Predigt im Abschlussgottesdienst in der Zwölf Apostel Kirche in Berlin

Bischof Axel Noack

10. November 2005 (4. Tagung der 10. Synode der EKD, Berlin, 6. - 10. November 2005)

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

zur Abendstunde, nachdem wir nun schon das Abendlied gesungen haben, soll ich Sie noch einmal aufregen mit einem aufregenden Bibelwort und Sie mit hineinnehmen in eine große Geschichte. Ich lese ein paar Sätze aus der Rede, die Josua gehalten hat seinem Volk:
So fürchtet nun den Herrn und dient ihm treulich und rechtschaffen und lasst fahren die Götter, denen eure Väter gedient haben jenseits des Euphratstromes und Ägypten und dient dem Herrn (Josua 24).
Gott segne an uns sein Wort!

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man dieses alte große Kapitel predigen will, müsste man eigentlich anknüpfen an die Synode vor einem Jahr und könnte fragen: kennen Sie Josua? Josua ist der Nachfolger Moses, er hat das Volk geleitet durch die Wüstenstrecke auf dem letzten Weg bis ins gelobte Land. Sie sind dort angekommen, über den Jordan gegangen, haben das Land verteilt. Ich frage bewusst, ob Sie ihn kennen, weil das Buch Josua  sich nicht sehr spannend liest. Es ist nicht das beliebteste in der Bibel. Die Landnahme, wie sie so heißt, die Verteilung des Landes an das Volk, war ziemlich schwierig. Posaunenchöre kamen zum Einsatz, um die Stadt Jericho einzunehmen – deshalb hier die schöne Ausstellung im Hintergrund der Kirche. Das Land war dann verteilt, man war im gelobten Land und dann begannen die Probleme. Wie es immer so geht nach großen Ereignissen und Wenden, teilt sich auch die Meinung im Volk. Die einen haben es verstanden, sich ganz schnell anzupassen an die neuen Verhältnisse. Und die anderen fingen an und sagten, na ja, alles war ja nun auch nicht schlecht in Ägypten - die Wüste, das schöne Wetter, leckere Wachteln ...  Es war eine Spaltung eingetreten.

Und da macht Josua seinen Landtag und versammelt das Volk und hält ihm eine Rede. Die kann man jetzt nicht im Ganzen vorlesen – die können Sie nachlesen: Josua 24. Die Rede fängt ganz weit vorne an, schon beim Vater Abraham. Und sie erzählt die ganze Geschichte des Volkes, von Jakob und Esau, Mose und Aaron, von den Plagen in Ägypten, von der Gefangenschaft, von der Flucht aus Ägypten und der Wanderung durch die Wüste bis in das gelobte Land.

Das erste: Was man sich merken soll, wenn man Leute orientieren will auf die Güte Gottes hin, ist es gut, eine lange Geschichte zu ziehen. Und möglichst bis dorthin, wo ich jetzt selber lebe. Und so zieht Josua seine Geschichte aus von den Anfängen bis zu dem heutigen Tag. Und er sagt, er lässt Gott reden: Ich habe euch ein Land gegeben, um das ihr euch nicht gemüht habt, und Städte, die ihr nicht gebaut habt, um darin zu wohnen, und ihr esst von Weinbergen und Ölbäumen, die ihr nicht gepflanzt habt. So fürchtet nun den Herrn und dient ihm treulich und rechtschaffen und lasst fahren die Götter, denen eure Väter gedient haben jenseits des Euphratstromes und in Ägypten und dient dem Herrn.

Das ist eine schöne Predigt! So kann man das Volk anreden. Jetzt kommt ein ganz entscheidender Moment in der Rede. Er greift genau die Spaltung auf, die es im Land gibt: Gefällt es euch aber nicht, dem Herrn zu dienen, so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben jenseits des Stroms, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen.

Liebe Schwestern und Brüder, wegen dieses Satzes hat sich unsere Kirche entschieden für Josua 24 als Predigttext, als einen möglichen Predigttext, wenn Kirchen neu eingeweiht werden, und ihn zu nehmen als alttestamentliche Lesung,  wenn die Gemeinde, was leider nicht so häufig vorkommt, am 25. Juni jeden Jahres der Confessio Augustana, dem Augsburger Bekenntnis, gedenkt, dann wäre das die alttestamentliche Lesung. Gefällt es euch aber nicht, dem Herrn zu dienen, so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben jenseits des Stroms, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Sucht es euch aus!

Es ist gut – zweiter Merksatz – wenn man Entscheidungssituationen herbeiführt. Übrigens, unsere westdeutschen Geschwister werden vielleicht den Satz kennen: „Na dann geh doch rüber!“. Der hat hier wahrscheinlich seinen Ursprung jenseits des Jordans. Wir haben immer gesagt, mach‘ dich über den Jordan! Das sind diese Entscheidungssituationen. Aber dann, und das ist das, was man ganz deutlich hören muss, dass Josua sagt: Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen.
Es braucht Leute, die für sich selber eine klare Entscheidung treffen und getroffen haben, wenn sie andere orientieren wollen.
 
Und hören Sie auch auf den schönen Satz, der hier gesagt wird. Josua sagt ja nicht, ich will dem Herrn dienen und meine Kinder sollen später mal selber entscheiden, was sie glauben wollen, sondern er sagt, ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen. Er setzt das so voraus und lebt so eine geradlinige Orientierung. Und das macht ihn ja auch so sympathisch. Das war eine dolle Rede, die er da gehalten hat. Eine Rede, von der man ganz klar merkt: Es braucht entschiedene Leute, wenn was bewegt werden soll – auch in Bekenntnisfragen: Tolerant aus Glauben. Und was ist passiert nach seiner Rede? Die Leute sind begeistert. Die sagen alle: wir wollen auch dem Herrn dienen. Da antwortete das Volk und sprach: Das sei ferne von uns, dass wir den Herrn verlassen und andern Göttern dienen! Denn der Herr, unser Gott, hat uns und unsere Väter aus Ägyptenland geführt, aus der Knechtschaft, und hat vor unseren Augen diese großen Zeichen getan...

Das war eine schöne Rede von Josua, die Leute sind begeistert, ein Ruck, eine Ruckrede, die Presse hat nur Gutes berichtet, aber – und das ist das Verwunderliche, das man sich gut merken muss an diesem Text – Josua sagt ... Josua aber sprach zum Volk: Ihr könnt dem Herrn nicht dienen, denn er ist ein heiliger Gott, ein eifernder Gott, der eure Übertretungen und Sünden nicht vergeben wird.

Also so eine richtige kalte Dusche! Ihr könnt das nicht! Ich kenne euch! Emotionen nach so einer richtigen Ruckrede, alle sind ein bisschen aufgewühlt, aber Josua weiß: in ein oder zwei Tagen ist es vergessen. Und er redet so streng: ihr könnt das nicht, und dann sagt er weiter: Wenn ihr den Herrn verlasst und fremden Göttern dient, so wird er sich abwenden und euch plagen und euch ausrotten, nachdem er euch Gutes getan hatte. Da sprach das Volk aber zu Josua: Nein, sondern wir wollen dem Herrn dienen. Die bleiben sogar dabei, die hören das und sagen, doch wir wollen.

Liebe Schwestern und Brüder, wir haben ja viel gehört über die Barmherzigkeit mit den Zweiflern. Ich glaube, Josua will uns auch sagen, es gibt auch eine Barmherzigkeit mit den Vergesslichen. Die wollen das wirklich, die zweifeln nicht. Aber Josua weiß, sie schaffen es nicht – ich kenne sie doch, sie schaffen es nicht. Und dann sagt Josua: Gut, dann seid ihr Zeugen gegen euch selbst, dass ihr euch den Herrn erwählt habt, um ihm zu dienen. Und sie sprachen: Ja.
So schloss Josua an diesem Tag einen Bund für das Volk und legte ihnen Gesetze und Rechte vor in Sichem.

Und dann macht er was ganz Tolles, was es einfach braucht, weil die Leute nun mal vergesslich sind. Er sagt, das schreiben wir jetzt auf, machen ein Protokoll, halten alles ganz genau fest ... Und Josua schrieb dies alles ins Buch des Gesetzes Gottes und nahm einen großen Stein und richtete ihn dort auf unter einer Eiche, die bei dem Heiligtum des Herrn war und sprach zum ganzen Volk: Siehe, dieser Stein soll Zeuge sein unter uns, denn er hat gehört alle Worte des Herrn, die er mit uns geredet hat.
So muss man es machen, Protokoll schreiben, Buch nehmen, eingraben, Stein
drauf – hier! Erinnerungszeichen. Das brauchen die Menschen, sonst vergessen sie es wieder. Das kann man in der Bibel an vielen Stellen finden. Manche pflanzen eine Eiche – David, Esra, Nehemia – oder sie haben Feste erfunden, damit es die Leute nicht vergessen, weil sie es sonst wieder vergessen würden. Es geht dann alles ganz gut aus. Er macht es. Nach Protokollierung und Stein und Eiche heißt es dann noch ganz schlicht, so entließ Josua das Volk, einen jeden in sein Erbteil.
Also doch ein Happy-End mit der Geschichte. Wenn man da enden würde in der Geschichte, könnte man sagen, ja, es ging gut aus.

Wir sind nun dreieinhalb Tausend Jahre später. Wir müssen die Geschichte Gottes bis zu uns hinziehen. Wir wissen, was danach passierte. Wir wissen, dass es wieder anfing mit der Vergesslichkeit und dass sie abtrünnig wurden und dann haben sie den Psalm 85 gebetet: Herr, der du vormals warst gnädig, erinnere dich doch nochmal daran ....

Aber sie selber hatten vergessen. Und das kann man dann durchziehen. Ich denke nur an einen Zeugen, der so ähnlich tolerant war wie Josua: Nehemia, der dann tausend Jahre nach Josua in seinem Buch das ein bisschen zusammenfasst, wie das Volk reagiert und er sagt: Zur Zeit ihrer Angst schrien sie zu dir, Gott, und du erhörtest sie vom Himmel und durch deine große Barmherzigkeit gabst du ihnen Retter, die ihnen aus der Hand ihrer Feinde halfen. Wenn sie aber zur Ruhe kamen, taten sie wieder Übel vor dir. Da gabst du sie dahin in die Hand ihrer Feinde, so schrien sie wieder zu dir und du erhörtest sie vom Himmel her und errettest sie in deiner großen Barmherzigkeit viele Male.

Wenn sie aber zur Ruhe kamen, taten sie wieder Übel vor dir ... so und immer fort. Dann schrien sie wieder und du errettest sie und wenn sie zur Ruhe kamen ... Barmherzigkeit mit den Vergesslichen. Was ist mit den Menschen?

Wir erinnern uns, die Geschichte ging so weiter und weiter und schließlich, zur Zeit Jesu, im Lukasevangelium gibt es ein Gespräch, das ein reicher Mann mit dem Vater Abraham führt. Sie erinnern sich! Und da sagt der reiche Mann: nein Vater Abraham – der war schon bei Josua da, der Abraham – sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, dann würden sie Buße tun. Aber Abraham sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten und Josua nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Das gehört auch in die Geschichte. Nun ist aber einer von den Toten auferstanden. Und das verbindet uns nun mit der Geschichte. Und wir können ja sagen, dass die Auferstehung Jesu vielen Menschen Orientierung gegeben hat, sonst säßen wir alle nicht hier und würden keine Synode halten und  zu keinem „Donnerschweh“-Abend gehen, wenn diese Auferstehung uns nicht die Orientierung gegeben hätte: Da ist einer auferstanden!
Und wir sollen auf dem Hintergrund dieser langen Geschichte die Auferstehung Jesu nehmen als das große Zeichen seiner Liebe. Größere Liebe konnte er nicht zeigen, als er dann noch seinen Sohn schickte, damit der uns sagt, wie es um uns steht. Ich gehe davon aus, dass die Menschen trotzdem noch vergesslich sind und auch Erinnerungszeichen brauchen. In der EKD-Statistik habe ich heute gelesen, 23.400 Kirchgebäude stehen in Deutschland. Alles Zeichen der Erinnerung – eingegrabene Verträge mit dem lieben Gott, Eichen gepflanzt – vergesst es nicht!

Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie uns doch einfach mal hören:
Diesen langen Weg bis zu uns hin – von Jesus bis zu uns sind es noch mal 2.000 Jahre. Es ist nicht die lange Zeit, die dazwischen liegt, die Zeitabstände, in denen können wir ohnehin nicht denken – dreieinhalb Tausend Jahre - aber wir können wissen, dass bei Gott die Sache klar ist. Größere Liebe kann er uns nicht erzeigen.
So hat er uns in die Geschichte von Josua eingebunden:
erstens, seht ganz nüchtern, wie es um die Menschen steht und
zweitens, vergesst nicht, dass Gott ein Gott ist, der sich erbarmt.

Und vielleicht ist es auch ganz gut, wenn man solch einen Text am Abend eines Tages bedenkt, denn das glaube ich wohl, dass seit Jesu Auferstehung die beste Theologie in der Abendstunde gemacht wird, weil die nämlich die Situation von uns allen, von unserer Kirche, von unserer Welt am besten abbildet – wie die Abendstunde des heutigen Tages am Ende der Synode. Am Abend – so wie jetzt – ist eigentlich im wesentlichen über den Tag entschieden. Es ist alles gelaufen. Aber bevor wir schlafen, kann noch viel passieren. Das ist eine wichtige Stunde in der Christenheit, da wird das Magnifikat gelesen, da weiß man, ja, es ist alles klar ... Über den Tag ist im wesentlichen entschieden, aber es kann noch eine ganze Menge passieren – nicht nur „Donnerschweh“.  Und das ist die Stunde, in der wir leben – nicht nur jetzt an diesem Tage, da kann man es so schön klar machen, sondern auch in unserem Leben, in unserer Kirche, in unserer Welt. Es ist im wesentlichen darüber entschieden, aber es kann noch eine ganze Menge passieren. Im Wesentlichen ist alles klar und wenn es uns so klar wäre, liebe Schwestern und Brüder, bräuchte man sich über manche Dinge nicht mehr so aufzuregen. Wenn das so klar wäre: im Wesentlichen ist über alles entschieden, Jesus Christus hat den Punkt  gesetzt, aber wie man sieht, es kann noch eine ganze Menge passieren.

Und so lassen Sie uns darauf vertrauen, dass der, der schon bei Josua mächtig war, uns zu diesem Abend geleitet, dass wir ihn noch rufen hören können. Zu welch‘ großer Ehre sind wir gekommen, dass wir Synode halten können, in der schönen, renovierten und gewärmten Kirche sitzen, dass wir sein Wort hören können – immer noch – zu welch‘ großer Ehre sind wir gekommen!

Und nun lassen Sie uns auch darauf achten, was er uns zurufen will.
Es war Gustav Heinemann, der einmal gesagt hat, das wichtigste christliche Wörtchen sei das Wörtchen NOCH. Noch ist Gottes Geschichte mit uns nicht zu Ende, noch können wir sein Wort hören, noch gibt er Zeit der Gnade, dann lasst es uns kräftig tun und wenn es in der Abendstunde ist.

Amen 


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