in denen bewusst Tradition lebendig erhalten wird, und diese als Veranstaltungen, an denen junge Menschen aktiv mitgestalten können;

  • durch Thematisierung von Problemfeldern, die öffentlich kaum aufgenommen werden: Schuld und Vergebung als Thema der Generationen; Autonomie und Abhängigkeit als Lebensthemen im Alter; Kultur des Abschiednehmens; Übergang und Neubeginn; Eltern und erwachsene Kinder; Hoffnung und Suche nach Lebenssinn im Alter; Selbstmordgefährdung; die Angst, zur Last zu fallen; Altersgrenzen - Lebensgrenzen etc.;

  • durch verstärkte religiöse Bildungsarbeit mit Eltern und Großeltern im Kindergarten.

In der Bibel spielen ältere und alte Menschen bei der Weitergabe der Glaubenstraditionen eine herausragende Rolle; ja, diese Weitergabe ist ihre genuine Aufgabe. Auch in unserer christlichen Kultur sind es häufig die Großmütter gewesen, die ihren Enkeln noch einige Grundbegriffe des Christentums erklärt und sie an die christlichen Feste herangeführt haben. Hier liegen auch heute bedeutende Aufgaben für ältere Menschen im Blick auf die Generation der Enkel. Die Weitergabe von Glaubensinhalten kann sich aber auch umgekehrt vollziehen: Kinder, die zum Beispiel den Kindergottesdienst besuchen oder im Religionsunterricht sprachfähig im Glauben werden, motivieren durch ihr Interesse an Glaubensfragen ihre Eltern und Großeltern, sich mit dem Glauben zu befassen.


Kreativ mit den demographischen Veränderungen umgehen

Die demographischen Entwicklungen haben Auswirkungen auf die kirchlichen Arbeitsfelder: Die Amtshandlungen zum Beispiel, die heute noch als sicheres Terrain erscheinen, werden zwangsläufig einen Einbruch erleben, wenn weiter immer weniger Kinder geboren werden. Während die Zahl der Taufen heute noch relativ stabil ist, zeigen sich bei den Konfirmandenzahlen in städtischen Regionen bereits deutliche Abbrüche. Der Rückgang der Trauungen und der kirchlichen Beerdigungen ist geradezu dramatisch.

Neu ist ein großes Bedürfnis nach neuen Segenshandlungen an besonderen Wendepunkten des Lebens. Der Schulbeginn hat sich zu einer neuen Kasualie entwickelt, an der Eltern und Großeltern teilnehmen. Der Eintritt in den Ruhestand könnte in einem angemessenen Ritual begangen werden. Hier ist kasuelle kirchliche Phantasie vonnöten.

Die Kirche wird noch stärker als bisher eine Kirche der zweiten Lebenshälfte, des dritten und vierten Lebensalters, sein. Damit soll sie ganz bewusst werben und Aufgaben bereitstellen für Menschen, die sich sozial und religiös engagieren möchten. Auf diese Weise kann sie dazu beitragen, negative Altersbilder abzubauen und der Entwertung im Alter neue Aufgaben und Verantwortlichkeiten entgegenzusetzen. Der Abschied eines Menschen von der Kirche in der Jugend sollte nicht als ein Abschied für immer betrachtet werden. Menschen können in der zweiten Lebenshälfte von der Kirche zurückgewonnen werden, wenn sie auf deren Lebenssituation und ihre Fragen antworten kann.

Dessen ungeachtet hat die Kinder- und Jugendarbeit hohe Priorität. Es ist die genuine Aufgabe der Kirche, Kindern und Jugendlichen Hilfestellung für ihr Leben durch Beheimatung im Glauben zu geben. Das muss nicht heißen, dass jede Gemeinde alles anbieten soll. Die Erfahrungen mit Themenkirchen, etwa besonderen Jugendkirchen in Großstädten, sind ermutigend.


Familien ergänzen, Familien erweitern, Familie sein

Vieles deutet darauf hin, dass die Familie mit vielfältigen Verwandtschaftsbeziehungen nicht mehr die allein vorherrschende Lebensform der Menschen in unserem Kulturkreis sein wird. Im Respekt für unterschiedliche Lebensentwürfe ermutigen wir junge Menschen, unter dem Schutz der Institution Ehe dauerhaft für einander Verantwortung zu übernehmen und ein Leben mit Kindern zu bejahen. Damit die Menschen nicht vereinzeln und vereinsamen, ist es nötig, Gemeinschaftsformen zu entwickeln, die die Familie einerseits stützen und entlasten, andererseits ergänzen. Gemeindearbeit muss in Zukunft im Sinne eines quasi familiären Netzwerkes weiterentwickelt werden. So können z.B. Patenschaften für Täuflinge, die bisher meist in der Familie und der Verwandtschaft gesucht und immer öfter nicht gefunden werden, bewusst von der Gemeinde angeboten werden: "Senior-Junior-Modelle" zwischen Christen der Großeltern-Generation und Heranwachsenden; "Lebensabschnittspartnerschaften" ganz anderer Art, nämlich als Weg- und Lerngemeinschaften auf Zeit in Fragen des Glaubens und der christlichen Lebensführung.


Glaubwürdige Arbeitgeberin sein

Die Kirche gehört zu den großen Arbeitgebern in unserer Gesellschaft. Darum hat sie die Chance, den erforderlichen Wandel aktiv mitzugestalten und den Maßstäben, die sie an die Arbeitswelt anlegt, durch vorbildliche eigene Praxis Nachdruck zu verleihen. Ihr Engagement für mehr Generationen- und Familiengerechtigkeit muss sich in ihrer Arbeitskultur widerspiegeln. Die folgenden Fragen und Anregungen gelten allerdings nicht nur für die Kirche als Arbeitgeberin, sondern auch für alle anderen Arbeitgeber.

Kirchliche Arbeitsplätze in Gemeinden, kirchlichen Einrichtungen und Ämtern sollen familienfreundlich sein und Chancen bieten, Beruf und Familie zu vereinbaren. Das muss für alle Ebenen der kirchlichen Hierarchie gelten. Dringlich ist auch die konsequente Öffnung von Leitungspositionen für Teilzeitarbeit.

Männer müssen sich deutlich stärker als bisher an der Erziehungszeit beteiligen und auch einen Karriereaufschub hinnehmen. Wünschenswert ist eine langfristige kirchliche Kampagne zu diesem Thema. Sie könnte unter dem Motto stehen: "Arbeit teilen - Familie gemeinsam erleben".

Es soll im Bereich der Kirche bewusst darauf geachtet werden, dass Frauen ihre eigene Altersversorgung im Blick haben. Nicht nur für die Erziehungszeiten, sondern auch für die Pflege von alten Angehörigen und für ehrenamtliche Tätigkeit sollte ein System von Zeitpunkten erwogen werden, die für die Berechnung der Rente eine Rolle spielen. Fürsorgearbeit soll bei Bewerbungen als Qualifikationsmerkmal anerkannt werden.

Die Benachteiligung Älterer auf dem Stellenmarkt darf nicht auch in der Kirche um sich greifen. Das noch weit verbreitete Vorurteil, Ältere seien weniger flexibel und leistungsfähig, muss abgebaut werden. Kirchenvorstände und Presbyterien, Ältestenkreise und Pfarrämter sollen dazu angehalten und ermutigt werden, auch ältere Bewerberinnen und Bewerber zu wählen oder einzustellen.

In die laufenden Diskussionen über Strukturveränderungen im Tarifrecht sollen Überlegungen zu familienfreundlichen, geschlechter- und generationsgerechten Regelungen aufgenommen werden.


Altersbilder, Jugendbilder und Begrifflichkeiten überprüfen!

Die Kirche ist eine Kirche des Wortes. Es ist daher eine besonders wichtige Aufgabe der Kirche, die eigene und die gesellschaftliche Sprache daraufhin zu prüfen, wie weit Stereotype und Rollenbilder verwendet werden, die eine bestimmte Altersgruppe verzerrt wahrnehmen und diskriminieren oder ihr "kultige" Attribute zuschreiben, die sie letztlich überfordern. Auch in unserer Sprache müssen das Alter und die Jugend, müssen die Generationen dazwischen neu entdeckt werden. Für jede Generation muss ihr spezifisches Hoffnungspotenzial beschrieben werden. Die Verheißung Offenbarung 21,5 "Siehe, ich mache alles neu" gilt auch im Blick auf die Lebensalter und kann für jede Generation neu gestaltet werden. Hier liegt eine nach- und vordenkende Aufgabe für die christliche Kirche!


Keiner lebt für sich allein!

Unsere Gesellschaft und mit ihr die Kirche muss in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine beispiellose Aufgabe bewältigen: Angesichts der demographischen Veränderungen, die sich nicht schnell beeinflussen lassen, muss eine Gesellschaft Gestalt gewinnen, in der sowohl der Wert und die gottgegebene Würde des einzelnen Menschen als auch der Grundsatz der Gerechtigkeit zwischen den Generationen und ein lebenswertes Leben aller Lebensalter Geltung haben. Die Risiken sind groß. Was bringt die Kirche ein?

Die Kirche ist eine Raum und Zeit übergreifende Weggemeinschaft. Sie stellt das Leben des Menschen von der Geburt bis zum Tode in das Licht der Wahrheit und Liebe Gottes, und sie ist eine Hoffnungsgemeinschaft der Lebenden und Toten; derer, die waren und die kommen werden. Es ist jetzt und in Zukunft ihre besondere Aufgabe, gegen Vereinzelung und Selbstbezogenheit den Wert der Gemeinschaft; gegen Angst und Resignation die Kraft der Hoffnung; gegen Zwietracht und Feindseligkeit das Gebot des Friedens zwischen den Generationen in die Gesellschaft einzusprechen und durch das eigene beispielhafte Handeln zu bekräftigen. Sie kann das ohne Angst um die eigene Existenz, im Vertrauen auf die Verheißung Jesu Matthäus 28,20 tun: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt."

Magdeburg, 11. November 2004

Die Präses der Synode
der Evangelischen Kirche in Deutschland

Die Veröffentlichung der Beschlüsse erfolgt unter dem Vorbehalt der endgültigen Ausfertigung durch die Präses der Synode!



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