Morgenandacht

Ulrike Trautwein (3. Tagung der 10. Synode der EKD Magdeburg, 7. - 12. November 2004)

09. November 2004

Guten Morgen, liebe Schwestern und Brüder!

Der 9. November ist ein schwieriger Tag für uns, ein echtes deutsches Datum, auf das sich vieles konzentriert. Am 9. November 1918 wurde Wilhelm II. zur Abdankung gezwungen, und vom Reichstag aus rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die Deutsche Republik aus. 1938 findet die so genannte Reichskristallnacht statt, jüdische Geschäfte und Synagogen werden in ganz Deutschland zerstört. Es wird immer deutlicher, auf was für einen Wahnsinn die nationalsozialistische Rassenpolitik zusteuert. Und dann der 9. November 1989, der Fall der Mauer, Anlass zu großer Freude und zu tiefen Veränderungen in unserem Land.

Anhand dieses Tages kann man gut die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts erzählen, die uns nach wie vor heftig prägt. Und so bleibt es unsere Aufgabe, all das weiterzuverarbeiten und weiterzugeben, damit aus dem Erinnern etwas Neues wachsen kann. Und so sind wir zusammen im Namen Gottes, der uns verantwortlich in diese Welt gestellt hat. Im Namen Jesu Christi, der den Schrecken des Todes mit den Gequälten der Erde geteilt hat. Und im Namen des Heiligen Geistes, der uns mahnt und ermutigt zu neuen Wegen. Amen.

(Lied EG 452, Strophen 1, 2 und 5: „Er weckt mich alle  Morgen“, das Jochen Klepper 1938 geschrieben hat. – Der Psalm 31, Nr. 716 EG, wird gemeinsam gebetet.)

Wir wollen beten. Gott, wir suchen an diesem Tag Halt, Stille, Zeit zum Hören in uns, auf Dich, in Gemeinschaft mit anderen. Wir beten für uns, für die vielen, die der Erinnerung ausweichen, die nichts mehr hören wollen, für die, die sich nicht selbst zu Gehör bringen können, weil die Befreiung vom Nationalsozialismus für sie zu spät kam, und für die, die enttäuscht und verbittert sind über die Entwicklung, die unser Land genommen hat. Gott, du gedenkst unser nach Deiner Gnade. Lass uns Dein Licht leuchten und führe uns auf den Weg des Friedens. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! Gott, mein Gott, ist das schön! Sie haben eine Postkarte vor sich. Leider hat sie nicht mehr für die Gäste gereicht, ich konnte nicht genug Karten bekommen, aber vielleicht können Sie sich die Karte nachher bei uns anschauen.

Gott, mein Gott, ist das schön! Ja, dieser Text steht auf der Karte und dazu ein entsprechendes Bild einer Frau mit jubelnd ausgestreckten Armen. Die junge Künstlerin, die das gemalt hat, drückt damit aus, wie lebensbejahend und fröhlich sie selbst sich in diesem Moment fühlt. Und das ist es ja auch, was wir unseren Kindern, der nachfolgenden Generation so gerne weitergeben wollen: dass sie nicht alles selbstverständlich nehmen, sondern jubeln und Dank empfinden für die Schönheit des Lebens, für das Wunder der Natur und für die Einzigartigkeit unserer Welt überhaupt. Denn wer sich freuen und wer danken kann, hat mit Sicherheit ein viel größeres Gefühl für die Kostbarkeit unseres Lebens und ist dadurch stärker motiviert, achtungsvoll mit allem Lebendigen umzugehen. Eine lebensbejahende Haltung, die darauf vertraut, dass es schon wird mit unserem Leben, die nicht ängstlich ständig alle Für und Wider abwägt – so eine Haltung würde uns hier in Deutschland viel helfen in dieser Fertilitätskrise, die hier ständig unser Thema ist, wobei ich nicht vom Tisch wischen will, wie schwer es unsere Gesellschaft Menschen macht, Kinder zu bekommen und aufzuziehen.

Gott, mein Gott, ist das schön! Diese Zuversicht, dass wir durch unser Leben gehen mit allen Höhen und Tiefen, kraftvoll, sicher nicht immer bewahrt, aber trotzdem nicht an dem zerbrechen, was uns widerfährt. Diese Zuversicht wollen wir unseren Kindern  weitergeben und alles dafür tun, dass sich ein solcher Glaube bei ihnen verwurzeln kann und sie mit entsprechendem Gottvertrauen aufwachsen.

Charlotte Salomon hat dieses Bild auf der Postkarte 1942 gemalt zu einer Zeit, in der es wenig Grund gab, zuversichtlich zu sein, geschweige denn das Leben zu genießen, zumal als Jüdin. Sie wurde 1917 in Berlin geboren, sie wuchs dort in einer großbürgerlichen Familie auf. Ein Jahr vor ihrem Abitur 1933 verließ sie die Schule, weil antisemitische Anfeindungen dort inzwischen auf der Tagesordnung standen.

Ab 1935 studierte sie auf der Vereinigten Staatsschule für freie und angewandte Kunst. Bei einem Wettbewerb, den die Schule ausgeschrieben hatte, sollte sie den 1. Preis bekommen. Sie bekam ihn aber nicht, weil ihr Lehrer verhindern wollte, dass ihre jüdische Herkunft bekannt würde. Daraufhin verließ sie die Schule.

Am 10. November 1938, also einen Tag nach der Kristallnacht, wurde ihr Vater, der Chirurg Albert Salomon, verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Unter großen Mühen gelang es der Familie, ihn Wochen später frei zu bekommen. Geschunden und abgemagert kehrte er zur Familie zurück.

1939 emigrierte Charlotte Salomon nach Südfrankreich, wo bereits ihre Großeltern waren. Am 5. März 1940 nahm sich Charlottes Großmutter aus Angst vor den nahenden Truppen der Deutschen das Leben. Daraufhin bricht ihr Großvater sein Schweigen und erzählt Charlotte das Geheimnis, das die Familie schon lange belastet. Auch Charlottes Mutter, Charlottes Tante sowie mehrere andere weibliche Familienmitglieder hatten Selbstmord begangen. Charlotte hatte man immer erzählt, ihre Mutter sei an Grippe gestorben.

Es existierte also eine Kette von Selbstmorden, die wie ein Fluch auf dieser Familie zu liegen schienen. Diese Offenbarung des verzweifelten Großvaters endet damit, dass er zu Charlotte sagt: Nun bring dich doch auch um, damit das Geblöke endlich aufhört. – Er erträgt dieses scheinbar unentrinnbare Schicksal nicht mehr, das den Frauen seiner Familie auferlegt zu sein scheint.

Aber Charlotte reagiert ganz anders. Nachdem sie der Großvater über dieses Familienschicksal aufgeklärt hat, bittet sie: Lieber Gott, lass mich nicht wahnsinnig werden! – Und sie fängt an zu malen und zu schreiben. In nur 18 Monaten von 1940 bis 1942 malt sie ihre Lebensgeschichte. Es entstehen 1 325 Blätter mit Bildern und Texten, die sie auch noch mit Musik unterlegt. Sie nennt es ein Singspiel „Leben? oder Theater“. Es ist eine Bilderzählung, bei der Wort und Bild wie in einem Comic gleichwertig nebeneinander stehen.

Und damit malt sie gegen diese Krankheit und sie malt sich heraus aus diesem fatalen Familienzusammenhang. Und Charlotte Salomon schafft es, sich zu befreien, indem sie sich all ihre Angst und all ihre Qual von der Seele malt und schreibt. Sie will nicht im Selbstmord enden wie ihre Mutter, die Tante, die Großmutter. Sie will leben. Und damit bearbeitet sie die Verstrickung in der Familie auf einzigartige Weise. Sie lässt es nicht zu, sich von den schwierigen Dingen, die wir ja alle auf unterschiedliche Weise erben, fesseln zu lassen, und sie zeigt damit, dass wir nicht verdammt sind, die Bürden unserer Familien ungebrochen weiterzutragen. Eine erstaunliche Leistung, die sich auch unmittelbar in Charlottes Leben niederschlägt.

Dort, in Südfrankreich versteckt, verliebt sie sich, sie heiratet sogar und sie wird schwanger. Gott, mein Gott, ist das schön, schwanger zu sein, Leben in sich wachsen zu spüren, all die Hoffnung, die Freude, die sich damit verbinden kann – ein unglaubliches Gefühl, ein riesiges Geschenk Gottes. Trotz ihrer Familiengeschichte, trotz der Geschichte des jüdischen Volkes, zu dem sie gehört, ist sie erfüllt von Hoffnung und sie erwartet in ihrem Kind die Zukunft.

Aber Charlotte Salomon wird verraten. Sie kommt nach Auschwitz, wo sie, im fünften Monat schwanger, 1943 vergast wird. Ihr Werk übersteht im Versteck den Krieg und heute gehört es dem Jüdisch-Historischen Museum in Amsterdam. Wir hatten es im vergangenen Sommer bei uns in Frankfurt im Städtel ausgestellt und dort habe ich es gesehen.

Mich hat fasziniert, mit welchem Mut sie gegen diese familiäre Disposition angeht und dabei immer wieder dieses Gottvertrauen an den Tag legt. Wenn Menschen gerade noch in schweren Zeiten Augen für das Lob Gottes und das Lob der Schöpfung haben, dann beeindruckt mich das tief.

Wir neigen ja immer eher dazu, nur dann zu danken, wenn es uns gut geht. Bei Charlotte Salomon und auch in den Psalmen ist das anders. Da wird neben der Klage Gott gelobt. Man kann sich das heute kaum vorstellen, dass einer, dass eine, der es so richtig schlecht geht, solche Sätze betet wie aus Psalm 31: „Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not und übergibst mich nicht meinen Feinden. Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

In unserem Empfinden sind Lob und Klage zu Gegensätzen geworden. In der Welt der Psalmen ist das anders. Da ist es selbstverständlich, gerade in der Not Gott zu loben. Das Loben erinnert Gott an seine Treue, Güte und Gerechtigkeit.

Im Loben betet sich der Beter/die Beterin hinein in die Gewissheit, dass Gott bewahrt, befreit und sein Angesicht leuchten lässt, was auch immer geschieht in unserem Leben.

Ob Charlotte Salomon ihr Gottvertrauen behalten konnte, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht von uns selber, wie zerbrechlich unser Vertrauen in den schlimmsten Situationen sein kann. Aber mit dem Namen Jesus verbindet sich für uns die Zuversicht, dass Gott ein gutes und ein gerechtes Leben für uns alle will und dass wir dem entgegenglauben und entgegengehen können.

Wie viele Menschen haben wir uns genommen durch den ungeheuerlichen Massenmord im Dritten Reich, Menschen, die uns heute noch immer fehlen. 61 Jahre alt wäre das Kind erst, das Charlotte Salomon bekommen hätte. Der 9. November 1938 war ein deutliches Fanal für das, was kommen sollte. Aber es wurde nicht gesehen, und niemand ist richtig dagegen aufgestanden.

Auch wenn der Fall der Mauer am 9. November 1989 für einen Moment etwas Neues über dieses schwere Datum gelegt hat, wissen wir doch ganz genau, dass wir noch lange mit dieser Schuld zu tun haben und dass die Freude über den Mauerfall auf einem anderen Blatt steht und nichts abmildert. Ja, wir müssen uns unserer Geschichte erinnern, und wir müssen sie weitergeben. Dann haben wir eine Chance, an dieser Schuld zu wachsen und in den kommenden Generationen aus dieser Schuld heraus zu wachsen.

Wir sind alle geprägt von unserer gemeinsamen deutschen Geschichte und natürlich auch von unseren jeweils individuellen Familiengeschichten. Darum möchte ich mit Ihnen jetzt ein Lied meines Vaters Dieter Trautwein singen, der heute vor zwei Jahren, am 9. November 2002, gestorben ist. Er selber hat als zehnjähriger Junge den Brand der Synagoge in Gießen miterlebt, und das hat ihn zeit seines Lebens geprägt. Wir singen das Lied „Komm, Gott, binde doch nach des Wahnsinns Flammen“. –

Ich möchte mit Ihnen das Vaterunser beten. –

Gott, segne uns und behüte uns! Gott, gib uns Liebe, wo Hass ist, Kraft, wo Schwachheit lähmt, Toleranz, wo Ungeduld herrscht, Offenheit, wo alles festgefahren scheint! So sei Gottes Segen mit uns allen, beflügle unsere Hoffnung und begleite uns wie ein Licht in der Nacht. Amen.



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