Morgenandacht

Stefanie Finzel

08. November 2005 (4. Tagung der 10. Synode der EKD, Berlin, 6. - 10. November 2005)

S: Ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen guten Morgen. Ich begrüße Sie sehr herzlich und möchte diesen Tag und diese Andacht mit Ihnen beginnen:

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Zu Beginn singen wir das Lied:
Dich rühmt der Morgen (s.Blatt)
Ich bitte Sie sich dazu von Ihren Plätzen zu erheben.
Ich möchte mich bereits jetzt sehr herzlich bei unserem Posaunenchor für die kräftige Unterstützung bedanken.


Während dieser Synode in Berlin geht es an vielen Stellen und in vielen Zusammenhängen um das Thema Dialog, ums “miteinander ins Gespräch kommen”. Vieles haben wir bereits dazu gehört, gelesen und auch gesprochen.
Vor einigen Wochen entdeckte ich in einer Bayreuther Buchhandlung eine Kunstkarte, die mich sehr angesprochen hat, denn sie hat mich sofort an unser Synoden-Thema erinnert. Ich habe Ihnen diese Karte mitgebracht.

“Im Gespräch”, so der Titel des Bildes:  Tatsächlich. Wir erkennen zwei Zeichen, die sich zueinander verhalten. Gleich in ihrer Farbe, doch unterschiedlich in ihrer Gestalt. Sie stehen in Beziehung zueinander, in Kontakt. Und doch gehen sie nicht ineinander auf, sie verschmelzen nicht. Sprechen wir doch einmal von einem Du und von einem Ich. Beide haben einen schützenden Raum um sich herum und sie treffen sich vor dem gleichen, vor einem gemeinsamen Hintergrund, der hier blau gemalt ist. Sie begegnen sich auf einer Ebene und sind in ihrer Gestalt ähnlich, aber nicht gleich. Bei aller Zugewandtheit lassen sich Ich und Du gegenseitig Raum.
Steht das Gespräch am Anfang oder am Ende? Ist es gerade in vollem Gange? Egal um welche Gesprächsphase es sich handelt, die Verschiedenheit der Kommunikationspartner ist nicht zu übersehen, sie bewahren ihre eigene Identität.

“Im Gespräch”: Als ich die Karte in die Hand nahm und umdrehte, um zu erfahren, wer sie gemalt hat, entdeckte ich, dass es sich bei der Künstlerin um Christamaria Schröter handelt, eine Schwester der Communität Christusbruderschaft Selbitz. Welch glückliche Fügung im Vorfeld einer Synode, bei der man eine Andacht halten darf...: ein interessantes Motiv, ein beziehungsreicher Titel und die Künstlerin eine Selbitzer Schwester, also eines Ordens, dem ich mich, nicht nur wegen seiner Nähe zu meiner Heimatstadt Bayreuth, sehr verbunden fühle.

Wir sind in der glücklichen Lage, dass eine Mitschwester der Malerin Christamaria Schröter als Synodale unter uns ist. Schwester Mirjam weiß mehr darüber, was der Beweggrund für das Bild sein könnte. Mirjam, ich lade dich ein, hierher zu kommen und uns etwas darüber zu erzählen.


Mirjam, du lebst mit der Malerin Christamaria Schröter und zusammen mit anderen Schwestern in einer sehr verbindlichen Lebensgemeinschaft, nämlich einem evangelischen Kloster.  Kann es sein, dass diese nicht ganz gewöhnliche Lebenssituation auch damit zu tun hat, dass sich deine Mitschwester gerade mit dem Thema „Gespräch“ beschäftigt hat?

M: Da bin ich mir sicher. - Sie verarbeitet in ihrer Kunst ja oft Erfahrungen unseres gemeinsamen Lebens.
Wir sind in der Communität 130 Menschen mit ganz verschiedener Herkunft und Tradition. Da gibt es ein großes Spektrum an Temperamenten und Charakteren, an Ausbildungen und Biografien. Wahrscheinlich bringen wir auch sämtliche Frömmigkeitsrichtungen Deutschlands mit ein.
Du kannst dir denken, dass wir da ein weites Übungsfeld haben, um miteinander im Gespräch zu sein: Wir wollen uns füreinander erfahrbar machen in dem, was uns prägt und motiviert, wir wollen auch nichts unter den Teppich kehren und immer wieder gut miteinander klären, was unsere gemeinsame Sehnsucht ist. -
Das drückt für mich übrigens auch die Karte aus: Der blaue Hintergrund wirkt auf mich wie ein Strom, der die beiden „Gesprächsinseln“ sowohl verbindet als auch trennt. Wenn wir in der Communität immer neu darum ringen, dass Gottes Wirklichkeit unter uns Raum gewinnt und dass dies auch für andere erfahrbar wird, dann heißt das, dass wir alle Formen von Begegnung bewusst in seiner Gegenwart leben wollen: Wir plaudern ganz zwanglos, es gibt immer wieder Konflikte zu klären, wir packen Themen von Gesellschaft und Kirche an, wir haben auch viele Räume des gemeinsamen Schweigens (was oft noch tiefer verbindet als das Gespräch) oder wir diskutieren sehr alltägliche Dinge, wie sie in einer Hausgemeinschaft nötig sind. Wenn wir dann immer wieder in unseren Gebetsrhythmus und unsere Liturgie eintauchen können, ist das sehr heilsam. Darin findet für mich regelmäßig die Vergewisserung statt, in welchen Lebensstrom wir eingebettet sind.

S: Also ist „Tolerant aus Glauben“ tatsächlich nicht nur ein Thema in Zusammenhang mit anderen Religionen, sondern auch für uns Christen untereinander! In den Gemeinden, in den Synoden und mit unseren Schwestern und Brüdern aus anderen Konfessionen. Es ist doch oft eine große Herausforderung, ins Gespräch zu kommen und manchmal noch eine größere, dies auch zu bleiben.

M: Für mich ist das ein grundmenschliches Thema. Es sind ja oft doch die emotionalen Motive, die unseren Umgang miteinander prägen:
Da ist mir ein Mensch befremdlich in seiner Art und ich werde verunsichert oder schlicht ärgerlich. - Dann geht es um die Frage, wie ich nun mit meiner Unsicherheit und meinem Widerstand umgehe. Wage ich dennoch das Abenteuer einer offenen Begegnung? Oder ist meine Strategie die Verteidigung, oder eher der Angriff? Habe ich vielleicht eine Tendenz zum abfälligen Reden über das, was mir fremd erscheint?
Weißt du, ich kenne dieses Handwerkszeug leider von mir selbst. Aber ich habe auch schon viel gelitten an verächtlichen und abfälligen Tönen unter Christen unterschiedlicher Prägung.

S: Du meinst die einen sind den anderen jeweils zu fromm oder zu progressiv?

M: Das hat auch schon eine Rolle gespielt.
Das Modell Jesu ermutigt mich dann immer wieder. Er kann so unverkrampft und unvorbelastet in ein Gespräch gehen. Zum Beispiel gefällt mir seine Begegnung mit der Samariterin am Jakobsbrunnen besonders gut. Die beiden kommen aus so verschiedenen Hintergründen und Prägungen ...

S: Ich werde den Text aus Johannes 4 einmal lesen. – „Jesus verließ Judäa und zog wieder nach Galiläa  ...

Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Joseph gab. Es war aber daselbst Jakobs Brunnen. Da nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich auf den Brunnen; und es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, daß sie Speise kauften. Spricht nun die samaritische Frau zu ihm: Wie bittest dun von mir zu trinken, der du ein Jude bist, und ich ein samaritisch Weib? - Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken! du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.
Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. 

So kommen hier also zwei Menschen in ein wertvolles Gespräch, das eigentlich alles andere als selbstverständlich ist. Mann und Frau - Jude und Samariterin. Nach den damaligen Verhältnissen ist dies eine ganz schön unziemliche Sache, und die Frau sagt das ja auch deutlich zu Jesus.

M: Das schreckt ihn aber keineswegs ab. Die Begegnung  beginnt ja damit, dass Jesus seine Bedürftigkeit äußert: Er hat schlichtweg Durst und braucht Hilfe, um Wasser aus diesem Brunnen schöpfen zu können.
Ich denke ja immer wieder an dieser Stelle darüber nach, ob er denn eigentlich von der Frau je etwas zu trinken bekommen hat. Es wird nichts darüber gesagt, aber ich mag die Vorstellung, dass sich die beiden mit dem Trinkbecher in der Hand unterhalten. - Vielleicht nimmt er als erstes einen  tiefen Zug aus dem Becher und sagt schlicht ein „Ah, das tut gut, danke!“ - vielleicht folgt noch ein genießerischer Augenblick des Schweigens. -

S.: Warum nicht? - Und dann kommt die Sache mit dem Wasser des Lebens. Irgendwie hat man doch den Eindruck, die beiden reden aneinander vorbei. Die Samariterin hört das Angebot Jesu ausschließlich im Blick auf das reelle physische Wasser, das sie gerade geschöpft hat.

M.: Ja, und Jesus versucht, ihr die Augen zu öffnen für ihre viel tiefere Lebenssehnsucht. Das spricht mich hier so an: Die gesamte Begegnung ist geprägt von der Suche und Sehnsucht nach Leben. Und Jesus bietet der Frau die Möglichkeit an, dass sie sich in ihrer Sehnsucht ihm als dem Geber des lebendigen Wassers öffnet – wie er hier sagt: „Wenn du die Gabe Gottes (ich möchte sagen: das Leben) erkennen würdest und wer der ist, der dich um etwas zu trinken bittet, du würdest ihn bitten, und er gäbe dir lebendiges Wasser!“

S.: Das ist doch eine riesige Chance - auch für uns beide, Mirjam! Wir zwei in unserer verschiedenen Lebensrealität, - so unterschiedlich wie wir sind, - wir können beide von diesem lebendigen Wasser gleichermaßen genährt werden, wenn wir unsere Sehnsucht nach Lebendigkeit gemeinsam an Jesus hängen.

Die Frau erlebt das ja an sich: Sie spürt sich erkannt und in ihrer Sehnsucht nach Leben gewürdigt und verstanden. Sie erfährt, dass ihr Jesus noch viel mehr Lebendigkeit gönnt, als sie je erlebt hat.

M.:   Das habe ich auch als Dynamik zwischen uns erfahren: Wir leben in verschiedenen Lebensformen ...

S.: ...Ja, das sieht man ja schon auf den ersten Blick …

M.: …und natürlich haben wir schon manchmal gemerkt, dass wir Dinge unterschiedlich wahrnehmen und beurteilen. Und doch spürte ich gleich einen lebendigen Fluss zwischen uns. Es hat mir gut getan, als du mich angerufen hast und fragtest, ob wir hier ins Gespräch kommen könnten, gerade weil wir so verschieden sind und um unsere gemeinsame Basis wissen. Wenn ich so etwas erlebe, nährt das meine Lebenslust – und da finde ich mich auch auf der Karte wieder! Da bin ich dann eine dieser beiden „Inseln“ in dem Strom von lebendigem Wasser...gemeinsam mit vielen anderen, die anders sind als ich.
Wir treten in Beziehung, weil wir voneinander und füreinander glauben, dass uns das Leben gegönnt ist.

S: Und dann können zwei Menschen in ihrem Gespräch unterschiedliche Auffassungen aushalten! Keiner muss um des lieben Friedens Willen von seiner Überzeugung abrücken, so nach dem fränkischen Motto: “Du hast Recht und ich hab mei Ruh…!”
Das spüre ich auch bei der Frau und Jesus so. Sie fühlt sich in ihrer Andersartigkeit angenommen. Nichts wird unter den Teppich gekehrt. Nein, sie respektieren sich in ihrer Verschiedenheit ohne darüber in ernsthaften Streit zu geraten. Also weder herablassende Töne noch unehrlicher Schmusekurs. Und letztlich wird die Frau beflügelt aus diesem Gespräch hervorgehen…

M.: … und sie wird dann selbst zu einer Quelle, zu einem Brunnen von Lebendigkeit für andere. Jesus benennt das ja auch im letzten Satz, den du hier gelesen hast: „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ --
So stelle ich mir Sternstunden einer Begegnung im Sinn Jesu vor: Wenn die Sehnsucht nach Leben voneinander ernst genommen wird, wenn für alle Beteiligten Raum zum Leben bleibt und das als ein strömender Segen dann tief durch uns durch zu anderen weitergeht. -

S.: Das hört sich für mich wie eine große Wohltat an. -
Aber ich finde das schon erstaunlich, dass wir jetzt auf einmal bei der Lebenssehnsucht und dem Segen landen, wo unser Ausgangspunkt eigentlich das „Gespräch“ war!

M.: Das stimmt! Und doch liegt es ja letztlich ganz nah beieinander: Wenn wir achtsam miteinander umgehen, dann ist das eine Grundhaltung des gegenseitigen Segnens.
In unserer Communität vollziehen wir es häufig, einander zu segnen. Oft geschieht das ganz still, ohne dass es das Gegenüber weiß. Aber es ist auch eine sehr schöne Geste, wenn es spürbar und sichtbar wird.
Steffi, darf ich dich heute Morgen in diesem Sinn einfach mal segnen? ...

S.: Sehr gerne

Segenshandlung M: Steffi! Der Gott des Lebens segne dich an diesem Tag. Jesus Christus begegne deiner Sehnsucht und öffne in die den Brunnen des lebendigen Wassers, der dir durch deine Taufe geschenkt ist. Amen.

S.: Das würde ich jetzt auch gerne tun ...

Segenshandlung S: Mirjam! Der Gott des Lebens segne dich an diesem Tag. Jesus Christus begegne deiner Sehnsucht und öffne in die den Brunnen des lebendigen Wassers, der dir durch deine Taufe geschenkt ist. Amen.

M.: Gerne würden wir Sie nun alle mitnehmen in diesen Segensstrom. Wir laden Sie ein, sich jetzt zu erheben. Wenden Sie sich zu zweit oder zu dritt einander zu. So können Sie sich gegenseitig eine Geste des Segens schenken. Wenn Sie möchten, können Sie dazu das Segenswort auf dem Blatt sprechen.


S.: Lasst uns nun mit allen Christen dieser Erde zum Vater beten: „Vater unser im Himmel..“

Zum Abschluss singen wir das Lied: „Wir strecken uns nach dir“
Sie finden es auf der Rückseite des Blattes abgedruckt.

Nun wünsche ich Ihnen allen einen gesegneten Tag mit vielen Quellen des fruchtbaren Miteinanders!

08. November 2005

 



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