Texte zum Schwerpunktthema

Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen

Einbringung des Kundgebungsentwurfs zum Schwerpunktthema: Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen

Landessuperintendentin Oda-Gebbine Holze-Stäblein

3. Tagung der 10. Synode der EKD
Magdeburg 7. - 12. November  2004

Endfassung Einbringungsrede 24.11.2004

Der Ausschuss, der sich mit der Vorbereitung des Schwerpunktthemas dieser Synode zu befassen hatte, legt Ihnen den Entwurf einer Kundgebung zur Beratung und Beschlussfassung vor.

„Keiner lebt für sich allein - vom Miteinander der Generationen“: das Schwerpunktthema für diese Synode könnte kaum aktueller sein. In den letzten Monaten häufen sich die Veröffentlichungen, die Berichte aus der Praxis und kontroverse Stellungnahmen so sehr, dass man schon wieder Sorge haben muss, das Thema werde jetzt medial so strapaziert, dass bald niemand mehr das Wort „Generationen“ hören kann. Das wäre schlimm, denn die eigentliche Arbeit der Veränderung beginnt dann, wenn es im Blätterwald nicht mehr rauscht und andere Themen im öffentlichen Interesse stehen.

„Generationen“, viel mehr als dieses Stichwort war nicht da, als wir vor einem Jahr in Trier den Beschluss zum Schwerpunktthema fassten. Drei Themen hatten zur Debatte gestanden: „Generationen“, „Familie“ und „Wasser als Quelle des Lebens“. Die „Generationen“ trugen in der Abstimmung den Sieg davon. Aber wie das manchmal so geht: durch die Hintertür schleichen sich der zweite und dritte Sieger mit aufs Siegertreppchen.

Ich kann’s auch anders sagen: Als wir im Vorbereitungsausschuss mit der Arbeit begannen, da ging das Thema „Generationen“ bald auf wie ein Hefeteig. Unsere ersten Stichwortsammlungen breiteten ein ganzes Panorama an Gesichtspunkten aus – ich sage das jetzt nur in Auswahl -: demographische Zahlen und Fakten; Sozial- und Steuerpolitik; Fragen der Lebensgestaltung und der Lebensentwürfe; Fragen des Wohnens im Alter; Genderaspekte; Familienpolitik; Gesundheitsvorsorge; Bildung und Kultur und natürlich: Was hat die Kirche einzubringen? Was sagt die Bibel über die Generationen? Wie kann Glaube weitergegeben werden?

Hinzu kamen Bitten von außen: Die Familie müsse berücksichtigt werden; der ökologische Aspekt dürfe nicht vernachlässigt werden, denn Nachhaltigkeit sei auch ein Aspekt des Generationenthemas; die Lebensverhältnisse in den neuen Bundesländern dürften nicht zu kurz kommen, schließlich tagten wir in Magdeburg!

Als die größte Herausforderung erwies sich im Lauf der Zeit die Eingrenzung des Themas auf die Maße eines Kundgebungsentwurfes. Im Lauf unserer Gespräche kristallisierte sich dann eine Doppelzügigkeit – bitte nicht „Doppelzüngigkeit“ - heraus, die Sie im Kundgebungsentwurf wieder finden: Das Thema „Generationen“ hat ganz viel mit der Familie zu tun und kann kaum ohne sie bedacht werden. Familiale Aspekte nehmen darum einen breiten Raum ein. Es war allerdings nicht unsere Aufgabe, über die Familie an sich und ihren Wert in der Gesellschaft zu arbeiten. Der Aspekt „Generationen“ war der entscheidende, unter dem auch das Thema Familie im Entwurf abgehandelt ist. Und dass eine Kundgebung der EKD-Synode zum Thema sich auch an die Kirche selbst - auch als Arbeitgeberin - wenden muss, verstand sich für uns von selbst. Und so besteht der Entwurf aus drei größeren Abschnitten: der gesellschaftliche Wandel und das Verhältnis der Generationen, die Familie unter dem Aspekt Generationen und die Herausforderungen und Chancen für die Kirche mit etlichen Unterpunkten.

Weil das Thema aber so viele wichtige und bedenkenswerte Aspekte hat, die wir nicht in den Entwurf aufnehmen konnten, haben wir uns entschlossen, den gewaltigen Hefeteig in eine größere Form zu füllen und begleitend zum Kundgebungsentwurf ein „Lesebuch“ zusammenzustellen, das der Vor- und Nachbereitung des Synodenthemas dienen soll. Auch diese Zusammenstellung musste sich auf einige Aspekte beschränken. Dennoch meine ich: Dieses Lesebuch ist gut gelungen und kurzweilig zu lesen. Es weitet den Horizont und weckt beim Lesen die eigene Phantasie im Umgang mit dem Thema „Generationen“! Ich möchte allen herzlich danken, die für dieses Lesebuch Texte verfasst oder zur Verfügung gestellt haben, und denen, die die Zusammenstellung vorgenommen haben.

Und wie denken und reden wir als Christinnen und Christen, von unserem Glauben her, über das Thema der Generationen? Wie geschieht die Verknüpfung dieser Lebensfrage mit biblisch-theologischen Aspekten unseres Glaubens?

Eingeleitet wird der Kundgebungsentwurf durch fünf Abschnitte, die jeweils durch ein Zitat angeführt werden. Es sind Zitate aus der Bibel, aus Luthers kleinem Katechismus und aus dem Evangelischen Gesangbuch. Wie sind sie zu verstehen?

Sie sind keine Richtlinien oder gar Anweisungen, aus denen sich Punkt für Punkt deduzieren ließe, wie heute zu handeln ist. Die Lebensverhältnisse und die Sozialstrukturen in biblischer Zeit sind so verschieden von der Gesellschaft, in der wir leben, dass Folgerungen und Umsetzungen 1:1 nicht möglich sind. Es handelt sich in diesen fünf kleinen Abschnitten eher um Markierungen des christlichen Menschenbildes, dem wir uns verpflichtet wissen.

„Keiner lebt für sich allein“:

  • das gilt von unserem Gottesverhältnis und unserem Mitsein mit anderen;

  • das gilt von unserer Einbindung in die unendliche Kette der Generationen und von unserer Zeitgenossenschaft mit Menschen verschiedenster Lebensalter in der Gegenwart;

  • das gilt für die Entwürfe und Visionen vom Zusammenleben der alten und der jungen Generationen, und

  • das gilt von unserem Umgang mit dem Lebensraum Erde als einer Schöpfung, die nicht durch uns erschöpft werden darf, sondern kommenden Generationen als Quelle des Lebens dienen soll.

Den fünf Aspekten am Anfang korrespondiert eine kurze Beschreibung der Aufgaben, die die Kirche in dem gewaltigen Umbruch am Ende zu erfüllen hat. In diesem Umbruch sind wir ja schon mittendrin. Ich komme dazu noch einmal am Ende meiner Einbringungsrede.

Zuvor möchte ich ergänzend zu dem, was im Entwurf steht, die Sicht der Bibel auf Alter und Jugend und das Verhältnis der Generationen aus meiner persönlichen Sicht noch etwas näher beleuchten. Angesichts der drohenden Überbelastung der jungen und der drohenden Rollenlosigkeit der älteren Generation ist es hilfreich, die Bibel zu Rate zu ziehen und nach den Kernaufgaben zu fragen, die die Generationen aneinander haben könnten.

Wie redet die Bibel über Alter und Jugend? Sie redet selten über sie in reflektierender Weise. Eine Theologie der Generationen gibt es nicht, soweit ich sehe. Die Bibelarbeit am Morgen hat versucht, doch einige Linien aufzuzeigen.

Die Bibel erzählt von Menschen aller Lebensalter; besonders viel aber von Menschen, die alt waren, die wir aber gar nicht als alt empfinden, weil sie sich nicht – in heutiger Sicht und mit den heutigen Klischees – altersspezifisch verhalten. Noah baut als alter Mann auf dem Trockenen eine Arche – und ist dennoch keineswegs altersverwirrt. Abraham und Sara geben alles Vertraute auf und wandern in die Fremde. Nicht aus Not; auch nicht, weil „des Lebens Ruf an sie niemals endet“, wie Hermann Hesse sagt; sondern weil Gott ihnen Mut macht, alle Sicherheiten aufs Spiel zu setzen und in eine neue Freiheit zu ziehen. Mose führt ein schwieriges Volk aus Ägypten in einem Alter, in dem er sich eigentlich zur Ruhe setzen könnte. Eine Vision Gottes für dieses Volk schickt ihn auf den Weg. Und Mirjam tanzt. Schickt sich das für ältere Damen? Josua bringt das Volk über den Jordan und stirbt mit 110 Jahren. – Auch wenn die biblischen Altersangaben mehr ins Reich der Symbolik als in das der harten Fakten gehören: es waren alte Leute, die da Erstaunliches vollbrachten. Nicht mal junge Alte, sondern in der Mehrzahl richtig Alte.

Es geht aber nicht immer nach der Anciennität in der Bibel. Dann hätte der Hirtenjunge David nie König werden dürfen. Vor ihm waren andere, Ältere dran für eine Beförderung. Und auch Salomo ist noch ein Kind, das regieren muss, als seine Füße den Boden nicht erreichen, wenn er auf dem Thron sitzt. Er kann es, weil Gott ihn, das Kind, mit der Weisheit des Herzens begabt, die eigentlich erst aus der Erfahrung kommt.

Und das andere gibt es natürlich auch: junge Menschen, die unter Alten zu leiden haben: die junge Sklavin Hagar unter der alten Sara; der junge Jakob unter dem ausbeuterischen Laban. Und die Familiengeschichte des Hauses David ist eine fast filmreife Saga voller missglückter Erziehungsversuche und tragischer Vater-Sohn-Konflikte bis dahin, dass der alte König David vor seinem eigenen aufrührerischen Sohn Absalom flieht. Aber als Absalom stirbt, ist in der Erzählung nirgendwo ein moralischer Zeigefinger zu spüren: ‚Seht, das kommt davon, wenn man sich gegen den eigenen Vater erhebt!’ Nein, David weint und klagt aus vollem Herzen über den Tod des Sohnes.

Und das Neue Testament beginnt mit der Geburt eines Kindes, das zum Heil der Welt geboren wird und die Welt nachhaltiger verändern wird als irgendeiner der meist weisen alten Männer, die die Welt regierten und regieren. Und das, obwohl er über das junge Erwachsenenalter – nach unseren Begriffen – nicht hinausgekommen ist. Zwei Menschen, die über dem Hoffen und Sehnen nach Erlösung alt geworden sind, begrüßen dieses Kind im Tempel von Jerusalem. Gemalt hat diese Szene Jahrhunderte später ein alter Mann, Rembrandt. Dieses Bild von Simeon und Hanna stand auf seiner Staffelei, als er gestorben war. Offenbar hat die Geschichte von den beiden Alten, deren Hoffnung nicht gestorben war und die in diesem Kind den erhofften Erlöser erkannten, über die Jahrhunderte hinweg zu ihm gesprochen.

Der zwölfjährige Jesus verblüfft die theologische Fachwelt im Tempel von Jerusalem und relativiert die versammelte Weisheit der Alten. Gott fängt neu an mit dieser Welt. Es sollen auch neue Werte und Worte in ihr gelten.

In seinen Seligpreisungen preist Jesus weder die Alten noch die Jungen noch die Mächtigen mittleren Alters selig, sondern die Barmherzigen und die Sanftmütigen, die reinen Herzens sind und die Friedensstifter. Die Verheißungen Jesu relativieren die Frage nach dem Lebensalter, genauso wie Jesus auch die Familie und die Blutsbande als obersten Wert relativiert: „Wer Gottes Willen tut“, sagt Jesus, „der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Markus 3,35). Die neue Welt Gottes, die in den Seligpreisungen verheißen wird, setzt die lebenswichtigen Traditionen, in denen wir stehen und manchmal auch feststecken, nicht außer Kraft; aber anderes wird wichtiger sein als jung oder alt, jung alt oder mittelalt zu sein, nämlich aus der Kraft der Seligpreisungen heraus und durch sie inspiriert diese vorhandene Welt im Sinne Jesu und in seiner Nachfolge zu gestalten.

Den Kindern gilt seine besondere Aufmerksamkeit. „Aus dem Mund der Unmündigen und der Kinder bereitet Gott sich Lob“, predigt Jesus. Den Kindern wird im Reich Gottes der Vortritt gegeben: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineingelangen“. Und eines der schärfsten Fluchworte spricht Jesus über die aus, die ein Kind vom Glauben an ihn abbringen. Angesichts des in Kürze hereinbrechenden Reiches Gottes werden Generation und Familie, also alles, was den Bestand der Menschheit auf Erden sichert und festigt, in ihrer Bedeutung relativiert. Erst die Christen der zweiten und dritten Generation kümmern sich wieder um das Verhältnis der Generationen zueinander; Wir haben davon heute Morgen einiges gehört. Sie orientieren sich im wesentlichen am Gehorsamsgebot des Alten Testaments und an den Ansichten ihrer antiken Umwelt. Sehr innovativ sind sie nicht. Was christliche Freiheit im Blick auf die Generationen und im Blick auf die Familie sein könnte, dazu sagen sie nichts.
 
Wir gewinnen also aus den Erzählungen der Bibel ein vielfarbiges Bild von den Generationen. Die Bibel heroisiert und glorifiziert weder die Alten noch die Jungen. Es sind einfach Menschen in ihrem Lebensalter: Licht und Schatten sind über alle Lebensalter verteilt. Das Leben ist Gabe Gottes, solange es währt.
Aber langes Leben ist Segen. Der unzeitige Tod wird gefürchtet - wie bei Hiskia - und beklagt. Und genau so sind Kinder das Zeichen des Segens schlechthin. Kinder zu verlieren heißt, mitten im eigenen Leben selbst ohne Hoffnung zu sein. Es ist ein wichtiges Zeichen unserer Zeit und knüpft an die alttestamentliche Tradition der Klage an, dass die Trauer von Eltern über den Verlust eines Kindes ganz neu wahrgenommen und ernst genommen wird.

Natürlich kennt man auch die Gebrechen des Alters. Schonungslos, allerdings in verschlüsselter Form, umschreibt der Prediger Salomo die Lasten und Gebrechen des Alters (12, 1-7) und sagt den Jungen: Freue dich in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen...“. Auch die Psalmen - besonders Ps. 71 - wissen etwas von der Last, der Einsamkeit und den Demütigungen, die ein alter Mensch von seiner Umwelt zu ertragen hat. Von einer Romantisierung des Alters ist das Alte Testament also weit entfernt, allerdings auch vom Altersjammer.

Die Kraft zur Bewältigung des Alters kommt nicht aus glücklichen oder gesicherten Lebensumständen, sondern aus dem „Wandel mit Gott“, aus einer lebenslang gepflegten Gottesbeziehung. Die Verlässlichkeit Gottes ist das Gegenwort gegen die Angst, im Alter verloren zu sein. Auch die Schwachheit des Alters kann ertragen werden im Vertrauen auf Gott. „Ich will euch tragen bis ins Alter, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan und will es tun: ich will heben und tragen und erretten.“ Jesaja 46, 4.

An ganz wenigen Stellen des Alten Testaments klingt der Gedanke an, dass Gott ein Gott des Lebens ist und auch aus dem Tode wieder erwecken kann, dass also der Tod nicht endgültig von Gott trennt („Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da“ Ps. 139, 8). Erst das Neue Testament bringt die Auferstehungshoffnung zur vollen Entfaltung.

Das Alte Testament ist aber auch weit entfernt von der heutigen Problematik, den alten Menschen im Gemeinwesen keine Rollen mehr zuzuweisen, in denen sie ihre Lebenserfahrung und ihre erworbene Weisheit zum Nutzen aller einbringen können. Sie haben Aufgaben, und ihnen gebührt ein anerkannter Platz in der Gemeinschaft.

Ihre vornehmste Aufgabe ist die Weitergabe der Gebote, der Tora, an die Kinder und Kindeskinder, also die Weitergabe der religiösen Traditionen Israels. Dazu gehört die Einweisung in den Gottesdienst; dazu gehört aber mit Sicherheit auch die Weitergabe der Erzählungen von Gottes Geschichte mit seinem Volk, also die Gedächtnis- und Glaubenskultur. Mit dieser Weitergabe und ihrer eigenen vorbildlichen Beachtung der Gebote Gottes sichern sie das lange Leben „im Land, das der Herr ihnen gegeben hat“. Mose sagt: „Nehmt zu Herzen alle Worte, die ich euch heute bezeuge, dass ihr euren Kindern befehlt, alle Worte dieses Gesetzes - der Tora - zu halten und zu tun. Denn es ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben, und durch dies Wort werdet ihr lange leben in dem Land, in das ihr zieht ...“ (Dtn. 32, 46f.)

Es geht um Nachhaltigkeit und um Zukunftssicherung weit über die Lebenszeit der unmittelbar miteinander lebenden Menschen hinaus. Denn der Gott, mit dem Israel zu tun hat, ist ein Gott des langen Gedächtnisses und ein Gott der Gerechtigkeit. Es ist eine Frage des langfristigen Überlebens, dafür Sorge zu tragen, dass die Gebote Gottes nicht übertreten werden. Das ist in besonderer Weise eine Aufgabe der Alten und der Lebenserfahrenen. Damit haben sie im Verständnis Israels geradezu eine Schlüsselposition inne. Von ihnen und ihrer treulichen Erfüllung der Aufgabe, die ihnen zukommt, hängen Wohl und Wehe gegenwärtiger und zukünftiger Generationen im Lande ab. In der Weitergabe der Gebote konkretisiert sich der Segen, den sie selbst empfangen haben. Diese Weitergabe sichert das lange Leben der kommenden Generationen.

Wenn es so etwas wie eine Ethik der Beziehung zwischen den Generationen geben sollte, dann kommt sie am ehesten im Elterngebot zum Ausdruck; ich habe dazu im Lesebuch eine Andacht verfasst. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird. Exodus 20, 12. Dieses Gebot ist bekanntlich nicht an die Adresse von Kindern und Jugendlichen, sondern es ist an den erwachsenen, freien Mann, das Oberhaupt der Familie und Sippe, gerichtet. Es geht in diesem Gebot um die Sicherung des Lebens der alt gewordenen Eltern, um ihren Schutz in der Schwäche des Alters, um ihr Gewicht, um ihre Würde (kabod).

Dass überhaupt ein solches Gebot Bestandteil des Dekalogs geworden ist, zeigt, dass das Verhältnis der Generationen zueinander offenbar nie spannungsfrei gewesen ist. Es stehen auf beiden Seiten vitale Interessen auf dem Spiel, heute wie damals. Darum sind im gesamten Orient sehr nüchterne und realistische Verhaltensmaßregeln entstanden, die dem schwächeren Teil, den alten Eltern, das Auskommen und die menschliche Würde sichern sollten.

Aus unserer Sicht gilt heute aber auch: Wer im Alter von den eigenen Kindern gut behandelt sein will, der muss auch die Kinder mit Respekt behandeln und ihnen die Gaben zukommen lassen, die ihnen ihre Zukunft sichern, und das sind keineswegs nur materielle Gaben. Nur wer die Zukunft seiner Kinder umfassend sichert, kann erwarten, dass sie auch die ihrer Eltern sichern, so weit sie das können. Der Generationenvertrag ist so alt wie die Menschheit selbst, auch wenn das Wort eher modern ist. Er hat immer darin bestanden, dass die Interessen der Vertragspartner fair und gerecht ausgehandelt wurden; so, als wären sie nicht Eltern und Kinder, sondern Vertragspartner. Hinzu kam und kommt dann aber im besten und guten Fall die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern, die Unterstützung aus Liebe. Menschliche Fürsorglichkeit gewinnt von daher ihre Motivation und Kraft. Die Generationen sind aneinander gewiesen und tragen ihrem Lebensalter und ihren Potenzialen entsprechend Verantwortung füreinander. Es gibt keine „lost generation“ und kein Lebensalter, das ohne Hoffnung wäre.

Verantwortung für die Weitergabe des Glaubens und der Werte, die in den Geboten ihren Ausdruck finden, das ist ein für uns heute wichtiger Punkt. Weitergabe, also Traditionsbildung im wörtlichen Sinn, kann heute nur gelingen, wenn die älteren Menschen es wagen, mit ihrer Lebensgeschichte und Erfahrung für das, was sie glauben, einzustehen. Dazu braucht es aber Menschen, die der Versuchung nicht nachgeben, die Jungen in puncto Jugendlichkeit noch links zu überholen. „Widerständige Erwachsene“ nenne ich das für mich persönlich. - Nach wie vor ist die Familie im Übrigen der Ort, wo Begegnung der Generationen sozusagen in Nahaufnahme stattfindet. Ein Kind, das einen ordentlichen Großvater erlebt hat, also einen Großvater comme il faut, nicht einen, der überall Ordnung hält, wird auch andere Großväter und Großmütter positiver erleben als eins, das die alte Generation nur irgendwo aus der Ferne kennt, womöglich noch aus Statistiken. Genau an diesem Punkt ist die Gemeindearbeit der Kirche von unschätzbarem Wert. Sie ermöglicht Begegnung, ist Umschlagplatz von Erfahrungen und Sichtweisen und hilft, Glauben und Traditionen in Worte zu fassen und zu erlernen, wo das in der Familie nicht mehr möglich ist.

Was bringt die Kirche ein? Die Kirche ist eine Raum und Zeit übergreifende Weggemeinschaft. Sie stellt das Leben des Menschen von der Geburt bis zum Tode in das Licht der Wahrheit und Liebe Gottes. Sie ist eine Hoffnungsgemeinschaft der Lebenden und der Toten: derer, die waren, und derer, die kommen werden. Es ist jetzt und in Zukunft ihre besondere Aufgabe,

  • gegen Vereinzelung und Selbstbezogenheit den Wert der Gemeinschaft,

  • gegen Angst und Resignation die Kraft der Hoffnung,

  • gegen Zwietracht und Feindseligkeit das Gebot des Friedens zwischen den Generationen

in die Gesellschaft einzusprechen und durch das eigene Handeln zu bekräftigen.

Ich ergänze das um einen weiteren Punkt: die Kirche als Hoffnungsgemeinschaft der Lebenden und Toten kann und soll den gelassenen Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit lehren.

Was das bedeutet, sehe ich in Ostfriesland. Die alten Kirchen in Ostfriesland liegen häufig auf einer Warft: vor Jahrhunderten aufgeschüttet oder ein natürlicher Geestrücken, der vor den Sturmfluten bewahrte. Auf der Warft um die Kirche herum ist der Friedhof; er liegt im Schatten und Schutz des Gotteshauses, in dem das Wort des lebendigen Gottes gepredigt wird. Auf den Grabsteinen sind die schönen alten ostfriesischen Namen zu lesen. Das Jesajawort „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein“ wird hier zur Predigt an die Entschlafenen.

An wenigen Orten sind für mich die eigene Vergänglichkeit und der Wechsel der Generationen so unmittelbar zu spüren wie hier. Aber deutlich ist auch: Lebende und Tote gehören hier zusammen. Das Gedächtnis der vergangenen Generationen wird bewahrt. - Ich weiß, dass ich eines Tages zu denen gehören werde, die da draußen liegen. Sie sind aber nicht gottverlassen, und so werde auch ich es nicht sein. Darum kann ich gelassener mit meinem Ende umgehen. Ich muss nicht herrschen und nicht klammern, muss nicht konkurrieren mit den Jüngeren, keine Machtkämpfe mit ihnen ausfechten. Ich kann mich an ihnen freuen, über sie staunen, sie in manchem auch ein bisschen komisch und fremd finden, so wie sie sicher auch mich und andere ältere Semester ein bisschen komisch und fremd finden. Vor allem: Ich kann sie mit guten Gedanken und in Liebe begleiten. Der Dank für mein eigenes Leben und die Gedanken und Taten der Liebe für die Jüngeren gehören zusammen. Christus verbindet uns mit unseren Toten und uns dereinst Tote mit den Lebenden.

Die Kirche als Hoffnungs- und Weggemeinschaft hält im Wechsel der Generationen fest an den Verheißungen Gottes für die Zukunft der Welt. Von daher gewinnt sie Aufgaben. Von daher stiftet sie an zu gemeinsamer Hoffnung und gemeinsamen Visionen, und vielleicht könnte ihr am ehesten eine gelassene und humorvolle Kultur der Generationen gelingen. Die Voraussetzungen sind da. Werden wir sie nutzen?

Ich überantworte nun den Kundgebungsentwurf Ihren Händen. Er ist weder das Gelbe vom Ei noch der Stein der Weisen. Wir haben versucht, in einem riesigen Acker ein paar Furchen zu ziehen. Vieles ist noch nicht Konzept, sondern Idee und Anregung. Da ist auch manches Spielerische mit eingeflossen. Auf ein paar mögliche Missverständnisse bin ich schon aufmerksam gemacht worden. Sie werden weitere entdecken. Alles in allem ist dieser Entwurf ganz sicher verbesserungsfähig, und Sie werden ihn verbessern; da bin ich zuversichtlich.

Ich nehme deshalb den bekannten Satz zu Hilfe: Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger, und wandle ihn für uns ab: Der Ausschuss hat einen Vorschlag für das Unmögliche gemacht - für die Wunder brauchen wir jetzt die Synode.

Landessuperintendentin Oda-Gebbine Holze-Stäblein, Aurich



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