„Tolerant aus Glauben“ - Bibelarbeit

Hans-Joachim Eckstein

07. November 2005 (4. Tagung der 10. Synode der EKD, Berlin, 6. - 10. November 2005)

„Tolerant aus Glauben“


Hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder! Wir hören Worte aus Lukas 15:

„Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“
(Lukas 15,1-7)

„Tolerant aus Glauben“ und – wie es uns als Arbeitstitel noch in Erinnerung ist – „Glaubensfestigkeit und Toleranz“ sind die Themen, denen wir uns auch in dieser Bibelarbeit widmen wollen. Dabei haben wir zur Verständigung zunächst die Begriffe selbst in Hinsicht auf ihre biblischen Bezüge in den Blick zu nehmen. Was meinen wir mit „Toleranz“? Verstehen wir den Toleranzbegriff zurückhaltend, dann denken wir an „Duldung“; bestimmen wir den Toleranzbegriff hingegen im gefüllten Sinne, dann beinhaltet er die umfassende „Anerkennung“ und „Annahme“ des Anderen. Ich erinnere mich daran, dass wir als Oberstufenschüler einmal einen dialektischen Aufsatz zu schreiben hatten, bei dessen Themenstellung es um eben diese Differenzierung ging: „Toleranz und Akzeptanz – bestimmen Sie beide Begriffe in ihrem Verhältnis zueinander“.

Begreifen wir Toleranz lediglich im Sinne von „Dulden“ und „Duldsamkeit“, dann mag das Wort einen leicht überheblichen und gönnerhaften Ton erhalten: Ein Souverän gewährt jemandem Toleranz, er „duldet“ ihn mit seinen abweichenden religiösen oder politischen Überzeugungen. Diese Assoziation kann der Begriff Toleranz vor allem im europäischen Ausland auslösen, zumal er für sich genommen und wörtlich weder die Gleichheit noch auch die umfängliche Anerkennung voraussetzt. Aber es liegt auch eine Stärke in der zurückhaltenden Bestimmung als „Duldung“. Versteht man nämlich das Gebot der Toleranz quasi als Minimalforderung im Umgang mit dem Fremden und Andersartigen, dann ist es sowohl eher realisierbar als auch gesamtgesellschaftlich leichter zu plausibilisieren. Selbst der Nebengedanke der „Souveränität“ und der „Gewährung“ bringt zumindest zur Geltung, dass die Toleranzforderung auf Einsicht und Zustimmung abzielt und nicht auf Zwang und Unterdrückung. Für echte Toleranz wird geworben; sie kann nicht religiös, politisch oder ideologisch aufgenötigt werden. Auf diesen Aspekt des Bittens, Überzeugens und Werbens werden wir im Zusammenhang der Verkündigung und des Wirkens Jesu noch zurückkommen.

Gehen wir hingegen von einem vertieften Toleranzverständnis aus, dann bringt dies die Schwierigkeit mit sich, dass eine umfassende wechselseitige Anerkennung abweichender Überzeugungen, Normen und Wertsysteme viel schwerer zu begründen und zu realisieren ist. Dies gilt schon innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft, wie viel mehr gesamtgesellschaftlich. Zudem bedarf eine umfassende Toleranzforderung unbedingt der Differenzierung, um nicht als pauschale Bejahung von allem und jedem und als utopische Egalisierung aller Verhältnisse und Beziehungen missverstanden zu werden.

Es kann aber andererseits nicht strittig sein, dass Jesu Aufforderung zur Feindesliebe, zum Segnen derer, die verfluchen, und zur Fürbitte für die, die beleidigen, mehr beinhaltet als nur ein distanziertes Dulden oder auch ein Geltenlassen auf der Basis der Gegenseitigkeit (vgl. Luk 6,27-36).  

Wenn wir uns nun der Entfaltung der Verkündigung und Argumentation Jesu nach dem Lukasevangelium zuwenden, können wir im Anschluss an unsere Tagungsunterlagen wohl drei Einsichten als bereits konsensfähig voraussetzen:

1.) Eine Unterbestimmung im Sinne der Gleichgültigkeit gegenüber dem Anderen kann mit der hier zu behandelnden Toleranz nicht gemeint sein. Dieses gesellschaftlich verbreitete: „Ich habe dich gern, und du kannst mich auch gern haben!“, ist unserer nicht würdig.

2.) Wir sind uns gemeinsam im Klaren, dass wir die Grundlagen und Voraussetzungen der Toleranz bedenken müssen. Es geht uns nicht um eine naive und pauschale Toleranzforderung. Die Toleranz bedarf der inhaltlichen und existentiellen Begründung.

3.) Inzwischen hat sich sowohl aus theologischen Gründen wie auch aus sozial-psychologischer wie politischer Einsicht die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir nicht von Toleranz sprechen können, ohne auch die Grenzen der Toleranz klar zu kennzeichnen. Eine naive und undifferenzierte absolute Toleranzforderung würde das Anliegen einer begründeten Toleranz nicht etwa fördern, sondern gefährden. Wer sich gegenüber einer radikal gelebten Intoleranz anderer nicht zu verhalten weiß, schadet nicht nur sich selbst, sondern auch den Grundlagen der Gemeinschaft, weil er die Intoleranz indirekt stärkt.

Schließlich sind auch die Formulierungen „Glaubensfestigkeit“ und „aus Glauben“ noch kurz zu klären. Beim Thema „Glaubensfestigkeit und Toleranz“ wird die Polarität hervorgehoben, die darin besteht, dass der Forderung nach Toleranz und damit der Betonung der Solidarität auf der anderen Seite auch die Förderung der  Glaubensgewissheit und damit der Identität entsprechen muss – der Identität des Einzelnen und der Gemeinschaft der Gläubigen. Der Begriff der „Glaubensfestigkeit“ erinnert an die bereits angesprochene Notwendigkeit eines Fundaments, einer Grundlegung der Toleranz im Glauben.

Bei der präpositionalen Bestimmung „aus Glauben“ mag unser Verständnis etwas changieren; darin liegt vielleicht sogar ihr besonderer Reiz. Meinen wir damit, dass es dem Glauben – d.h. dem an der Verkündigung, an Kreuz und Auferstehung Jesu Christi orientierten Glauben – entspricht, tolerant zu sein? Ist der Glaube die verbindliche Maßgabe für Forderung und Bereitschaft der Toleranz? Wer mit den neutestamentlichen Texten vertraut ist, erkennt in der knappen Wendung „aus Glauben“ zugleich die prägnanteste Beschreibung der Grundlage und Voraussetzung der christlichen Existenz überhaupt(1). „Aus Glauben“ – d.h. auf der Grundlage des Glaubens, im Wirklichkeitsbereich des Glaubens – werden wir durch Christus aus Gnade versöhnt, angenommen und zur Gemeinschaft mit Gott und miteinander befähigt. „Auf Grund des Glaubens“ werden wir „gerechtfertigt“, d.h. von Gott begnadigt und freigesprochen; und „auf Grund des Glaubens“ können wir schon hier und jetzt trotz aller Einschränkungen unserer Wirklichkeitserfahrung real in der Gemeinschaft Christi erfüllt und gelingend leben. Dabei ist entscheidend, dass der Glaube nicht etwa als die vom Menschen zu leistende Vorbedingung zum Heil verstanden wird, sondern als die Art und Weise, in der Gott den Menschen an seiner Liebe und seinem Leben teilhaben lässt. Der Glaube, aus dem die Gläubigen leben, ist selbst schon Geschenk; und die prägnante Formel „aus Glauben“ bezeichnet somit selbst schon die Realität der Beziehung und Lebensgemeinschaft der Glaubenden mit Christus. Als Glaubende gründen wir uns nicht in uns selbst, nicht in unserem eigenen Wert und nicht in dem, was wir zu leisten vermögen. Wir verstehen uns vielmehr von dem her, was uns von Gott zugesprochen und garantiert wird.


Nun mag man einwenden, dass das Hauptproblem einer biblischen Orientierung hinsichtlich unseres Themas darin zu sehen ist, dass der Begriff der „Toleranz“ als solcher in den Traditionen des Alten und des Neuen Testaments keine zentrale Rolle spielt. Diese Einschränkung lässt sich allerdings nur für die Vokabel selbst, nicht aber für den damit bezeichneten Sachverhalt formulieren. Wenn wir an die Begriffe „Geduld“ und „Langmut“, „Barmherzigkeit“ und „Gnade“, „Güte“, „Menschenfreundlichkeit“ und „Annahme“ denken, wird uns sofort deutlich, dass wir von der alttestamentlichen wie neutestamentlichen Wesensbeschreibung Gottes sprechen. In Güte und Geduld steht Gott zu seinem Volk Israel, und in Liebe und Barmherzigkeit wendet er sich der ihm gegenüber feindlich gesinnten Welt zu. 

Wenn wir den Toleranzbegriff allerdings an der biblischen Wesensbeschreibung Gottes messen wollen, gewinnen wir sowohl einen sehr hohen Maßstab für das Verständnis von „Annahme“ und „Anerkennung“ als auch zugleich sehr deutliche Differenzierungen. Denn einerseits wird Gottes „Dulden“ auf seine unbedingte Zuwendung und voraussetzungslose Liebe zu den ihn ablehnenden Personen zurückgeführt, aber andererseits beinhaltet die Bejahung der „Sünder“ keinesfalls die Verharmlosung, Anerkennung oder gar Bejahung ihrer „Sünde“. „Gerechtfertigt“ werden die „Gottlosen“, nicht aber ihre „Gottlosigkeit“; die kann gnädig vergeben und insofern geduldig ertragen werden – nicht aber „anerkannt“ und „gutgeheißen“. Die „Versöhnung“ Gottes bezieht sich auf die ihm feindlich gesinnten Personen, nicht auf deren erklärte Feindschaft; die soll gerade nicht „toleriert“ – d.h. anerkannt und bestätigt – werden, sondern überwunden.

Mit dieser Differenzierung von „Person und Werk“ ist nicht etwa eine Trennung beider oder eine Geringschätzung des gelebten Lebens und der Leistung gemeint, sondern eine klare Differenzierung zwischen der Person selbst und ihrem Verhalten. Gerade weil Gott die Menschen uneingeschränkt liebt, kann er das, was das Leben dieser Menschen einschränkt, keinesfalls „tolerieren“ im Sinne von „anerkennen“ und „gutheißen“. So wird nicht nur Gottes „Toleranz“, sondern gerade auch seine „Intoleranz“ gegenüber dem, was Leben und Liebe gefährdet und zerstört, als Ausdruck seiner Liebe und nicht etwa als Unduldsamkeit oder Ablehnung erkannt.

So wenig wie Eltern bei der Erziehung ohne eine Differenzierung von „Person und Werk“ auskommen könnten, sondern die Zuneigung zu ihren Kindern mitunter gerade im Nichttolerieren eines gefährlichen Verhaltens erweisen müssen, so wird auch Gottes „Nein“ zu menschlicher Gefährdung und Zerstörung als Ausdruck seines „Ja“ zu den Menschen selbst verstanden. Denn wie sollte man ein verantwortliches Toleranzverständnis anders fassen, wenn z.B. kleine Kinder sich mit Küchenmessern streiten wollen?

Entsprechendes ließe sich an der Differenzierung von Liebe und Wahrheit durchführen: Die Liebe gilt uneingeschränkt der Person; aber um eben dieser Liebe willen ist die Konfrontation mit der Wahrheit unumgänglich. Wir könnten auch an die Duale von Zuspruch und Anspruch Gottes erinnern oder von Evangelium und Gesetz, wobei mit „Gesetz“ im theologischen Sinne nicht etwa das Alte Testament oder die „Tora“, d.h. die fünf Bücher Mose, insgesamt bezeichnet wird, sondern Gottes den Menschen bei seinem Verhalten behaftendes Wort.

So liegt in der hochdifferenzierten biblischen Bezeugung der „Toleranz Gottes“ gewiss ein enormes Orientierungspotential für die Forderung nach zwischenmenschlicher Toleranz. Was eine Rückbesinnung auf die Zeugnisse der ersten Christinnen und Christen – und hier speziell auf das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte – zudem als lohnend erscheinen lässt, ist die atemberaubende Integrations- und Inkulturationsleistung, die der frühen Kirche in den ersten Jahrzehnten ihres Entstehens abverlangt wurde. Das, was Jesus in seiner offenen Zuwendung zu den „verlorenen Schafen“ in Israel – den sprichwörtlichen „Zöllnern und Sündern“ – seinen Jüngern und den Gerechten  in Israel zumutete, musste nach deren Selbst- und Weltverständnis „Murren“ – als Reaktion auf ein „nicht tolerierbares“ Verhalten – provozieren (Luk 15,2).  Aber nicht nur Jesu Annahme der Sünder in Israel, sondern auch seine – gerade von Lukas herausgestellte – Vorurteilsfreiheit gegenüber Samaritern  und seine für die Zeit ungewöhnliche Anerkennung und Aufwertung der Frauen  stieß auf Befremden und Widerstand.

Diese Überlieferungen von Jesu Begegnungen und Tischgemeinschaften, von Jesu Worten und Gleichnissen gaben seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern auch nach Kreuz und Auferstehung ihres Herrn Maßstab und Vorbild, als die Verkündigung der angebrochenen Gottesherrschaft über Jerusalem und Judäa hinaus ihren Weg über Samarien bis zu den Heiden fand (vgl. Apg 1,8; 11,1ff; 15,1ff). Können wir uns die Herausforderung für die überwiegend aramäisch sprechende Urgemeinde vorstellen, als sie erfuhr, dass sich nun auch griechisch sprechende Heiden auf ihren Herrn bezogen und ihren Gott der Väter mit „Abba, lieber Vater!“ anriefen? Bei diesem Übergang des Evangeliums von der jüdischen Urgemeinde in Judäa und Galiläa hin zu den aus Juden und Heiden zusammengesetzten gemischten Gemeinden in der griechisch sprechenden und denkenden Diaspora ist der „zweite Sitz im Leben“ dieser Jesusüberlieferungen zur Verteidigung der Annahme der Sünder zu erkennen.

Zur Zeit des Lukas- oder des Matthäusevangeliums selbst waren diese missionstheologischen Grundentscheidungen der Toleranz und Akzeptanz der ursprünglichen Heiden in der Gemeinde Jesu Christi längst vollzogen. Die Brisanz der vorbildlichen Hinwendung Jesu zu den Fremden, Andersartigen und Ausgegrenzten erwies sich nun vor allem bei der Frage des Umgangs mit denen, die als Glieder der Gemeinde abweichend von der eigenen Überzeugung dachten und handelten – oder auch unbestritten gefehlt hatten. So überliefert gerade Matthäus das Gleichnis vom Verlorenen Schaf im Zusammenhang einer Gemeinderede (Matth 18,1-35), in der es anschließend um die Begründung der siebenundsiebzigfachen – d.h. unbegrenzten – Vergebungsbereitschaft unter Brüdern geht. In dieser Einladung und Aufforderung zur innergemeindlichen Toleranz ist dann der „dritte Sitz im Leben“ der das Evangelium verteidigenden Verkündigung Jesu von der Güte seines himmlischen Vaters zu erkennen.

Für unseren heutigen kirchlichen wie gesellschaftlichen Kontext liegen Faszination und Herausforderung dieser vielfältigen Anwendung des Evangeliums Jesu in der Verbindung des für uns scheinbar Widersprüchlichen. Die Toleranzforderung erwächst nicht aus einer Relativierung der religiösen Überlieferungen und einer Tendenz weltanschaulicher Vereinheitlichung, sondern sie gründet umgekehrt in einer dezidierten Glaubensgewissheit und einem unbeirrten Sendungsbewusstsein. Die Kraft zur Toleranz erwächst aus der Glaubensfestigkeit und steht nicht im Gegensatz zu ihr. Das Evangelium hat von Beginn an nicht für eine Toleranz trotz des Glaubens, sondern „aus Glauben“ geworben. Dabei wurde die Aufforderung zur Annahme und positiven Zuwendung nicht etwa nur auf diejenigen bezogen, die ihrerseits den Weg in die Glaubensgemeinschaft suchten, sondern ausdrücklich auch auf die, die nicht zu gegenseitiger Toleranz bereit waren und den an Christus Glaubenden ihrerseits mit Vorbehalt und Ablehnung begegneten. Hatte doch Jesus seine Jünger mit dem Hinweis auf die Barmherzigkeit ihres himmlischen Vaters sogar zur Liebe gegenüber den Feinden aufgerufen: „Liebet eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch fluchen; bittet für die, so euch beleidigen“ (Luk 6,27f.38).

Vergegenwärtigen wir uns, auf welche Weise Jesus selbst – und mit Bezug auf ihn die Evangelien – sich für eine Toleranz einsetzen, die mehr als „Dulden“ und nicht weniger als die „Annahme“ und „Anerkennung“ des Anderen als Person bedeutet, dann fällt zunächst und vor allem die entgegenkommende, gewinnende, ja bittende Art der Argumentation und Darstellung auf. Wenn wir zu Anfang bei dem Begriff der Toleranz den Beigeschmack der Souveränität und Überlegenheit bemängelten, so findet er an dieser Stelle durchaus seine positive Entsprechung. Eine Toleranz im gefüllten Sinne von persönlicher Anerkennung und umfänglicher Annahme kann weder mit politischen Mitteln durchgesetzt noch ideologisch erzwungen werden; für eine solche Toleranz kann nur geworben werden; und eine solche Zuwendung wird in der Tat freiwillig und aus Liebe und Einsicht gewährt.

Dabei lassen sich gerade in den Gleichnissen Jesu drei verschiedene Weisen erkennen, in der er die zunächst ablehnend Reagierenden zu einer neuen Einstellung gegenüber dem Evangelium führt und sie damit zu einem grundlegenden Perspektivenwechsel und einer existentiell neuen Sicht einlädt.

1.)  Zunächst und vor allem wird der Blick auf Gott selbst und sein Wesen gelenkt: Gott ist wie ein Hirte, der selbstverständlich nach seinem verlorenen Schaf sucht; er ist wie ein liebender Vater, der in seiner Liebe gar nicht anders kann, als seinen wiederkehrenden Sohn vergebend in die Arme zu schließen (Luk 15,1-32). Gott ist wie ein Gläubiger, dem es gefällt, die große, ja sehr große Schuld seiner beiden Schuldner von sich aus zu erlassen (Luk 7,41f). Damit werden die zunächst Verschlossenen dazu eingeladen, den eigenen Standpunkt einmal zu verlassen und dieselbe, zunächst befremdende Situation mit den Augen Gottes zu sehen. „So gütig und barmherzig ist Gott – zu dir und zu denen, denen du die Anerkennung und gleiche Würde bisher verweigerst!“ Darin spricht sich die tiefe Erkenntnis aus, dass Annahme vom Angenommen-Sein herrührt und das eigene Nach-Hause-Finden im Gefundensein gründet: „Dieser mein Sohn ... war verloren und ist gefunden worden!“ (Luk 15,24.32). Die Fähigkeit zur Liebe erwächst aus der eigenen Erfahrung der Liebe; und es bedarf eines Gegenübers, um sich selbst und andere angemessen zu erkennen. Liebe kann nicht erzwungen werden, sie wird reflektiert!

2.)  Neben dieser Beschreibung des Wesens Gottes überrascht auch der Perspektivenwechsel im Blick auf die zunächst bedrohlich und fremd erscheinenden Anderen. Sie sind wie ein „verlorenes Schaf“, eine „verlorene Drachme“, ein „verlorener Sohn“ (Luk 15); ja sie sind wie „Kranke, die des Arztes bedürfen“ (Luk 5,31) und wie „Verschuldete“, die nur noch auf Gnade hoffen können.
Mit diesem Perspektivenwechsel werden die Besorgten in ihrer Einschätzung durchaus ernst genommen, und die nicht tolerierbare Voraussetzung wird keineswegs bestritten. Die Sünde der Sünder wird nicht verharmlost; und dennoch erscheinen sie plötzlich aus der Perspektive des barmherzigen Gottes unter dem Aspekt ihres Angewiesenseins. Auch dieser Perspektivenwechsel beinhaltet wieder eine unmittelbar einleuchtende Wahrheit. Angst und Aggression gründen in dem Eindruck der Bedrohung und Gefährdung; wer sich sicher ist und sich nicht bedroht fühlt, der muss sich auch nicht aggressiv abgrenzen.
Ein Feind, den man sich direkt vor Augen stellt, wirkt höchst bedrohlich; aber durch die Fähigkeit der Distanzierung wird die Gefahr entdämonisiert und auf ihr wirkliches Bedrohungspotential reduziert. Die Beschreibung der Schwachheit und des Angewiesenseins des Fremden, die die Befremdung nicht überspielt, sondern einbezieht, schafft die Voraussetzung für eine angstfreie Begegnung. So geht es letztlich um die Erübrigung von unbegründeter Angst, denn solange die Angst bestimmend ist, kann Toleranz nicht aufkommen. In der Verhaltensforschung würden wir von einer „Beißhemmung“ sprechen, die die Wahrnehmung der eindeutigen Unterlegenheit und Schwachheit des Anderen auslöst. So sind wir auch zutiefst bestürzt, wenn Menschen offensichtlich ohne jede sozial erlernte Hemmung sich an den Schwächsten und am Boden Liegenden aggressiv auslassen. Wie tief müssen die Verwundungen sein, wenn jemand ohne jede Situationsangemessenheit wie unmittelbar um sein Leben kämpfend um sich tritt!

3.)  Schließlich wird in den Gleichnissen und Auseinandersetzungen Jesu der Perspektivenwechsel auch dadurch herbeigeführt, dass die Vorurteile gegenüber den nicht Tolerierten entlarvt werden und die Ablehnung gegebenenfalls als unbegründet erwiesen wird. So wird berichtet, wie die zuvor betrügerisch handelnden Zöllner Levi und Zachäus durch die Zuwendung Jesu in der Tat eine Lebenswende vollziehen und das Unrecht weit über Erwartung wieder gutmachen (Luk 5,27ff; 19,1ff); der „barmherzige Samariter“ beschämt mit seinem nicht berechnenden und vorurteilsfreien Handeln die vermeintlich Gerechten (Luk 10,25ff ); der verlorene Sohn erweist sich vom Ende her als der tatsächlich vom Vater wiedergefundene (Luk 15,11ff); und die als Sünderin verachtete Frau reagiert in ihrer dankbaren Liebe so überschwänglich, dass ihre Zuwendung das an sich korrekte Verhalten des Gastgebers plötzlich als unzureichend erscheinen lässt (Luk 7,36ff). Das, was bisher als „Recht“ erschien, wird in jedem dieser Fälle durch die neue Perspektive des Handelns aus Liebe und Einsicht übertroffen. Und das generelle Ablehnen und pauschale Misstrauen den Andersartigen gegenüber wird als beschämendes Vorurteil erwiesen.

All diese gewinnenden und bezwingenden Argumente des Evangeliums wollen letztlich einheitlich dazu einladen, jeweils den eigenen Standpunkt auf Gott und seine Barmherzigkeit hin zu verlassen und sich selbst und die Anderen neu und bleibend mit diesen Augen Gottes zu sehen. Denn das, was alle verbindet, ist ihre Zugehörigkeit zu dem Vater Jesu Christi – sie wissen es oder wissen es nicht. Und was die Suche des Hirten, der Frau oder des Vaters in Luk 15 motiviert, ist allein, dass alles Verlorene in Wirklichkeit und umso mehr zu dem gehört, der es sucht. Der Wert liegt bereits in der Zugehörigkeit begründet und nicht erst im angemessenen Verhalten. Was qualifiziert das verlorene Schaf für die Suche seines Hirten, und was trägt der verlorene Groschen zu seinem Gefundenwerden bei? Und wollten wir den verlorenen Sohn nach unserem Vorverständnis für seine Abkehr von den Schweinetrögen rühmen, so belehrt uns der begeisterte Freudenruf des Vaters, dass in Wahrheit ein Toter lebendig wurde und ein Verlorener gefunden (Luk 15,24.32). Wer würde nicht die Freude kennen, wenn etwas lange Gesuchtes plötzlich gefunden wird, und das Bewusstsein des Entbehrens, wenn etwas dringend Benötigtes unauffindbar scheint. Mit der Einladung: „Freut euch mit mir!“ (Luk 15,6.9), wird nicht nur für Toleranz im Sinne von „Duldung“, sondern für gemeinsame „Annahme“ und persönliche „Anerkennung“ geworben.

Freilich wissen wir nur zu gut auch um die Möglichkeit der Verweigerung dieser Einladung und der Verhärtung gegenüber der Mitfreude mit Gott. So hat das letzte der drei Gleichnisse vom Verlorenen in Luk 15 auch ein seltsames „Achtergewicht“, indem es von der zerknirschten Reaktion des vom Felde zurückkehrenden älteren Bruders berichtet. Er stört sich sichtlich an der Toleranz seines Vaters gegenüber dem jüngeren Bruder. Seine Intoleranz gilt allerdings nicht nur dem vergangenen Verhalten – da würde ihm der Vater durchaus Recht geben, indem er selbst den Heimkehrenden als zuvor „verloren“ und „tot“ beschreibt –, sondern bleibend und unversöhnlich der Person seines Bruders. Vielleicht können wir aus diesem letzten, traurigen Gleichnisteil das Einschneidenste zum Thema Toleranz lernen. Gerade an diesem Beispiel der Verweigerung von Versöhnung und Annahme wird erkennbar, dass Toleranz nur aus der eigenen Gewissheit und Stärke erwächst. Der ältere Bruder war sich seiner eigenen Stellung und Wertschätzung durch den Vater offensichtlich zu wenig bewusst, obwohl sie – wie die Antwort des auch ihn bittenden und aufsuchenden Vaters eindrücklich zeigt – in Wirklichkeit nie gefährdet war: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein!“ (Luk 15,31).

Sosehr wir gesellschaftlich auch über die Notwendigkeit der Grenzen von Toleranz sprechen müssen und akzeptieren sollten, dass es Situationen gibt, in denen eine passive Duldung und naive Zulassung gerade die Voraussetzungen des Zusammenlebens und die Ermöglichung von Toleranz gefährden und zerstören, sosehr haben wir hier ein Beispiel für unbegründete Angst, aus der heraus eine unangemessene Intoleranz erwächst – unangemessen vielleicht nicht aus der Perspektive des sich betrogen fühlenden Bruders, wohl aber aus dem Blick des beide Söhne gleich liebenden Vaters. Aus dem Blickwinkel des Vaters gab es keinen Grund für Neid und Sorge, weil seine Liebe durch das Teilen nicht weniger wurde. Aber aus der subjektiven Sicht des älteren Bruders, der sich selbst offensichtlich von seinem eigenen Tun und dem Wert seiner Arbeit her verstand (Luk 15,29f), bewirkte der aus der Fremde kommende Sohn Verunsicherung und Verlustangst. Um tolerant zu sein und in die Annahme und Anerkennung des Vaters einstimmen zu können, hätte der ältere Sohn sich seiner Beziehung zum Vater ganz gewiss sein müssen.

So gilt, dass Beziehungsgewissheit sowie eigene Überzeugung und Stärke nicht Gegenbegriffe zur Toleranz sind, sondern deren notwendige Voraussetzung. Wer Solidarität erreichen will, muss Identität stärken, und wer die Sozialisation ausbilden will, der muss den Raum für eine in Beziehung und Zuwendung ermöglichte Individuation schaffen. Indem Eltern sich ihren Kinder zuwenden und sie lieben, werden sie fähig, Geschwister zu sein; und wenn Geschwister sich gegenseitig annehmen können, lernen sie es, sich Fremden angstfrei und selbstbewusst zuzuwenden: „Da ging sein Vater heraus und bat ihn ... Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden“ (Luk 15,28.31f).

Wie antwortet der ältere Bruder auf die eindringliche Bitte seines Vaters hin? Nun, die Antwort des Angesprochenen steht am Ende des Gleichnisses noch aus, weil es im Evangelium nicht um Fremdunterhaltung geht, sondern um eigene Lebensgestaltung. Die Zuhörenden können sich ihrer eigenen Antwort nicht entziehen und werden durch den Perspektivenwechsel von Jesus dazu angeleitet, sich selbst und andere mit den Augen seines Vaters zu betrachten.


Welche Konsequenzen ergeben sich aus all dem?

1.)  Die Begründung der Toleranz wird im Neuen Testament auf dreifache Weise entfaltet. Grundlegend ist die schöpfungstheologische Argumentation. Die Barmherzigkeit des Vaters gilt allen Menschen als solchen, da sie alle Geschöpfe des einen Gottes sind. Wert und Würde jedes Menschen sind schon darin begründet, dass die Zugehörigkeit zu Gott sie als unentbehrlich und unverwechselbar erweisen. Ungeachtet ihres möglichen „Verloren-“, „Schuldig-“ oder „Krankseins“ – oder vielmehr gerade wegen ihrer Gottesferne – gilt ihnen die ungeteilte Aufmerksamkeit Gottes als des „Hirten“, „Vaters“ oder „Arztes“. „Denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Luk 6,35f).

2.)  Durchgängig wird im Neuen Testament die Anleitung zur Toleranz christologisch begründet. Dies ist in den Evangelien besonders evident, da sie sich von Anfang an als Evangelium von Jesus Christus verstehen und alles, was sie zu sagen haben, an dem Leben und Wirken, an dem Handeln und Lehren, an der Passion und der Auferstehung Jesu orientieren. Der irdische Jesus und auferstandene Christus ist für die Evangelisten nicht nur historisches Vorbild, sondern vielmehr bleibende Grundlage und reale Voraussetzung für alle Verkündigung in Zuspruch und Anspruch. Dies gilt aber nicht weniger für die neutestamentliche Briefliteratur: Wenn Paulus die Gemeinde in Röm 14,1 – 15,7 zu gegenseitiger Toleranz und Annahme ermahnt, dann tut er das unter Hinweis auf das Angenommensein durch Christus, das er zuvor ausführlich in 11 Kapiteln entfaltet hat. Und wenn er die Philipper zu gegenseitiger Hochschätzung und wechselseitiger Rücksichtnahme ermuntert, dann begründet er diesen hohen Anspruch mit dem Zitat des berühmten Christushymnus in Phil 2,5-11: „Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war“ oder: „... wie es in Jesus Christus angemessen und möglich ist, gesinnt zu sein“ (V. 5).
Nun könnte man erwägen, ob man innerchristlich in diesem Sinne christologisch argumentiert und im außerkirchlichen Diskurs unter Absehung von der Christologie. Ist die schöpfungstheologische Perspektive nicht die übergeordnete und verbindende, die christologische hingegen vielmehr die spezielle und nachgeordnete? Die neutestamentlichen Zeugen gingen mit Gründen den umgekehrten Weg! Das Wesen des „einen Gottes“ ist nicht schon von einem allgemeinen Gottesgedanken her eindeutig bestimmt, und dass der Schöpfer seine Schöpfung in unwiderruflicher Treue und Barmherzigkeit liebt, ergibt sich keineswegs so eindeutig aus der allgemeinen Beobachtung der Natur oder der Geschichte – und auch nicht aus einem allgemeinen Religionsbegriff.
Wer Gott wirklich ist und wie er sich endgültig, d.h. verbindlich und bleibend, offenbart hat, erkennen die ersten Christinnen und Christen im Angesicht Jesu Christi. Von der Christuserkenntnis her wird die Offenbarungsgeschichte vereindeutigt, und dass der Schöpfer wirklich barmherzig und treu ist, erweist sich in der Menschwerdung und Lebenshingabe seines eigenen Sohnes. So geht es auch bei dem Bekenntnis zu der vorgeburtlichen Präexistenz des Gottessohnes in der Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater (Joh 1,1ff; Phil 2,6ff), so geht es bei der Erkenntnis der Schöpfungsmittlerschaft Christi als des „Wortes Gottes“ (Joh 1,1ff; 1 Kor 8,6) und bei der überraschenden Verbindung Jesu mit Abraham (Joh 8,56ff; Gal 3,16) oder Jesajas Gottesschau (Joh 12,41) nicht um dogmatische Spitzfindigkeiten, sondern um hermeneutisch grundlegende Erkenntnisse für die Glaubensgewissheit. Weil der Gottesbegriff von Christus her seine positive Eindeutigkeit gewinnt, ist der Ansatz bei dem Sohn Gottes – und damit bei dem Vater Jesu Christi – unaufgebbar. Aus christlicher Perspektive reden wir von dem „einen Gott“ grundsätzlich als von dem trinitarischen Gott.
Das, was den Blick für anders Denkende und anders Glaubende öffnet, ist nach dem Evangelium die Gotteserkenntnis im Angesicht Jesu Christi (2 Kor 4,6). Die unaufgebbare Würde des Fremden und die Perspektive auf den Anderen als den von Gott gleich Geliebten ergeben sich gerade durch das Hören und Schauen auf den Vater Jesu Christi. Wie kann man der Schwester oder dem Bruder schaden wollen, um derentwillen doch Christus gestorben ist (1 Kor 8,11)?

3.)  Schließlich sei zur Begründung der Toleranzforderung auch noch darauf hingewiesen, dass sie wie jede neutestamentlich-ethische Anweisung eschatologisch – d.h. vom Ende und der göttlichen Vollendung her – motiviert wird. Gegen alle Anfechtungen und Zweifel und angesichts aller vergeblich erscheinenden Mühe wird daran festgehalten, dass es Gott selbst sein wird, der endgültig Sünde und Tod überwindet und seinen Menschen versöhnend und tröstend ihre Tränen abwischt (Offb 21,1ff). Dies ist insofern unentbehrlich, als Feindesliebe und Annahme, Vergebungsbereitschaft und Tun der Gerechtigkeit innerhalb der eigenen Biographie und der erfahrbaren Geschichte sich wohl für andere und die Gemeinschaft als lohnend und sinnvoll erweisen, hinsichtlich der sich selbst Hingebenden aber die Frage nach Gottes Barmherzigkeit noch nicht befriedigend klärt. Wie könnten wir die Lebenshingabe Jesu ohne das Licht des Ostermorgens verstehen? Wie könnten wir Gott als gütig und liebend bekennen, wenn geschichtlich das Unrecht und das grenzenlose Leid das letzte Wort behalten würden, wenn die Intoleranz und Feindschaft ausgerechnet über die Liebenden und Friedenstiftenden, über die Opfer und Leidenden der Geschichte endgültig triumphieren dürften? Auch hier geht es wieder nicht um entbehrliche „letzte Dinge“, sondern um die Grundlagen des Gottesbegriffs. Von Gottes Barmherzigkeit und Toleranz kann nur insofern als verantwortlich und vorbildlich gesprochen werden, als dieser Gott in seinem endgültigen Eingreifen und „Zu-Recht-Bringen“ auch die Grenzen seiner Toleranz und seines „Duldens“ erweist und für seine Menschen alle Ungerechtigkeit und Feindschaft überwindet.

Fußnote:

(1)  Vgl. Röm 1,17; 3,26.30; 5,1; 9,30; 10,6; Gal 2,16; 3,8.11.24; 5,5.

 

Dr. Hans-Joachim Eckstein ist Professor für Neues Testament an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Er ist Synodaler der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Mitglied der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland – www.uni-tuebingen.de/ev-theologie/eckstein

 



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