„Glaubensgewissheit und Toleranz gehören zusammen“

Synoden-Beschlüsse zu Religionsunterricht, EU und Flüchtlingen

11. November 2005

Zum Abschluss ihrer diesjährigen Tagung hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Donnerstag, 10. November, in Berlin eine Kundgebung zum Thema „Tolerant aus Glauben“ beschlossen. Nach evangelischem Verständnis gehören Glaubensgewissheit und Toleranz zusammen, so der sechsseitige Kundgebungstext. „Christinnen und Christen sind nicht tolerant, obwohl sie fest glauben, sondern weil sie fest glauben.“ Die evangelische Kirche wolle eine verlässliche Anwältin für die Menschenwürde sein. Die 120 Synodalen verabschiedeten außerdem unter anderem Beschlüsse zum Religionsunterricht in der gymnasialen Oberstufe, zur Debatte um die Europäische Union, zum Thema Zwangsprostitution und zur Flüchtlingsarbeit.

Die Ausschreitungen in Frankreich, aber auch Gewalttaten politischer und religiöser Extremisten haben viele Menschen in Deutschland erschüttert. Fragen nach den Grenzen der Toleranz und dem Verhältnis der Religionen in pluralistischen Gesellschaften seien laut geworden, so die Kundgebung. „Führt Religion zu Intoleranz?“ Martin Luther habe Gott als tolerant beschrieben. Evangelische Christen könnten sich an dieser Toleranz Gottes orientieren und seien so zum Dialog mit anderen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen bereit. „Wer fest im Glauben sei, vermag andere mit den Augen Gottes zu sehen.“ Dieser Perspektivenwechsel lasse Solidarität mit jedem von Gott geliebten Menschen entstehen.

Toleranz ziele auf die wechselseitige Anerkennung der Menschenwürde. „Nur auf der Basis der wechselseitigen Anerkennung kommt es zu einer Streitkultur, die einen offenen Dialog über die unterschiedlichen Denk-, Lebens- und Handlungsweisen ermöglicht.“ Toleranz habe ihre Grenze dort, wo das Leben und die Würde anderer Menschen gefährdet seien. Unverzichtbar für die Entwicklung von Toleranz sei, dass Menschen die Möglichkeit zur aktiven Teilhabe an unserer Gesellschaft bekommen, so die neunte von zehn dem Text vorangestellten Thesen. „Zukunftsängste befördern Intoleranz.“

In einem Beschluss zum Religionsunterricht setzt sich die EKD dafür ein, den Religionsunterricht in der gymnasialen Oberstufe nicht nur als verpflichtendes Belegungsfach, sondern auch anwählbares schriftliches und mündliches Abiturprüfungsfach zu erhalten. Der Religionsunterricht trage dazu bei, dass sich Schülerinnen und Schüler frei und selbständig orientieren könnten. „Dem Staat selber ist daran gelegen, dass die nachwachsende Generation sich mit den ihn tragenden Werten und ihren kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Herkunft auseinander setzt, sie kritisch befragt und positiv füllt.“

Die EKD beteilige sich an der Debatte um den europäischen Einigungsprozess, stellt ein weiterer Beschluss fest. Für die künftige Ausrichtung der Europäischen Union seien vor allem Aspekte wie Frieden, Menschenrechte, Religionsfreiheit und die soziale Dimension Europas wichtig. Der Rat der EKD und die Gliedkirchen werden gebeten, den Diskurs über die Gestaltung Europas auf allen Ebenen kirchlichen Lebens zu fördern. Die den Kirchen verbundenen Medien werden gebeten, „der Bedeutung Europas als gemeinsamen Gestaltungsraum und als Herausforderung für das Engagement der Kirchen in ihrer Arbeit Rechnung zu tragen und diesen Diskurs weiter intensiv zu begleiten.“

In einem weiteren Beschluss bittet die Synode den Rat der EKD, in Zusammenarbeit mit dem Sportbeauftragten beim Deutschen Fußball-Bund und beim Organisationskomitee FIFA für die Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006 darauf hinzuwirken, dass diese das Problem der Zwangsprostitution während der Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr aufgreifen und die Kampagnen gegen Zwangsprostitution unterstützen. Rat und Gliedkirchen werden gebeten, nach Wegen zu suchen, um das öffentliche Bewusstsein für diese Menschenrechtsverletzungen zu schärfen.

Die Synode bekräftigte einen im vergangenen Jahr verabschiedeten Beschluss zur Bleiberechtsregelung von Flüchtlingen. Der Rat der EKD und die Landeskirchen wurden gebeten, sich weiter um eine Altfallregelung für langjährig in Deutschland lebende Flüchtlinge zu bemühen.

Berlin, 10. November 2005

Pressestelle der EKD
Silke Fauzi

Die Beschlüsse der 4. Tagung der 10. Synode der EKD



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