Ausgestreckte Hand mit der Bitte um Vergebung ergreifen

Delegation aus Namibia besucht EKD-Synode

07. November 2004

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, hat die Völker der Herero, der Nama und der Damara in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia) für "alles Unrecht, das von Deutschen an diesen afrikanischen Völkern begangen wurde", um Vergebung gebeten. In seinem Bericht vor der 3. Tagung der 10. Synode der EKD, die vom 7. bis 12. November in Magdeburg stattfindet, sprach Huber im Blick auf die Niederschlagung des sogenannten Herero-Aufstandes im Jahr 1904 von einem "der dunkelsten Kapitel in der Geschichte unserer Kirche."

Der Besuch von Nachkommen der Opfer und Vertreter der Kirchen in Namibia auf der Synodaltagung sei eine Geste des Vertrauens. "Wir verstehen dieses Vertrauen als eine ausgestreckte Hand, die wir ergreifen wollen", sagte Huber. Der Bischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz erinnerte an "unsere heutige Verantwortung für die Situation der Menschen und der Kirchen in Namibia".

Auf Einladung der EKD besucht eine Delegation aus Namibia die diesjährige Synodaltagung. Am Donnerstag, den 11. November, wird das Oberhaupt der Herero, Alphons Maharero, um 9.15 Uhr ein Grußwort vor dem Plenum sprechen. Er wird unter anderem begleitet vom Reinhard Keding, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia.

Magdeburg, 07. November 2004

Pressestelle der EKD
Silke Fauzi


Die Redebeiträge vor der Synode am 11. November im Wortlaut:

Begrüßung des Traditionellen Führers des Königshauses der Tjamuaha/Maharero durch Präses Rinke und das Grußwort anlässlich der Synode der EKD
Ombara Alphons K. Maharero

11. November 2004

Begrüßung durch Präses Barbara Rinke

Heute morgen begrüße ich zu Beginn der Sitzung Ombara Alphons K. Maharero mit seiner Delegation. Sie hatten eine weiten Weg nach Deutschland und zu unserer Synode. Ombara Alphons K. Maharero ist der Häuptling des Herero-Volkes in Namibia. Der Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, hat ja schon am Sonntag im Ratsbericht darauf hingewiesen, dass wir – die Deutschen und die Hereros – uns daran erinnern, dass vor 100 Jahren in der Schlacht am Waterberg der Aufstand der Hereros gegen die deutsche Kolonialmacht grausam niedergeschlagen wurde. Wir freuen uns, dass heute – 100 Jahre danach – Sie, Ombara Alphons K. Maharero heute bei unserer 3. Tagung der 10. Synode sind. Dies ist eine große Geste des Vertrauens, dass Sie mit Ihren Begleitern gerade in diesem Jahr unsere Synode besuchen. Der Ratsvorsitzende hat schon am Sonntag gesagt, dass wir dieses Vertrauen als eine ausgestreckte Hand verstehen, „die wir ergreifen wollen mit der Bitte um Vergebung durch Gott und die Menschen für alles Unrecht, das von Deutschen an den afrikanischen Völkern begangen wurde, im Bewusstsein unserer heutigen Verantwortung für die Situation der Menschen und der Kirchen in Namibia, im Gebet für ein vertrauensvolles Miteinander unserer Kirchen und Nationen.“ Schon bei den Feierlichkeiten zu 100. Jahrestag der Niederschlagung des Aufstands hat die die Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul unter Berufung auf das Vaterunser, das Gebet Jesu Christi, die Bitte um Vergebung der deutschen Schuld ausgesprochen. Dieser Bitte können wir uns nur im gemeinsam Gebet anschließen.

Ombara Alphons K. Maharero hat eigene biographische Beziehung zu den damaligen Ereignissen. Sein Onkel Samuel Maharero war damals Häuptling im Volk der Hereros und musste 1904 fliehen. 34 Jahre später wurde Ombara Alphons K. Maharero geboren. Seit 1970 ist der Vater von sechs Töchtern und sieben Söhnen Häuptling des Volkes der Hereros. Begleitet wird Ombara Alphons K. Maharero von Gustav H. Mupurura. Auch er gehört zum Volk der Herero. Zur Delegation gehören außerdem begleitet von Erika von Weitersheim, Projektleiterin und Journalistin in Windhuk, und von Bischof Reinhard Keding aus Namibia.

Ombara Alphons K. Maharero – ich bitte Sie um Ihr Grußwort.


Grußwort des Traditionellen Führers des Königshauses der Tjamuaha/Maharero, anlässlich der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in Magdeburg am 11. November 2004

Sehr geehrte Frau Präses,
geehrte Bischöfe,
ehrenwerte Gäste,

erlauben Sie mir, Frau Präses, die Möglichkeit zu einem Grußwort an die Synode anlässlich dieses historischen Treffens.

Ich sage historisch, weil dieses nach meinem Wissen die erste Gelegenheit eines Maharero oder irgendeines Mitgliedes eines königlichen Hauses aus Namibia ist, sich mit einer derartigen Zuhörerschaft zu beraten oder eine Ansprache an sie zu richten.

Heute möchte ich von Seiten des Maharero Königshauses danken für die Zuwendungen, die die Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia unserer Gemeinde auch in den kritischen und herausfordernden Zeiten geleistet haben.

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in meinem Heimatland Namibia einer der Pioniere in der Gesundheitsfürsorge, in der Erziehung und der religiösen Aktivitäten ist. Ich habe erlebt, welche wichtige Rolle die Kirche in den schwierigen Tagen des Übergangs vom Kolonialregime zu einem demokratischen Regierungssystem gespielt hat, zu dem ich als Senior gehöre, als oberster traditioneller Führer und als Mitglied des Rates der traditionellen Führer.

Der Beitrag einiger ihrer kirchenleitenden Persönlichkeiten zur Befreiung unseres Landes ist erwähnenswert. Unser berühmter Sohn und Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia (ELCRN), Bischof Dr. Zephania Kameeta, war Sprecher der Abgeordneten in unserem ersten Parlament und spielt eine gewichtige Rolle in der Organisation der Gedenkfeiern des 100-jährigen Genozids, hauptsächlich gegen die Herero und Nama in Namibia. Wir möchten auch die wichtigen Beiträge von Bischof Reinhard Keding und Frau von Wietersheim erwähnen.

Heute bin ich auf ihre Einladung mit meiner Delegation hier und möchte diese Geste des guten Willens öffentlich gutheißen.

Andererseits könnte man fragen: Was ist die Bedeutung dieses Treffens? Was ist unsere Vision und welche Botschaft sollte von hier ausgehen?

Lassen Sie mich meine Gedanken zuerst benennen: Meine Vision und die des Tjamuaha/Maharero Königshauses ist es, eine neue Partnerschaft zu gründen mit Völkern, begründet auf der gegenseitigen Anerkennung und das Heilen der Wunden der Vergangenheit.

Unsere Mission ist, alle Meinungsführer darin einzubinden, nicht nur in die Begründung einer Nation, sondern auch in der Annahme von geistlichen und religiösen Herausforderungen. Das bedeutet Heilen der Wunden der Vergangenheit durch Wiederherstellung und Wiederaufbau dessen, was in der Kolonialzeit zerstört wurde.

Ich bin ein oberster traditioneller Führer und möchte feststellen, dass ich kein Politiker bin und weder für Politiker sprechen sollte noch sollten meine Anmerkungen als politisch angesehen werden. Was ich sagen möchte ist, dass die Kirche eine bedeutende Rolle während der Kolonialisierung unseres Volkes gespielt hat und ich möchte die Kirche dazu herausfordern, ihre laufenden Programme zu bedenken und sich selbst zu fragen, wie sie die Visionen und Botschaften unterstützen kann, die ich gerade erwähnt habe.

Das Tjamuaha/Maharero Königshaus akzeptiert die Trennung von verschiedenen nationalen Rollen, besonders die Trennung von der traditionellen, der kulturellen und der politischen Rolle in meinem Land. Wir akzeptieren, dass Führer wie Pastoren Väter des Volkes sind und alle Humanität in ihren Handlungen walten lassen, unabhängig von ihrem politischen, religiösen oder sozialen Stand.

Unser Königshaus wurde während der schwierigen Jahre der Kolonisierung zerstört. Meine Rolle und die meiner Berater wie auch der gesamten traditionellen Maharero Führerschaft sieht sich der schwierigen Herausforderung des Wiederaufbaus und der Entwicklung einer neuen Infrastruktur gegenüber. Wir haben unsere Mittel beschränkt, um diese Herausforderungen zu bestehen und ich appelliere an die Evangelische Kirche in Deutschland und an die Kirchen im Allgemeinen, zu diesem hehren Ziel beizusteuern.

Wir haben einen Fonds errichtet, den Samuel Maharero Memorial Trust, um diesen Herausforderungen begegnen zu können. Dieser Fonds wird geleitet von Fondsmanagern unter modernen Organisationsprinzipien, seine Aktivitäten werden transparent bleiben und den Anteilseignern werden Berichte zur Verfügung gestellt.

Ich möchte noch einmal an die Kirche appellieren, einen bedeutenden Beitrag zu leisten, der hilft, unsere traditionellen Strukturen zu stärken und ebenso andere Bedürfnisse innerhalb des Samuel Maharero Memorial Trusts zu befriedigen.

Es gibt weitere vier königliche Häuser, deren Führer unter der Obhut des Maharero Königshauses stehen, mit denen wir zusammenarbeiten, und ich kann Ihnen versichern, dass die Beiträge zum Samuel Maharero Memorial Trust sicher auch zu deren Unterstützung eingesetzt werden.

Frau Präses, lassen Sie mich Ihnen und Ihrer Kirche noch einmal danken und allen, die dazu beigetragen haben, unseren Besuch und unseren Aufenthalt hier zu ermöglichen und zu einem Erfolg zu machen.

Mögen unsere Ausführungen fruchtbar sein.
Ich danke Ihnen.

Ombara Alphons K. Maharero


Antwort Präses Barbara Rinke

Sehr geehrter Ombara Alphons K. Maharero,
liebe Gäste aus dem Volk der Hereros,

Durch Ihren Besuch und durch ihr Grußwort ist uns die Geschichte der Deutschen in der ehemaligen Kolonie noch einmal schmerzlich begegnet. Den Aufstand der Hereros und die Niederschlagung im August 1904 durch deutsche Schutztruppen haben Sie uns noch einmal vor Augen geführt. Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, hat schon am Sonntag darauf hingewiesen, dass es zwischen der ehemaligen deutschen Kolonialmacht und den Völkern in Namibia zu einem neuen Umgangston gekommen ist. Wir sind dankbar dass mit den beiden lutherischen Bischöfen – Zephania Kameeta und Reinhard Keding – ein Weg der Versöhnung beschritten wird, und dass Sie, Ombara Alphons Maharero, und Sie Gustav Mupura, heute bei uns sein können. Der Ratsbericht am vergangen Sonntag hat deutlich gemacht, wie wichtig Versöhnung ist, um Vertrauen zueinander zu finden. Die Synode der EKD wünschen den Christen in Namibia, dass sie miteinander und für alle Menschen, die in Namibia leben, auf dem Weg der Versöhnung weiter gehen können.

Wir möchten als Evangelische Kirche in Deutschland den versöhnenden Prozess zwischen den beiden lutherischen Kirchen begleiten und das Heilen der Wunden, die in der Vergangenheit entstanden sind, fördern. Wir wünschen der ganzen Nation auf ihrem Weg des Friedens Gottes Segen. Wir werden nach Ihrem Besuch unseren partnerschaftlichen Beziehungen zu den Kirchen und zu den Menschen Namibias auch weiterhin besondere Aufmerksamkeit schenken. In den Psalmen lesen wir, dass Frieden und Gerechtigkeit sich küssen. Gerechtigkeit kann nur Wirklichkeit werden, wo Versöhnung geschieht. Wir ergreifen die Hand der Vergebung, die Sie mit ihrem Besuch auf unserer Tagung, für ihr Volk ausgestreckt haben. Unsere Freundschaft gilt der gesamten Bevölkerung der Republik Namibia und wir bitten Sie, unsere Grüße und unsere geschwisterliche Verbundenheit mit den Menschen in Ihrer Heimat zu überbringen. Der Segen Gottes begleite Sie und ihre Delegation bei den weiteren Begegnungen in Deutschland.



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