Bibelarbeit

Propst Dr. Johann Hinrich Claussen (3. Tagung der 10. Synode der EKD Magdeburg, 7. - 12. November 2004)

08. November 2004

Liebe Schwestern und Brüder!

Haben Sie herzlichen Dank für die Einladung, dass ich heute hier vor Ihnen sprechen darf! Lassen Sie mich mit den Worten beginnen, mit denen wir in unserem nordelbischen Pastoralkolleg in Ratzeburg den Tag zu beginnen pflegen.

Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasset uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht! Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist! Gott, wir danken dir für die Ruhe der Nacht und das Licht des neuen Tages. Lass uns bereit sein, dir zu dienen! Lass uns wach sein für dein Gebot!

Der Begriff der „Generation“ hat Konjunktur. Früher meldete sich nur dann und wann eine „verlorene“ oder „skeptische“ Generation zu Wort. Aber seitdem die „Generation Golf“ sich so gut verkauft hat, treibt der Generationsbegriff die üppigsten und wildesten Blüten - um nur einige marktgängige Buchtitel zu nennen: Generation Golf 2, Generation Ally, Generation Mami, Generation Reform, Generation X, Generation Z, Generation XTZ. Da fehlt eigentlich nur noch die Generation EKD.

Die eigene Generation wird hier zur Marke. Sie wird zum Mittel, um sich selbst zu stilisieren. Dabei gerät ein wesentliches Moment des alten Generationsbegriffs ins Abseits. Generation ist nicht mehr etwas, das eingebettet ist in ein Vorher und Nachher, eine Folge aus Vorfahren und Nachkommen, sondern wird zum je eigenen Markenkern, zum Distinktionsmerkmal. In dieser Verwendung des Generationsbegriffs zeigt sich eine sehr problematische „Eingekrümmtheit auf sich selbst“.

Zudem ist das allgegenwärtige Gerede von Generation X oder Y geprägt von einem undurchschauten Kollektivismus. Was habe ich denn eigentlich mit meiner Generation gemein? Was sagt es überhaupt über mich aus, daß ich zu diesem oder jenem Jahrgang zähle? Zwar gehöre ich – zeitlich wie sozial - fast zur „Generation Golf“. Wie konnte es mir dann aber geschehen, daß ich Anfang der 80er Jahre nach Tübingen gezogen bin, um evangelische Theologie zu studieren? Das ist doch wohl das „Ungolfigste“, das ich hätte tun können.

Die Konjunktur des Generationsbegriffs hat nun aber doch einen triftigen Grund. Dieser liegt weniger im eitlen Selbstbespiegelungsbedürfnis jüngerer Leute oder im nostalgischen Vergewisserungsbedürfnis älterer Leute, sondern in ganz realen Bedrohungen und Konflikten. Ohne je darauf vorbereitet worden zu sein, steht meine Generation vor Grenzen: keine Arbeit, keine Stelle, kein Lohn, keine Sicherung, keine Rente. Plötzlich tänzeln die Generationen nicht mehr selbstverliebt um sich selbst, sondern stehen gegeneinander; die Jungen gegen die Alten, die Jüngeren gegen die Mittelalten. Und die Jüngeren erleben sich als die Verlierer. Gespart wird einseitig auf ihre Kosten – auch in der Kirche. Man muß nur hören, was für ein verbittertes Lachen, das Wort „Generationenvertrag“ bei Menschen unter vierzig auslöst.  Und wenn man sich all die Einrichtungen und Einstellungen betrachtet, die in den Wohlstandsjahren von den Älteren vorgenommen wurden und die wir heute nicht mehr bezahlen können, stöhnt man unweigerlich mit Hesekiel: Unsere Väter haben vor Zeiten süße Trauben gegessen, und wir haben jetzt stumpfe Zähne davon (vgl. Hes 18,2 ).

Man kann es auch mit Versen jüngeren Datums sagen. Und zwar von der Hamburger Band „Die Sterne“. Diese Band müssen Sie nicht kennen - sollten Sie aber, weil sie den interessanten Versuch gestartet hat, die veraltete Gattung des Protestsongs neu zu beleben und für die eigene Generation zu gewinnen. Eines dieser Protestlieder bietet einen Dialog zwischen einem Jüngeren und einem Älteren. Wenn ich ihn vorlese, werden Sie verstehen, daß ich mich als jüngerer Propst in beiden Gesprächsteilnehmern wiedererkenne.

Der Jüngere erzählt: „Ich hab gedacht, ich hätte jemanden getroffen, der verantwortlich wär und ich hätte gefragt: / „Was ist denn nun mit meiner Generation?“ Und der hätte gesagt: „Pech gehabt! / Ihr seid ja nun mal wirklich viel zu spät, jetzt weiß ich nicht, ob überhaupt noch was geht. / Jetzt stellt euch alle einfach mal hinten an, ich geh nach vorn und sehe nach, ob ich was machen kann.“ / Nach stundenlangem Warten kommt er endlich zurück, / doch die Nachricht, die er für uns hat, bringt uns auch kein Glück / „Habt ihr nicht irgendwelche reichen Onkels und Tanten? Oder sonst irgend’ne Sorte von Verwandten? / Oder Beziehungen vielleicht, die helfen oft weiter, ihr müßt ja nicht grad ganz bis nach oben auf der Leiter. / Hier jedenfalls wird sowieso bald dichtgemacht, aber das bleibt unter uns, ich habe nichts gesagt.“

Natürlich könnte ein Älterer jetzt seine Stimme erheben und eine Gegenrechnung aufmachen. Aber mir geht es jetzt nicht um Rechnungen, sondern um die Frage, wie wir mit dem „Clash of Generations“ umgehen sollen, der an die Seite des „Clash of Cultures“ zu treten droht. Um diese Frage zu beantworten, tut Besinnung not, biblische Besinnung. Diese wird sich nicht auf einen einzigen Text stützen, sondern drei Textgruppen bedenken, drei Schritte tun.

Erster Schritt

Das Alte Testament setzt ein mit einer großen Generationenutopie. Gott offenbart sich nicht jedem einzelnen für sich, sondern jedem so, daß eine Kette entsteht. So wird aus diesem unbekannten, ganz anderen Wesen ein Gott mit Gesicht und Geschichte: der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott der Väter und Vorväter, der zugleich der Gott der Kinder und Kindeskinder ist, die so zahlreich sein sollen wie die Sterne. Eine Staunen erregende Familiengeschichte, eine unendliche Geschichte von Generation zu Generation.

Gott und die Generationenfolge gehören unlöslich zusammen. Der einzelne Mensch kann isoliert nicht bestehen. Er muß eingefügt sein in ein Netz von Vor- und Nachfahren. Er muß wissen, woher er kommt, zu wem er gehört und wer sein Erbe weitertragen wird. Dies hat eine Glaubensseite. Der einzelne Mensch kann nicht isoliert glauben. Er muß eingefügt sein in eine familiäre Glaubensgeschichte. Er muß wissen, woher seine Gotteserkenntnis stammt, mit wem er sie teilt und an wen er sie weitergibt. Wenn er das aber weiß, wird aus dem fremden Gott das innere Band seiner eigenen Lebensgeschichte, seiner Herkunft und Zukunft - der Gott, der spricht: Ich bin der Gott deiner Urgroßeltern, deiner Großeltern, deiner Eltern und darum auch dein Gott. Und ich werde der Gott deiner Kinder und Enkel und Urenkel sein und auch darin dein Gott.

Der Generationenglaube der Vätergeschichten setzt eine Moralität aus sich heraus, die ihre eigene Weisheit besitzt. Am sinnfälligsten erscheint sie in dem Doppelgebot der Ehrfurcht: „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott“ (Lev 19,32). Beides ist miteinander gekoppelt: die Furcht Gottes und der Respekt vor den Alten. Und beides hat seinen tieferen Sinn. Diesen hat Jesus Sirach aufgezeigt. Nach seiner Weisheit macht es einen Menschen glücklich, wenn er seine Eltern ehrt: „Liebe Kinder, gehorcht der Weisung eures Vaters und lebt nach ihr, damit es euch gut geht. Denn der Herr will den Vater von den Kindern geehrt haben und das Recht der Mutter von den Söhnen geachtet wissen“ (Sir 3,1-3). Das eigentliche Motiv dieses Respekts ist die Dankbarkeit: „Ehre deinen Vater von ganzem Herzen und vergiß nicht, welche Schmerzen deine Mutter um dich gelitten hat, und denke daran, daß du von deinen Eltern dein Leben hast“ (Sir 7,29). Aus Lebensdankbarkeit soll man seinen Eltern Respekt erweisen und zwar gerade dann, wenn sie gar nicht mehr so respektabel erscheinen: „Liebes Kind, nimm dich deines Vaters im Alter an und betrübe ihn ja nicht, solange er lebt; und habe Nachsicht mit ihm, wenn er kindisch wird und verachte ihn nicht im Gefühl deiner Kraft“ (Sir 3,14f). Dasselbe gilt von der Mutter. Wenn diejenigen, von denen man das Leben hat, sich zum Sterben aufmachen – gerade dann gilt es, Ehrfurcht zu empfinden. Das Elterngebot ist also nicht einfach ein Joch, das einem auferlegt wird. Denn seine eigentliche Bewährung zeigt sich, wenn die alten Herrschaften hinfällig geworden sind. Hier erweisen Töchter und Söhne, daß sie weise sind, wenn sie den Wechsel der Machtverhältnisse nicht ausnutzen, sondern ihre Eltern ehren, obwohl diese inzwischen schwach und krank, hinfällig und kindisch geworden sind.

Doch das ist nur die eine Seite. Es gibt noch eine Schattenseite. Wer in der Glaubens-Generationen-Folge stehen will, muß einen hohen Preis entrichten. Er muß sich einreihen. Er darf nicht aus der Reihe tanzen. Er muß sich zunächst und vor allem als Glied einer Kette verstehen. Er muß gehorchen. Und dieser Gehorsam muß ihm eingebläut werden: „Hast du Söhne, so erziehe sie streng, und beuge ihren Nacken von Jugend auf. Hast du Töchter, so gib gut auf sie Acht, und zeigen ihnen dein Wohlgefallen nicht allzu sehr“ (Sir 7,25f). Oder noch schlimmer: „Verhätschelst du dein Kind, so mußt du dich vor ihm fürchten; spielst du mit ihm, so wird es dich betrüben“ (Sir 30,9). Was für eine engherzige Maxime, nicht mit den eigenen Kindern zu spielen, weil sie einen dann nicht mehr fürchten könnten. Was für eine dumme Angst, sich wirklich dem eigenen Kind auszusetzen. Was für eine armselige Sorge um den eigenen innerfamiliären Machterhalt. Was für eine törichte Weisheit!

So kennt das alte Elterngebot nur eine Richtung. Die Alten werden geehrt. Die Jungen haben zu gehorchen. Daß auch sie Respekt verdienen, ist nicht vorgesehen. So schließt das Buch Jesus Sirach mit einem sechs Kapitel langen Lobgesang auf die Väter (44 – 49). Ein Lob der Söhne und Töchter sucht man vergeblich.

Zweiter Schritt

Der andere Jesus, Jesus von Nazareth, kehrt diese Weisheit um. Er gibt dem Gebot der Ehrfurcht eine neue Richtung. Jesus von Nazareth begründet eine radikale Jugendbewegung. Dabei war er selbst längst kein Jüngling mehr, sondern eher ein Mann in den besten Jahren, auf jeden Fall richtig erwachsen. Sein Protest gegen das Alte und die Alten war darum nicht altersbedingt, kein pubertärer Reflex, sondern theologisch begründet. Mit unbändiger eschatologischer Unruhe verkündet Jesus das schlechthin Neue, das Reich Gottes. Die Zukunft des Heils ist Gegenwart geworden. Gottes Macht strahlt blendend auf. Gott ist da - jetzt, mitten unter uns. Was interessieren da noch die alten Vätergeschichten? Gott ist gegenwärtig. Alles ist dieser Erfahrung unterzuordnen. Alles, was sich dieser Erfahrung widersetzt, ist abzutun.

Von hier aus spricht Jesus eine ganz Reihe von harten Pietätlosigkeiten aus, die wir auf unseren Kanzeln gern abmildern. Die Weisheit der Alten wischt er vom Tisch: Ihr habt gehört, wie euch die Alten sungen, aber ich stimme ein neues Lied an. Ich habt euch angehört, was die Alten euch lehrten, aber ich habe eine andere, bessere Weisheit (vgl. Mt 5,21-33). Die werde ich jetzt verkünden, daß den alten Herren Hören und Sehen vergeht. Ich habe eine neue Botschaft. Die sprengt alles, was Euch überliefert worden ist. Das ist ein neuer Wein. Den können die alten Schläuche, Bäuche und Gehirne nicht vertragen (Mt 9,16f).

Jesus scheut vor keiner persönlichen Verletzung zurück. Seiner Mutter verweigert er nicht nur den Respekt. Er will sie gar nicht mehr kennen. Mutter und Familie sind für ihn diejenigen, die seine Worte hören. Die Nachfolge ersetzt die Generationenfolge. Man soll Hof und Haus, Brüder und Schwestern, Väter und Mütter verlassen um seines Namens willen (vgl. Mt 19,29). Familiäre Bindungen sind irrelevant (vgl. Mt 12, 46-50). Jesus geht so weit, daß er sogar dazu aufruft, die eigenen Eltern zu hassen (Lk 14,25) und die Toten sich selbst begraben zu lassen (Lk 9, 57,60). Rücksichtsloser dürfte kaum jemand gegen das alte Gebot, die Alten zu ehren, gesprochen haben. Aber die Pietätlosigkeit war für Jesus kein Selbstzweck. Es ging ihm allein darum, die Menschen frei zu machen für die Gegenwart Gottes. Denn was nützte es einem Menschen, wenn er sich bis auf Abraham, Isaak und Jakob zurückbezöge, seinen Eltern gehorsam wäre und selbst Kinder und Kindeskinder hätte bis in alle Ewigkeit, wenn er Schaden nähme an seiner Seele?

Aus diesem Grund dreht Jesus das alte Gebot um. Nicht die Alten soll man ehren, sondern die Kinder. Denn Kinder leben nicht in Vergangenheit oder Zukunft, sondern ganz in der Gegenwart. Damit kehrt Jesus die Ordnung der patriarchalen Ordnung um. Wenn er sagt, man solle wie ein Kind werden (Mk 19, 14), dann empfiehlt er das genaue Gegenteil dessen, was die alten Weisheitslehrer angemahnt hatten, nämlich erwachsen zu werden und nicht mehr wie unmündige Kinder oder zügellose Jugendliche zu leben. Jesus aber sagt, daß man nicht in Würde und Weisheit alt, sondern wieder neu geboren werden soll – und zwar nicht von einem Vater, der in einer langen Reihe von Vätern steht, sondern vom Geist, unmittelbar aus Gott, gegen die natürliche Ordnung, die nun nicht mehr vom Glauben durchdrungen, sondern aufgebrochen wird (vgl. Joh 3,4). Denn der neue Mensch steht jenseits der Generationenfolge (vgl. z.B. Eph 4,22-24). Seine Herkunft ist gleichgültig, wenn er nur in der Gegenwart des Gottesreiches lebt.

Dritter Schritt

Was aber geschieht, wenn das eschatologische Drängen sich beruhigt? Was geschieht, wenn das Reich Gottes diese Welt nicht einfach ablöst, sie nicht äußerlich umstürzt, sondern innerlich überwindet? Was geschieht mit dem Verhältnis von Alten und Jungen, wenn die lange Geschichte der Generationen weitergeht? Diese Fragen mußten sich die ersten Christen stellen, als sie bemerkten, daß sie auch als Jünger Jesu Kinder ihrer Eltern blieben und selbst Eltern von neuen Kindern wurden. Die ersten Christen standen damit vor demselben Problem wie wir. Ein Zurück zur alten Ordnung von Jesus Sirach, eine patriarchale Reaktion kann es für uns nicht geben. Aber den Protest Jesu gegen das Alte können wir auch nicht ewig wiederholen. Wir können nicht so ruhe- und heimatlos, kinder- und elternlos leben wie er und seine Jünger.

Wir brauchen also so etwas wie eine Theologie der Generationen. Sie müßte deutlich machen, daß „Generation“ eine geistliche Dimension darstellt. Mein Glaube läßt sich nicht genealogisch herleiten. Es ist mein Glaube. Ich stehe unmittelbar zu Gott. Aber diese Unmittelbarkeit kommt nicht aus heiterem Himmel. Ich glaube nicht für mich allein. Mein Glaube steht in einer langen Geschichte. Ich blicke zurück auf eine Fülle von älteren Wahlverwandten, geistlichen Vätern und Müttern des Glaubens. Für mich sind das vor allem die Dichter der Psalmen, die Evangelisten und Paulus, Augustin und Luther, Schleiermacher und Harnack. Aber auch kleinere Gestalten mit weniger bekannten Namen gehören dazu - etwa Frederic William Robertson und R.S. Thomas, Theophil Askani und Eginald Schlattner. Ich sehe mich eingewoben in einen langen, alten, dichten, bunten Teppich.

In diesen Teppich gehören aber auch Menschen, die ich nicht durch Lektüren, sondern leibhaftig kenne. Und niemanden kenne ich so leibhaftig wie meine Familie, meinen Vater, meine Mutter und deren Väter und Mütter. Ich mußte erst selbst erwachsen werden, um zu begreifen, wie sehr sie mich geprägt haben. Gerade jetzt, da meine Mutter gestorben ist und mein Vater allein älter wird, geht mir auf, wie sehr die lange Geschichte meiner Familie mein Leben und meinen Glauben bestimmt. Und indem mir dies aufgeht, leuchtet mir auch das alte  Elterngebot neu und anders ein und ich empfinde so etwas wie Ehrfurcht vor meinen eigenen Eltern und Groß- und Urgroßeltern. Und da ich nun auch selbst Vater geworden bin, merke ich, wie - fast unbewußt - in mir der Wunsch groß wird, von diesem Erbe etwas an meine Kinder weiterzugeben. So sprechen die alten Väter- und Müttergeschichten heute neu zu mir.

Welche Folgen hätte nun eine – hier bloß angedeutete - Theologie der Generationen für eine Ethik der Generationen? In einigen wenigen, für gewöhnlich kaum beachteten Texten aus dem hinteren Winkel der Bibel kann man zumindest eine wichtige Andeutung finden. Da heißt es im 1. Timotheusbrief: „Einen Älteren fahre nicht an, sondern ermahne ihn wie einen Vater..., die älteren Frauen wie Mütter“ (1. Tim 5, 1f). Die Älteren sollen also geehrt und zugleich kritisiert werden. Die Jüngeren dürfen sie kritisieren, ja sie sollen es sogar, aber so, daß dabei der Respekt nicht verloren geht. Für Jesus Sirach wäre das noch undenkbar gewesen. Aber einen weiseren Rat gibt es nicht, um den Frieden in der Gemeinde zu gewährleisten. Dieser Friede kann nicht durch blinde Unterordnung wachsen, sondern nur durch präzise, sachliche, respektvolle Kritik. Und weil jeder kritikbedürftig und –berechtigt  ist, gilt ein neues Gebot: das Doppelgebot der wechselseitigen Kritik und wechselseitigen Ehrfurcht. Der Titusbrief führt dies weiter aus: „Den alten Männern sage, daß sie nüchtern seien, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Geduld; desgleichen den alten Frauen, daß sie sich verhalten, wie es sich für Heilige ziemt, nicht verleumderisch, nicht dem Trunk ergeben. Sie sollen aber Gutes lehren und die jungen Frauen anhalten, daß sie ihre Männer lieben, ihre Kinder lieben, besonnen seien, keusch, häuslich und gütig“ (Tit 2, 2-5). Der gleiche Laster- und Tugendkatalog gilt für alle, für die Alten wie für die Jungen. Jeder soll dem anderen Vorbild sein, jeder den anderen kritisieren dürfen. Die Gebote werden nicht von den einen vertreten und den anderen gehorsam angenommen, sondern alle erinnern sich wechselseitig daran, wie man leben sollte. Die auch heute noch bei besorgten konservativen Zeitgenossen beliebte Frage – wie man dennum Himmels willen die christlichen Werte den Kindern und Jugendlichen vermitteln könne – wird hier umgekehrt. Hier sind es die Jungen, welche die Alten dazu anhalten, ein gutes, christliches Leben zu führen.

Im 1. Petrusbrief wird dies noch dadurch verschärft, daß die Ältesten nicht nur als Angehörige einer anderen Generation, sondern auch als Amtsträger angesprochen werden. Es ist sicherlich exegetisch nicht korrekt, sondern nur eine Assoziation, trotzdem nicht ohne bedenkenswerten Hintersinn, wenn in der deutschen Bibelübersetzung Altersangaben auch Berufungen bezeichnen: die Ältesten sind die Leiter der Gemeinde, die Jünger sind die Nachfolger Jesu. Jedes Alter hat seine Berufung, jede Generation hat ihren „Beruf“. Jeder Generation gebührt Ehrfurcht und Respekt. Jede hat Ehrfurcht und Respekt zu bezeugen. Es gilt die Maxime des wechselseitigen Ehrens und Demütigens. Die Alten sind anders als die Jungen und die Mittleren. Jeder hat etwas, das dem anderen fehlt. Jedem fehlt etwas, das der andere hat. Keiner hat alles. Keiner ist ohne Sünde. Jeder hat seine Versuchung. Jeder ist der Kritik durch den anderen bedürftig. Wessen er bedürftig ist, worin seine Schwäche liegt, erkennt er nirgends so präzise und genau wie im Angesicht des anderen, der anderen Generation. Darum möge keine Generation damit ihre kostbare Lebenszeit vertun, sich über den Splitter im Auge der anderen Generation zu ereifern, sondern möge sich darum bemühen, in der anderen Generation einen Spiegel zu sehen, der dazu hilft, den Balken im eigenen Auge zu erkennen.

Kritik anzunehmen, ist schwer. Aber ein „Clash of Generations“ wird sich nur verhindern lassen, wenn die Jungen wie die Alten sich wechselseitig kritisieren und darin die Ehre erweisen. Ein Friede der Generationen wird nur möglich sein, wenn die Alten und die Jungen sich wechselseitig in Demut üben. Denn die recht verstandene Demut ist die Quelle der Gerechtigkeit und Freiheit sowie  – nicht zu vergessen - aller guten Manieren in Familie, Gesellschaft und Kirche.



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