Morgenandacht (Lukas 10,28-32)

Peter Bukowski

08. November 2006

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Martha, die nahm ihn auf.
Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: "Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!"
Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: "Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden."
(Lukas 10,28-32)


Liebe Synodalgemeinde,

ein Ausleger hat behauptet, diese Geschichte gehöre zu den am häufigsten missbrauchten im ganzen neuen Testament. Ich glaube er hat recht, aber ich möchte auf die Missverständnisse jetzt nicht ausführlich eingehen. Den meisten von Ihnen wird ohnehin bekannt sein, dass es nicht angeht, positionelle Grabenkämpfe in die beiden Frauen hineinzuprojizieren - so als stünden Maria und Martha für die Alternative von Hören oder Handeln, Glaube oder Werk, Evangelisation oder Diakonie und dazwischen Jesus als Schiedsrichter. Das funktioniert schon deshalb nicht, weil Jesus die Martha nicht abwertet. "Maria hat das gute Teil erwählt" sagt er; das gute und nicht etwa das bessere! Außerdem entzieht sich gerade die Martha einer schlichten Schematisierung. Denn die Frau, die hier bedient, erscheint an anderer Stelle (Johannes 11) als eine, die mit Jesus debattiert und die das Christusbekenntnis in einer Klarheit ausspricht, wie sonst nur noch der Jünger Petrus.

Genug. Viel wichtiger als die Frage, wie man unsere Geschichte nicht verstehen darf, ist ihre gute Nachricht. Das Evangelium leuchtet im letzten Satz auf, wenn Jesus sagt: "Maria hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden." (Vers 42) Was das "gute Teil" ist, daran lässt die Geschichte keinen Zweifel: Das gute Teil ist die Begegnung mit Jesus. Und in der Begegnung das Hören auf sein Wort und im Hören auf sein Wort die Begegnung mit Gott. Und dazu sagt Jesus nun am Ende: "Das soll nicht von ihr genommen werden." Was Maria jetzt erlebt hat, das kann ihr keiner mehr nehmen.

Liebe Schwestern und Brüder, wer sich in Jesu Nähe begibt, den verteidigt er. Was eine oder einer von uns durch Jesus von Gott erfährt, das bleibt. Das kann niemand madig machen, das kann erst recht keiner wegreden oder gar wegnehmen. Es ist sicher nicht von ungefähr, das wir gar nicht erfahren, was Jesus der Maria im Einzelnen gesagt, welches Schriftwort er ausgelegt hat. Jedes seiner Worte hat Bestand und bleibt. Und wer einen Hörer, eine Hörerin Jesu angreift, da tritt er selbst hinzu und sagt: "Finger weg!"

Lasst uns das heute Morgen mitnehmen: Auch was wir als Gottes Wort gehört haben und was dann für uns wichtig geworden ist, das bleibt. Das mag Dein Konfirmationsspruch sein oder ein Wort aus einer Predigt, die Dich angerührt hat oder ein anderes Gotteswort in welchem Zusammenhang auch immer, das für Dich bedeutsam wurde. Was immer Du von Gott gehört hast, das kann Dir keiner nehmen: kein Fremder, niemand aus Deiner Umgebung, das kannst Du dir nicht einmal selber nehmen. Selbst wenn manchmal im Leben die eigene Erfahrung dagegen sprechen will: Was Gott in seinem Wort versprochen hat, das wird bleiben. Das wird auch die eigenen Zweifel überdauern, weil Jesus sich schützend neben Dich stellt.

Das gilt nun speziell und erst recht für solche Wirkungen des Wortes Gottes, die andere besonders gern in Abrede stellen oder klein reden wollen, nämlich für die Erfahrungen von Befreiung. Es ist ja, wie schon Hans-Joachim Iwand feststellte, ein Akt der Emanzipation, dass Maria hier wie ein männlicher Rabbinerschüler dasitzt und Theologie treibt. Jesus - der Anwalt der Armen, der Benachteiligten und Entrechteten tritt hier (wie so oft im Lukasevangelium) für die von männlicher Vorherrschaft Unterdrückten ein. Und darum noch einmal: Gerade wer Jesu befreiende Kraft erfahren hat, der oder die sei getrost! Es werden sich Stimmen zu Wort melden, die das rückgängig machen, die das Rad wieder zurück drehen wollen - womöglich in der eigenen Familie oder gar im eigenen Herzen - aber die von ihm Befreiten, stehen unter seinem Schutz: "Das soll nicht von ihr genommen werden!" sagt Jesus.

Und dieses Evangelium gilt auch unseren Gemeinden und der Kirche als Ganzes. Mag man die Kirche kritisieren - bisweilen zu Unrecht, leider Gottes oft auch zu Recht - mag man uns belächeln, uns das Leben schwer machen oder, was noch schlimmer ist, uns einfach desinteressiert links liegen lassen. Dennoch: Was die Kirche im Innersten zusammenhält, eben das, was Maria damals erfahren hat, Gottes Wort, das hat Bestand. Lasst uns das nie aus dem Blick verlieren. Lasst uns mit diesem Wort anfangen und uns von ihm leiten lassen bei unserer Frage nach den Prioritäten und der Gestalt unserer Arbeit. Lasst uns darauf vertrauen! Denn: "Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt." (Römer 8, 33f.). Wenn wir tun, was Maria tut, dann haben wir einen starken Fürsprecher und einen verlässlichen Genossen. Ihm zu Füßen sitzend und hörend werden wir: Kirche der Freiheit. Amen



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