Erlebnisse des Herbstes 1989 nicht klein reden

Wolfgang Huber zum 9. November

09. November 2004

Die Demonstrationen des Herbst 1989 gingen von den Friedensgebeten in den Kirchen aus. Daran erinnerte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, in einem Gebet vor der EKD-Synode in Magdeburg am Mittwoch, den 9. November. Sie hätten zu einer Veränderung "über alles Hoffen und Erwarten hinweg" beigetragen. "Reden wir die Erlebnisse nicht klein, die uns vor fünfzehn Jahren zum Jubeln brachten", so Huber. Der Bischof würdigte die Bedeutung, die dem "Aufstand der Menschen in vielen Orten Ostdeutschlands und ihrem Willen zum aufrechten Gang" zukam. Von diesen Erfahrungen "können und müssen wir uns heute ermutigen lassen, die Türen zu unseren Kirchen zu öffnen und sie zugänglich zu halten für die Fragen und Ängste unserer Zeit."


Magdeburg, 9. November 2004

Pressestelle der EKD
Silke Fauzi

Der Text im Wortlaut:

Mittagsgebet auf der EKD-Synode, 09.11.2004, Magdeburg

Bischof Wolfgang Huber, Vorsitzender des Rates der EKD

An diesem 9. November wollen wir in der Mitte des Tages inne halten. Innehalten zu einem Friedensgebet, in dem wir nicht nur um den Frieden beten, der fehlt, sondern für den Frieden danken, der uns geschenkt wurde. Dabei lassen wir uns leiten von der Weisheit des Predigers:

„... Abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit.
Klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. ...“ (Pred. 3, 3f)

Das ist eine Aufforderung dazu, die Zeit wahrzunehmen, auf den Klang einer Stunde oder eines Tages zu hören. Am 9. November ist das ein vielstimmiger, dissonanter Klang. Zu ihm gehören die tiefen, klagenden Töne des 9. November 1938. Der weithin zu hörende Ruf des 9. November 1918, als Philipp Scheidemann in Berlin vom Balkon des Reichstages aus die Republik ausrief. Die schrille Stimme des 9. November 1923, an dem der Münchener Putsch Adolf Hitlers an der Feldherrnhalle ans Ende kam, um doch ein Jahrzehnt später auf andere, bedrückende Weise zum Erfolg zu kommen. Die mahnende Stimme von Zehntausenden, die auch an einem 9. November, im Jahr 1998, in Berlin gegen einen neuen Antisemitismus aufstanden.

„Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“. Diese unbeholfenen Worte von Günter Schabowski signalisierten heute vor fünfzehn Jahren eine Veränderung über alles Hoffen und Erwarten hinweg. Es handelte sich um einen Systemwechsel, der sich – Gott sei Dank – ohne Gewalt vollzog. Auch wenn man die politische Konstellation erinnert, die dazu verhalf, muss man zugleich die Bedeutung würdigen, die dem Aufstand der Menschen in vielen Orten Ostdeutschlands und ihrem Willen zum aufrechten Gang zukam – auch hier in Magdeburg, wo vor dem Dom an die friedlichen und mutigen Ereignisse jener Tage erinnert wird.

Von den Friedensgebeten in den Kirchen gingen die Demonstrationen aus, in denen Menschen, die das Land verlassen wollten, sich mit denen vereinten, die zum Bleiben aufriefen. In den Kirchen sammelten sie sich, dem einzigen staatsunabhängigen öffentlichen Raum, der in der DDR verblieben war. Räume des Vertrauens bildeten sich so. Dass dieser Raum so beherzt gestaltet und dass die Kirchentüren so weit geöffnet wurden, bleibt ein entscheidender Zug des Jahres 1989. Von ihm her können und müssen wir uns heute ermutigen lassen, die Türen zu unseren Kirchen zu öffnen und sie zugänglich zu halten für die Fragen und Ängste unserer Zeit.

Der 9. November hat sich – gemeinsam mit dem 3. Oktober – eng und unlöslich mit dem Geschehen verbunden, das für uns Deutsche das größte geschichtliche Geschenk seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war: die Einheit in Freiheit wurde möglich. Nach 28 Jahren, zwei Monaten und 27 Tagen konnten die Menschen aus Ost und West wieder ungehindert zueinander kommen. Für diesen Tag scheinen die Zeilen des Predigerworts geschrieben zu sein: „Abbrechen hat seine Zeit“ – wie haben sie gehackt, die Mauerspechte! „Lachen hat seine Zeit“ – Lachen und Jubel und Freude, bis die Tränen kamen; ich erinnere mich auch selbst an diese Tage in Berlin. Und tanzen - „tanzen hat seine Zeit“ – wie viele Menschen haben vielleicht auch auf Tischen, jedenfalls aber auf den Dächern der Trabbis und auch auf der Mauer getanzt!

Eine Demarkationslinie, an die sich die Angst um den Frieden, ja die Sorge vor dem Einsatz von Nuklearwaffen geknüpft hatten, wurde zu einem Ort, an dem der Frieden gefeiert wurde.

In diesem Sommer ist an manchen Orten eine Spannung zwischen Ost und West wieder aufgebrochen, die wir vielleicht schon überwunden glaubten. Redlich wollen wir mit ihr umgehen und dankbar dafür sein, dass wir in unserer Kirche von einer Gemeinsamkeit getragen sind, die stärker ist als solche fortbestehenden und neu aufbrechenden Unterschiede. Reden wir die Erlebnisse nicht klein, die uns vor fünfzehn Jahren zum Jubeln brachten; sondern geben wir ihnen auch innerlich den Raum, den sie verdienen. Wenn wir aus diesem Dank und aus dieser Zuversicht leben, können wir auch in allem Ringen und Suchen dieser Tage einen Grundton wahrnehmen, dessen Klang weiter trägt als alle Verzagtheit und Besorgnis.

Auch fünfzehn Jahre nach dem 9. November 1989 stehen wir vor der großartigen Herausforderung, aus diesem Dank heraus unserem Leben Gestalt zu geben. Uns kann das Vertrauen auf Gott bestimmen, von dem es beim Propheten Jesaja heißt: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ [Jes.41,10].

Für mich bleibt es dabei: Das Lied des Jahres 1989 stammt von Klaus-Peter Hertzsch. Ich weiß schon: Ursprünglich war es ein Hochzeitslied. Seine politische Wahrheit erschloss sich erst später. Für uns aber ist sie unüberhörbar. Wir singen das Lied von Klaus-Peter Hertzsch, Vertraut den neuen Wegen.

Gebet

Treuer Gott, am Mittag dieses Tages stehen wir vor dir. Wir bitten dich um den Frieden, der fehlt. Aber wir danken dir zugleich für den Frieden, in dem wir leben dürfen. Viele Ängste, die uns befallen hatten, sind nicht mehr. 
Lass uns nicht vergessen, was dieser Tag für uns bedeutet. Unsere Hoffnungen wurden erfüllt, weit über unser Bitten und Verstehen hinaus. Lass diesen Tag für uns zum Ansporn werden, für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten – jeweils an unserem Ort. Lass uns doch, wo auch immer wir sind und wohnen, Nähe finden, ohne dass wir einander erdrücken; uns wechselseitig Raum geben, ohne einander aus den Augen zu verlieren; uns gegenseitig in der Hoffnung bestärken, ohne einander zu überfordern. Hilf uns, dass wir uns einander zuwenden, wie du es getan hast. Bestärke unsere Hände zum Handeln und öffne uns den Mund zum Reden.
Lebendiger Gott, lass das Feuer deiner Hoffnung in uns brennen, damit wir uns nicht dem Geist der Hoffnungslosigkeit, sondern deinem Kommen anvertrauen. Denn du löst unsere Fesseln und entfachst in uns die Sehnsucht nach deiner Gegenwart. Lass uns die Freiheit, die du uns schenkst, hinaustragen in die Welt. Lass uns den Frieden, den du uns anvertraust, bewahren und ausbreiten. Verleih uns Frieden gnädiglich. Amen

Verleih uns Frieden gnädiglich



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