Beschlüsse

3. Tagung der 10. Synode der EKD Magdeburg, 7. - 12. November 2004

Beschluss zu den Thesen als Anlage zu der Kundgebung zum Schwerpunktthema "Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen"

Beschluss

der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland
auf ihrer 3. Tagung

zu den

Thesen
als Anlage zu der Kundgebung
zum Schwerpunktthema
"Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen"


Thesen zum Schwerpunktthema

Alles Leben ist Leben in Beziehung. Das gilt für die Beziehung des Menschen zu Gott und für seine Beziehung zu anderen Menschen.
Wir sind einander geschenkt und aufeinander angewiesen. Das gilt auch für das Miteinander der Generationen.
In gegenseitigem Geben und Nehmen, in Anerkennung und Vertrauen gedeiht das Zusammenleben.


Mit den Potenzialen der Generationen Lebensqualität schaffen

  • Wir leben in einer Gesellschaft des langen Lebens. Der demographische Wandel und die Chance, immer älter zu werden, erfordern ein Umdenken.

  • Generationengerechtigkeit bedeutet, die Potenziale jeder Generation wahr zu nehmen, zu stärken und zusammen zu führen. Die Solidarität der Generationen muss gelebt und unterstützt werden. Menschen aller Generationen sollen an Bildung und sozialer Sicherheit teilhaben und zu gesellschaftlichem Engagement befähigt werden.

  • Hohe Staatsverschuldung und zunehmende Anforderungen an unsere sozialen Sicherungssysteme sind eine Bürde für die künftigen Generationen. Zur Generationengerechtigkeit gehört, dass Jüngere nicht übermäßig belastet werden. Jüngere müssen stärker an den Entscheidungen teilhaben, die ihre Zukunft betreffen. Genauso kann unsere Gesellschaft in Zukunft nicht auf das Engagement der Älteren nach der Familien- und Berufsphase verzichten.

  • Wir brauchen veränderte Beteiligungsstrukturen in Kirche und Gesellschaft, damit die Potenziale aller Generationen eingebracht werden können. Wir brauchen Angebote, die die Generationen vernetzen und gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit ermöglichen.

 
Arbeit teilen - Familie leben

  • Kinder sind Segen und Aufgabe für alle: Sie schenken Glück und sichern die Zukunft der Gesellschaft. Sie dürfen kein Armutsrisiko sein.

  • Die Tätigkeit in Familie und Beruf ist für Frauen und Männer Aufgabe und Sinngebung eines erfüllten Lebens und ökonomische Notwendigkeit. Beide Bereiche müssen so gestaltet werden, dass sie miteinander vereinbar sind. Das erfordert sowohl eine zeitliche Entzerrung der traditionellen Lebens- und Berufsbiographien als auch eine kindgerechte und Kinder fördernde Infrastruktur. Die Tatsache, dass Männer und Frauen heute ihren Kinderwunsch nicht erfüllen, ist Ergebnis einer kindvergessenen Gesellschaft, die es versäumt hat, die notwendige Unterstützung in den Bereichen Bildung, Erziehung und Betreuung zu institutionalisieren.

  • Die Generationen unterstützen sich wechselseitig. Die Älteren leisten neben materieller Unterstützung wichtige Hilfestellung in der Erziehung und Betreuung von Kindern und/oder sind ihrerseits auf Pflege und Begleitung angewiesen. Diese Formen der Solidarität sind nicht nur im familiären Umfeld notwendig, sondern auch in sozialen Netzwerken von Nachbarschaft und Gemeinde. Sie bedürfen der besonderen Förderung. Insbesondere sind auch Männer in diese Aufgaben einzubeziehen.

  • Aus dem Einstehen füreinander und der Sorge für die Nächsten erwächst eine Ethik der Fürsorglichkeit, die nicht nur dem Gebot der Nächstenliebe entspricht, sondern auch die Grundlage eines demokratischen Sozialstaates ist.


Ein Leben lang lernen

  • Lebenslagen ändern sich und stellen Menschen aller Generationen vor immer neue Herausforderungen. Bildung ist deshalb lebensbegleitend nötig und ein Schlüssel dafür, sich für Neues und nicht Vorherzusehendes zu öffnen. Solidarität unter den Generationen erweist sich in gleichen Chancen, sich zu beteiligen und zu qualifizieren. Dabei müssen Menschen verschiedenen Alters bereit sein, in viel höherem Maße als bisher voneinander zu lernen. Das gilt auch für das Gespräch zwischen den Generationen über den Glauben.

  • Auf der Basis ihres christlichen Menschenbildes engagiert sich die evangelische Kirche für die Bildung des Menschen von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter. Dieses Engagement hat für sie einen hohen Stellenwert - auch in Bezug auf eine verlässliche und bedarfsgerechte Finanzierung. Dabei ist die Kirche darauf angewiesen, dass der Staat die Basis zur Erfüllung der notwendigen Aufgaben sicherstellt.


Gemeinde als Lebensraum der Generationen gestalten

  • Die Kirche ist von jeher eine generationsübergreifende Institution. Das ist schon in der jetzigen und insbesondere in der zukünftigen Situation eine große Chance. Auch mit ihren Gebäuden verfügen die Gemeinden und die Kirche insgesamt über Begegnungsräume für alle Generationen. Dieser Reichtum an Ressourcen, Erfahrungen und Professionalität soll phantasievoll genutzt werden.

  • Die Gemeinde ist neben der Familie und der Schule der wichtigste Ort für die Weitergabe religiöser Traditionen und Bildung. Da die Familie diese Aufgabe vielerorts nicht mehr erfüllt, muss sich die Evangelische Kirche in ihren Einrichtungen und Angeboten verstärkt darum bemühen, dem Traditionsabbruch durch Traditionsaufbau zu begegnen.

  • Gemeindearbeit muss im Sinne eines Familien ergänzenden und stützenden Netzwerkes weiterentwickelt werden und deutlicher in den Blick nehmen, dass sich die Lebensformen radikal verändert haben und verändern werden.


Als Arbeitgeberin glaubwürdig sein

  • Die Kirche gehört zu den großen Arbeitgebern unserer Gesellschaft. Sie hat die Chance, den erforderlichen Wandel aktiv mit zu gestalten und den Maßstäben, die sie an die Arbeitswelt anlegt, durch eigene Praxis Nachdruck zu verleihen. Ihr Engagement für mehr Generationen- und Familiengerechtigkeit muss sich in ihrer Arbeitskultur widerspiegeln.


Die Schöpfung für kommende Generationen bewahren

  • Die Erde ist uns anvertraut. Sie soll nach dem Schöpferwillen Gottes allen Generationen zugute kommen. Eine Lebensweise der Verschwendung und des kurzsichtigen Profitstrebens stiehlt den kommenden Generationen ihre Lebensgrundlagen und bürdet ihnen immense Lasten auf. Umkehr ist geboten. Die Schonung der natürlichen Ressourcen, nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltige soziale Gerechtigkeit müssen das Denken und Handeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft leiten.

Magdeburg, 11. November 2004

Die Präses der Synode
der Evangelischen Kirche in Deutschland

Die Veröffentlichung der Beschlüsse erfolgt unter dem Vorbehalt der endgültigen Ausfertigung durch die Präses der Synode!



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