Weitere Berichte und Referate

3. Tagung der 10. Synode der EKD (Magdeburg, 7. - 12. Nov. 2004)

Wort des Ratsvorsitzenden zum Schluss der Synodaltagung

Bischof Wolfgang Huber

„Recht ströme wie Wasser“: so heißt das Leitwort für die Friedensdekade in diesem Jahr. Unter dieses Wort will ich auch diese Sätze stellen, mit denen ich für den Verlauf dieser Synode danken will. Was die anderen Organe der EKD für die synodalen Beratungen vorgeschlagen und vorbereitet hatten, haben Sie freundlich aufgenommen. Auf wichtige Fragen – die mit besonderer Spannung erwartete Frage nach der Zukunft von Chrismon genauso wie den Stand der Strukturreform nenne ich als Beispiele – haben Sie mit großer Einmütigkeit  reagiert. Der Respekt für den Fleiß der Synode schließt den Dank für die unermüdliche Freundlichkeit und Einsatzbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Kirche, aber auch dieses Hauses ein. Ich möchte hinzufügen, dass wir uns unter der freundlichen und ermutigenden, zugleich aber auch zügigen und bestimmten Leitung des Präsidiums sehr wohl gefühlt haben; auch dafür sehr herzlichen Dank. Dem selbst gewählten Schwerpunktthema hat die Synode sich mit großer Intensität gestellt. Dass dieses Thema – das Miteinander der Generationen, das Zukunftsbild von Ehe und Familie, die Gemeinschaft unterschiedlicher Lebensformen – uns auch in die Zukunft hinein beschäftigen muss, ist durch die Diskussion bis in den heutigen Tag hinein deutlich geworden. Auch im Blick auf diese Fragen kann uns der Zusammenhang zum Weiterdenken veranlassen, in dem dieses Leitwort für die Friedensdekade beim Propheten Amos steht: „Hasset das Böse und liebet das Gute, richtet das Recht auf im Tor“ – so fängt der entsprechende Abschnitt an, der auf die Aufforderung zuläuft: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Hier an der Elbe zieht an diesem Wort das Bild vom Wasser selbst Interesse und Aufmerksamkeit auf sich. Hier, wo in Erinnerung ist, welche Folgen es hat, wenn wir Flüsse begradigen und weite Landstriche versiegeln, ist bewusst, dass strömendes Wasser auch zur Gefahr werden kann. In diesem Land, in dem wir noch immer mit kostbarem Trinkwasser Autos putzen, fangen wir erst an, ein neues Verhältnis zum Wasser zu entwickeln, das doch ein kostbares Lebensmittel ist, von vielen Menschen auf diesem Globus schmerzlich entbehrt. Vor allem auch Kindern fehlt sauberes Wasser an vielen Stellen dieser Welt, was sie von Anfang an in Durst und Hunger aufwachsen lässt. Allmählich erst spüren wir, dass der nie versiegende Bach für viele Menschen ein zentrales Problem der Gerechtigkeit ist: Unser tägliches Wasser gib uns heute – Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Aber auch die andere Seite dieses Leitworts spricht mich am heutigen Tag auf besondere Weise an. Das Recht soll strömen, Gerechtigkeit soll sich auf die Menschen ergießen: Das ist eine Bitte des Glaubens. Zur Lebensdienlichkeit des Rechts wie zur Lebensnotwendigkeit der Gerechtigkeit hat der Glaube – dank seiner jüdischen Wurzeln – ein starkes und konstruktives Verhältnis.


Ich möchte an diesem Schlusstag unserer Synode an einen großen Protestanten erinnern, der die Synode der EKD über lange Zeit geprägt und in wichtigen Jahren als Präses geleitet hat. Ich möchte am heutigen Tag an Ludwig Raiser erinnern, dessen Geburtstag sich vor wenigen Tagen zum hundertsten Mal jährte - am 27. Oktober 1904 wurde er in Stuttgart geboren, und am 13. Juni 1980 starb er in Tübingen. An ihn hier in Magdeburg zu erinnern, ist auf besondere Weise passend. Denn nach Studium, Promotion und Habilitation wurde ihm nach 1933 wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ eine akademische Laufbahn verwehrt. Deshalb begann er 1935 hier in Magdeburg eine Tätigkeit für die Magdeburger Versicherungsgruppe, die ihn auch nach London, Genf und Paris führte. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs  konnte er in eine kontinuierliche Universitätstätigkeit übergehen und wurde bald einer der führenden Wissenschaftsplaner und Wissenschaftspolitiker der Bundesrepublik: Universitätsrektor in Göttingen und Tübingen, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Mitglied des Wissenschaftsrats, in seinen letzten Lebensjahren dann Präsident der Europäischen Rektorenkonferenz. Noch heute begegnet man Menschen, die von der wissenschaftlichen Klarheit und menschlichen Wärme dieses Hochschullehrers schwärmen, dessen Fachgebiet das Bürgerliche Recht, insbesondere das Wirtschafts- und Handelsrecht war.

Trotz dieses hohen Engagements ließ Ludwig Raiser es sich in keiner Phase dieses erstaunlichen Lebenswegs nehmen, für seine, für unsere evangelische Kirche tätig zu sein. Nahezu ein Vierteljahrhundert, nämlich von 1949 bis 1973, hat Ludwig Raiser der Synode der EKD angehört, zum Schluss dieser langen Synodaltätigkeit als deren Präses. Der damalige Anlauf zu einer Strukturreform der EKD war das große Projekt von Ludwig Raiser. Dass diese Strukturreform scheiterte, war für ihn, wie ich auch aus persönlichen Gesprächen der damaligen Jahre weiß, ein großer Schmerz. Mit diesem Scheitern schied er aus der Synode aus. Ich denke auch an Ludwig Raiser, wenn ich an den hoffentlich erfolgreichen Verlauf unserer jetzigen Reformbemühungen denke. Vergleichbar lang war Ludwig Raiser Mitglied der Kammer der EKD für öffentliche Verantwortung – in langer und wichtiger Zeit, nämlich von 1956 bis 1971 als deren Vorsitzender. In dieser Zeit beginnt die Ära der Denkschriften in der EKD; in diese Zeit fällt vor allem die Erarbeitung und Veröffentlichung der Ostdenkschrift der EKD von 1965, der – auch unter Raisers Federführung – das Tübinger Memorandum der Acht von 1961 vorausgegangen war. Die Art und Weise, in der die EKD in diesen Jahrzehnten ihre öffentliche Verantwortung wahrgenommen hat, ist ganz entscheidend durch Ludwig Raiser geprägt worden.

Noch eine weitere kirchliche Funktion von Ludwig Raiser ist zu nennen. Von 1958 bis 1976 leitete er das Kuratorium der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, dem er bis zu seinem Tod angehörte. Die Heidelberger Thesen, die Anfänge der Friedensforschung in kirchlicher Verantwortung, der Beginn des Kirchenprojekts der FEST fallen in diese Zeit, in der für die jüngeren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – wie mich selbst – Ludwig Raiser, zusammen mit Georg Picht, Heinz Eduard Tödt und Carl Friedrich von Weizsäcker, zu einer bestimmenden und prägenden „Vaterfigur“ wurde.

Den Weg unserer Kirche hat Ludwig Raiser vor allem dadurch geprägt, dass er ihrer öffentlichen Verantwortung eine bleibende Gestalt gegeben hat. Das kam auch darin zum Ausdruck, dass er für den 1978 veröffentlichten ersten Band der zusammenfassenden Publikation unserer Denkschriften den einleitenden Beitrag übernahm. Dieser Beitrag eröffnet auch die Wiedergabe der Denkschriften auf der CD-Rom, die pünktlich zu dieser Synode, damit aber auch pünktlich zum 100. Geburtstag von Ludwig Raiser veröffentlicht wurde. Diesen Text kann man als Ludwig Raisers Vermächtnis für unsere Kirche lesen. Von der Nüchternheit seines Denkens und seiner Sprache hat er sich freilich auch bei diesem Anlass nicht abbringen lassen. Unbeschadet aller großen Kontroversen über den politischen Auftrag der Kirche stellt Raiser in diesem Text fest, „daß es seit den Erfahrungen der NS-Periode im Rahmen der EKD, unterstützt durch viele Stimmen aus der Ökumene, einen breiten Strom von Meinungen gibt, die jedenfalls darin übereinstimmen, daß es dem Christen und den christlichen Gemeinden nicht erlaubt ist, die Welt ihrer angeblichen Eigengesetzlichkeit zu überlassen und nur dem eigenen Seelenheil zu leben, andererseits aber auch verwehrt ist, in sozialen oder politischen Systemveränderungen und der Verwirklichung bestimmter Gesellschaftsordnungen das Kommen des Gottesreichs meinen vorwegnehmen zu können.“ Und weiter: „Da Christi Versöhnungstat allen Menschen gegolten hat, sind wir in seiner Nachfolge einzeln und gemeinsam aufgerufen, nach unserer Einsicht mitzuwirken, um diese Welt lebenswert zu erhalten und so zu gestalten, daß wir in ihren Ordnungen mitmenschlich nach Gottes Geboten zu leben vermögen.“

Ich will es persönlich sagen: Für mich war Ludwig Raiser eines der bestimmenden Vorbilder meines Lebens. Aber viel wichtiger ist: Die Evangelische Kirche in Deutschland erinnert sich in hohem Respekt und in großer Dankbarkeit an Ludwig Raiser, der den Weg unserer Kirche in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in prägender Weise mitbestimmt und mitgestaltet hat.

Wir tun dies unter jenem Leitwort, unter das sich Leben und Werk Ludwig Raisers in besonders überzeugender Weise fassen lassen: „Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“


Magdeburg, 11. November 2004



erweiterte Suche