Texte zum Schwerpunktthema

Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen

Kundgebungsentwurf zum Schwerpunktthema: Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen

3. Tagung der 10. Synode der EKD
Magdeburg, 7. - 12. November 2004


Keiner lebt für sich allein 
Vom Miteinander der Generationen

Kundgebung der Synode der EKD

Entwurf, zuletzt überarbeitet am 13 .10. 2004  

„Keiner lebt für sich allein“ (Römer 14, 7).

Alles Leben ist Leben in Beziehung
. Das gilt für die Beziehung des Menschen zu Gott und für seine Beziehung zu anderen Menschen. Das gilt auch für das Miteinander der Generationen: Wir sind aufeinander angewiesen. Ohne gegenseitiges Geben und Nehmen, ohne Rücksicht aufeinander und gerechten Ausgleich der Interessen können wir nicht leben und kann die Gesellschaft nicht bestehen.


„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“
(1. Mose 1, 27).

Das Leben in seiner Gesamtheit ist Gabe Gottes. Darauf beruht seine Würde. Jedes Lebensalter des Menschen steht mit seinen Gaben und Aufgaben unter dem Segen und dem Gebot Gottes. Es gewinnt seinen Wert nicht aus seinem Nutzwert für die Gesellschaft oder im Vergleich zu anderen Lebensaltern, sondern von Gott her. Der Mensch ist geschaffen, um mit seinem Dasein Gottes Wesen widerzuspiegeln und seinem Willen zu entsprechen. Das gilt für den jungen wie den alten, für den gesunden wie den kranken, für den beweglichen und den Menschen mit Behinderung, für den geistig regen und den dementen Menschen. Zur Ebenbildlichkeit gehört auch, dass der Mensch niemals „fertig“ und perfekt und auch niemals zum hoffnungslosen Fall wird. „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden“ (1. Joh. 3,2). Christlicher Glaube sagt, dass der Mensch bis zu seinem Tode ein Hoffender ist und auch über den Tod hinaus auf Gott hoffen darf.


„Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass dir’s  wohlgehe und du lange lebest auf Erden“
(Das vierte Gebot in Luthers kleinem Katechismus).

Der Generationenvertrag ist so alt wie die Menschheit selbst
. Von jeher sind die Generationen aneinander gewiesen und füreinander verantwortlich gemacht. Alte Menschen haben ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihren Glauben an die Jungen weitergegeben. Junge Menschen haben darauf aufgebaut und sind über die Erfahrungen der Älteren hinausgewachsen. So ist Leben mit seinem Reichtum und auch seinen Lasten weitergegeben worden. Auch die gravierenden demografischen Veränderungen, vor denen wir stehen, dürfen an diesem Generationenvertrag nicht rütteln. Wir leben aber nicht nur in Beziehung zu den Generationen, die gleichzeitig mit uns leben und mit denen wir persönlich verbunden sind. Auch denen, die vor uns waren, verdanken wir viel. Für die, die nach uns kommen, haben wir eine Mitverantwortung im Rahmen unserer Möglichkeiten.


 „Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter , und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen die dort spielen“ (Sacharja 8, 4-5).

Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt davon ab, ob ein Miteinander der Generationen gelingt. 
Die Bibel hat Hoffnungsbilder von gelingendem Zusammenleben der Generationen. Diese Bilder können uns heute zu neuen Wegen und Lösungen inspirieren. Die Vision des Propheten Sacharja zeigt die Stadt als friedvollen Lebensraum der Generationen. Die Plätze der Stadt sind Orte der Kommunikation und der Lebensfreude. Alte Menschen in der Öffentlichkeit und Plätze voller Kinder: die Zukunft einer solchen Gesellschaft ist gesichert, denn Achtung vor der Würde des Alters samt seinen Schwächen und das vorbehaltlose Ja zu Kindern gehen Hand in Hand.  


„Die Erde ist des Herrn. Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben.“
(Evangelisches Gesangbuch 623)

Das biblische Gebot „Macht euch die Erde untertan“ (1. Mose 1, 28) ist lange Zeit als ein Freibrief für die hemmungslose Ausbeutung der Erde missverstanden worden. Dabei gehörte   auch das Bebauen und Bewahren (1. Mose 2, 15) von jeher zum Auftrag des Menschen. Heute sehen wir: die Erde ist eine erschöpfbare und vielerorts bereits erschöpfte Lebensgrundlage. Der Lebensraum Erde ist anvertraut, nicht übergeben; geliehen, nicht gekauft. Er soll nach dem Schöpferwillen Gottes allen Generationen des Lebens zu Gute kommen, so lange die Erde steht (1. Mose 8, 22). Eine Lebensweise der Verschwendung und des kurzsichtigen Profitstrebens stiehlt den kommenden Generationen ihre Lebensgrundlagen und bürdet ihnen immense Lasten auf. Umkehr tut not. Die Schonung der natürlichen Ressourcen, nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltige soziale Gerechtigkeit müssen das Denken und Handeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft leiten.


Der gesellschaftliche Wandel und was daraus folgt

Das Verhältnis der Generationen


Langes Leben war in früheren Zeiten nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Es gilt darum in der Bibel als besonderer Segen. Heute erschöpft sich das Leben nicht mehr in der Phase der Kindheit und Jugend, der beruflichen Existenz und der Familienzeit. Neu in der Geschichte der Menschheit ist eine nicht selten Jahrzehnte umfassende Lebenszeit des jungen, mittleren und hohen Alters. Viele Menschen erleben diese Zeit in großer Vitalität. Andere sind langfristig auf die Hilfe ihrer Familien oder pflegender Einrichtungen angewiesen. Unsere Gesellschaft wird zu einer Gesellschaft des langen Lebens.

Nicht nur langes Leben gilt in der Bibel als Segen. Auch Kinder gelten als Gabe Gottes (Ps. 127, 3). Kinderreichtum war Zeichen des göttlichen Segens und als Zukunftssicherung. In unserem Land bleibt der Kindersegen seit langem aus. Dieser Mangel an Kindern  - er kann auch durch die Zuwanderung ausländischer Familien nicht ausgeglichen werden - hat weit reichende Folgen: Er stellt die sozialen Sicherungssysteme vor unerfüllbare Anforderungen. Er verändert das kulturelle und mitmenschliche Klima in unserem Land. Das Gesellschaftssystem gerät aus den Fugen, wenn nicht ein tief greifendes Umdenken und ein Umbau der Arbeitswelt und der sozialen Sicherungssysteme erfolgen.

Anders als in früheren Zeiten, in denen die „weisen Alten“ Maßstäbe setzten, ist heute Jugendlichkeit der Maßstab, an dem alles gemessen wird. Unterschiede des Alters und der Reife zwischen Erwachsenen und jungen Menschen werden negiert. Das Menschenbild der Gesellschaft war lange Zeit von einem Jugend- und Fitnesskult bestimmt. Erst in jüngster Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, dass ein Umdenken beginnt. Dagegen werden die realen Bedürfnisse und Interessen der Jungen, ihre Ausbildungsbelange und ihre Lebenssituation oft genug sträflich vernachlässigt. Sie werden als Konsumenten hofiert; echte Zukunftschancen aber werden vielen nicht eröffnet. Hier ist Veränderung dringend nötig.

Der demografische Wandel zwingt uns zum Umdenken und Umsteuern auf vielen Ebenen. Wir müssen Abschied nehmen von überkommenen Denkgewohnheiten und Besitzständen. Das ist eine persönliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Die Vorstellung, dass der Mensch mit einem immer früheren Eintreten in den Ruhestand im Wesentlichen aus der sozialen Verantwortung entlassen sei und nun die Früchte seiner Arbeit in Form von Rente oder Pension genießen könne, ist nicht mehr zeitgemäß und entspricht nicht dem Grundsatz der Generationengerechtigkeit.

Die gängige Praxis, Menschen schon in der Mitte ihres Lebens als zu alt und unbrauchbar aus der Arbeitswelt auszugliedern, diskriminiert die Älteren und überfordert die Jungen. Sie ist Ausfluss einer Wegwerfmentalität. Sie schadet  dem sozialen Klima und letztlich auch der Wirtschaft, denn die Ressourcen Kompetenz, reifes Urteil und Erfahrungswissen werden verschwendet.

Die Altersbilder in unseren Köpfen, die das Alter mit Gebrechlichkeit, Bedürftigkeit, Starrheit, Einsamkeit und Defiziten geistiger und körperlicher Art  in Verbindung bringen, müssen revidiert werden. Die Wirklichkeit älterer Menschen sieht heute anders und differenzierter aus als die früherer Generationen. Zudem altern Menschen genau so unterschiedlich, wie sie leben. Die Ausgrenzung und Entwertung älterer Menschen entspricht weder den gesellschaftlichen Realitäten noch dem vierten Gebot. Zugleich müssen ältere Menschen auch selbst Verantwortung für neue, zeitgemäße Rollen und Identitäten übernehmen. Dringlich ist aber auch ein realistisches und differenziertes Bild der Jugend, das ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen gerecht wird.

Eine eigenverantwortliche soziale Vorsorge gewinnt zunehmend an Bedeutung. Wir müssen Abschied nehmen von der Vorstellung, die Sorge für betagte Menschen sei vollständig von den sozialen Einrichtungen oder gar „vom Staat“ zu leisten. Wir brauchen eine Kultur der Fürsorglichkeit auf Gegenseitigkeit und der guten Nachbarschaft, des Helfens und Sich-Helfen-Lassens. An ihr müssen die jüngeren Generationen beiderlei Geschlechts, aber in erheblichem Umfang auch die älteren Generationen selbst aktiv beteiligt sein, beispielsweise dadurch, dass die Sorge für Kinder von ihnen übernommen wird. Dies ist auch heute schon vielerorts der Fall.

Auch im Blick auf die berufliche Biografie müssen wir umdenken. Früher erlernte man einen Beruf für das ganze Leben. Heute können viele Menschen ihren Lebensunterhalt nur dadurch verdienen, dass sie mehrere  Berufstätigkeiten gleichzeitig ausüben. Menschen verändern sich beruflich mitten im Erwerbsleben. Die einen, weil sie im erlernten Beruf keine Arbeit finden; die andern, weil sie neue Aufgaben suchen. Flexibilität und Mobilität in der Aneignung von Wissen, in Bildung, Fortbildung und Beruf werden in verstärktem Maße die Anforderungen der Gesellschaft von morgen sein. Sie müssen gefördert werden, denn sie helfen, auch im Alter an den gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen und die eigenen Potenziale einzubringen.


Die Familie


Deutschland ist ein kinderarmes Land. Aber die Menschen sind nicht so kindvergessen oder gar kinderfeindlich, wie es oft beklagt wird. Viele junge Paare möchten gern Kinder. Sie möchten und müssen aber auch berufstätig sein. Beides ist nur schwer miteinander zu vereinbaren. Das darf nicht länger als das Privatproblem der betroffenen Familien und der „Alleinerziehenden“, der Ein-und-zwei-Eltern-Familien, behandelt werden, für dessen Lösung sie allein zuständig sind. Kinder sind Segen und Aufgabe für alle. Sie bringen Gewinn, mehr Farbe und mehr Leben ins Leben. Eine Gesellschaft, der die kommenden Generationen fehlen, eine Gesellschaft ohne Kinder, hat ein demografisches Problem und steht in der Gefahr, hoffnungs- und leblos zu werden. Was den Kindern heute zu Gute kommt, entfaltet nachhaltige Wirkung auch im Blick auf kommende Generationen.

Darum müssen auch die Lasten, die sie mit sich bringen, auf alle verteilt werden. Es muss eine Aufgabe aller
Verantwortlichen in Unternehmen, Supermärkten und Firmen, Universitäten und Schulen, Behörden und Ämtern werden, Möglichkeiten der Kinderbetreuung zu schaffen und Teilzeitarbeitsplätze auch für Männer anzubieten, damit junge Paare ihren Kinderwunsch realisieren können. Die immer noch verbreitete starre Rollenaufteilung, verbunden mit Relikten einer Mutter-Ideologie, muss endlich auch in Deutschland überwunden werden.  In den europäischen Nachbarländern, besonders in Frankreich, gehören berufstätige Mütter längst zur Normalität, ohne dass dort jemand von „Rabenmüttern“ spricht. Auch in den neuen Bundesländern war es vor der Wende leichter, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Krippen- und Hortplätze standen in ausreichender Menge zur Verfügung.

Kinder dürfen nicht länger ein Armutsrisiko sein und nicht als „Karrierekiller“ angesehen werden. Wer Kinder erzieht, eignet sich organisatorische, soziale und pädagogische Kompetenz an und erfüllt eine gesamtgesellschaftlich bedeutsame Aufgabe. Diese Kompetenzen müssen bei Bewerbungen und Aufstiegschancen angemessen berücksichtigt werden, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, die sich der Familienarbeit gewidmet haben.  Die Kinderarmut unserer Gesellschaft erzeugt das viel größere Armutsrisiko: Armut an Zukunftschancen, an Phantasie, an Lebensfreude, an Toleranz, an Gemeinsinn! Unsere Gesellschaft braucht neuen Mut zu und neue Freude an Kindern. Sie sollte beidem beherzt die Wege ebnen.

Eine neue Einstellung zur Familie muss Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Die Lebensarbeitszeit  zwischen Alten und Jungen und Männern und Frauen muss intelligenter und flexibler verteilt werden. Der Eintritt in den Ruhestand sollte stärker als bisher neue Möglichkeiten und nicht zuletzt ehrenamtliche Aufgaben eröffnen. Vielerorts sind ältere Menschen bereits in vorbildlicher Weise ehrenamtlich tätig. Die Generation der potentiellen Mütter und Väter wiederum braucht Entlastung durch flexiblere Arbeitszeiten nicht erst im Vorruhestandsalter, sondern dann, wenn berufliche Karriere, Familiengründung und Erziehung von Kindern miteinander vereinbart werden müssen.

Viele Paare haben keine Kinder. Unfreiwillige Kinderlosigkeit ist für viele ein bleibender Schmerz in ihrem Leben. Es darf nicht sein, dass sie auch noch unter moralischen Vorwürfen zu leiden haben. Ein Leben ohne eigene Kinder ist auch nicht zwangsläufig ein Leben ohne den Segen und die Zuwendung Gottes, wie wir aus vielen Beispielen der Bibel und nicht zuletzt von Jesus selbst wissen. Es darf  aber auch der frei gewählte Verzicht auf Kinder nicht als minderwertiges Lebenskonzept diskriminiert werden. Gleichwohl muss von denen, die keine Kinder haben, ein angemessener Beitrag zur Zukunftssicherung erwartet werden, damit die jetzt ungleich verteilten Lasten in Zukunft gerechter verteilt sind.


Herausforderungen und Chancen für die Kirche


Auch die Kirche ist vom demografischen Umbruch betroffen. In einer kleiner werdenden, pluralistischen Gesellschaft wird auch die Kirche kleiner werden. Eine Gesellschaft des langen Lebens wird auch das Gesicht der Kirche und der einzelnen Gemeinde verändern: Ältere Menschen werden noch stärker, junge Menschen noch weniger präsent sein. Die Kirche kann den gesellschaftlichen Umbruch nicht nur beratend und kommentierend begleiten. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten muss sie selbst mit nachahmenswerten Beispielen vorangehen; sonst ist sie nicht glaubwürdig. Hier liegt aber auch eine große Chance der Kirche: sie ist ja von jeher eine generationenübergreifende Institution. Sie hat Erfahrungen in der Arbeit mit jungen und mit alten Menschen. Sie hat kreative Potenziale und kann in dieser Lage positive Maßstäbe setzen.

Die herkömmliche Gemeindearbeit vollzieht sich bisher in voneinander unabhängigen Lebensalter-Säulen: Kinder- und Jugendarbeit; Erwachsenenarbeit; Mütter-Kinder-Arbeit; Seniorenarbeit. Ein Dialog der Generationen und über die Generationen findet nur in Ansätzen statt. Diese „Versäulung“, diese Monokultur nach Lebensaltern sollte durch durchlässigere Formen nicht ersetzt, wohl aber ergänzt  werden. Neben den festen Gruppen und Kreisen, die oft über Jahrzehnte bestehen und sich ungewollt nach außen abschließen, sollte die Projektarbeit entwickelt werden. Projekte kommen der wachsenden Bindungsscheu der Menschen entgegen, weil sie nicht auf unbestimmte Zeit binden. Sie erlauben mehr Freiheit und ein Engagement auf neuen Feldern der Gemeindearbeit.

Gemeindehäuser könnten sich zu „Häusern der Nachbarschaft und der Generationen“ entwickeln. Hier könnten das tägliche Leben gemeinsam organisiert und eine Kultur der Fürsorglichkeit auf Gegenseitigkeit eingeübt werden. Beispielsweise könnte gemeinsam gekocht und ein Mittagstisch angeboten werden. Auch Tauschbörsen für Dienstleistungen könnten entstehen: Kinderbetreuung, Gänge mit Kindern zum Arzt im Tausch gegen Einkäufe etc.
Die herkömmliche kirchliche Altenarbeit ist im Wesentlichen eine Betreuungsarbeit gewesen. Sie sollte sich stärker zur Altersarbeit hin entwickeln, um den Ansprüchen und der Mobilität der „jungen Alten“ gerecht zu werden. Die vier Säulen altersgerechter Arbeit können zwanglos in die Gemeindearbeit integriert werden: biografische Kompetenz und Suche nach neuem Lebenssinn; praktische Bewältigung des Alltags; Entdeckung kreativer Kompetenzen; soziales Engagement.

Hier sollte die Kirche Anregungen und Foren für die Selbstorganisation der „Fünfzig plus“- Generation bieten und vor allem selber attraktive Aufgaben bereitstellen. Das können kulturelle, pädagogische, diakonische und Bildungsaufgaben sein; z.B. Kirchenführungen und Exkursionen, Betreiben von Kirchen-Cafés, Organisation von Ausstellungen und von Essenstafeln für bedürftige Familien. Für nachtaktive junge und unter Schlaflosigkeit leidende ältere Menschen könnten - nach dem Vorbild der „Gute-Nacht-Kirchen“ bei Kirchentagen - Kirchen während der Nachtstunden geöffnet sein.

Pflegerische Leistungen werden in Zukunft weit weniger als bisher von professionellen Kräften geleistet werden, weil nicht genügend Pflegepersonal vorhanden und bezahlbar ist. Die Gemeinde kann der Ort sein, wo nachbarschaftliche Hilfe organisiert wird.

Die Kirche sollte konsequenter als bisher neue gemeinschaftliche Wohn- und Lebensformen fördern und selbst entwickeln. Zu denken ist an Mehrgenerationenhäuser und intergenerative kommunitäre Lebensformen, die nicht zwangsläufig Klöster sein müssen.

Die Gemeindearbeit sollte sich mehr an Themen als an Altersgruppen orientieren. Viele Bereiche der Gemeindearbeit sind nicht altersspezifisch. Umweltgruppen, Eine-Welt-Gruppen und Asylunterstützerkreise, konziliare Gruppen, aber auch Vorbereitungskreise für Gottesdienste arbeiten schon jetzt  mit Erfolg generationenübergreifend. Hier sollte nach weiteren Bereichen gesucht werden, in denen die Generationen zusammenwirken können. Eltern-Kind-Gruppen könnten durch Großeltern-Enkel-Gruppen ergänzt werden.

Die Öffnungszeiten von Kindertagesstätten sollten flexibler und familiengerechter gestaltet werden, damit Frauen und Männer Beruf und Familie miteinander vereinbaren können. Auf diesem Gebiet sind die neuen Bundesländer bis heute deutlich besser ausgestattet als die alten. Das Ganztagsangebot muss erweitert und erschwinglich gehalten werden. In Gegenden, in denen viel Schichtarbeit geleistet wird, sollte auch über Betreuungsmöglichkeiten in den Abend- und Nachtstunden nachgedacht werden.


Dem Traditionsabbruch durch Traditionsaufbau begegnen


Die Zukunftsfähigkeit der Kirche, vielleicht sogar ihr Überleben, hängt auch davon ab, ob es ihr gelingen wird, christliche Tradition und Kultur neu in der Gesellschaft zu verankern.  Dazu können sowohl Eltern als auch ältere Menschen einen wichtigen Beitrag leisten, etwa durch Beteiligungsmodelle im Konfirmandenunterricht, bei denen Eltern am Unterricht aktiv mitwirken und so indirekt auch eigene religiöse Bildung auffrischen oder nachholen;

- durch religiöse und kulturelle Bildungsarbeit mit Menschen der zweiten Lebenshälfte;

- durch Angebote von Erzählcafés etc, in denen bewusst Tradition lebendig erhalten wird, und diese als Veranstaltungen, an denen junge Menschen aktiv mitgestalten können!

- durch Thematisierung von Problemfeldern, die öffentlich kaum aufgenommen werden: Schuld und Vergebung als Thema der Generationen; Autonomie und Abhängigkeit als Lebensthemen im Alter; Kultur des Abschiednehmens; Übergang und Neubeginn; Eltern und erwachsene Kinder; Hoffnung und Suche nach Lebenssinn im Alter;
Selbstmordgefährdung; die Angst, zur Last zu fallen; Altersgrenzen - Lebensgrenzen etc.

''- durch verstärkte religiöse Bildungsarbeit mit Eltern und Großeltern im Kindergarten.

In der Bibel spielen ältere und alte Menschen bei der Weitergabe der Glaubenstraditionen eine herausragende Rolle; ja, diese Weitergabe ist ihre genuine Aufgabe. Auch in unserer christlichen Kultur sind es häufig die Großmütter gewesen, die ihren Enkeln noch einige Grundbegriffe des Christentums erklärt und sie an die christlichen Feste herangeführt haben. Hier liegen auch heute bedeutende Aufgaben für ältere Menschen im Blick auf die Generation der Enkel. Die Weitergabe von Glaubensinhalten kann sich aber auch umgekehrt vollziehen: Kinder, die den Kindergottesdienst besuchen, motivieren durch ihr Interesse an Glaubensfragen ihre Eltern und Großeltern, sich mit dem Glauben zu befassen.


Kreativ mit den demographischen Veränderungen umgehen


Häufig hört man, angesichts knapper werdender Mittel solle die Kirche sich auf die „klassischen“ Arbeitsfelder wie Predigt, Unterricht und Amtshandlungen zurückbesinnen. Dies könnte schwerwiegende Folge haben, denn gerade die Amtshandlungen, die heute noch als sicheres Terrain und fast Urgestein der Volkskirchlichkeit erscheinen, werden zwangsläufig einen Einbruch erleben, wenn weiter immer weniger Kinder geboren werden. Während die Zahl der Taufen heute noch relativ stabil ist, zeigen sich bei den Konfirmandenzahlen in städtischen Regionen bereits deutliche Abbrüche. Der Rückgang der Trauungen und der kirchlichen Beerdigungen ist geradezu dramatisch.

Neu ist ein großes Bedürfnis nach neuen Segenshandlungen an besonderen Wendepunkten des Lebens. Der Schulbeginn hat sich zu einer neuen Kasualie entwickelt, an der Eltern und Großeltern teilnehmen. Der Eintritt in den Ruhestand könnte in einem angemessenen Ritual begangen werden. Hier ist kasuelle kirchliche Phantasie vonnöten.

Die Kirche wird noch stärker als bisher eine Kirche der zweiten Lebenshälfte, des dritten und vierten Lebensalters, sein. Damit sollte sie ganz bewusst werben und Aufgaben bereit stellen für Menschen, die sich sozial und religiös engagieren möchten. Auf diese Weise kann sie dazu beitragen, negative Altersbilder abzubauen und der Entwertung im Alter neue Aufgaben und Verantwortlichkeiten entgegenzusetzen. Der Abschied eines Menschen von der Kirche in der Jugend sollte auch nicht als ein Abschied für immer betrachtet werden. Menschen können in der zweiten Lebenshälfte von der Kirche zurückgewonnen werden, wenn sie auf deren Lebenssituation und ihre Fragen antworten kann.

Des ungeachtet bleibt eine verstärkte Kinder- und Jugendarbeit eine vorrangige Aufgabe der Kirche! Wer in 50 Jahren eine aktive Altersarbeit haben will, muss sich heute um die Kinder kümmern! Dabei darf es nicht nur um die eigene Bestandssicherung gehen. Die Kirche  sollte es als ihre genuine Aufgabe betrachten, Kindern und Jugendlichen Hilfestellung für ihr Leben durch Beheimatung im Glauben zu geben. Das muss nicht heißen, dass jede Gemeinde alles anbieten sollte. Die Erfahrungen mit Themenkirchen, etwa besonderen Jugendkirchen in Großstädten sind ermutigend.


Familien ergänzen, Familien erweitern, Familie sein

Vieles deutet darauf hin, dass die traditionelle Familie nicht mehr die vorherrschende Lebensform der Menschen in unserem Kulturkreis sein wird. Damit die Menschen nicht vereinzeln und vereinsamen, ist es nötig, Gemeinschaftsformen zu entwickeln, die die Familie einerseits stützen und entlasten, andererseits ergänzen. Gemeindearbeit muss in Zukunft im Sinne eines quasi familiären Netzwerkes weiterentwickelt werden. So könnten z.B. Patenschaften für Täuflinge, die bisher meist in der Familie und der Verwandtschaft gesucht und immer öfter nicht gefunden werden, bewusst von der Gemeinde angeboten werden: „Senior-Junior-Modelle“ zwischen Christen der Großeltern-Generation und Heranwachsenden; „Lebensabschnittspartnerschaften“ ganz anderer Art, nämlich als Weg- und Lerngemeinschaften auf Zeit in Fragen des Glaubens und der christlichen Lebensführung.


Vorbildliche Arbeitgeberin sein


Die Kirche ist bekanntermaßen einer der größten Arbeitgeber in unserer Gesellschaft. Darum hat sie die Chance, den erforderlichen Wandel aktiv mit zu gestalten und den Maßstäben, die sie an die Arbeitswelt anlegt, durch vorbildliche eigene Praxis Nachdruck zu verleihen. Ihr Engagement für mehr Generationen- und Familiengerechtigkeit muss sich in ihrer Arbeitskultur widerspiegeln. Die folgenden Fragen und Anregungen gelten allerdings nicht nur für die Kirche als Arbeitgeberin, sondern auch für andere Arbeitgeber.

Kirchliche Arbeitsplätze in Gemeinden, kirchlichen Einrichtungen und Ämtern sollten familienfreundlich sein und Chancen bieten, Beruf und Familie zu vereinbaren. Das muss für alle Ebenen der kirchlichen Hierarchie gelten. Wünschenswert und dringlich ist auch die konsequente Öffnung von Leitungspositionen für Teilzeitarbeit.

Es sollte eine deutliche Ermutigung und Aufforderung an Männer gerichtet werden, sich stärker als bisher an der Erziehungszeit zu beteiligen und auch einen Karriereaufschub hinzunehmen. Wünschenswert wäre eine langfristige kirchliche Kampagne zu diesem Thema. Sie könnte unter dem Motto stehen: „Arbeit teilen - Familie gemeinsam erleben“.

Es sollte im Bereich der Kirche bewusst darauf geachtet werden, dass Frauen ihre eigene Altersversorgung im Blick haben. Nicht nur für die Erziehungszeiten, sondern auch für die Pflege von alten Angehörigen und für ehrenamtliche Tätigkeit sollte ein System von Zeitpunkten erwogen werden, die für die Berechnung der Rente eine Rolle spielen. Fürsorgearbeit sollte bei Bewerbungen als Qualifikationsmerkmal anerkannt werden.

- Die frühzeitige „Aussortierung“ älterer Arbeitnehmer, auch älterer Pastorinnen und Pastoren, Diakone und Diakoninnen darf nicht auch in der Kirche um sich greifen. Kirchenvorstände und Presbyterien, Ältestenkreise und Pfarrämter sollten dazu angehalten und ermutigt werden, ältere Bewerberinnen und Bewerber zu wählen oder einzustellen.

 - Die derzeitigen Altersstufen-Regelungen in der Besoldung und Vergütung entsprechen vielleicht dem Leistungsdenken der Gesellschaft. Sie sind aber nicht sozial, denn sie stellen junge Menschen schlechter als ältere. Gerade die jungen Menschen brauchen zum Aufbau einer Familie und einer beruflichen Existenz deutlich mehr Geld brauchen als die älteren.


Altersbilder, Jugendbilder und Begrifflichkeiten überprüfen!  

Die Kirche ist eine Kirche des Wortes. Es ist daher eine besonders wichtige Aufgabe der Kirche, die eigene und die gesellschaftliche Sprache daraufhin zu prüfen, wie weit Stereotype und Rollenbilder verwendet werden, die eine bestimmte Altersgruppe verzerrt wahrnehmen und diskriminieren oder ihr „kultige“ Attribute zuschreiben, die sie letztlich überfordern. Auch in unserer Sprache müssen das Alter und die Jugend, müssen die Generationen dazwischen neu entdeckt und beschrieben werden. Für jede Generation muss ihr spezifisches Hoffnungspotential entdeckt und beschrieben werden. Die Verheißung Offenbarung 21, 5 „Siehe, ich mache alles neu“ gilt auch im Blick auf die Lebensalter und kann für jede Generation neu gestaltet werden. Hier liegt eine nach- und vordenkende Aufgabe für die christliche Kirche!


Keiner lebt für sich allein!

Unsere Gesellschaft und mit ihr die Kirche muss in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine beispiellose Aufgabe bewältigen: angesichts der demografischen Veränderungen, die sich nicht schnell beeinflussen lassen, muss eine Gesellschaft Gestalt gewinnen, in der sowohl der Wert und gottgegebene Würde des einzelnen Menschen als auch der Grundsatz der Gerechtigkeit zwischen den Generationen und ein lebenswertes Leben aller Lebensalter Geltung haben. Die Risiken sind groß. Was bringt die Kirche ein?

Die Kirche ist eine Raum und Zeit übergreifende Weggemeinschaft. Sie stellt das Leben des Menschen von der Geburt bis zum Tode in das Licht der Wahrheit und Liebe Gottes, und sie ist eine Hoffnungsgemeinschaft der Lebenden und Toten; derer, die waren und die kommen werden. Es ist jetzt und in Zukunft ihre besondere Aufgabe, gegen Vereinzelung und Selbstbezogenheit den Wert der Gemeinschaft;  gegen Angst und Resignation die Kraft der Hoffnung; gegen Zwietracht und Feindseligkeit das Gebot des Friedens zwischen den Generationen in die Gesellschaft einzusprechen und durch das eigene beispielhafte Handeln zu bekräftigen. Sie kann das ohne Angst um die eigene Existenz, im Vertrauen auf die Verheißung Jesu  Matthäus 28,20 tun: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“



erweiterte Suche