Huber: Erosion des Vertrauens ist Schlüsselthema 2004

EKD-Ratsvorsitzender legt Bericht über erstes Amtsjahr ab

07. November 2004

Den Vertrauensverlust in Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Politik hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, in seinem mündlichen Bericht vor der Synode der EKD als das Schlüsselthema für das Jahr 2004 bezeichnet. Huber äußerte sich auch zur vorgeschlagenen Verschiebung des Tages der Deutschen Einheit, zu den Sozialreformen und zum Beitritt der Türkei zur Europäischen Union.

Den Tag der Deutschen Einheit weiterhin am 3. Oktober zu feiern, bezeichnete der Ratsvorsitzende als "der Bedeutung dieses historischen Datums angemessen." Es leuchte nicht ein, diesen oder einen anderen Feiertag zu opfern, "um dadurch eine geringe Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts zu erreichen." Bundesländer mit verhältnismäßig vielen Feiertagen stünden im Wirtschaftswachstum vergleichsweise gut da. Der Weg, der mit der Abschaffung des Buß- und Bettages, eingeschlagen wurde, dürfe nicht fortgesetzt werden. "Eine positive wirtschaftliche Entwicklung bejahen wir", erklärte Bischof Huber, "eine Ökonomisierung unseres gesamten Lebens und Denkens dagegen nicht."

Die Leugnung des Genozids an den Armeniern durch die Türkei sei für die EKD "ein gravierendes Beitrittshindernis" zur Europäischen Union, so Huber. Darüber hinaus habe auch die Europäische Kommission erhebliche Defizite im Bereich der Religionsfreiheit in der Türkei festgestellt. Sie seien "einer der Gründe dafür, warum wir eine Entscheidung für den Beginn von Beitrittsverhandlungen nach wie vor mit großer Zurückhaltung betrachten." Die Strategie, die Türkei als Brücke in die islamische Welt zu nutzen, stelle "eine schwierige Gratwanderung" dar. Es werde sich beim Umgang mit diesem Thema immer wieder die Frage stellen, "ob eine privilegierte Beziehung der Türkei zur Europäischen Union nicht der bessere Weg ist."

Wolfgang Huber begrüßte die Einsetzung eines Ombudsrates, der die Arbeitsmarktreformen begleitet. "Aber wir brauchen mehr: Wir brauchen einen gesellschaftlichen Dialog über das Ziel des gegenwärtigen Reformprozesses wie über die Wege zu diesem Ziel." Nur so gewinne das Wort "Reform" seinen guten Klang zurück. Der Bischof von Berlin forderte alle Menschen in öffentlicher Verantwortung auf, zu einem neuen Vertrauen in die "Grundregeln einer Gesellschaft" beizutragen. Der Aufruf zu Verantwortung gelte ausdrücklich auch für die "Inhaber wirtschaftlicher Leitungspositionen". "Sie können und dürfen sich dieser Rechenschaftspflicht nicht entziehen", sondern seien verpflichtet, verantwortlich mit Fördergeldern oder Steuererleichterungen umzugehen. "Empfänger von Spitzengehältern oder überhöhten Abfindungen sollten sich an die Einsicht des amerikanischen Sozialphilosophen John Rawls erinnern, dass gesellschaftliche Unterschiede daran zu messen sind, ob sie auch für die am wenigsten Begünstigten einen Zuwachs an Freiheit bewirken können. Ich hätte mir diesen Satz an der Wand des Düsseldorfer Gerichtssaals gewünscht, in dem der Mannesmann-Prozess stattfand."

Magdeburg, 07. November 2004 Pressestelle der EKD
Silke Fauzi



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