Morgenandacht (Paulus 2. Kor 6)

Hans-Hermann Pompe

09. November 2006

Auf dieser Synode beschäftigt uns die Frage, welche Zukunftsgestalt die Kirche haben soll, welche Formen und Angebote der Gemeinde dem Evangelium angemessen sind. Unsere Mittel werden knapper, wir gehen von kleineren Zahlen aus, und selbst wenn gute Strategien greifen, wird unsere Kirche weder den Einfluss noch die Bedeutung behalten, die sie zeitweilig hatte. Wir werden in vieler Hinsicht ärmer werden - und es ist gut, sich darauf einzustellen.

Paulus benutzt in 2. Kor 6 die Paradoxie von Armut und Vollmacht: Als ob seine eigene Armut wie eine kommunizierende Röhre unsichtbar mit dem verbunden ist, was er anderen geben kann. Er beschreibt seinen Dienst und den seiner Mitarbeiter so: "in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: ...als die Armen, die doch viele reich machen...".

Gibt es auch eine Form der Armut, die notwendig ist um andere reich zu machen? Es gibt eine Anekdote über Leo X. (1513-1521). Er war der Papst, der die Bannbulle gegen Luther verantwortete. Leo stellte zugleich einen der Höhepunkte päpstlicher Prachtentfaltung dar. Selbstgefällig zeigte er einem ausländischen Diplomaten einmal seine Schätze: "Wie Sie sehen, müssen wir nicht mehr wie unsere Vorgänger (die Apostel am Tempeltor, Apg 3,6) sagen: Gold und Silber habe ich nicht." - "Man kann eben nicht alles haben", erwiderte der bibelfeste Politiker, "Eure Heiligkeit können nun auch nicht mehr wie der Heilige Petrus fortfahren und zum Gelähmten sprechen: Im Namen Jesu Christi, stehe auf und geh."

Es gibt offensichtlich einen unsichtbaren Zusammenhang zwischen wenig Geld und geistlichem Reichtum, zwischen der eigenen materiellen Machtlosigkeit und der Vollmacht über die Geister. Offensichtlich liebt Gott leere Hände - zu volle kann er schwer füllen. Nicht alles, was er uns aus den Händen nimmt, ist zu beklagen: einiges kann uns auch wieder erwartungsvoll machen.

Ich habe in den letzten Jahren viel von der Church of England gelernt. Sie hat beim Umgang mit Mitgliederverlust, Selbstsäkularisierung, Finanzmangel oder missionarischem Aufbruch einen zeitlichen Vorsprung, den wir nutzen können. 

Bischof John Finney aus der Diözese Wakefield (Mittelengland) hat mehrfach hier bei uns über Erfahrungen mit der katastrophalen Finanzlage seiner Kirche gesprochen. Er hat sie gelegentlich so gekennzeichnet: Nachdem Gott vielfach zu uns gesprochen hat, hat er zuletzt eine Sprache gewählt, die wir verstehen, die Sprache des Geldes. "Money talks", zitiert er diese Erfahrung. Und er nannte uns eine einfache Anwendung aus England: "Too little – we concentrate on fund raising and maintenance; too much - and we do not see the poor man at the gate: Lazarus." (Zu wenig - und wir konzentrieren uns auf Spendensammeln und Erhaltung; zu viel - und wir sehen nicht mehr den armen Lazarus am Tor). Wobei auf ihn - ähnlich wie auf Vertreter/innen aus ärmeren Kirchen - auch unsere knapper werdenden Mittel immer noch als "extraordinarily rich" (außergewöhnlich reich) wirken.

Wenn wir finanziell ärmer werden, brauchen wir neben strukturellen Anpassungen und schmerzhaften Schnitten auch eine geistliche Deutung des knapper werdenden Geldes. Dazu ist die Erfahrung des Paulus hilfreich: Was wir als Armut erleben, ist dazu da, um andere reich zu machen. Seltsamerweise kann weniger Geld durchaus reichen, um andere zu beschenken. Es wirkt wie eine Andeutung auf die Speisungswunder Jesu, wo fünf Brote und zwei Fische erstaunlich weit reichen.

Ich las in den letzten Monaten Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg". Ein bekannter Entertainer, eine klassische Coach-potatoe geht auf den Jakobsweg, macht sich alleine auf den anstrengenden Weg einer spirituellen Suche. Sein Pilger-Weg ist eine verwirrende Mischung aus Banalitäten und Gottessuche: seine schmerzenden Füße beschäftigen ihn mindestens genauso wie seine spirituellen Sehnsucht. Was er genau sucht, weiß er nicht, aber er merkt, wie er sich in stinkenden Herbergen, unter nervenden Mitwanderern und durch wunderbare Erfahrungen verändert. Kurz vor Leon notiert er vor dem Einschlafen:

Während ich bereits bei weit geöffnetem Fenster im Bett liege, frage ich mich, was Gott eigentlich für mich ist.

Viele meiner Freunde haben sich schon lange von der Kirche abgewendet. Sie wirkt auf sie unglaubwürdig, veraltet, vergilbt, festgefahren, unbeweglich, geradezu unmenschlich und somit haben die meisten sich auch von Gott abgewendet. Wenn sein Bodenpersonal so drauf ist, wie muss er selbst dann erst sein ... wenn es ihn überhaupt gibt! Geh mir weg mit Gott, sagen leider die meisten. Ich sehe das anders. Egal ob Gott eine Person, eine Wesenheit, ein Prinzip, eine Idee, ein Licht, ein Plan oder was auch immer ist, ich glaube, es gibt ihn!

Gott ist für mich so eine Art hervorragender Film wie "Ghandi", mehrfach preisgekrönt und großartig!

Und dann zieht er einen Vergleich - ich kann mich bis heute nicht entscheiden, ob das für uns eher ein Lob oder eine Peinlichkeit ist:

.. die Amtskirche ist lediglich das Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. Die Projektionsfläche für Gott. Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus oder man muss sich irgendwelche nervigen Durchsagen während der Vorführung anhören, wie etwa: "Der Fahrer mit dem amtlichen Kennzeichen Remscheid SG 345 soll bitte seinen Wagen umsetzen." Man sitzt auf unbequemen, quietschenden Holzsitzen und es wurde nicht mal sauber gemacht. Da sitzt einer vor einem und nimmt einem die Sicht, hier und da wird gequatscht, und man bekommt ganze Handlungsstränge gar nicht mehr mit.

Kein Vergnügen wahrscheinlich, sich einen Kassenknüller wie "Ghandi" unter solchen Umständen ansehen zu müssen. Viele werden rausgehen und sagen: "Ein schlechter Film." Wer aber genau hinsieht, erahnt, dass es sich doch um ein einzigartiges Meisterwerk handelt. Die Vorführung ist mies, doch ändert sie nichts an der Größe des Films. Leinwand und Lautsprecher geben nur das wieder, wozu sie in der Lage sind. Das ist menschlich.

Gott ist der Film und die Kirche ist das Kino, in dem der Film läuft. Ich hoffe, wir können uns den Film irgendwann in bester 3-D- und Stereo-Qualität unverfälscht und mal in voller Länge angucken. Und vielleicht spielen wir dann ja sogar mit! (1)

Gott ist der Film - und die Kirche ist das Kino: Für den Auftrag der Gemeinde benutzt die niederrheinische Frohnatur Kerkeling ein interessantes Bild. Wenn der richtige Film läuft, hält man auch ein heruntergekommenes Kino aus - selbst wenn die Sehnsucht nach einer besseren Aufführungsqualität nicht zu leugnen ist. Um die Qualität müssen wir uns mühen - aber es bleibt eine eindeutige Reihenfolge: das Kino ist für den Film da, nicht der Film für das Kino.

Als Arme, die aus der Hand Christi leben, als Projektionsfläche für Gott können wir viele reich machen - das ist eine unerwartete Verheißung für unseren Dienst.

Im Jahr 2000 wechselte ich aus dem Gemeindepfarramt in einer Gemeinde im Wuppertaler Armutsgürtel in einen übergemeindlichen Dienst. Nach einer Übergangs-Pause wollte ich mich in meiner Wohnsitzgemeinde auch ehrenamtlich einbringen. In dieser Zeit traf ich einen ca. 50jährigen Lehrer bei einer Gartenparty. Wir saßen nebeneinander auf der Wiese, sprachen über unsere Kinder. Dann fragte er mich: Kann ich dich mal etwas Dienstliches fragen? Ich dachte an eine formale Frage. Aber etwas ganz anderes kam: Woher weiß man eigentlich, dass nicht die ganze Bibel erfunden ist? - Er schilderte mir seinen Verdacht, dass jemand im 3. Jahrhundert eine geschickte Fälschung inszeniert hatte - und die Kirche dem sozusagen ahnungslos auf den Leim gekrochen ist. Wir haben dann fast eine Stunde über die hohe historische Glaubwürdigkeit der biblischen Überlieferung gesprochen. Am Ende bedankte er sich und sagte: "Wenn du mal was für einen Ketzer wie mich machst, dann bin ich dabei. Aber ich muss dich warnen: Ich habe 20 Jahre lang den SPIEGEL gelesen."

Da wusste ich, was ich ehrenamtlich machen wollte: Ich habe eine Suchergruppe für skeptische und distanzierte Männer gestartet, und mein Gesprächspartner war Gründungsmitglied. Vier suchende, fragende, noch nicht glaubende Männer mit einer hohen Sehnsucht nach Gewissheit stellen die Themen. Dazu kommen zwei gesprächsbereite Christen. Wir sind jetzt über ein Jahr auf einer gemeinsamen geistlichen Reise unterwegs. Der Lehrer hat in dieser Zeit mehr Bibeltexte gelesen als in den 30 Jahren davor. Ich spotte manchmal: Du begibst dich in hohe Gefahr; was wirst du machen, wenn du dadurch zum Glauben findest? - Er lacht dann und sagt: Keine Angst, dafür hab’ ich noch zu viele Fragen. -

Ich halte seine Selbsteinschätzung für falsch: Er ist kein Ketzer, sondern ein Suchender. Und er macht mich unglaublich reich. Ich habe längst nicht auf alle Fragen eine Antwort, oft noch nicht einmal eine befriedigende; ich komme mir oft sehr arm vor. Aber ich begegne in Frauen und Männern wie diesen der Sehnsucht nach einer Kirche, die an ihrer Seite ist. Die sie mit ihrer geistlichen Sehnsucht wahrnimmt und mit ihren Zweifeln ernst nimmt. Und sie geben uns als Vertreter/innen des Evangeliums unglaublich viel Vertrauen. Dort bin ich ein Armer, der zu seiner eigenen Überraschung andere reich machen kann - und sie beschenken mich mit ihrem Vertrauen mindestens ebenso.

Als vor Gott Arme sind wir Menschen, die viele reich machen können. Und als finanziell ärmere Kirche werden wir auch zum Thema Armut und Reichtum ganz anders gehört werden.

Fußnote:

(1) Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg, 8.Aufl. Malik/München 2006, 186f

 

 



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