Grußworte (Auswahl)

3. Tagung der 10. Synode der EKD Magdeburg, 7. - 12. November 2004

Pfarrer Dr. Samuel Kobia

Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen

08. November 2004

Sehr geehrte Frau Präses, liebe Schwester Rinke,
hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland tagt zu einer Zeit großer Herausforderungen sowohl für die Gesellschaft wie auch für die Kirche. Fragen von Krieg und Terror, Armut und Gewalt, HIV-Aids und die wachsende Wahrnehmung der ambivalenten Rolle der Religionen in allen diesen Bereichen sind Fragen, die wir zusammen als ökumenische Familie ansprechen müssen ohne die Bedeutung der Fragen zu vernachlässigen, die hinsichtlich der spirituellen Dimension unseres Engagements oder der Dringlichkeit der ökumenischen Bildung der jüngeren Generation erhoben werden.

Um besser für die Beantwortung dieser und anderer sich entwickelnder Herausforderungen ausgerüstet zu sein, hat der Ökumenische Rat der Kirchen unter einer weitreichenden Beteiligung seiner Mitgliedskirchen und anderer ökumenischer Partner einen Prozess angeregt, um zu erkunden, welche Art von Veränderung dies von den verschiedenen Akteuren und Einrichtungen in der ökumenischen Bewegung erfordert.

Dieser Prozess, der besser als Diskussion über die Neugestaltung der ökumenischen Bewegung (Reconfiguration of the ecumenical movement), bekannt ist, begann letztes Jahr. Der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Dr. Wolfgang Huber, unterstrich dessen Bedeutung in dem Bericht, den er dieser Synode gab. Während sich auch skeptische Stimmen zu Wort gemeldet haben, sehen wir diese Debatte doch als eine Fortsetzung der Beratungen und Themen, die uns im Rahmen des Prozesses "Common Understanding and Vision (CUV)", gemeinsames Verständnis und Vision des ÖRK, vorgelegt wurden, welcher versuchte, den Kern unserer Zusammengehörigkeit in einer Gemeinschaft von Kirchen und eine weitere Vision der Beziehungen zwischen dem Ökumenischen Rat und seinen Mitgliedern zu erfassen.

Der Reconfiguration-Prozess findet unter dem Schatten finanzieller Beschränkungen und zurückgehender Mitgliederzahlen in vielen unserer Mitgliedskirchen statt. Wir beobachten aber auch eine wachsende Zahl von Christen in der südlichen Hemisphäre und in Kirchen, die außerhalb der ökumenischen Familie stehen. Dies fordert die traditionellen ökumenischen Strukturen heraus, ihre Aufgabe und Rolle in einer Welt, die so verschieden ist von derjenigen am Anfang unserer gemeinsamen Reise im Ökumenischen Rat der Kirchen.

Deshalb geht es im gegenwärtigen Prozess nicht um die Frage nach Strukturen, sondern um das Verständnis der Bedeutung unserer gemeinsamen Suche nach sichtbarer Einheit und des Zeugnisses und der Mission der Kirchen im 21. Jahrhundert, in dem wir mit der Dynamik einer globalisierten Welt konfrontiert werden, die zur gleichen Zeit Ungleichheit und die Bedrohungen durch Armut und Umweltzerstörung verstärkt.

Kirchen antworten auf diese Herausforderungen in kooperativer Weise. Dieselbe Dynamik spaltet aber auch Kirchen und ökumenische Organisationen und führt so gelegentlich zu Fragmentierungen im Kampf um Ressourcen.

Aus der großen Bandbreite von Antworten, konstruktiven Vorschlägen, Kritik und visionären Bemerkungen müssen wir neue Wege herausfiltern, um unsere gemeinsame Antwort an die Welt zu formulieren, eine Welt, die uns braucht in Einheit und Kohärenz trotz all unserer Verschiedenheit.

Es ist bemerkenswert, dass die Dekade zur Überwindung von Gewalt (Decade to Overcome Violence, DOV) auf ein so großes Echo bei unseren Mitgliedskirchen und darüber hinaus gestoßen ist. Die Dekade bewegt die Kirchen, nach alternativen Wegen zu suchen, um die Herausforderungen von Armut, wachsender Gewalt, von Benachteiligung und fundamentaler Gerechtigkeit anzusprechen. Das Programm ist von verschiedenen Akteuren auf unterschiedliche Weisen aufgenommen worden, die doch gemeinsam in der grundsätzlichen Übereinstimmung stehen, Frieden und Gewaltfreiheit zu unterstützen. Mit großer Dankbarkeit habe ich wahrgenommen, dass der Vorsitzende des Rates der EKD die Entschuldigung für den Genozid in Namibia in seinem Bericht aufgenommen hat. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Versöhnung zwischen Deutschland als der früheren Kolonialmacht und den Menschen in Namibia.

Die Rolle religiöser Gemeinschaften und von Christen im Besonderen wurde mit größerem Nachdruck auf unsere Tagesordnung gesetzt, da wir uns dem Missbrauch von Religion bei der Rechtfertigung von Intoleranz und Gewalt gegenübersehen. Stärker als früher müssen wir die positive Rolle der Tradition von Frieden und Gerechtigkeit in allen Religionen formulieren und uns in einem umfassenderen Dialog mit den anderen Religionen in der Weltgemeinschaft engagieren.

Bei alldem vertrauen wir darauf, dass die EKD ihre aktive Beteiligung und konstruktive Rolle in der ökumenischen Bewegung durch ihre Gliedkirchen und die besonderen Dienste fortsetzt.

Lassen Sie mich schließen mit dem Wunsch um Gottes reichen Segen für die Arbeit Ihrer Synode und in dem Dienst, den Sie nicht nur für die Kirchen in Deutschland leisten, sondern für den gesamten Leib Christi, den zu erbauen und dem zu dienen wir berufen sind.

Friede allen Schwestern und Brüdern und Liebe im Glauben von Gott dem Vater unserm Herrn Jesus Christus (vgl. Eph. 6,23).


Genf, 8. November 2004



erweiterte Suche