Texte zum Schwerpunktthema

Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen

Referat zum Schwerpunktthema: Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen

Prof. Dr. Dr. h.c. Rosemarie Nave-Herz, C. v. Ossietzky-Universität Oldenburg

3. Tagung der 10. Synode der EKD
Magdeburg, 7. - 12. November 2004

Es gilt das gesprochene Wort.

Wenn ich heute zu Ihnen über das Thema „Keiner lebt für sich allein - Vom Miteinander der Generationen“ sprechen soll, so ist zunächst festzuhalten, dass das Thema zwei Unterstellungen enthält.

Erstens. Kann man überhaupt von einem Miteinander der Generationen sprechen? In Massenkommunikationsmitteln wird, wie Sie selbst gelesen haben, verstärkt von einem „Kampf“, sogar von einem „Konflikt“ zwischen den Generationen gesprochen. Im folgenden Vortrag werde ich zentral diese Frage, ob ein Miteinander oder ob ein Konflikt zwischen den Generationen in Deutschland gegeben ist, behandeln. Es geht mir also nicht um eine Darstellung, wie ein Miteinander der Generationen aussehen bzw. gestaltet sein sollte, sondern nur, ob es ein Miteinander gibt oder nicht.

Wenn - und das darf ich Ihnen schon jetzt verraten - die empirischen Daten, die ich präsentieren werde, auch eine Entdramatisierung des Generationenkampfes belegen, so bedeutet dieses Ergebnis jedoch nicht, dass wir uns auf dem Gegebenen ausruhen können. Im Gegenteil: Damit die Brücke zwischen den Generationen weiterhin hält, ist vieles gezielt zu verändern. Hierauf werde ich mich immer wieder an entsprechender Stelle beziehen, nämlich auf notwendige Veränderungen.

Zweitens. Das mir gestellte Thema geht wie selbstverständlich davon aus, dass wir alle mit dem Wort „Generation“ den gleichen Sachverhalt assoziieren. Das aber wird nicht der Fall sein, weil der Begriff „Generation“ sich auf unterschiedliche Personengruppen beziehen kann. Auf alle Definitionsproblematiken, die mit dem Generationsbegriff verbunden sind, kann ich im Rahmen dieses Vortrages nicht eingehen. Aber im Hinblick auf den Begriff der Generation ist es wichtig zu unterscheiden, ob das Wort zur statistischen Beschreibung der verschiedenen Altersgruppen in einer Gesellschaft verwendet wird oder ob es sich auf die vertikale Rollenstruktur von Familien bezieht. Wir sprechen dann auch von den „familialen Generationen“. Diese beiden Sichtweisen müssen streng auseinander gehalten werden, also die Differenz der gesellschaftlichen Struktur nach Altersgruppen - die Altersstufenbegrenzungen sind in der Literatur unterschiedlich festgelegt - und die Abfolge der vertikalen Rollenstruktur innerhalb der Familie. Im Alltag spricht man einfach von Eltern, Großeltern, Urgroßeltern usw.

Das Thema Generationen und die Bildung des Slogans „Generationenkampf“ wurde ausgelöst durch den demographischen Wandel der letzten Jahrzehnte in unserer Gesellschaft, durch die Veränderung des quantitativen Verhältnisses zwischen den Altersgruppen, also zwischen den gesellschaftlichen Generationen. Ich möchte Ihnen diese Dramatik der Entwicklung nochmals durch das Schaubild der Veränderung der Bevölkerungspyramide veranschaulichen, die zu einer Tanne oder zu einem Pilz - oder manche sprechen auch von einer Birne, es sind unterschiedliche Bezeichnungen, die man heute verwendet - inzwischen mutierte. Sie haben hier die Abfolge von 1910 bis 2001 - das sind die linken Schaubilder. Die zu erwartende Pyramide ist abgebildet von 2050. Es ist zu vermuten, dass der birnen- und pilzförmige Bevölkerungsaufbau noch weiter zunehmen wird, da mit einem Anwachsen der Geburten kaum zu rechnen ist, wohl aber mit der weiteren Erhöhung des Lebensalters.

Im folgenden Vortrag werde ich diese Behauptung belegen. Ich gehe im ersten Teil zunächst auf die Gründe der abnehmenden Geburtenzahlen und der steigenden Kinderlosigkeit in Deutschland ein. Im zweiten Teil werde ich sehr ausführlich über das Problem der Alterung unserer Gesellschaft sprechen, und das sehr allgemein, sehr grundsätzlich aus einer soziologischen Sicht. Ich werde dabei nicht auf Themen eingehen wie die der zukünftigen Renten, des Arbeitsmarktes und der Sozialpolitik. Die Beschränkung, wie sie in der öffentlichen Diskussion geführt wird, allein auf den Aspekt der Renten kennzeichnet zwar ein wichtiges Problem, reduziert aber die gesamtgesellschaftliche Perspektive erheblich.

Da die quantitative Verteilung zwischen den gesellschaftlichen Organisationen nicht mehr umkehrbar ist, die Richtung des Wandels also irreversibel ist, können Klagen und Untergangsstimmungen hier nicht weiterhelfen. Stattdessen muss nach neuen Potenzialen Ausschau gehalten werden. Hierfür ist eine neue Sichtweise im Hinblick auf das quantitative Verhältnis der verschiedenen Altersgruppen notwendig, weil nur diese neue gegenseitige Anforderungen an die einzelnen gesellschaftlichen Generationen ermöglicht. Die Frage ist nämlich nicht, ob Deutschland altert, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht und ob die demographische Alterung als Katastrophe zu bewerten ist oder einfach eine Herausforderung darstellt, eine Herausforderung für Sozialwissenschaftler, Politiker und Kirchen.

Ehe ich hierauf näher eingehe, möchte ich zunächst, wie angekündigt, nach den verursachenden Bedingungen der Abnahme der Geburtenquote fragen, die sich rein statistisch vor allem durch die Abnahme der Drei- und Mehrkinderfamilie und durch die Zunahme der Kinderlosigkeit ergeben. Ich werde zeigen, dass nicht anzunehmen ist, wie ich schon erwähnte, dass bei den zurzeit gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen die Geburtenzahlen in Deutschland steigen werden. Zwar wäre unter bestimmten veränderten Rahmenbedingungen eine gewisse Zunahme denkbar - darauf gehe ich später noch ein -, aber das quantitative Verhältnis wird sich durch den weiteren Anstieg der älteren Bevölkerung kaum verändern.

Die Reduktion der Geburtenzahlen ergibt sich vor allem aus einem Funktionswandel von Kindern. Kinder waren in früheren Zeiten notwendig für die Mithilfe in Haushalt und Betrieb, für die Versorgung bei Krankheit und im Alter und anderes mehr. Dagegen werden heute Kinder gewünscht und geplant aus immateriellen Gründen. Man sucht vor allem die emotionale Beziehung. Man freut sich über das Aufwachsen-Sehen des eigenen Kindes, auf seine Zärtlichkeit und anderes mehr. Selbstverständlich ist damit auch eine Gefahr verbunden, nämlich die der möglichen Überforderung der Familie im emotionalen Bereich bis hin zu neurotischen Störungen.

Um es noch einmal zu betonen: Unsere Kinder waren früher vor allem Träger materieller Güter und wurden - nicht wie heute - ausschließlich um ihrer selbst willen und/oder zur eigenen psychischen Bereicherung gewünscht. Hierzu reichen aber wegen der sehr geringen Säuglingssterblichkeitsquote ein bis zwei Kinder aus. Hinzu kommt nämlich, dass neben der sinnstiftenden Funktion von Kindern sich die Anforderungen an die Elternrolle, die Ansprüche an ihre Erziehungskompetenz, die finanziellen Belastungen usw. zeitgeschichtlich erhöht haben - ich bin hierauf in meinem Buch „Familie heute“ sehr ausführlich eingegangen -, so dass die geringe Kinderzahl in der Familie bei unseren gegebenen sozialen und ökonomischen Bedingungen geradezu gesellschaftlich funktional ist.

Die Abnahme der Kinderzahl in unserer Gesellschaft hat nicht nur sozial- und arbeitsmarktpolitische Folgen, sondern auch qualitative im Hinblick auf die Beziehungen zwischen den Generationen. Die Zweikindfamilie, insbesondere aber die Einkindsituation bringt das Kind in eine Minoritätenstellung innerhalb des gesamten Familienverbandes, also einschließlich der beiden Großelternfamilien.

Gegenüber Minoritäten aber - so lautet eine alte, wohl bekannte These der Sozialpsychologie - verhält sich die Umwelt selten neutral. Sie nehmen entweder eine unterprivilegierte Stellung ein oder sie genießen eine besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit. Kinder scheinen aber nun im Verwandtenverband wegen ihrer geringen Zahl zum kostbaren Gut bei uns zu werden, dem man das Beste, was immer man darunter verstehen mag, zukommen lassen möchte. So positiv diese Situation für das Kind zunächst erscheint, kann diese jedoch durch Verwöhnungseffekte auch zu Defiziten in seiner Entwicklung führen.

Kinder bilden aber heutzutage nicht nur eine Minorität im Familienverband, sondern ebenso in der Gesamtgesellschaft. Hier scheint der andere genannte Verhaltensaspekt gegenüber Minoritäten zum Tragen zu kommen: ihre Abwertung, was häufig mit Kinderfeindlichkeit beschrieben wird. Ich möchte diese Diskriminierung aber eher als eine fehlende Berücksichtigung von bzw. fehlende Achtung vor kindlichen Bedürfnissen beschreiben wollen, der man mit verstärkter Aufklärungsarbeit entgegenwirken sollte.

Wie Sie dem Lesebuch zur Vorbereitung der EKD-Synode 2004 entnehmen konnten, bleibt ein Drittel der Frauen heutzutage zeit ihres Lebens kinderlos, setzt also die Generationenfolge nicht fort. Steckt dahinter de facto eine bewusste Aufkündigung des Miteinanders der familialen Generationen? Empirische Untersuchungen über kinderlose Ehepaare haben feststellen können, dass diese Ehepaare sehr wohl mit der Eheschließung auch den Wunsch nach gemeinsamen Kindern verbinden. Die Einlösung des Kinderwunsches wird überwiegend wegen der Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Kindern verschoben und weil die mütterliche Erwerbstätigkeit während der Kleinkindphase jedenfalls in den alten Bundesländern noch immer ein negatives Image besitzt.

Diese öffentliche Einstellung ist in anderen Staaten unbekannt. So kennen zum Beispiel Schweden und Frankreich trotz hoher Erwerbstätigkeit der Mütter diese hohe Kinderlosenquote wie in Deutschland nicht, weil in diesen Staaten erwerbstätige Mütter von Kleinstkindern eine Selbstverständlichkeit sind und einem Normalitätsmuster entsprechen sowie Infrastruktureinrichtungen zur Kinderbetreuung zur Verfügung stehen.

Wie stark in dieser Beziehung nur ein Familien- und Mutterideal in Deutschland gegenüber anderen Gültigkeit besitzt, zeigt die Folie. Interessant ist der große Ost-West-Unterschied. Er ist auch daraus erklärbar, was von der westdeutschen Bevölkerung zumeist nicht mitbedacht wird, dass in den neuen Bundesländern bereits die Urgroßeltern, die Großeltern, die Eltern eigene Erfahrungen - und wohl positive - mit institutioneller Kleinkindbetreuung gemacht haben, weswegen sie diese auch für ihre eigenen Kinder wählten bzw. wählen würden. Selbstverständlich müssen derartige Institutionen bestimmten Qualitätsmerkmalen entsprechen.

Insgesamt muss aufgrund aller vorliegenden Untersuchungen betont werden, dass, wenn die Vereinbarkeitsproblematik von Familie und Erwerbstätigkeit nicht gelöst wird, die Kinderlosigkeit weiter steigen und das Miteinander der Generationen rein quantitativ problematisch wird. Um nicht missverstanden zu werden: Damit wird nicht die Erwerbstätigkeit etwa für alle Mütter gefordert, sondern auch für Mütter die Pluralität von Lebensformen, also eine reale Wahlfreiheit für alle Frauen.

In Bezug auf unser Thema, das Miteinander der Generationen, ist ferner hinzuzufügen, dass Großeltern als dauernde Betreuungspersonen immer weniger infrage kommen, da sie selbst noch erwerbstätig sind. In Notzeiten und gelegentlich, vor allem, wenn die Enkel älter sind, übernehmen sie, wie viele empirische Untersuchungen zeigen, Elternersatzfunktion und werden von ihren Enkeln auch sehr geschätzt.

Ich möchte nunmehr ausführlich auf die Fragen der Alterung unserer Gesellschaft eingehen und die Frage des Miteinander oder des Kampfes zwischen den verschiedenen Erwachsenengenerationen und der Erwachsenen- und Jugendlichengeneration behandeln.

Im Jahre 2050 - so prognostizieren Bevölkerungswissenschaftlicher - werden mehr als 10 Prozent der deutschen Bevölkerung 80 Jahre alt sein. Die Menschen werden alt und immer älter. P. Baltes & Baltes, die bekannten Altersforscher, betonen über die weiter zu erwartende Lebenswahrscheinlichkeit - ich zitiere -: „Selbstverständlich kann sich eine menschliche Kultur nur in Grenzen entfalten, die biologisch prinzipiell möglich sind. Man spricht von einem biologischen Maximalalter der Menschen von etwa 110 bis 120 Jahren.“

In den Massenkommunikationsmitteln wird immer wieder von einer Überalterung unserer Gesellschaft gesprochen. Die damit verknüpfte häufig nicht erkannte normative Sichtweise ist in Wissenschaft und Öffentlichkeit sehr umstritten. Deshalb wird im Zwischenbericht der Enquetekommission „Demographischer Wandel“ zu Recht betont: Die Kommission ist der Ansicht, dass es weder eine richtige bzw. eine optimale Altersstruktur gibt. Das heißt, es gibt keine Überalterung. Dies würde nämlich die Existenz einer richtigen Altersstruktur der Bevölkerung implizieren, und diese zu bestimmen ist wissenschaftlich nicht möglich, auch nicht durch den Arbeitsmarkt, dessen Altersbegrenzung politisch gesetzt und jederzeit verändert werden kann.

Bereits die Frage, ab wann von „alt“ gesprochen werden kann, ist allgemein gültig nicht beantwortbar, sondern ist eine Folge gesellschaftlicher Konvention. Damit ist „alt“ ein relativer Begriff. Das bei uns häufig gewählte Kriterium des Eintritts in den Ruhestand oder des Rentenalters verdeckt die unterschiedlichen Altersbegrenzungen zwischen den Berufen. Danach würden z. B. Professoren erst mit 68 Jahren alt und manche Politiker noch später, dagegen z. B. Offiziere je nach Rang weit früher. Ferner werden mit strikten Altersgrenzen die großen Unterschiede in gesundheitlicher und psychosozialer Hinsicht innerhalb eines Altersjahrganges nicht berücksichtigt. Das kann jedem Laien bei einem Klassentreffen auffallen, also beim Zusammentreffen von Personen des gleichen Jahrganges, die sich dennoch in der körperlichen Verfassung, im Aussehen, in der geistigen Interessiertheit, in der Schnelligkeit von Bewegungen usw. völlig unterscheiden.

Der Altersprozess ist kein rein biologischer Ablauf, sondern wird auch kulturhistorisch determiniert. Eine besondere Bedeutung zur Aktivitätserhaltung gewinnen bei diesem Prozess vor allem das Gesundheits-, das Ernährungs-, das Bildungsverhalten - das kommt für Sie in Frage; mit dieser Veranstaltung tragen Sie wieder ein Stück zu Ihrem Alterspotenzial bei - sowie die finanzielle Versorgung.

Sozialpolitisch wird insbesondere die Zunahme der Hochbetagten diskutiert, obwohl auch hier keineswegs von einem Automatismus von hoher Lebenserwartung und einer zunehmenden Pflegebedürftigkeit gesprochen werden kann. In diesem Zusammenhang ist vor allem daran zu erinnern, dass wir erst seit kurzer Zeit über die Möglichkeit eines rüstigen Alters überhaupt nachdenken und nach Chancen für ein gesundes Altern suchen. Denn lange Zeit herrschte in der Altersforschung die Disengagement-Theorie vor. Das heißt, man erklärte den sozialen Rückzug als unvermeidbaren Prozess, als naturbedingt; Alter wurde nur mit Abbauerscheinungen assoziiert.

In diesem Ansatz blieb die bereits erweiterte Heterogenität alter Menschen unberücksichtigt, weswegen eine derartige unilineare und biologische Sichtweise den komplizierten und komplexen Vorgang des Alterns nicht zu erklären vermag. Auch in Bezug auf die geistigen Fähigkeiten im Alter, insbesondere im Hinblick auf die Lernfähigkeit im hohen Erwachsenenalter, galt lange Zeit die Adoleszenz-Maximum-Hypothese, die besagt, dass die psycho-physische Leistungsfähigkeit eines Menschen bis zum 25. oder 30. Lebensjahr zunimmt und danach wieder kontinuierlich abnimmt.

Diese und viele ähnliche Theorien haben sich inzwischen als Irrtum und als zu grob bzw. zu schnelle Vereinfachung erwiesen. Selbstverständlich spielen im Alterungsprozess Fragen der Gesundheit und der Ernährung sowie biochemische Veränderungen usw. für die Lernfähigkeit eine Rolle; aber nach dem neuesten Stand der Forschung müssen monokausale Erklärungen für die Bestimmung von Lernfähigkeit abgelehnt werden. Auch die Annahme, dass rein biologische Faktoren allein als verursachend für eine Abnahme der Lernfähigkeit ausschlaggebend seien, krankhafte Zustände natürlich ausgeschlossen.

Insgesamt bestimmt weniger das chronologische Alter eines Menschen seine Lernfähigkeit als externe Bedingungen, die Schulbildung, Beruf, familiäre Situation usw. Die Funktionsfähigkeit eines Organs wird durch dauernde Übung und durch gezielte Ausgleichsmaßnahmen verbessert bzw. in seiner Leistungsfähigkeit erhalten. So belegen neueste psychologische Studien sogar, dass es auch im Alter möglich ist, neue, unbekannte Dinge, selbst motorische Fähigkeiten zu erlernen, was im Alltag häufig abgelehnt worden ist.

Ferner spielen die Erwartung der Umwelt und die Selbsteinschätzung bzw. das Selbstkonzept vor allem für die Lernfähigkeit eine bedeutende Rolle, und die so genannte self-fulfilling prophecy wird meines Erachtens in der Literatur in diesem Zusammenhang zu wenig beachtet. Es kann nämlich vermutet werden, dass ältere Menschen durch die Antizipation der öffentlichen Erwartung, wie sie in Slogans zum Ausdruck kommt - Ältere können nicht mehr lernen, sind vergesslich usw. -, bei Lernschwierigkeiten eventuell schneller aufgeben als Jüngere.

Dieses Misserfolgserlebnis kann sie dann aber zu noch schnellerer Aufgabe bei den nächsten Erinnerungsschwierigkeiten veranlassen. Die Lernbereitschaft nimmt damit kontinuierlich ab. Das aber bedeutet, dass ältere Personen geringere geistige Trainingszeiten haben. Hieraus ergibt sich dann ihre auch äußerlich sichtbar werdende schlechtere Lern- und Leistungsfähigkeit.

Alter ist nicht nur durch Abbauprozesse gekennzeichnet. Ganz im Gegenteil! Da Altern auch ein psychologisch und kulturell geschaffenes und geprägtes Phänomen ist, kann es ebenso wachstumsartige positive Aspekte beinhalten, wie bereits Cicero 44 Jahre vor Christi festgestellt hat. Eine derartige Kennzeichnung von Alter macht es aber erst möglich, positive Aspekte des Alters zu suchen und zu erkennen, und das muss unsere Aufgabe sein. Selbstverständlich ist das Lebensende nicht vermeidbar; aber es ist möglich, die Rüstigkeit im Alter bei entsprechendem Verhalten in den vorhergehenden Lebensjahren in Zukunft noch weiter zu stabilisieren. Jedenfalls könnte für die Zukunft noch stärker gelten, dass im Alter zwar Hilfe erforderlich, aber nicht völlige Hilflosigkeit oder diese nur für kurze Zeit gegeben ist. Hierauf komme ich noch am Schluss meines Vortrags zurück.

Der dargestellte demographische Wandel, die gestiegene Lebenserwartung und die Rüstigkeit im Alter haben ein neues gesellschaftliches Phänomen produziert. Noch nie in der Geschichte zuvor hat es so viele Drei- oder gar Vier-Generationen-Familien gegeben wie heute. Häufig wird angenommen, dass in der vorindustriellen Zeit die Drei-Generationen-Familie vorherrschend gewesen sei, was inzwischen von Historikern widerlegt worden ist. Die Drei-Generationen-Familie hat in unserem Kulturkreis wegen der geringen Lebenswahrscheinlichkeit und eines relativ hohen Heiratsalters - wir sprechen vom so genannten European marriage pattern -Seltenheitswert.

Vielleicht mussten Sie wie ich in der Schule noch eine Ballade von Gustav Schwab auswendig lernen. Sie trägt den Titel „Das Gewitter“ und beginnt: „Urahne, Großmutter, Mutter und Kind in dunkler Stube beisammen sind“. Das traf für Schwabs Zeiten kaum zu; erst heute ist dieser Zustand in vermehrtem Maße gegeben. Dies hängt mit der zugenommenen Rüstigkeit im Alter und anderen Faktoren zusammen. Sie leben in getrennten Haushalten; ich komme darauf gleich noch zurück.

Wir sprechen deshalb in der Soziologie von dem neuen Phänomen der „multilokalen Mehrgenerationenfamilie“.

Es gilt nunmehr zu fragen, ob eine Verbindlichkeit des Miteinanders der familialen Generationen, eine Solidarität, Unterstützung bzw. Transferleistungen innerhalb der Mehrgenerationenfamilie bestehen. In Deutschland setzte sich seit 1980 zunehmend durch, dass die Älteren, selbst diejenigen im hohen Alter, nicht in den Haushalt ihrer Kinder wechseln - das war davor sehr viel öfter der Fall –, auch nicht nach Verwitwung, sondern solange es für sie irgend möglich ist, verbleiben sie in ihren eigenen Wohnungen. Als Verursacher für das veränderte Wohnverhalten im Alter werden genannt: die Verringerung und physische Erleichterung der Haushaltstätigkeiten durch die technische Entwicklung, die, wie ich bereits mehrfach betonte, gestiegene Rüstigkeit im Alter und die bessere ökonomische Lage der Bevölkerung. Dagegen hat sich das Zusammenwohnen der unverheirateten Jugendlichen mit ihren Eltern zeitgeschichtlich verlängert. Man spricht von der heutigen so genannten Nesthockergeneration, die das „Hotel Mama“ als Lebensform bevorzugt. Nesthocker sind aber absolut nicht alle Jugendlichen, sondern diese Bezeichnung trifft nur für einen Teil von männlichen Jugendlichen zu, insbesondere auf diejenigen mit höherem Bildungsniveau, die in den alten Bundesländern und bei vermögenden, nämlich ein Haus besitzenden Eltern wohnen. Im Übrigen verlassen die Mädchen eher als die Jungen das Elternhaus, ein Phänomen, das schon seit der Industrialisierung festzustellen ist. Insgesamt müssen wir festhalten, dass heutzutage nicht selten ein Mehrgenerationenverband oder eine Mehrgenerationenfamilie über mindestens drei Haushalte verfügt.

Hat diese Zunahme an familialen Generationen, ihre Art des Wohnens, zu einer Abnahme des Miteinanders, gar zu einer Isolierung der einzelnen Generationen, vor allem der älteren Mitbürger, geführt? Diese Frage ist zu verneinen. Die Kontakte zwischen den familialen Generationen sind zwar abhängig von der Wohnentfernung, sie sind insgesamt aber als gut bzw. eng zu bezeichnen. Um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich sind auch im Alter, vor allem im sehr hohen Alter, Einsamkeitsphänomene zu beobachten. Etwa 5 bis 10 % äußern in einer repräsentativen Erhebung, sich häufig einsam zu fühlen. Doch soziologisch gesehen, gesamtgesellschaftlich gesehen, handelt es sich hierbei um eine Minorität - die wir natürlich nicht vergessen sollten - und nicht um ein Massenphänomen.

Auch finanzielle Transferleistungen zwischen den Generationen fließen in erstaunlich hohem Maße, und zwar im Gegensatz zur Vergangenheit von oben nach unten. Das gilt auch für die ältere zur mittleren Generation, wie verschiedene empirische Untersuchungen zeigen. Selbst bei geringen Ressourcen werden vor allem in absteigender Linie ökonomische Unterstützungsleistungen an die nächste Generation weitergegeben. Eine Kürzung der Renten würde bewirken, dass diese innerfamilialen Transferleistungen von der älteren zur jüngeren Generation abnehmen könnten.

Auch das von der älteren Generation während ihrer Lebenszeit ersparte Vermögen geben sie vor allem an die Kinder weiter, selten direkt, höchstens als Aufbesserung des Taschengeldes, an die Enkel. Vor allem im Hinblick auf die Erbschaft werden die Kinder eingesetzt, selten die Enkel. In einer neueren Untersuchung wurde festgestellt, dass jeder - Sie können sich also darauf einstellen - fünfte Westdeutsche mindestens 50.000 Euro erbt bzw. in Zukunft erben wird. Bei Ostdeutschen ist es nur jeder zwanzigste.

Immaterielle Leistungen werden in Deutschland von jeder Generation sowohl an die untere als auch an die höhere weitergegeben, wobei aber zur Unterstützung bzw. zur Pflege der ältesten Generation, zuweilen der Urgroßeltern bzw. der Urgroßmutter, die ihrerseits bereits alten Kinder, also die Großeltern bzw. die Großmutter, gefordert sind. Die Pflege der ältesten Generation übernehmen zunächst die Ehepartner, dann, vor allem bei Verwitwung, die selbst alt gewordenen Töchter, selten die Söhne, sogar gleichgültig, wie eine empirische Untersuchung von Y. Schütze und M. Wagner zeigte, in welchem emotionalen Verhältnis sie zu ihren Eltern standen und auch zur Zeit stehen. Konkret: Auch bei konfliktreicher und negativer Beziehung der Töchter und Söhne bzw. Schwiegertöchter zu ihren Eltern/Schwiegereltern in früheren Lebensabschnitten werden sie im Alter von diesen unterstützt und gepflegt. Damit wird natürlich nichts über die Qualität der Pflege ausgesagt, vor allem auch nichts darüber, mit welcher emotionalen Zugewandtheit diese Tätigkeit ausgeführt wird, ob mit positiver oder negativer (ausgelöst zum Beispiel durch dauernde starke Belastung), auch nichts über Konflikte, Unzufriedenheiten, über Ambivalenzen in den Beziehungen.

Wir wissen aber, dass Beziehungsambivalenzen zwischen Familienangehörigen häufig bestehen, Schwankungen zwischen positiven und negativen Gefühlen. Auf diese Ambivalenzen in emotionalen Beziehungen hat im Übrigen Anfang des vorigen Jahrhunderts vor allem Sigmund Freud hingewiesen und betont: Weil wir dahin gehend erzogen werden, dass wir keine negativen oder ablehnenden Gefühle zu anderen engen Familienangehörigen, insbesondere zu den Kindern, gegenüber den Ehepartnern, den Eltern zu beanspruchen haben, unterdrücken wir diese sofort, wenn wir uns dieser bewusst werden, aber speichern bzw. sammeln eventuell damit ein Aggressionspotenzial an, das irgendwann zur Entladung drängt. Zuweilen sind es Bagatellanlässe, bei denen diese Abreaktion erfolgt.

Fassen wir in Bezug auf die familialen Beziehungen noch einmal zusammen: Wenn konstatiert wird, dass sich die Wohlstandsgesellschaft der Gegenwart zu einer egozentrischen Gesellschaft entwickelt hätte und dass auch die Familien in diesen Prozess einbezogen worden wären, so bestätigen die vorhandenen empirischen Daten wie gezeigt diese These nicht. Wegen der materiellen und immateriellen Unterstützungsleistungen innerhalb der Mehrgenerationenfamilie kann auch bei getrenntem Wohnen diese als eine Einheit gelten, ein Miteinander herrscht überwiegend vor.

In einer Solidargemeinschaft gibt es jedoch auch Konflikte. Ob diese Konflikte destruktiv wirken, hängt vom Konfliktverhalten der Familienmitglieder ab. Jegliche Vermeidung von Konflikten, also das Verschweigen von Interessengegensätzen, kann jedoch gerade destruktiv wirken.

Anzunehmen ist, dass auch in Zukunft die emotionale Beziehung zwischen den familialen Generationen erhalten bleibt. In jüngeren soziologischen Untersuchungen wurden Jugendliche nach ihrem Verhältnis zu ihren Eltern befragt. Diese Ergebnisse zeigen eine gleich gebliebene positive und enge Beziehung zwischen den Jugendlichen und ihren Vätern und Müttern. Sie werden als Ratgebende benannt und ihre Wichtigkeit und ihr Einfluss betont.

Zu betonen ist, dass es trotz der positiven Beschreibung Konflikte mit den Eltern gibt, die die Jugendlichen aber nicht als gravierend oder störend ansehen. Wie die Eltern diese Konflikte bewerten, wissen wir nicht. Empirische Untersuchungen fehlen. Die Konfliktgespräche sind im Übrigen über die Jahrzehnte zwischen Eltern und Kindern gleich geblieben und beziehen sich überwiegend auf die Themen Kleidung, Hilfe im Haushalt, tägliche Rücksichtnahme, Unordentlichkeit, vor allem im Hinblick auf das Zimmer.

Es gilt auch in Bezug auf den Vater, dass der früher als fast natürlich gegoltene Vater-Sohn-Konflikt im Jugendalter in empirischen Untersuchungen nicht mehr vorfindbar ist, wie das folgende Schaubild verdeutlicht. - Wie gesagt, das ist nur die Jugendlichenperspektive, wir haben keine Untersuchung über Eltern.

Zu prognostizieren ist, dass hierfür auch im späteren Erwachsenenalter wie heute eine positive Unterstützung den alten Eltern gewährt wird. Dieser Sachverhalt ist durch den beschriebenen Funktionswandel von Kindern erklärbar und gleichzeitig auch durch das veränderte Erziehungsverhalten der Eltern. Denn insgesamt ist ein Wandel in den elterlichen Erziehungsmethoden zu verzeichnen. Noch nie in der Geschichte wurde Sprache als Erziehungsmittel in allen sozialen Schichten derart genutzt wie heute, wenn auch gewisse Unterschiede im Anwendungsgrad in den einzelnen Familien zu vermuten sind.

Ihren Niederschlag findet die Versprachlichung der Erziehung in der so genannten kindorientierten Pädagogik. Diese setzt, wie V. Teichert ausführt, stärker „auf eine zähe Verhandlungsarbeit in Form von Erklärungen und Diskussionen als auf Ge- und Verbote“. Diese neuen Erziehungspraktiken verlangen demnach sehr viel Zeit und Energie, und ich darf hinzufügen, sehr viel kognitive Kompetenz. Diese Entwicklung hatte A. de Swaan bereits 1982 mit den kurzen, meines Erachtens treffenden Worten charakterisiert: Der Wandel verlief vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt, wie die Folie satirisch zeigt.

Wir können noch einmal konstatieren: Durch die materiellen und immateriellen Transferleistungen ist die Familie auch heute miteinander verbunden. Das schließt jedoch keineswegs aus, dass in Familien auch Kontrolle, Konflikte und ambivalente Gefühle existieren. Die Familie wird sogar heute entgegen weit verbreiteter Vorstellungen in viel stärkerem Maße als in der vorindustriellen Zeit für die gegenseitige Unterstützung in Anspruch genommen, da die Lebenserwartung früher viel geringer und die Drei-Generationen-Familie seltener war. Aus der Vergangenheit können wir aber lernen, dass ein zu enges Zusammenleben häufig recht konfliktreich ist. Die vielfach sehr kleinlichen Regelungen bei Hofübergabe an den Sohn lassen jedenfalls keineswegs auf ein harmonisches Zusammenleben der Generationen schließen. Wenn zum Beispiel dem alten Bauern schriftlich zugestanden werden musste, dass er weiterhin durch den Vordereingang gehen und welchen Sessel er benutzen dürfe, wie viele Eier er am Tag oder in der Woche bekäme usw. Dafür war es aber eine soziale Norm, dass sie sich an der Arbeit, so lange sie es eben konnten, weiterhin beteiligten. Ein Rentenalter oder so etwas ähnliches ist relativ neu. Überhaupt wurden die Zeitblöcke zwischen Arbeitszeit und Freizeit erst durch die Industrialisierung und die Verwaltung geschaffen.

Ich sagte, aus der Vergangenheit können wir sehen, dass ein enges Zusammenleben häufig recht konfliktreich war. In der Alterssoziologie wurde deshalb die Forderung formuliert: Intimität auf Abstand. Diese Forderung könnte sogar in Zukunft schon in starkem Umfang eingelöst werden, weil Alter und Altsein sich verändert haben. Zu prognostizieren ist, dass der Anteil nicht nur der Alten, sondern der rüstigen Alten weiter zunehmen wird, weil wir jetzt erst um die Einflussfaktoren der Gesundheitserhaltung im Alter wissen und diesen Prozess zu beeinflussen in der Lage sind.

Aber dennoch bleibt, dass für die Hochbetagten, weil sie quantitativ zunehmen werden, wachsende sozialpolitische, pflegerische, medizinische Maßnahmen erforderlich werden. Das historisch Neue an der gegenwärtigen und zukünftigen Situation vieler älterer Menschen wird nicht die Pflegebedürftigkeit in ihren letzten Jahren sein, sondern dass sie der unterschiedlichsten Hilfen, Stützen und Versorgungen bedürfen (zum Beispiel unterschiedliche Versorgungshilfen in Bezug auf den täglichen Bedarf, aktive Freizeitgestaltung auch bei körperlicher Behinderung, Übergangspflege nach Krankenhausentlassungen u.a.m.). Hierbei wird es sich häufig nur um zeitweilige Unterstützungsmaßnahmen handeln. Dennoch wäre die Familie, genauer die ältere Generation, überfordert, selbst alle diese Hilfestellungen zu leisten. Hinzu kommen könnte in Zukunft ferner durch die Zunahme der Kinderlosigkeit die Sorge um die nahe stehenden älteren Verwandten. Empirische Daten über derartige Transferbeziehungen fehlen uns aber.

Zur Entlastung der Familie sind deshalb Tageskliniken, Tagespflegeheime, Kurzpflegeheime, Entlastungshilfen für pflegende Angehörige, Koordinierungsstellen, an die sich pflegende Angehörige wenden können, und anderes mehr notwendig. Bei dieser Pluralisierung von Maßnahmen wird die Familie in Bezug auf die Pflege und Beratungsleistung ihrer alten Mitglieder einerseits entlastet, weswegen sie sich dann andererseits den emotionalen Bedürfnissen ihrer Eltern bzw. Großeltern mit dem Alter stärker widmen und ein Miteinanderleben garantieren können. Zuverlässige Unterstützungsmaßnahmen sind vor allem für junge Mütter und junge Väter notwendig, was schon oft gefordert wurde, aber nicht genug politische Unterstützung fand, um überhaupt die Einlösung des vorhandenen Kinderwunsches zu erleichtern bzw. zu ermöglichen und um so die Generationenfolge, das Miteinander der Generationen, für die Zukunft überhaupt garantieren zu können. Auch hier gilt, dass der Mehr-Generationen-Familienverband zur Lösung dieser Aufgabe allein nicht mehr in der Lage ist, aber bei gewisser Entlastung heute effektiver mithelfen kann.

Welche weiteren konkreten Maßnahmen auch seitens anderer gesellschaftlicher Gruppen und der Kirche zur Unterstützung des Miteinanders der Generationen möglich sind, ist im Lesebuch zur Vorbereitung der EKD-Synode 2004 und im Kundgebungstext aufgelistet. Ich möchte auf diese abschließend verweisen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Rosemarie Nave-Herz



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