Texte zum Schwerpunktthema

"Tolerant aus Glauben“

Kundgebungsentwurf zum Schwerpunktthema "Tolerant aus Glauben"

Vorlage des Vorbereitungsausschusses zum Schwerpunktthema

 

Tolerant aus Glauben

  • Wir nehmen die Herausforderung des Pluralismus an und wollen an seiner Gestaltung mitwirken.
  • Es entspricht unserem christlichen Selbstverständnis, andere Lebens- und Glaubensweisen zu achten.
  • Wir leben aus Gottes Toleranz und können deshalb Anderen tolerant begegnen.
  • Getragen vom Vertrauen auf Gott und befreit von der Angst um die eigene Identität sind wir als evangelische Kirche
    - eine verlässliche Anwältin für ein Leben aller Menschen in Würde
    - ein Ort des Widerstands gegen jede Form von Intoleranz
    - aufgerufen, mit unserem Glauben unserer Gesellschaft ein menschenfreundliches Gesicht zu geben.

 

1. Die Herausforderung durch den Pluralismus

Im religiösen, weltanschaulichen und kulturellen Pluralismus unserer Gesellschaft gilt nichts mehr als selbstverständlich. Die Vielfalt der religiösen und weltanschaulichen Orientierungen stellt die Menschen vor eine Fülle von Wahlmöglichkeiten. Die Botschaft der evangelischen Kirche erscheint da nur als eine Möglichkeit unter anderen. Diese Situation nötigt die Kirche, deutlich zu zeigen, wofür sie steht. Nicht weniger sind die einzelnen protestantischen Christinnen und Christen herausgefordert, inmitten konkurrierender Lebensmodelle Profil zu zeigen.

Zwei Perspektiven sind wesentlich, wenn nach dem Profil der evangelischen Kirche und des christlichen Lebens gefragt wird. Das ist einerseits die Orientierung am biblischen Grund des Glaubens im evangelischen Sinne. Andererseits geht es darum, die Situation religiöser und weltanschaulicher Vielfalt anzunehmen und mitzugestalten. Denn die Struktur einer säkularen, pluralistischen Gesellschaft beruht auf der Anerkennung der Würde jedes Menschen. Diese Grundlage unserer Gesellschaft aber hat ihre Wurzeln im christlichen Verständnis des Menschen und seiner Freiheit zum eigenen Glauben. Darum bejaht die evangelische Kirche das Grundprinzip dieser Gesellschaft und ihres demokratischen Staatswesens. Der Respekt vor Menschen mit anderen religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen gehört zur protestantischen Identität.

Gleichwohl ist der religiöse und weltanschauliche Pluralismus für die evangelische Kirche eine große Herausforderung. Die Vielfalt anderer Orientierungen des Lebens und Handelns relativiert in den Augen der Gesellschaft die Bedeutung der christlichen Antworten. Menschen anderer Religionen malen eine bunte Palette von religiösen Möglichkeiten vor Augen. Die „Religion“ ist auch sonst nicht mehr nur die Angelegenheit der christlichen Kirchen. Sie begegnet in vielen individualisierten und privatisierten Gestalten. Einmal fasziniert die „Esoterik“ mit einer bunten Mischung von Welterklärungs- und Lebensbewältigungsmodellen. Dann wieder erwecken Ereignisse, welche die Medien aufbereiten, regelrecht ein religiöses Klima. Im Sport, in der Musik- und Filmszene sind Vorgänge religiöser Hingabe zu beobachten. Unsterblichkeitserwartungen, die sich nicht selten mit der Hoffnung auf den medizinischen Fortschritt verbinden, sind häufig anzutreffen. Die Sehnsucht nach Glück und Ganzheit sucht sich in unserer Zeit viele Antworten. Das wird heutzutage gerne als Ausdruck der „Wiederkehr der Religion“ in einer säkularisierten Welt bewertet. Die Prognose, dass wir einer religionslosen Zeit entgegengehen, hat sich nicht bewahrheitet.

Doch es gibt auch einen anderen Trend, der besonders in den neuen Bundesländern Deutschlands ausgeprägt ist. In vielen Regionen bestimmt die Konfessionslosigkeit das Leben von drei Vierteln der Bevölkerung. Die Frage, wie nicht-glaubende Menschen einen Zugang zum Glauben und zur Kirche finden können, stellt dort die größte Herausforderung für die Kirche dar. Es darf wohl gelten: Nur wenn die Kirche, wenn Christinnen und Christen, im Leben dieser Menschen präsent sind, wird Bewegung in die atheistischen Lebenseinstellungen kommen. Dieses Dasein für alle aber ist für eine Kirche als gesellschaftliche Minderheit aufgrund geringer personeller und finanzieller Ressourcen schwierig zu realisieren. Dennoch besteht kein Anlass zur Resignation.

Die Kirche ist auch im Osten Deutschlands eine wichtige Kraft, die in konzentrierter Weise für die Probleme von Menschen in unserer Gesellschaft da ist. Wie in ganz Deutschland hat sich auch in diesem Teil die Zahl der Kirchenaustritte nicht erhöht. Statistiken weisen ein verstärktes Interesse an Taufen, Konfirmationen, kirchlichen Eheschließungen und Bestattungen aus. Die evangelische Kirche wird als kompetente Partnerin in wichtigen Lebensfragen wahrgenommen. Das verpflichtet dazu, in der diffusen religiösen Szene unserer Gesellschaft „Farbe zu bekennen“. Eine Kirche, die sich nur „trend-orientiert“ verhielte, wäre in dieser Situation ein schwankendes Blatt im Winde. Darum ist sie einerseits vor die Frage nach der „Festigkeit“ ihrer Botschaft und ihres Glaubens gestellt. Andererseits ist sie verpflichtet, die Anliegen zu respektieren, die sich in religiösen und atheistischen Lebenseinstellungen in ganz Deutschland melden. Glaubensfestigkeit und Toleranz gegenüber anderen Wahrheitsgewissheiten – beides ist heute nötig.


2. Toleranz als Gesellschaftsprinzip

Unter „Toleranz“ kann Verschiedenes verstanden werden. Wörtlich bedeutet der Begriff eigentlich Erdulden. Orientiert man sich daran, dann handelt es sich bei der Toleranz um ein passives Aushalten von anderen Menschen, ihrer Überzeugungen und Verhaltensweisen. Eine derartige Toleranz kann sich durchaus mit Ablehnung und Missachtung von Menschen vertragen, die nicht den eigenen Maßstäben entsprechen. Sie nimmt das Zusammenleben mit Menschen, die religiös, weltanschaulich oder kulturell anders geprägt sind, bloß zähneknirschend hin. Sie hat kein Interesse daran, mit diesen Menschen in eine Beziehung zu treten.

Der Toleranzgedanke, der mit der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland verbunden ist, enthält dagegen ein aktives Element. Es folgt aus dem Prinzip der Anerkennung der Würde eines jeden Menschen. Würde verdient Achtung. Achtung aber duldet die anderen Menschen mit ihren Überzeugungen und Lebensweisen nicht nur. Sie verlangt von den Gliedern der Gesellschaft den gegenseitigen Respekt, der den Respekt vor ihren Anschauungen, Glaubens- und Lebensweisen einschließt. Sie räumt jedem Menschen die Freiheit zur Entfaltung des eigenen Lebens ein und befördert sie.

Eine solche Toleranz hat allerdings Grenzen. Sie werden sichtbar, wenn einige Menschen oder Gruppierungen ihre Freiheit dazu missbrauchen, sich selbst intolerant zu verhalten. Intoleranz ist eine Brutstätte von Unfrieden und Gewalt. Sie lehnt andere Überzeugungen nicht nur ab, sondern neigt dazu, Menschen mit anderen Verhaltensweisen und Prägungen zu diskriminieren, zu unterdrücken und zu bekämpfen. Mit der Duldung solcher Intoleranz würde sich die Toleranz selbst das Wasser abgraben. Der demokratische Rechtsstaat setzt darum der Verbreitung des Gedankengutes und der Praktiken der Intoleranz aller Art durch seine Gesetzgebung Grenzen. Doch Toleranz, die äußerlich erzwungen werden muss, ankert nicht im Bewusstsein der Menschen. Entscheidend ist darum, wie in der Gesellschaft ein Geist der Toleranz lebendig sein kann. An dieser Stelle gewinnt das christliche Verständnis der Toleranz eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung.


3. Gottes Toleranz

Intoleranz gegenüber anderen Menschen, wie sie auch der Kirchengeschichte nicht fremd ist, verträgt sich nicht mit dem Gott, der den Glauben der Christenheit erweckt. Er begegnet nämlich gerade den Menschen, die sich gegen ihn wenden, mit einer Achtung, die aus der Liebe zu ihnen stammt. Er spricht sie als bejahte und geliebte Menschen von ihrer Sünde und Schuld frei. Er tut das nicht mit der Gewalt göttlicher Übermacht, sondern vorsichtig. Er gibt ihnen Zeit, sein Wort zu hören und sich von seinem Geist anrühren zu lassen. In dieser Zeit aber duldet er das, was ihm widerspricht. Martin Luther hat diese Geduld Gottes seine Toleranz genannt.

Bezeugt die Gemeinde Jesu Christi diesen Gott, dann kann sie das nur in einer Art und Weise tun, die seine Toleranz nachahmt. Sie weist durch ihr Reden und Handeln auf die Liebe Gottes als das Band hin, das alle Menschen verbindet. Das aber muss im Verhältnis zu Menschen, die einer anderen Religion, Weltanschauung oder Ethik anhängen, glaubwürdig geschehen. Intoleranz und Ungeduld schaden dieser Glaubwürdigkeit. Eine christliche Gemeinde wird anderen Glaubens- oder Lebensweisen darum geduldig und respektvoll neben sich Raum geben. Zugleich aber wird sie in Freiheit darstellen, was Gottes Wahrheit für sie bedeutet.

Wahrheit ist nicht etwas, das Menschen besitzen. Wahrheit kommt im biblischen Sinne nur Gott und seinem Handeln zu. Wahrheit ist ein Ereignis, das Menschen so unverfügbar begegnet wie die Liebe eines anderen Menschen. Alles Zeugnis von der Wahrheit Gottes kann auf dieses Ereignis nur in der Erwartung hinweisen, dass es auch bei anderen Menschen Gottesgewissheit auslöst. Kein „Absolutheitsanspruch“ von Menschen, sondern die Bitte an Andere (vgl. 2. Korintherbrief, Kapitel 5, Vers 20), sich für Gott zu öffnen, ist die Grundform christlichen Redens von Gott. Bitten aber ist in seinem Wesen tolerant. Es gibt Menschen Raum zum eigenen Einstimmen in Gottes Wahrheit.

Von Wahrheit kann in dieser Welt allerdings nicht die Rede sein, ohne sie von der Unwahrheit zu unterscheiden. Unwahrheit ist das, worauf Menschen sich nicht verlassen können. Unwahrheit zerstört die Gottesbeziehung von Menschen und richtet sie als Geschöpfe Gottes zugrunde. Die von Gott selbst inspirierte Toleranz kann also die Unwahrheit nicht dulden und das Böse nicht tolerieren. Darum widersteht der christliche Glaube allen religiösen und kulturellen Erscheinungen, welche die Würde der von Gott geliebten Geschöpfe negieren oder praktisch zugrunde richten.

Andere Religionen, Weltanschauungen und Lebensweisen sind jedoch keinesfalls als eine Nacht zu beurteilen, in der alle Katzen grau sind. Denn jeder Mensch ist Gottes Ebenbild, dem Gott gegenwärtig ist. Darum ist die Erwartung begründet, dass sich die Wahrheit und Liebe Gottes auch dort melden, wo Menschen sich nicht zu Jesus Christus bekennen. Der christliche Glaube ist offen für Zeichen der Wahrheit und Liebe Gottes bei allen Menschen. In solcher Offenheit steckt die Bereitschaft zum Dialog über gemeinsame Anliegen. Durch sie wird die Toleranz des christlichen Glaubens zum Motor gemeinsamen Entdeckens der menschenfreundlichen Wahrheit Gottes inmitten noch so großer Verschiedenheit von Wahrheitsgewissheiten. Toleranz gedeiht nur im Zutrauen der Wahrheit Gottes und nicht in ihrer Relativierung. Christinnen und Christen sind nicht tolerant, obwohl sie fest glauben, sondern weil sie fest glauben.


4. Die Toleranz aus Glauben

„Fest im Glauben“ an Jesus Christus zu bleiben (Kolosserbrief Kapitel 1, Vers 23), bedeutet nicht, sich auf einmal gewonnene, verfestigte Überzeugungen zu versteifen. Die Praxis der Glaubensfestigkeit besteht vielmehr in der Öffnung für den lebendigen Geist Gottes. In ihr ist das Leben, Fühlen, Denken und Handeln von den starken Impulsen seiner Menschenfreundlichkeit bewegt. Sie macht Menschen frei von dem Zwang, sich selbst begründen und durchsetzen zu müssen. Wer „fest im Glauben“ ist, vermag Andere mit den Augen Gottes zu sehen. Er empfindet eine tiefe Solidarität mit jedem von Gott geliebten Menschen. Er wird von Gottes Liebe zu Taten der Liebe und zu Ideen für die Zukunft inspiriert. In ihm ist die Hoffnung lebendig, die alle Menschen im weiten Horizont des Reiches Gottes sieht.

Die Sorge um die eigene Identität braucht uns darum nicht zu quälen. Gottes Geist schenkt uns diese Identität täglich neu. Das erleben wir im Gottesdienst, im Gebet und im Leben mit der Bibel immer aufs Neue. Darauf können wir auch verweisen, wenn wir nach unserer Identität gefragt werden. Das „spezifisch Christliche“ besteht nicht in einem Einerlei des Ausdrucks. Es kann sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten und in Graden der Intensität darstellen. Wer es mit einer evangelischen Gemeinde zu tun bekommt, wird darum eine große Vielfalt von Überzeugungen und Lebensstilen erleben. Worauf es für die Gemeinde aber ankommt, ist, durch ihre vielfältigen Lebensäußerungen hindurch diesen einen Reichtum glaubwürdig und einladend zu bezeugen.

Dabei soll für alle klar erkennbar werden: Die evangelische Kirche ist in der Wahrnahme ihres Auftrags eine verlässliche Anwältin eines wahrhaft menschlich zu nennenden Lebens von seinem Beginn bis zu seinem Ende. Das gilt in vielen Hinsichten: Sie tritt unzweideutig für die gleiche Würde und die gleichen Rechte von Männern und Frauen ein. In der Debatte um die notwendigen Reformen der sozialen Sicherungssysteme setzt sie sich insbesondere für die Schwächsten ein, die ihre Anliegen oft nur sehr unzureichend vertreten können. Sie fordert aber auch, die Belange künftiger Generationen stärker zu berücksichtigen, um der Gerechtigkeit zwischen den Generationen besser zu entsprechen. Sie steht Menschen aus anderen Ländern bei, wenn sie einem überzogenen Anpassungsdruck ausgesetzt sind oder Sprachbarrieren zu überwinden haben. Sie wird nicht zulassen, dass Menschen mit geringerer Bildung als „Unterschicht“ diskriminiert werden. Sie tritt dafür ein, dass Menschen in Würde alt werden und in Würde sterben können. Sie wehrt sich auch gegen eine „Verzweckung“ des Menschen, wie sie in Teilen der bioethischen Debatte zum Ausdruck kommt.

Das Bemühen um Verstehen und die Bereitschaft zum Helfen können alle, die es mit evangelischen Gemeinden zu tun bekommen, auf der ganzen Linie voraussetzen. Tolerierung menschenfeindlicher Ideologien und menschenverachtender Handlungen ist für evangelische Christinnen und Christen ausgeschlossen. Die evangelische Kirche ist ein Ort des Widerstandes gegen den politischen Extremismus, gegen Rassismus und Antisemitismus. Sie wendet sich gegen alle politische und religiöse Praxis, die Menschen an Leib und Seele Schaden und Leid zufügt. Sie lehnt jede religiös begründete Diskriminierung ab. Dazu gehören unterschiedliche Rechte für „Gläubige“ und „Ungläubige“. Sie pflegt das klare Wort gegenüber den staatlichen Institutionen und den Verantwortlichen der Wirtschaft, wenn es nötig ist, für sozial gerechte und menschenwürdige Verhältnisse einzutreten. Sie wendet sich gegen jeden Missbrauch von Religion, der Menschen entmündigt, und gegen einen Atheismus, der sie verdummt. Sie widersteht einem Menschenbild, das Gottes Geschöpfe auf ihre materiellen Bedürfnisse reduziert und den Konsum zur Heilsverheißung stilisiert.

Die evangelische Kirche möchte mit alledem dazu beitragen, dass es gar nicht erst zu Ausbrüchen von Intoleranz in unserer Gesellschaft kommt. Sie bietet sich darum als ein Raum an, an dem sich die verschiedenen religiösen, kulturellen und ethischen Strömungen in Freiheit zueinander begegnen können. Es ist ihr Bestreben, Entdeckungen gemeinsamer Anliegen religiös und weltanschaulich unterschiedlich gesinnter Menschen zu machen. Unsere Kirche arbeitet an einer Kultur gegenseitiger Achtsamkeit, wobei sie durchaus die „christliche Prägung“ unserer Gesellschaft durch die Geschichte des Christentums in Anspruch nimmt. Diese Geschichte enthält ein Potenzial von Humanität, dem sich auch Menschen verpflichtet sehen, die der Kirche fern stehen.

Mit ihnen und den anderen christlichen Kirchen zusammen will die evangelische Kirche erreichen, dass Menschen mit anderen religiösen und kulturellen Traditionen das Leben in unserer Kultur als Chance erfahren. Sie sind eingeladen, unsere Gesellschaft mit ihrer Kultur und ihren Einsichten zu bereichern. Je überzeugender die evangelische Christenheit diese Einladung vorlebt, um so mehr wird sie der pluralistischen Gesellschaft zum Segen werden. Je eindeutiger sie mit ihrem Leben den Glauben an den menschenfreundlichen Gott in unserer Gesellschaft darstellt, um so mehr wird der bunte Pluralismus dieser Gesellschaft ein menschenfreundliches Gesicht gewinnen.



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