Texte zum Schwerpunktthema

"Tolerant aus Glauben"

Einbringungsrede zum Kundgebungsentwurf des Vorbereitungsausschusses der Synode

Hermann Gröhe, MdB, Mitglied des Rates der EKD

4. Tagung der 10. Synode der EKD, Berlin, 6. - 10. November 2005

Es gilt das gesprochene Wort.

Synodaler Gröhe: „Wir haben die Nazis überstanden. Dann überstehen wir die hier auch noch.“

Frau Präses, hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder, so lautete die Antwort einer konfessionslosen Berlinerin auf die Frage eines Fernsehjournalisten, was sie denn vom Ökumenischen Kirchentag halte.

Lassen wir einmal den empörenden Vergleich mit den Nazis – für den es ja in der öffentlichen Debatte leider genug schlechte Vorbilder gibt – beiseite. Was ist das für eine Haltung, die sich hier – erkennbar ohne jedes Interesse zu differenzieren – zeigt und so zusammenfassen lässt: Dieses Ereignis, diese Entwicklung, diese Menschen überstehen wir auch noch. Die Zuspitzung durch den unsäglichen Vergleich macht bereits deutlich: Toleranz ist dieses interesselose Über-sich-ergehen-Lassen nicht. Und damit sind wir bei einem zentralen Punkt unseres Kundgebungsentwurfes: Wie sieht ein christliches Verständnis von Toleranz aus?

Doch zunächst will ich noch einmal einen kurzen Blick zurückwerfen auf die Debatte auf unserer Tagung im letzten Jahr, als es um die Festlegung des diesjährigen Schwerpunktthemas ging. In der damaligen Debatte ging es um Toleranz und ihre Grenzen, um Christsein in einem Kontext religiöser, weltanschaulicher und kultureller Vielfalt, um die Grenzen der Zivilgesellschaft und um das protestantische Profil.

Wenige Tage vor unserer Debatte, am 2. November 2004, hatte der Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo von Gogh nicht nur die Niederlande, sondern die ganze westliche Welt erschüttert. Fragen wurden laut: Ist eine liberale pluralistische Gesellschaft in der Gefahr, zu übersehen, wo ihre Offenheit missbraucht wird, um die Grundlagen dieser offenen Gesellschaft anzugreifen? Kann Toleranz, auch aus Bequemlichkeit, zur Ignoranz führen auch gegenüber Entwicklungen, die sich gegen die Toleranz selbst richten?

Dies alles berührt uns aber nicht abstrakt. So ging es in der Debatte vor einem Jahr bald auch um die Frage, was diese Diskussion um den Pluralismus, um die Toleranz und ihre Grenzen, um Maßstäbe mit unserem Christsein zu tun hat. Wie stehen wir als Christen zur Herausforderung durch den Pluralismus, zur Toleranz und ihren Grenzen? Welche Orientierung gibt uns unser Glauben?

So kam der Begriff „Glaubensfestigkeit“ in die Diskussion und es entstand der etwas sperrige Arbeitstitel „Glaubensfestigkeit und Toleranz – Christsein in einer Situation religiöser, weltanschaulicher und kultureller Vielfalt“, den die Synode als Schwerpunktthema 2005 beschloss. In dem ich nun in den Kundgebungsentwurf einführe, wird – so hoffe ich – deutlich werden, wie daraus unser Leitwort „Tolerant aus Glauben“ wurde.

Herausforderung Pluralismus

Zunächst stellt unser Entwurf die Herausforderung durch den Pluralismus dar. Dabei haben wir uns bewusst beschränkt auf die Situation, wie sie heute in Deutschland zu beobachten ist.

Unsere Situationsanalyse geschieht ohne Zahlen und ausführliche soziologische Erläuterungen. Hier wie zu weiteren interessanten Detailfragen sei auf das Lesebuch zur Vorbereitung unserer Tagung verwiesen.

Und unsere Situationsanalyse geschieht nüchtern. Unser Text meidet angstbesetzte Rückwärtsgewandtheit ebenso wie eine kritiklose Verklärung der bunten Vielfalt einer pluralistischen Gesellschaft. Die christlichen Wurzeln einer wesentlichen Grundlage der pluralistischen Gesellschaft – die Anerkennung der gleichen Würde jedes Menschen – werden ebenso benannt wie die Tatsache, dass der Umstand, dass in einer pluralistischen Gesellschaft praktisch nichts mehr als selbstverständlich gilt, vielen Menschen auch die Botschaft unseres Glaubens nur als ein Angebot unter vielen erscheinen lässt.

Manchem erscheint ja die Vielfalt konkurrierender Welterklärungs- und Lebensbewältigungsmodelle, religiöser und pseudoreligiöser Heilslehren euphorisch als jene Buntheit, ohne die unsere Gesellschaft nur „grau in grau“ wäre. In solcher Euphorie wird freilich übersehen, dass zu dieser Buntheit manche schillernde und grelle Farbe gehört, die die Menschen in die Irre führt und das Zusammenleben erschwert. Doch dazu später.

Profil zeigen

Für uns als Christinnen und Christen und für die Evangelische Kirche muss die Buntheit unserer Gesellschaft Anlass sein, kräftig „Farbe zu bekennen“, Profil zu zeigen. In der biblischen Tradition ist uns ein Orientierungswissen auch für unsere heutige unübersichtliche Welt als Schatz anvertraut, haben wir eine lebensnotwendige, eine Lebensnöte wendende Botschaft. Weil uns dieser Glaube aus Gnade geschenkt wurde, haben wir keinen Anlass zu falschem Hochmut, wohl zu Scham angesichts der Schuld, zu der solch falscher Hochmut auch Christen immer wieder geführt hat. Vor allem haben wir aber allen Anlass, unserer Gesellschaft auskunftsfreudig zu sagen, was unseren Glauben ausmacht, einer Gesellschaft, in der allen Prognosen zum Trotz die religiösen Sehnsüchte keineswegs verschwunden sind, sich vielmehr in unterschiedlichstem Gewand zeigen: von der anspruchsvollen künstlerischen Leistung bis zu mancher Banalität in der Werbung. Auch wir dürfen uns vielerorts über eine neue Offenheit für den Glauben und unsere Kirche freuen.

Wer daher meint und uns empfiehlt, es sei besser, aus Respekt vor dem in unserer Gesellschaft vorherrschenden Pluralismus auf eine zu starke Betonung des eigenen Profils zu verzichten, hat eben nicht begriffen, was den Kern einer pluralistischen Gesellschaft ausmacht: Es geht eben gerade darum, die Klarheit des eigenen Standpunktes zu verbinden mit dem Respekt vor anderen Menschen und ihren anderen Auffassungen. Für uns als Christen geht es – in den Worten unseres 2004 beschlossenen Arbeitstitels – um Glaubensfestigkeit und Toleranz.

Toleranzverständnis

Geht es um das Verhältnis von Glaubensfestigkeit und Toleranz, fragt unser Kundgebungsentwurf zunächst nach dem, was Toleranz ausmacht. Dabei wird einem auf das bloße passive Aushalten von anderen Menschen und ihren Auffassungen reduziertem Toleranzverständnis jener Toleranzgedanke gegenübergestellt und dann zum Ausgangspunkt unserer weiteren Überlegungen gemacht, der mit der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland verbunden ist und der ein aktives Element enthält. Es geht um die Achtung vor der Würde eines jeden Menschen, die die Achtung seiner Überzeugungen und Lebensweise einschließt.

Deshalb sei zunächst etwas zur „Ehrenrettung“ des Toleranzgedankens gesagt, mit dem so oft Schindluder getrieben wird. Es ist ja wahr: Ignoranz, Desinteresse aus Bequemlichkeit oder geistiger Enge versucht sich oft als Toleranz zu tarnen. Desinteresse aber ist das Gegenteil von Achtung.

Im Beispiel gesprochen: Wenn in unserer Gesellschaft zu lange desinteressiert oder verschämt beschwiegen wurde, dass in Parallelgesellschaften in unserem Land Mädchen beschnitten oder zwangsverheiratet werden, Menschen – fast immer sind es Frauen – ermordet werden, weil dies angeblich die Ehre der Familie gebietet, hat dies nichts mit dem Respekt vor anderen Kulturen zu tun. Es ist vielmehr schändliche Respektlosigkeit gegenüber den Opfern menschenfeindlicher Traditionen. Generell lässt sich sagen: Aktive Toleranz meint nicht wegsehen, sondern aufeinander zugehen.

Auch die Relativisten aller Art bemühen den Begriff der Toleranz zur Legitimation ihrer Position. Das hindert sie freilich nicht, ausgesprochen intolerant auf jede Kritik am Relativismus selbst zu reagieren. Aber nicht jeder, der den Toleranzgedanken hoch hält, ist ein Relativist. Im Gegenteil! Gründet Toleranz in der Achtung der Würde des Gegenübers, der gleichen Würde aller Menschen, dann gehört zu dieser Toleranz geradezu zwingend die Verankerung in einem Verständnis vom Menschen und seiner Würde, das gegen jede Relativierung – auch um der Toleranz willen – verteidigt werden muss.

Toleranz Gottes

Martin Luther spricht in seiner Thesenreihe zum Römerbrief – diese Stelle finden Sie ebenfalls im Lesebuch – von der „tolerantia dei“, von der Toleranz Gottes, von Gottes Geduld mit uns Menschen, denen seine bedingungslose Liebe gilt. Wollen wir glaubwürdig von der Menschenfreundlichkeit Gottes Zeugnis ablegen, werden wir uns darum bemühen, diese Menschenfreundlichkeit nachzuahmen. Wir sind in den Worten des 2. Korintherbriefes aufgefordert, „an Christi statt zu bitten“ – nicht zu drängen oder zu drohen. Einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat (Römer 15, Vers 7), wird uns immer nur sehr unvollkommen gelingen. Wo wir uns aber darum bemühen, unsere Mitmenschen mit den Augen Gottes zu sehen, wo wir uns diese Sicht immer neu von Gott schenken lassen, wird uns die Menschenfreundlichkeit Gottes zu einer Achtung vor dem Anderen, seinen Auffassungen und seiner Lebensweise führen.

Glaubensfestigkeit und Toleranz

Deshalb gilt gerade theologisch gesprochen umso gewisser: Wo wir fest glauben, werden wir wahrhaft tolerant sein. Es ist eben nicht so, dass unser Glaubenseifer der „Dämpfung“ bedürfte, um ein von Toleranz geprägtes Miteinander zu ermöglichen. Eifernde Intoleranz liegt zudem wohl eher in eigenen Identitätsängsten begründet, in einer Angst, die den Blick dafür verloren hat, dass uns unsere Identität von Gott geschenkt wurde und täglich neu geschenkt wird, wo wir uns ihm öffnen. Und es ist eben auch nicht so, dass unsere Toleranz in mangelnder Glaubensfestigkeit, in Unsicherheit über den eigenen Standpunkt wurzelt.

Glaubensfestigkeit und Toleranz gehören zusammen wie – so drückte es Hans-Hermann Pompe im Vorbereitungsausschuss aus – die zwei Brennpunkte einer Ellipse. Zwei Kernsätze unseres Entwurfes lauten daher: „Toleranz gedeiht nur im Zutrauen zur Wahrheit Gottes und nicht in ihrer Relativierung. Christinnen und Christen sind nicht tolerant, obwohl sie fest glauben, sondern weil sie fest glauben“. Und die Kurzform „Tolerant aus Glauben“ wurde so zum Leitwort dieser Tagung.

Grenzen der Toleranz

Hohe Synode, in der vorletzten Ausgabe des Magazins „Stern“ steht der wöchentliche „Zwischenruf“ von Hans-Ulrich Jörges unter der Überschrift: „Null Toleranz für Intoleranz“. Darin heißt es: „Toleranz ist der entscheidende Begriff. Es ist Zeit, ihm seine schützende, seine prägende, seine verbindende Kraft in einem Land falsch verstandener, missbrauchter Toleranz zurückzugeben.“ In dem Artikel geht es um so genannte Ehrenmorde, die Gefahren, die auch in unserm Land von gewaltbereiten Islamisten ausgehen, um die Grenzen der Toleranz, eben um Null Toleranz für Intoleranz. Auch unser Kundgebungsentwurf warnt davor, im Namen der Toleranz Intoleranz zu dulden. Sonst – so heißt es im Text wörtlich – würde „sich die Toleranz selbst das Wasser abgraben“.

Wer sich darum bemüht, die Menschenfreundlichkeit Gottes nachzuahmen, der muss auch menschenfeindliche Handlungen klar benennen und denen, die sie begehen oder propagieren, unzweideutig entgegentreten. Die biblische Botschaft kündet von der Menschenliebe Gottes, benennt aber auch Schuld und Sünde, Unfrieden und Ungerechtigkeit in großer Klarheit. Die „Gabe der Unterscheidung der Geister“ ist gefragt: Geht es um uns fremde Lebensweisen und „normale“ Auffassungsunterschiede, so sollte uns Respekt, manches Mal auch Gelassenheit leiten. Dies darf freilich nicht dazu führen, dass wir darauf verzichten, für die eigene Auffassung zu werben oder auf eine für das Gemeinwesen verträgliche Ausgestaltung unterschiedlicher Lebensweisen hinzuwirken. Werden aber die Grundlagen eines toleranten Miteinanders selbst angegriffen, steht der Anspruch aller Menschen auf Anerkennung ihrer gleichen Würde auf dem Spiel, ist Entschiedenheit gefragt. Hier hat es – wenn Sie mir eine persönliche Bemerkung gestatten, für die ich nicht den Vorbereitungsausschuss als Ganzes in „Mithaftung“ nehmen möchte – in der öffentlichen Diskussion und auch in manchem kirchlichen Diskussionsbeitrag der Vergangenheit nicht selten eine gewisse „Blauäugigkeit“ gegeben. Gefragt ist aber der klare Blick, der Schönfärberei ebenso meidet wie dramatisierende falsche Verallgemeinerung.

Geht es um die Grenzen der Toleranz, werden diese in einer freiheitlichen Gesellschaft nur zum Teil durch den Gesetzgeber gezogen werden können. Gegen Beleidigungen kann der Staat auf Antrag vorgehen; gegen rassistische und antisemitische Volksverhetzung ist er gesetzlich dazu verpflichtet. Gleiches gilt für gewaltbereiten politischen oder religiösen Extremismus. Doch die geistige Auseinandersetzung mit bestimmten Auffassungen muss bereits geführt werden, bevor es zum Rechtsbruch kommt. Es geht um ein aktives Bewusstsein vom Wesen einer toleranten Gesellschaft und von den Grenzen der Toleranz.

Zu diesem notwendigen „Geist der Toleranz“ wollen und können wir als Christinnen und Christen etwas beitragen. Unser Kundgebungsentwurf nennt wichtige Stichwörter für geistige Auseinandersetzungen, die es zu führen gilt, ohne die im Text erläuterten Grundprinzipien durch verschiedene Themenfelder genau zu buchstabieren. Es geht uns eher um eine Art Kompass als um ein Kompendium. So ist weder ein weiteres „Islam-Papier“ entstanden noch eine Stellungnahme zu Fragen der Sozialpolitik oder der Bioethik. Bewusst werden Prinzipien genannt und auf die Vielfalt der Schauplätze hingewiesen, auf denen diese Auseinandersetzungen stattfinden müssen.

Die Ablehnung jeder religiös – oder anders – begründeten Diskriminierung von Frauen oder von so genannten „Ungläubigen“ wird ebenso deutlich zum Ausdruck gebracht wie die Ablehnung einer „Verzweckung“ des menschlichen Lebens, wie sie in Teilen der bioethischen Debatte zum Ausdruck kommt. Diskriminierendem Reden über Menschen, die zur „Unterschicht“ erklärt werden – man denke nur an das zynische Wort „Unterschichtenfernsehen“ –, wird deutlich eine Absage erteilt. Zugleich nehmen wir uns selbst in die Pflicht, in der Debatte um die notwendigen Reformen der sozialen Sicherungssysteme für die Schwächsten und für kommende Generationen einzustehen.

Wir wollen als Kirche eine verlässliche Anwältin eines wahrhaft menschlich zu nennenden Lebens von seinem Beginn bis zu seinem Ende sein.
Das macht uns zu einem Ort des Widerstandes gegen menschenfeindliche Haltungen und Handlungen. Zugleich wollen wir aber auch Räume der Begegnung schaffen, auch der Begegnung zwischen Menschen mit unterschiedlichen weltanschaulichen und religiösen Prägungen, wollen der Suche und dem Entdecken gemeinsamer Anliegen Raum geben. Mit dieser Offenheit und einem einladenden Zeugnis von der Menschenfreundlichkeit Gottes können und wollen wir unserer pluralistischen Gesellschaft zum Segen werden.

Liebe Schwestern und Brüder, abschließend bleibt mir Dank zu sagen. Ich danke den Mitgliedern des Vorbereitungsausschusses für ein gutes Miteinander und überaus muntere Diskussionen. Mein Dank gilt unserem Geschäftsführer Vicco von Bülow für eine sehr gute Unterstützung unserer Arbeit. Besonders danke ich Professor Wolf Krötke, der als der entscheidende Autor unseres Kundgebungsentwurfes ganz maßgeblich dafür Sorge getragen hat, dass in allem Hin und Her unserer Diskussion ein einheitlicher Text entstanden ist.

Liebe Schwestern und Brüder, nun freue ich mich auf Ihre Diskussionsbeiträge.


 



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